Das viel zu schnelle Uteraus

24. Januar 2019

Die Entfernung der Gebärmutter könnte ein Gesundheitsrisiko darstellen, vermuten Forscher. Obwohl jede fünfte Hysterektomie als überflüssig gilt, halten Ärzte an dieser Methode fest. Doch das könnte sich bald ändern.

Der Uterus scheint mehr als nur ein Organ zur Fortpflanzung zu sein. Experimente an Mäusen und Kohortenstudien deuten darauf hin, dass die Hysterektomien mit einer verringerten Gedächtnisleistung sowie Demenz zusammenhängen. Auch im nicht schwangeren Zustand würde ein Uterus daher „nicht schlafen“, so das Fazit einer Studie. Eingriffe seien kritisch zu überdenken. Wird der radikale Eingriff hierzulande zu häufig gewählt?

„Es gibt einige Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen nach einer Hysterektomie mit Erhalt der Eierstöcke ein erhöhtes Risiko für Demenz hatten, wenn die Operation vor den natürlichen Wechseljahren stattfand“, sagte Heather Bimonte-Nelson von der Arizona State University. Hier handelt es sich notgedrungen um Kohortenstudien, die eine Assoziation, aber keine Kausalität zeigen. Deshalb entschlossen sich US-Forscher, weibliche Mäuse zu hysterektomieren. Innerhalb von zwei Monaten nach der Operation veränderte sich die Gedächtnisleistung, aber auch das hormonelle Profil ihrer Versuchstiere. Bimonte-Nelson vermutet, es gebe ein „Ovarial-Uterus-Hirn-System“, das beim Eingriff unterbrochen werden. Auch wenn diese Ergebnisse noch lange keinen Zusammenhang beweisen, sollten Hysterektomien dennoch nur nach strenger Indikationsstellung vorgenommen werden. Das ist aber nicht immer der Fall.

Hysterektomie nur nach strenger Indikationsstellung

Dazu ein Fall aus der Praxis: Schon länger quälte sich die Amerikanerin Kim F. (46) mit unerklärlichen Schmerzen während der Periode. Ihr Arzt entdeckte schließlich mehrere Uterusmyome und empfahl eine Hysterektomie, nachdem Pharmakotherapien gescheitert waren. F. lehnte diesen Vorschlag ab, erhielt bei anderen Medizinern aber nur ähnliche Vorschläge. Im Atlanta Fibroid Center fand sie schließlich einen Gynäkologen, der ihre Myome per Embolisation behandelte.

„Hauptindikationen für Hysterektomien sind Blutungsstörungen und Schmerzen und Myome“, bestätigt Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt gegenüber DocCheck. Sie ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Gynäkologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Die Expertin relativiert: „Bei einer Dysmenorrhoe therapieren wir aber zuerst mit hormonellen Maßnahmen, sprich mit kombiniert östrogen- und gestagenhaltigen Kontrazeptiva oder gestagenfreisetzenden Spiralen.“ Häufig seien Schmerzen so in den Griff zu bekommen. Leiden Patientinnen an Myomen, seien auch organerhaltende Myomenukleation möglich. „Ich denke, eine Hysterektomie sollte nur bei strenger Indikationsstellung durchgeführt werden sollte“, so Schmalfeldt weiter. Häufig könne man Beschwerden mit konservativen Therapien gut in den Griff bekommen. „Ich vermute, dass an manchen Stellen die Indikationen zu großzügig gestellt werden.“ Dies sei vor allem aus den USA, teilweise aber auch für Deutschland bekannt.

Mindestens jede fünfte Entfernung ist überflüssig

Bei uns gehören Entfernungen der Gebärmutter zu den häufigsten gynäkologischen Eingriffen. Die Zahl an Eingriffen ist allerdings inzwischen von 119.360 (2010) auf mittlerweile 77.561 (2017) gesunken, berichtet das Statistische Bundesamt auf Nachfrage von DocCheck. Die Daten basieren auf dem OPS-Code 5-683 (Uterusexstirpation, Hysterektomie). Laut Fraueninformationsdienst Deutschland hat jede siebte Frau zwischen 18 und 79 Jahren keine Gebärmutter mehr. Vor einigen Jahren war es noch jede sechste.

