Glitazone gegen MS?

8. Oktober 2009
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Die heutigen Medikamente gegen Multiple Sklerose haben meist massive Nebenwirkungen. Ein neuer Behandlungsansatz unterdrückt gezielt die Bildung autoreaktiver Immunzellen und weckt Hoffnung auf sanftere Therapien.

Bei Autoimmunkrankheiten richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper. Am Anfang der verhängnisvollen Kaskade stehen meist so genannte T-Helferzellen. Sie erkennen körpereigene Proteine und schütten daraufhin ein ganzes Arsenal von Botenstoffen aus, um weitere Immunzellen anzulocken. Forscher unterscheiden drei Typen von T-Helferzellen (Th) – je nachdem welche Botenstoffe diese freisetzen. In den vergangenen Jahren gerieten vor allem die Th17-Zellen in die Schlagzeilen der medizinischen Fachblätter. Sie produzieren den Botenstoff Interleukin-17 und stehen in dringendem Verdacht, federführend am Ausbruch von Autoimmunkrankheiten wie Multipler Sklerose (MS) oder Lupus erythematodes beteiligt zu sein.

Forscher der Universität Bonn haben nun eine Möglichkeit gefunden, die Bildung der Th17-Zellen zu unterbinden. Die schädlichen Immunzellen entwickeln sich aus T-Vorläuferzellen nur dann, wenn diese bestimmte Signale empfangen. Wie Luisa Klotz und ihre Mitarbeiter im Journal of Experimental Medicine berichten, wird dieser Prozess von einem molekularen Aufseher, dem Protein PPAR-gamma, kontrolliert. „Wenn wir dieses Molekül in undifferenzierten T-Zellen gezielt aktivieren, entstehen weniger Th17-Zellen“, sagt Klotz, die Gruppenleiterin am Institut für Molekulare Medizin ist.

Diabetes-Arznei aktiviert molekularen Aufseher

Der Nachweis gelang der Bonner Forscherin und ihrem Team mit Mäusen, die an der Krankheit EAE litten. Bei dieser Autoimmunerkrankung zerstören ähnlich wie bei der Multiplen Sklerose fehlgeleitete Immunzellen die Myelinscheiden, die als Isolationsschicht die Fortsätze der Nervenzellen umhüllen. Da frühere Experimente gezeigt hatten, dass PPAR-gamma einen günstigen Einfluss auf die Autoimmunkrankheit EAE hat, bekamen die Mäuse von den Forschern das Medikament Pioglitazon verabreicht. Dieses bereits zugelassene Medikament steigert die Aktivität von PPAR-gamma und hilft bei Typ-2-Diabetes, den Blutzucker zu senken. „Bei den mit Pioglitazon behandelten Mäusen“, berichtet Klotz, „verlief die Krankheit nicht nur schwächer, sondern wir konnten auch zeigen, dass im zentralen Nervensystem der Tiere deutlich weniger Interleukin-17 produzierende T-Helferzellen vorhanden waren.“

Mit einem weiteren Experiment bestätigten die Wissenschaftler die zentrale Rolle von PPAR-gamma. Dafür verwendeten sie Mäuse, deren T-Zellen mit genetischen Methoden so verändert worden waren, dass sie den molekularer Aufseher nicht mehr herstellen konnten. „Die derart manipulierten Mäuse erkrankten rascher an EAE als die unveränderten Mäuse“, sagt Klotz. „Außerdem war in ihrem zentralen Nervensystem die Anzahl der autoreaktiven Th17-Zellen bis zu fünfmal größer.“ Wie erwartet, so die Medizinerin, habe Pioglitazon bei den Tieren ohne PPAR-gamma den Krankheitsverlauf nicht zum Besseren beeinflussen können.

