Wo bleibt der Nachwuchs?

2. Oktober 2009
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Seit vielen Jahren werden - vor allem in den neuen Bundesländern - die Ärzte immer knapper. In den nächsten zehn Jahren werden gerade dort weitere rund 40 Prozent der Hausärzte ihren Dienst altersbedingt aufgeben. Doch Nachfolger sind in den wenigsten Fällen in Sicht.

Der Nachwuchs fehlt an allen Ecken und Enden. In den letzten zehn Jahren haben über 20 Prozent weniger Absolventen die medizinischen Hochschulen mit einem Abschluss verlassen. Immer mehr Medizinstudenten brechen vorzeitig ihr Studium ab oder wechseln zu scheinbar „lukrativeren“ Studiengängen. Und immer mehr Mediziner streben nach abgeschlossener Ausbildung eine Stellung in der Industrie oder der Verwaltung an, da dort nachweislich bessere Arbeitsbedingungen herrschen.

Wie kann man diesen Prozess stoppen oder gar umkehren?
Oder ist der sprichwörtlich letzte Zug vielleicht schon abgefahren?

DocCheck Campus sprach über dieses Thema für Euch mit Volker Meyer* – einem jungen Arzt und Markus Mall – einem Medizinstudenten kurz vor Beendigung des Studiums und auf der Suche nach einer Stelle.

DocCheck Campus: Lieber Volker, lieber Markus – Ihr seid direkt involviert in das Thema Ärztemangel. Was sind eure Erfahrungen bisher damit?

Volker Meyer: Ich habe nach abgeschlossenem Studium rund 10 Bewerbungen auf freie Stellen verschickt. Das mag für andere Berufsgruppen nach lächerlich wenig klingen, aber ich hatte auch schon sehr klare Vorstellungen, welche Fachrichtungen mich interessieren würden. Zudem wollte ich vorerst nicht unbedingt meine Heimatregion verlassen. Ich bekam auch von allen Stellen positives Feedback, sowie einige sofortige Einladungen zu Gesprächen. Ein Bewerbungsgespräch ist mir besonders prägend in Erinnerung geblieben: Der Chefarzt einer renommierten Klinik für Neurochirurgie hat mich förmlich auf Knien gebeten, mir die Station doch wenigstens mal anzuschauen und den Job auf „Probe“ zu testen. Die Leute vor Ort waren echt verzweifelt, weil sie keine Ärzte für diese Assistentenstelle gefunden haben. Dabei ist gerade die Neurochirurgie ein Fachgebiet, wo man vor einigen Jahren ohne Qualifikationen, Empfehlungen und Vitamin B wahrscheinlich gar keine großen Chancen gehabt hätte. Schon gar nicht in einer Privatklinik im Schwarzwald…! (lacht!)

Markus Mall:
Das ist ja echt ein Gag! Mir geht es aber ähnlich wie Dir, Volker! Ich selbst habe gerade eine sehr gute Stelle für mein PJ gefunden und wurde auch schon vom Chef darauf angesprochen, nach meinem Examen doch bitte im Hause eine Assistentenstelle anzunehmen. Das ist wirklich ein Zustand, den man sich vor einigen Jahren noch gar nicht hätte vorstellen können.

DocCheck Campus: Und woran Eurer Meinung nach könnte das primär liegen?

Markus Mall: Die Fakten liegen ja auf der Hand: Immer mehr junge Mediziner gehen nach ihrem Studium ins Ausland, da vielerorts bessere Arbeitsbedingungen herrschen und ein Arzt noch mit gewissem Respekt und Anstand behandelt wird. Das meine ich jetzt nicht überheblich, sondern eher bildlich. Wenn ich mir vorstelle, dass ich in Deutschland unter Umständen – rechnerisch – doppelt so lange für das gleiche Gehalt arbeiten muss, wie es zum Beispiel ein Arbeiter bei VW oder Mercedes macht, muss ich mich schon fragen, ob ich den richtigen Beruf gewählt habe. Der Faktor „Verantwortung“ – im Ernstfall für ein menschliches Leben – wird kaum noch berücksichtigt und/oder honoriert.

Volker Meyer: Dem stimme ich zu. Für mich spielen solche Überlegungen zwar primär keine Rolle, da ich nach wie vor super glücklich in meinem Beruf bin und sehr viel Verantwortung – und somit Herausforderung – mit meiner Arbeit habe. Und trotzdem kann ich die Entscheidung vieler junger Ärzte verstehen, dem altbekannten Berufsbild den Rücken zu kehren. In der Industrie oder bei Verwaltungsjobs wird einfach ein viel besseres Arbeitszeit-/Gehaltverhältnis erzielt. In den Zeiten, wo viele Sicherheiten wegbrechen oder Lebenshaltungskosten permanent steigen, sind diese Überlegungen durchaus nachvollziehbar.

Markus Mall:
Schlimm – oder besser gesagt: traurig – ist halt, dass hierbei sehr viel Idealismus auf der Strecke bleibt, welcher den Mediziner eigentlich auszeichnen sollte.

DocCheck Campus: Gibt es ein Patentrezept, um aus dieser Situation wieder herauszukommen?

Markus Mall: Nun gut, ich bin kein Politiker und kann die Lage nicht hundertprozentig einschätzen und beurteilen. Aber ich gehe einfach mal mit gesundem Menschenverstand an die Sache ran: Wenn ein Land über genug finanzielle Ressourcen verfügt, um bankrotten Banken mit mehreren hundert Milliarden Euro zu helfen, müsste auf der anderen Seite ein winziger Bruchteil dieses unvorstellbaren Vermögens existieren, um das wackelige System mit der ärztlichen Versorgung zu reparieren. Hier geht es schließlich um unser aller Gesundheit und mittel-/längerfristige medizinische Versorgung. Dieses Gut – die Gesundheit der Bevölkerung – sollte politisch gesehen absolute Priorität besitzen!

Volker Meyer: Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Ich bin aber nach wie vor auch der Meinung, dass man als Arzt in Deutschland durchaus eine realistische Chance auf eine gute Karriere besitzt. Gerade jetzt sind viele höchst interessante Stellen frei, die zudem (je nach Bundesland) auch toll finanziell bezuschusst werden. Der Arztberuf ist nach wie vor einer der tollsten Berufe der Welt und sollte nicht ausschließlich am Verdienst bemessen werden. Hier gäbe es in der Tat lukrativere und einfachere Wege!

Campus DocCheck: Wir danken Euch für das nette Gespräch und wünschen Euch weiterhin viel Spaß, Kraft und Erfolg im Berufsleben.

* Auf Wunsch des Gesprächspartners haben wir seinen Namen geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

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