Doch Grund zur Freude sind die sinkenden Zahlen nicht. Der Fraueninformationsdienst Deutschland kritisiert, bei rund 90 Prozent aller gutartigen Erkrankungen der Gebärmutter würden Hysterektomien durchgeführt. Eine ältere Veröffentlichung nennt als überwiegende Gründe gutartige Erkrankungen, nämlich Uterusmyome (40 Prozent), Endometriosen (17 Prozent), oder einen Prolaps uteri (14,5 Prozent). Mit 9,0 Prozent sind maligne Erkrankung eher die Ausnahme als die Regel für Hysterektomien. Eine neue Studie, von der es momentan nur den Kongress-Abstract gibt, sieht Uterusmyome (48 Prozent) als wichtigste Indikation. Daten aus den USA lassen sogar vermuten, dass jeder fünfte Eingriff medizinisch nicht unbedingt erforderlich ist. Den Autoren zufolge würden Ärzte Alternativen zu selten nutzen.

Dr. Gerardo Bustillo vom Memorial Care Orange Coast Medical Center im kalifornischen Fountain Valley kommt zu ähnlichen Einschätzungen: „In der Vergangenheit wurden zu viele Hysterektomien aufgrund von Myomen durchgeführt“, sagt der Gynäkologe. „Es ist wichtig zu wissen, dass Myome extrem häufig sind und dass die Mehrheit aller Frauen keine Behandlung braucht.“ Außerdem verschwänden die Symptome bei vielen Patientinnen, sobald sie die Menopause erreichen. Das Malignitätsrisiko bewertet Bustillo als „gering“.

Nicht nur die Indikation entscheidet

Es geht aber nicht nur um zu viele Eingriffe. Laut „Faktencheck Gesundheit“ der Bertelsmann-Stiftung gibt es in Deutschland nicht medizinisch erklärbare regionale Besonderheiten. Versorgungsforscher arbeiteten mit einem kreisspezifischen Operationen-Index. Sie dividierten die tatsächliche OP-Zahl durch die Zahl an zu erwartenden Eingriffen (auf Basis demographischer Faktoren).

In Kreisen mit dem höchsten wurde dreimal mehr operiert als in Kreisen mit dem niedrigsten OP-Index. „Die noch immer bestehenden Variationen deuten darauf hin, dass die Indikationsstellung zur Hysterektomie offenbar nach wie vor in manchen Regionen großzügiger erfolgt als in anderen“, schreiben die Autoren. „Aussagen zur Höhe des „angemessenen“ Hysterektomie-Niveaus können nicht getroffen werden.“

Hysterektomie1

Kreisspezifischer Operationen-Index (Ist-OP-Anzahl / erwartete OP-Anzahl) © Bertelsmann-Stiftung

Versorgungsforschern am Robert Koch-Institut fiel wiederum auf, dass Frauen mit niedrigem Sozialstatus doppelt so häufig eine Hysterektomie erhielten wie Frauen mit hohem Sozialstatus. Bekanntlich liefern Kohorten keine Erklärungen. Die Autoren bringen aber zwei Hypothesen in das Gespräch: Vielleicht leben Frauen mit höheren Bildungsgrad gesünder oder hinterfragen ärztliche Therapieempfehlungen stärker.

Selbst ist die Frau

Mögliche Gründe der hohen OP-Zahlen lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Dazu gehören einerseits die Fallpauschalen, denn Hysterektomien führen schnell zum Erfolg und spülen mehr als 3.000 Euro in die Kasse. Damit ist es aber nicht getan. Angehende Fachärzte für Gynäkologie haben insgesamt 300 operative Eingriffe nachzuweisen, darunter 100 vaginale und abdominelle Operationen. Verleitet der Druck so manche Klink dazu, Indikationen etwas großzügiger auszulegen?