Pioglitazon unterdrückt die Bildung von humanen Th17-Zellen

Um zu beweisen, dass die Ergebnisse auch auf den Mensch übertragbar sind, isolierte das Team um Klotz T-Vorläuferzellen aus dem Blut von MS-Patienten. Nachdem durch die Zugabe von mehreren Botenstoffen die Differenzierung der Vorläuferzellen angeregt wurde, entwickelten sich die unterschiedlichen T-Helferzelltypen. Klotz: „Fügten wir zusätzlich Pioglitazon hinzu, entstanden kaum noch Th17-Zellen.“ Die Bildung der anderen T-Helferzellen habe das Medikament dagegen kaum beeinflusst. Für die Medizinerin ein Beleg dafür, dass PPAR-gamma sehr selektiv wirke und deswegen als Angriffziel für Medikamente besonders geeignet sei.

Die Diabetes-Arznei Pioglitazon selbst kommt wahrscheinlich für die Therapie von MS-Patienten nicht in Betracht: „Einerseits aktiviert sie PPAR-gamma nicht stark genug, andererseits ist ihre Wirkung auf den Insulin-Stoffwechsel bei MS-Patienten natürlich nicht erwünscht“, sagt die Medizinerin. Die Bonner Forscherin will deshalb als nächstes die Entwicklung hochspezifischer Wirkstoffe ohne diese unerwünschten Effekte vorantreiben.

Angriff auf Nerven könnte frühzeitig gestoppt werden

Nach Ansicht von Prof. Ralf Gold, Direktor der Klinik für Neurologie der Universität Bochum, zeigen die Experimente von Klotz und ihren Mitarbeitern, dass sich die Reifung der Th17-Zellen relativ leicht unterdrücken lässt. „Das ist von großer therapeutischer Bedeutung, denn diese Zellen sind wahrscheinlich die Vorboten der Multiplen Sklerose“, findet Gold. „Wenn wir sie rechtzeitig abfangen könnten, hätten wir eine Möglichkeit, schon im frühen Stadium die Entzündung des zentralen Nervensystems abzuschwächen.“ Außerdem seien, so der MS-Experte, PPAR-gamma aktivierende Medikamente relativ ungefährlich – im Gegensatz zu den heutigen MS-Medikamenten, die massiv ins Immunsystem eingreifen und entsprechend gravierende Nebenwirkungen haben könnten.
Bei MS-Patienten wurde Pioglitazon noch nicht getestet. Es könnte aber dennoch MS-Patienten geben, die zusätzlich an Typ-2-Diabetes erkrankt sind und deswegen mit Pioglitazon behandelt werden. Der Frage, ob sich ihre MS-Symptome dadurch verbessert haben, wurde bisher nicht nachgegangen. „Auch wenn die Wahrscheinlichkeit relativ gering ist, dass beide Krankheiten bei einem Patienten zusammentreffen,“ so Gold, „würde es sich trotzdem lohnen, dies im Rahmen einer großen epidemiologischen Studie zu untersuchen.“

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3 Kommentare:

Weitere medizinische Berufe

Dieser Ansatz scheint auch mir sehr hoggnungsvoll zu sein. Ich habe Lupus erythematodes und, fünf Jahre später noch Diabetes Typ II bekommen. Vielleicht ist ein nur eine zeitliche Koinzidenz, aber ich habe mildere Lupus-Schübe, seitdem ich Pioglitazon nehme….
Anke Niggenaber, Leiterin der Lupus Erythematodes Regional-Gruppe Dortmund.

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Frank Gesslein-Rubnbauer
Frank Gesslein-Rubnbauer

Ich habe seit 1992 MS und Arbeite Halbtags als Ltd.Physiotherapeut,mehr darf ich nicht mehr.
Es bleibt nur die Hoffnung auf erfolg der neuen Therapie.
Bis dann Frank.Rubenbauer@-online.de

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Sehr geehrter Herr Braun!
Können Sie einmal der Frage nachgehen, wie häufig das Zusammentreffen von MS und Diabetes mellitus Typ 1 ist. Beides sind Autoimmunerkrankungen, bei denen sich Antikörper bilden, die schließlich zu den Erkrankungen führen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. H. Flatter

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