WhatsApp schreibt dich krank

11. Januar 2019

Seit Kurzem bietet ein Hamburger Start-up den AU-Schein per WhatsApp an. Damit können sich Arbeitnehmer für die Krankschreibung den Arztbesuch sparen – zumindest bei einer Erkältung. Die Ärztekammer rät von der Nutzung ab.

Seit Kurzem bietet ein Hamburger Start-up Krankschreibungen bei Erkältungen per WhatsApp an. Patienten müssen zunächst im Internet ein Formular ausfüllen, in dem die klassischen Erkältungssymptome abgefragt werden. Der Arztbesuch soll damit vermieden werden. Für neun Euro erhält der Arbeitnehmer anschließend eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von einer kooperierenden Ärztin per WhatsApp inklusive Behandlungstipps. Zusätzlich erhält der Patient den AU-Schein auch im Original per Post.

Der Service des Start-ups, der von einem Rechtsanwalt angeboten wird, kann bloß bis zu zweimal im Jahr genutzt werden, um möglichem Missbrauch vorzubeugen. Bisher haben das Angebot, das kurz vor Weihnachten online gegangen ist, etwa ein Dutzend Patienten genutzt. Die Vorteile beschreibt der Anbieter auf seiner Seite: „Sie verschwenden nicht Ihre wertvolle Genesungs-Zeit für einen Arztbesuch. Sie stecken niemanden im Wartezimmer an.“ Weiter heißt es: „Wir haben uns auf die Diagnose von Erkältungen konzentriert, da sie ungefährlich, gut erforscht und besonders gut per Anamnese zu diagnostizieren sind. Zudem wissen die meisten Erkälteten bereits die Diagnose und Therapieempfehlung aus eigener Erfahrung.“

Ärztekammer rät von der Nutzung ab

Bei der Ärztekammer Schleswig-Holstein stößt das Modell jedoch auf Kritik. In der Pressemitteilung heißt es: „Ein Hamburger Unternehmen bietet Krankschreibungen für 9 Euro im Internet an. Eine Schlagzeile, die wohl die allermeisten Ärztinnen und Ärzte erschaudern lässt (…).“ Weiter heißt es: Die aktuelle Umsetzung sei nach bisherigem Kenntnisstand fraglich rechtskonform. Die Rechtsabteilung der Ärztekammer überprüfe aktuell das Geschäftsmodell. Aus datenschutzrechtlichen Gründen rät die Ärztekammer von der Nutzung ab. Schließlich würden persönliche Daten sowie ein Foto der Versichertenkarte per WhatsApp übermittelt.

Möglich sei dieses Angebot durch die im vergangenen Jahr erfolgte Lockerung des sogenannten Fernbehandlungsverbots, heißt es auf der Homepage des Unternehemens. Und man wirbt mit dem Siegel „von Rechtsanwälten bestätigt“, einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sowie einer DSGVO-gerechten Umsetzung. Gleichzeitig weist das Unternehmen aber auf eine mögliche fehlende Akzeptanz auf Arbeitgeberseite hin.

Was halten Sie vom Krankenschein via WhatsApp?

14 Wertungen (4.07 ø)
Bildquelle: pixabay.com, pexels / Lizenz: CC0
Medizin
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7 Kommentare:

Annika Diederichs
Annika Diederichs

Tolle Idee, diese App. Jetzt muß das Thema breit diskutiert werden:)))

#7 |
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Sonstige

Man könnte das Problem (Ansteckungsgefahr u.a.) freilich auch anders lösen. Indem man die verknöcherte Rechtsprechung in deutschen Arbeitsrechtsfällen auf ein zeitgemäßes Niveau hebt. In vielen anderen Ländern der Welt ist es Arbeitnehmern gestattet, sich in solchen Fällen einige Tage selbst “krankzuschreiben”. Gesundheitspolitische Entscheider müssen sich daher weder scheinheilig darüber wundern, dass Deutsche relativ häufig zum Arzt gehen (müssen), noch darüber, dass mehr oder weniger seriöse Anbieter jetzt selbstgeschaffene Gesetzeslücken ausnutzen.

#6 |
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Medizininformatiker

Sowas geht doch garnicht!
Wenn es so schlimm ist dass der Patient sich selbst oder andere durch den Arztbesuch gefährden würde, gäbe es ja auch noch die Option des Hausbesuchs. Da dies aber nicht als nötig erachtet wird, kann es also nicht so schlimm sein zum Arzt zu gehen, schliesslich soll so eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ja auch für was herhalten und wenn es jetzt schon gerichtliche Bedenken gegen Arztzeugnisse von Hausärzten gibt, was sind denn Bescheinigungen ohne persönnliche Inaugenscheinnahme dann überhaupt noch wert?

Digitale Technik ist das eine, ein Inflationärer Vertrauensverlust durch Faulheit und Bequemlichkeit das andere…

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

Whatsapp ist ein unsicherer Dienstleister. Aber die Serviceidee ist gut – klauen oder kopieren in einem eigenen ärztlichen Messengerdienst. Denn die Grundidee ist ja richtig: Warum muss sich ein erkälteter Patient aus dem warmen Bett quälen, eventuell mit dem Öffentlichen Nahverkehr ( Ansteckung) oder eigenem PKw (UNfallgefahr !) zum Arzt fahren und dort 2-3 Stunden im Wartezimmer sitzen, nur damit die Ärztin ihn sieht und ihm das bescheinigt, was ohnehin die Beteiligten wußten: “Bleiben Sie zuhause, kurieren Sie sich aus, warmhalten und viel trinken. “

#4 |
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Die AU-Richtlinie des G-BA mit ihren Anforderungen ist übrigens lediglich innerhalb der GKV-Welt maßgeblich.

#3 |
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Tja,
jetzt fließen Krokodilstränen.
Der Ärztekammer S-H konnte es nicht schnell genug gehen mit der Erlaunis der ausschließlichen Fernbehandlung, wider alle fachlichen Bedenken. Nun tun sie überrascht, dass genau das was vorhergesagt wurde so schnell getreten ist.

#2 |
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Ich zitiere:
“Rz. 33 – Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist eine Privaturkunde nach § 416 ZPO – im Übrigen auch ein Gesundheitszeugnis nach § 278 StGB (“Ärzte und andere approbierte Medizinalpersonen, welche ein unrichtiges Zeugnis über den Gesundheitszustand eines Menschen zum Gebrauch bei einer Behörde oder Versicherungsgesellschaft wider besseres Wissen ausstellen, werden mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft”). Als Privaturkunde erbringt die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vollen Beweis dafür, dass die in ihr enthaltene Erklärung vom ausstellenden Arzt stammt. Die Beweiskraft erstreckt sich dagegen nicht auf den Inhalt der Erklärung. Über die Richtigkeit des Inhalts ist in einem gerichtlichen Verfahren vielmehr nach § 286 Abs. 1 ZPO im Rahmen freier Beweiswürdigung zu entscheiden. In den Bestimmungen des Entgeltfortzahlungsgesetzes kommt aber letztlich zum Tragen, dass der Gesetzgeber nach der Lebenserfahrung die vom Arzt ausgestellte Bescheinigung als den auf der ärztlichen Sachkunde beruhenden Nachweis der Arbeitsunfähigkeit wertet. Deshalb genügt sie in der Praxis regelmäßig für den Nachweis der Arbeitsunfähigkeit (BAG, Urteil v. 15.7.1992, 5 AZR 312/91). Dies spiegelt sich auch bei der Beweislast des Arbeitnehmers wieder.”
https://www.haufe.de/personal/haufe-personal-office-platin/neumann-redlin-rambach-zimmermann-ua-efzg-5-anze-326-beweiswert-und-beweislast_idesk_PI42323_HI1486415.html

Dagegen berichtet die Ärzte Zeitung online am 09.01.2019 unter
https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/e-health/article/979218/aerzte-empoert-au-bescheinigungen-via-whatsapp.html
“Rechtsanwalt Dr. Can Ansay, Gesellschafter der „Dr. Ansay AU-Schein GmbH“, hält die Kritik der Körperschaften für unbegründet. Im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ nannte er sein Angebot eine „sinnvolle Anwendung der Telemedizin“.” (Zitat Ende)
Die Internet-Präsentation von Rechtsanwalt Dr. Can Ansay, Gesellschafter der „Dr. Ansay AU-Schein GmbH“ ist, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig: 
“Ich gehe gern neue Wege zur Befriedigung meines Größenwahns. Bin fleißiger & kreativer Stratege mit Überzeugungskraft.
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Gesundheitswesen Informationstechnologie Mobile Apps”

Quellen: 
https://www.xing.com/profile/Can_Ansay2/cv
https://www.founderio.com/de/unternehmer/247837

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