Mit einer Zweitmeinung könnte der ein oder andere überflüssige Eingriff vielleicht vermieden werden. Zu dem Thema hat der Gemeinsame Bundesausschuss eine Richtlinie entwickelt und veröffentlicht. In Deutschland muss der Arzt vor einer Hysterektomie die Patientin nun darauf hinweisen, dass sie sich eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung einholen kann.

72 Wertungen (4.63 ø)
Allgemein

10 Kommentare:

Psychologe

Guter Artikel mit witziger Überschrift! Es ist ein bekannter Umstand, dass nach wie vor zu viele Gebärmutterentfernungen vorgenommen werden, auch wenn es vor 20 Jahren sicher noch schlimmer war. Manchmal ist eine Operation ein Segen, aber es wird insgesamt zu viel operiert. Auch viele der Operationen, in denen “nur” die Myome entfernt werden, sind medizinisch gesehen nicht notwendig. In Gesprächen mit Frauen höre ich oft, dass ihnen eine Operation empfohlen wurde und überhaupt keine alternativen Wege genannt werden. Dabei gibt es oft andere Möglichkeiten. Ein genaues Hinhören und Beleuchten der Situation der Frau, ihrer Beschwerden und Wünsche hilft enorm und eröffnet oftmals mehrere Alternativen. Mehr dazu finden Sie im Buch “Myome” oder im Gespräch im FrauenGesundheitsZentrum.

#10 |
  0
Nichtmedizinische Berufe

Ich hatte mit knapp über 40 eine Hysterektomie. Myome waren nicht vorhanden, aber die PAP-Abstriche bei meinem Frauenarzt wurden trotz Tablettenbehandlung nicht besser. Er empfahl mir, mich deshalb in der Gynäkologie des örtlichen Klinikums vorzustellen.
Dort wurde eine Konisation des Muttermundes vorgenommen. Nach 8 Tagen kam der Bescheid, daß die histologische Untersuchung der Konisation nicht zufriedenstellend sei. Mir wurde zu einner Hysterektomie geraten.
Da ich wußte, wie schnell ein Gebärmutterhalskrebs wachsen kann, habe ich mich dann nach einer Bedenkzeit für die OP entschieden.
Ich konnte mit der Angst nicht leben.
Habe ich mich damals richtig entschieden? Ich werde dieses Jahr 70 Jahre alt.
MfG
G. Fichtner

#9 |
  0
Ingrid Moskaliuk-Gastel
Ingrid Moskaliuk-Gastel

Sorry für den verschwurbelten Satz

#8 |
  2
Ingrid Moskaliuk-Gastel
Ingrid Moskaliuk-Gastel

Liebe Frau Hofmann-Schmidt,

Wissen Sie welche die Globulis aus dem Bereich der TCM waren?
Vielen Dank für eine Antwort.

#7 |
  2
Gesundheits- und Krankenpfleger

Ich hatte vor ca. 10 Jahren mich geweigert, wegen Myomen, ich war voller Myomkerne und großen Myomen, hysterektomiert zu werden. Ich hatte mich abdominal organerhaltend operieren lassen und nachher jahrelang mit Gestagen behandelt worden.Fachärzte erklärten mich für blöd. Ich würde nach einem Jahr wieder zur Hysterektomie kommen.
Als dann die Myome wieder wuchsen, machte ich eine Reise nach Peking und bekam dort Globulis, speziell gegen Myome. Einen Monat später waren alle Myome weg.
Ich habe seither KEINE Probleme mehr.

#6 |
  16
Nichtmedizinische Berufe

ich habe zwei Bekannte – Uterusentfernung wegen starker Blutungen am Beginn der Wechseljahre, sogenannte Totaloperation.
Anfangs noch Hormonsubstituierung, später haben das die KK nicht mehr übernommen. Bei der einen Frau hat sich der Beckenboden gesenkt und sie hat massive Blasen/ Inkontinenzprobleme. Die andere kam in die Wechseljahre mit Depressionen.
Ich denke oft, wäre der Uterus ein männliches Organ, wäre die Lehrmedizin nicht so schnell mit dem Entfernen.

