Lungenkrebs: Die 100-Kippen-Klippe

14. Oktober 2009
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Patienten mit Nichtraucherkrebs stellen für viele Ärzte eine schwierige Klientel dar: Diagnose als auch Therapie fallen anders aus als bei raucherbedingten Tumoren. Jetzt wurden Richtlinien für Ärzte publiziert, wo festgelegt wurde, was man bei den Patienten beachten sollte.

Die unter Federführung des Johns Hopkins Kimmel Cancer Center zusammengestellten Ergebnisse im Fachblatt Clinical Cancer Research lassen unmissverständlich wissen: Ärzte müssen schon bei der Diagnose eines Lungenkrebs genau darauf achten, ob ihre Patienten jemals rauchten, oder nicht. Zwar gilt die Tatsache, wonach der Nichtraucherkrebs sich anders manifestiert als Lungenkrebs von hartgesottenen Zigarettenkonsumenten, als Binsenweisheit. Doch an einer einheitlichen Betrachtung dieses Phänomens hat es in der Medizin bisher gemangelt.

13 Onkologen stieß die Wissenslücke in den Leitlinien auf – und so machten sich die US Ärzte daran, hunderte von Studien über Lungenkrebs unter die Lupe zu nehmen. Bereits die Anamnese, konstatieren nun die Forscher, mutiert nur allzu oft zum Glückspiel. Wer als Raucher gilt, und wer nicht, entschied nämlich bislang in erster Linie das Gefühl des Arztes und die Aussage des Patienten. Genau hier aber, schlagen die Autoren vor, müsse in Zukunft ein Umdenken erfolgen: Wer in seinem Leben mehr als 100 Zigaretten konsumierte gilt der neuen Sichtweise zufolge bereits als Raucher – egal wann und über welchen Zeitraum er die lebensbedrohliche Fracht des Tabaks inhalierte.

Die Folgen dieser neuen Kategorisierung des Raucherbegriffs sind weitreichend. So weist Studienleiter Charles M. Rudin, darauf hin, dass lediglich Nichtraucher auf sogenannte EGFR Inhibitoren besonders gut ansprechen, „weil der Lungenkrebs bei dieser Patientengruppe öfter Mutationen des EGFR aufweist“. Auch scheinen bei Nichtrauchern Änderungen im EML4-ALK Gen stattzufinden, so dass hier Angriffsflächen für neue Wirkstoffe zum Vorschein treten.

Simple Frage, große Auswirkungen

„Haben sie in Ihrem Leben mehr als 100 Zigaretten geraucht?“ müsste den Studienautoren zufolge aus einem weiteren Grund zur ersten Frage eines jeden Pneumologen avancieren. Zu oft würde die vereinfachte Angabe des Patienten, er sei Nichtraucher, den Arzt in die Irre führen: Ohnehin schwer diagnostizierbare Symptome im Anfangsstadium wie Brustschmerzen oder Husten ordnen die meisten Ärzte Erkrankungen wie Asthma oder Erkältungen zu – davon ausgehend, dass die numerisch unbelegten Aussagen seines Patienten stimmen und dieser tatsächlich Nichtraucher ist.

Zwar stehen Ärzte in Deutschland auf Grund der AWMF-Richtlinien rein theoretisch besser da. So heißt es unter der Rubrik „Diagnostik und Therapie von Patienten mit akutem und chronischem Husten“ in klar verständlichen Worten: „Husten ist das häufigste Symptom bei der Erstdiagnose eines Bronchialkarzinoms. Wenn ein ACE-(angiotensin converting enzyme)-Hemmer bedingter Husten ausgeschlossen werden kann, soll jeder Patient mit chronischem Husten zum Ausschluss eines Bronchialkarzinoms gleich bei seiner ersten Vorstellung beim Arzt geröntgt und bei ungeklärtem chronischem Husten spätestens am Ende der diagnostischen Aufarbeitung bronchoskopiert werden (“Evidenz”grad 5, Empfehlungsgrad D)“.

Gleichwohl kommen auch Asthma, COPD, Aspirationen oder Diffuse Lungenparenchymerkrankungen in Betracht. Zudem leiden viele Hausärzte, bei denen die Patienten ohnehin auf Grund des Hustens zu spät vorstellig werden, an dem nötigen Informationsmangel: Die Angaben über die Dauer des Hustens sind oft genau so diffus wie jene über die Raucher oder Nichtraucher-Einschätzung.

Die simple Frage der neuen Lungenkrebs-Liga dürfte am Ende selbst die Politik erreichen. Allein in der EU fordert der Tabakkonsum jährlich 650.000 Menschenleben. Weitere 80.000 Todesfälle gehen auf das Passivrauchen zurück. Darauf jedenfalls wies am 31. Januar 2007 die EU-Kommission mit dem Grünbuch „Für ein rauchfreies Europa: Strategieoptionen auf EU-Ebene“ hin – und lag womöglich weit unterhalb der realen Zahlen. Denn folgt man Rudins Überlegungen, blieben vermutlich auch in diesen Statistiken unzählige Menschen unerfasst, weil sie als Nichtraucher galten: Die entscheidende Frage nach den 100 Zigaretten hatte niemand gestellt.

181 Wertungen (4 ø)
Allgemein

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13 Kommentare:

HP u. Manaltherapeut Juergen Bernd Herrmann
HP u. Manaltherapeut Juergen Bernd Herrmann

Jede kippe sollte 20,- euro kosten!

#13 |
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Heilpraktiker

Das Fazit dieser Sichtweise wäre für einen Raucher: Die Hundert Zigaretten habe ich schon lange überschritten. Wenn ich jetzt aufhöre kann ich in 10 oder 20 Jahren trotzdem Lungenkrebs kriegen. Da rauche ich doch lieber weiter.

#12 |
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Gabriela Bähre
Gabriela Bähre

Kann mich der letzten Ausage nur anschließen. die meisten Raucher sind Nichtrauchern gegenüber sehr intollerant. Jeder Nichtraucher ist eine Spaßbremse. Rückzug in die eigenen vier Wände ist die einzige Möglichkeit dem zu entkommen.

Auch ich sehe in dem Artikel übrigens eher einen Ansatz zur Therapie. Ich habe es allerdings leichter. Meine Partienten sind nachgewiesener Maßen alle Nichtraucher bzw. Passivraucher.

#11 |
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Dr. med. Michael Schikorski
Dr. med. Michael Schikorski

Wer raucht, trinkt, isst oder atmet, lebt mit einbem hohen Risiko. Alle Anderen leben nicht mehr.

Offenbar wieder so eine dämliche US-Studie, bei der erst Daten gesammelt werden und dann eine passende Frage entwickelt wird.

#10 |
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ACE-Hemmer sensibilisieren für jede Art von Hustenreiz in den Bronchien, produzieren ihn aber nicht. Deshalb mein Appell, auch hier die Genese des Hustens zu bedenken.
ACE-Hemmer als Frühwarnsystem !

#9 |
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Da haben wir doch das grundsätzliche Problem, dass inzwischen schon in der Boulevardpresse diskutiert wird, keiner kann richtig Statistik. Diese 100 Zigaretten-Grenze dürfte sich auf eine Post-hoc Analyse beziehen, damit man das Ergebnis auf ein Signifikanzniveau heranfrisiert. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

#8 |
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Ich habe als Schülerin und Studentin 8 Jahre auf der Thorxchirurgie gearbeitet und zahlreiche Fälle gesehen. Rauchen ist dabei sicher ein auslösender Faktor, was die Raucher scheinbar wenig beeindruckt. Warum aber dann die Lockerung des Antirauchergesetzes in Gasthöfen/Restaurants? Es gilt hier wahrscheinlich das, was auf Vieles zutrifft: nicht in Massen konsumieren, da wird Zucker, Alkohol und Tabak zum Killerfaktor! Verbieten ist sicher kein guter Ratgeber, das löst, wie bei Kindern, eine Trotzreaktion des “jetzt erst recht” aus und keiner will einen “Big brother is watching you”-Staat.

#7 |
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Dr. Hermann Grötschel
Dr. Hermann Grötschel

Ich wundere mich, dass sich nikotinsüchtige Raucher da aufregen. Wenn es um Lungenkrebsdiagnose geht ist sowieso nichts wieder gutzumachen. Ich erlebe den ganzen Jammer bei der Ehefrau eines Kollegen, einer starken Raucherin, mit. Mit 57 innerhalb kurzer Zeit Herzinfarkt, Schlaganfall, was noch alles kommt, wir werden sehen. Dies Leben dürfte gelaufen sein.

#6 |
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Thomas Schneider
Thomas Schneider

Auf diese ‘Unterscheidung’ von Rauchern und Nichtrauchern haben die Versicherungen und Krankenkassen vermutlich schon lange gewartet:
Sofern er nicht das Gegenteil belegen kann, stuft man den ‘Delinquenten’ dann eben einfach als Raucher ein mit dem entsprechenden Auswirkungen auf Beitraege und Franchisen.

#5 |
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Msc.  Eva Theresa Weismueller
Msc. Eva Theresa Weismueller

Weiterhin unklar bleibt inwiefern Confounder wie Lebensraum (Stadt oder Land) und Arbeitsumfeld eine Rolle bei der Pathogenese spielen… Also sollen es die 100 Zigaretten gewesen sein, eher schwach…

#4 |
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Anamnese – zweite Frage: “Haben Sie in Ihrem Leben mehr als eine Kiste Bier getrunken ?” –>> … alles klar ?
Schöne neue Welt – in der die Ursachen aller Krankheiten dann bald so klar auf der Hand liegen :-)

#3 |
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Claudia Middeldorf
Claudia Middeldorf

Das ist ja wirklich unfaßbar – wer hat sich denn diese Zahl sich ausgedacht? Wirklich nachvollziehbar ist das nicht und eine zahlenmäßige Begrenzung macht nicht wirklich Sinn ob der nicht nachvollziehbaren Schädigung bei Passivrauchern. Und ja – man sollte sich wirklich fragen, wieso Gesetze erlassen werden die ein Rauchverbot in Gaststätten u. öffentlichen Gebäuden anordnen, die nach kürzester Zeit wieder so aufgeweicht sind, dass man man sich den Erlaß und Steuergelder hätte sparen können, wenn ohnehin niemand dahinter steht.

#2 |
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Allein durch Passivrauchen durften die meisten Menschen schon 100 Zigaretten konsumiert haben.

#1 |
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