Wenn das Ärztchen kommt

9. Oktober 2009
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In vielen Geistes- und Naturwissenschaften ist die Umstellung auf einen Bachelor/Master-Studiengang schon vollzogen oder zumindest im vollen Gange. Doch ist diese Umstellung auch im Bereich Humanmedizin möglich? Diese Frage wird von vielen Ärzten aktuell noch kritisch gesehen. Bietet die Neuorientierung vielleicht doch eine Chance für den wachsenden Gesundheitsmarkt?

Bologna-Prozess

Die Umstellung der Studiengänge wird auch Bologna-Prozess genannt. 1999 beschlossen 29 europäische Länder eine Vereinheitlichung der Studiengänge um es Studenten zu ermöglichen, einen einheitlichen Hochschulabschluss zu erzielen. Außerdem sollte den Hochschülern die Möglichkeit gegeben werden ohne Probleme die Universität zu wechseln. Mittlerweile beteiligen sich mehr als 40 Länder an der Neugestaltung der Studienlandschaft.

Der Bologna-Prozess sieht vor, dass ein Bachelor in einer drei oder vierjährigen Studienzeit abzuschließen ist. Er ist als Qualifikation für den Berufseinstieg vorgesehen. Bei einem guten Bachelor-Abschluss wird den Absolventen für den Erwerb des Masters eine Weiterbildung angeboten. Hierfür sind weitere zwei Jahre vorgesehen. Abschließend soll die Möglichkeit gegeben sein eine Doktorandenstelle zu besetzen.

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Doch was in den Natur- und Geisteswissenschaften nach einigen Anfangsschwierigkeiten gut funktioniert, scheint in der Humanmedizin kaum umsetzbar. Gerade durch die Umsetzung der neuen Approbationsordnung gibt es eine engere Verzahnung der vorklinischen und klinischen Lehrinhalte. Die damit gesicherte dualistische Ausbildung, die aus einem wissenschaftlichen und einem praktischen Teil besteht, stellt sicher, dass Patienten nicht nur sachlich fundiert behandelt werden, sondern auch auf die Fertigkeiten ihrer Ärzte bauen können.

Pro und Kontra

Gerade unter den Medizinern ist der Widerstand gegen die Reform groß und die Kritik nicht zu überhören. Besonders der Verlust der Qualität der Ausbildung wird befürchtet. Es scheint unmöglich die Lehrinhalte des Medizinstudiums in drei oder vier Jahren, also bis zum Abschluss als Bachelor, zu vermitteln. Doch dieser Abschluss wird in den anderen Studiengängen als ausreichende Berufsqualifikation anerkannt. Es stellt sich die Frage, als was der „kleine“ Arzt im Gesundheitswesen arbeiten soll. Vage Vorschläge sind Tätigkeiten bei einer Krankenkasse oder auch im Pharmaunternehmen.

Befürworter der Umstellung aller Studiengänge sehen genau in dem Berufsbild des „kleinen“ Arztes die Chance auf eine Verbesserung des Gesundheitswesens. Sie argumentieren, dass nur die Hälfte aller Medizinabsolventen in der Patientenversorgung tätig ist. Die anderen Mediziner ergreifen zum Beispiel Stellen in der Wirtschaft oder der Presse. Doch hierfür sei kein sechs Jahre langes Studium nötig und so könnten diese Stellen auf dem Arbeitsmarkt von den Bachelor-Absolventen besetzt werden. Außerdem würde eine Verkürzung der Studiendauer auch die Staatskasse entlasten, denn jedes Semester kostet natürlich Geld.

Doch auch wenn dies treffende Argumente sind, scheint allerdings weiterhin fraglich, wie die praktische Umsetzung des Studienganges Medizin auf Bachelor/Master-Abschluss aussehen soll. Laut EU-Recht ist eine Ausbildungszeit von 5.500 Stunden für jeden Medizinstudenten Pflicht und daher mit einem Abschluss nach drei Jahren nicht zu schaffen. Zudem ist es ein weiteres Umsetzungskriterium, dass Quereinstiege ermöglicht werden müssen. Quereinstiege bedeuten in diesem System, dass ein Bachelor-Absolvent sich auch in einem anderen Fach in den Masterbereich einschrieben kann. Dies funktioniert in den geisteswissenschaftlichen Fächern auch sehr gut. Aber woher soll ein Bachelor der Biologie zum Beispiel ausreichende anatomische Kenntnisse haben, um den Masterstudiengang Humanmedizin erfolgreich absolvieren zu können?

Wie geht es weiter?

Nichtsdestotrotz wird der Prozess der Umstrukturierung auch vor der Medizin nicht Halt machen. Einige Universitäten drängen darauf, die Umstellung schnellstmöglich zu vollziehen. Ausgebremst wird der Prozess allerdings weiterhin von der Ärztekammer.
In der Schweiz schlossen in diesem Sommer die ersten Bachelor-Absolventen ihr Studium ab. Fast alle Absolventen möchten in den Master-Studiengang wechseln. Vermutlich auch, weil es einfach kein klar definiertes Berufsbild für den Bachelor in der Medizin gibt.
Es bleibt also weiterhin abzuwarten wie und in welcher Geschwindigkeit der Prozess der Umstellung vollzogen wird.

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