#5 |
  4
Heilpraktikerin

Ein Fall aus meiner Praxis: 40 jährige, grade mal 42 kg zierlich mit Myom. Auf Grund der starken Blutungen wurde ihr eine Hysterektomie immer wieder dringend empfohlen, nahezu aufgedrängt. Sie hat sich durchgesetzt und nur das Myom entfernen lassen. Wegen ihrer noch anhaltenden Schwäche (Anämie?) habe ich sie nach ihrem Ferritinwert gefragt. Der behandelnde Arzt hat sie “belächelt”…. “der wird schon in Ordnung sein…”. Das Gefühl drängt sich bei mir auf solange der Patient den Rat des Arztes befolgt wird er noch wahrgenommen, sobald man sich dem Therapievorschlag gegenüber kritisch zeigt, bekommt man nicht mal (in diesem konkreten Fall SEHR sinnvolle) banale Blutuntersuchung! Die sie ja auch selbst gezahlt hätte, wenn man sie denn gelassen hätte!
Kommentar Nr. 4 stimme ich zu: “Alles raus…..”? Uterusentfernung bei einer Patientin vor den Wechseljahren sollte wirklich erst dann erfolgen, wenn andere Therapien nicht zum Erfolg führen.

#4 |
  0
Medizinisch-Technische Assistentin

Man(n) könnte das Verhalten mancher operierenden Gynäkologen als Körperverletzung durch Missbrauch des Vertrauens, welches Frauen gerne diesen Spezialisten entgegenbringen, bezeichnen. Es ist auch hinlänglich bekannt, dass Frauen mit einem „besseren Bildungsniveau“ weniger dieser Behandlungsstrategie unterworfen sind, da diese vielleicht auch eher den Behandlungsvorschlag hinterfragen. Die Hinweispflicht des Arztes auf eine „Zweitmeinung“ wird an der bestehenden Situation wenig ändern, wenn Patientinnen an Gynäkologen geraten, die ebenfalls die Hysterektomie empfehlen, und dieses dürfte sehr wahrscheinlich sein. Wichtig wäre daher eine umfassende Informationsbroschüre, die alternative Behandlungskonzepte bei den gutartigen Erkrankungen der Gebärmutter vorstellt und die dokumentationspflichtig an betroffene Patientinnen ausgehändigt werden muss. Wenn aufgrund einer Krebsdiagnose eine Hysterektomie erforderlich wird, sollte, wenn möglich, immer eine minimal invasive Operation durchgeführt werden.
Schon Julius Hackethal führte in seinem Buch „Operation – ja oder Nein?“ 13 böse Operationsgründe an, die verdeutlichen, dass generell zu viel und zu schnell operiert wird.

#3 |
  1

der OP-Index zeigt also deutlich, dass Hysterektomien in ländlichen Gebieten häufiger durchgeführt als in größeren Städten. Sind in den urbanen Gebieten mehr Menschen, die ahnen, dass außer der Indikationsstellung auch andere Gründe für durchgeführte Oprerationen geben könnte?

#2 |
  2
Apothekerin Heike Lengsfeld
Apothekerin Heike Lengsfeld

Guter Artikel! Hinzufügen möchte ich noch eine Gebärmutter erhaltende Operation bei starken Blutungen.
Die NovaSure/Goldnetzmethode, bei der eine Art Verödung der Gebärmutterschleimhaut, die starken und zum Teil auch unregelmäßigen Blutungen stoppt. Diese sanfte hormonfreie Methode empfiehlt sich für Frauen, deren Kinderplanung abgeschlossen ist und die sich nicht durch die Wechseljahre quälen möchten aber ihre Gebärmutter behalten wollen.

#1 |
  9


Copyright © 2019 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: