Alzheimer: 1:0 für die Amyloiden

18. Dezember 2018

Seit Jahren diskutieren Wissenschaftler über die Rolle von β-Amyloid bei Morbus Alzheimer. Nun befeuert eine aktuelle Studie erneut die Kontroverse: Sie liefert nicht nur Hinweise, die für die β-Amyloid-Hypothese sprechen. Möglicherweise ist die Erkrankung sogar übertragbar.

Warum Patienten an Morbus Alzheimer erkranken, ist trotz intensiver Forschung immer noch unklar. Neben genetischen Risiken werden Umweltfaktoren, Stoffwechselerkrankungen oder inflammatorische Vorgänge diskutiert. Auch die Alzheimer-Pathologie ist Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen. Amyloid-Plaques, also Ablagerungen von β-Amyloid (Aβ) im Gehirn, lassen sich in Gehirnschnitten von verstorbenen Patienten nachweisen, aber sind sie wirklich die Ursache?

Alzheimer-Studien gescheitert

Skeptiker führen vor allem zwei Argumente an, warum β-Amyloid vermutlich keine so große Rolle bei Morbus Alzheimer spielt: Einerseits korreliert die Amyloid-Menge nicht zwangsläufig mit der Schwere der neurodegenerativen Erkrankung. Andererseits sind alle Studien mit Wirkstoffen, die sich gegen das β-Amyloid richten, bislang gescheitert. So zeigten beispielsweise BACE1-Inhibitoren beim Menschen keinen Effekt.

Die Inhibitoren richten sich gegen das Enzym Beta-Sekretase 1 (BACE1), das das Amyloid-Vorläuferprotein (APP) schneidet und so die Entstehung von Aβ unterbindet. Bei Probanden stellte sich aber keine Besserung der Symptome ein. Auch der Antikörper Solanezumab, der Aβ-Ablagerungen verhindern sollte, scheiterte in einer zulassungsrelevanten Studie. Hier konnte ebenfalls keine Besserung der kognitiven Fähigkeiten im Vergleich zum Placebo erzielt werden.

Nun befeuert eine aktuelle Studie erneut die Kontroverse. Sie liefert neue Hinweise, die für die β-Amyloid-Hypothese sprechen – und dafür, dass die Erkrankung übertragbar ist.

Schatten der Vergangenheit

Ausgangspunkt für die Studie war folgende Begebenheit: Von 1958 bis 1985 erhielten weltweit etwa 30.000 Kinder mit Wachstumsdefizit das Wachstumshormon Somatotropin. Damals steckte die Gentechnologie noch in den Kinderschuhen; man konnte das Hormon nicht künstlich herstellen. Deshalb wurden die Hypophysen von Totspendern entnommen, gepoolt und unter Verwendung verschiedener Reinigungsverfahren chemisch extrahiert. Schließlich bekamen Patienten Somatotropin als Injektion. Rückverfolgungen zu einzelnen Spendern waren nicht mehr möglich. 1985 diagnostizierten Ärzte bei drei Patienten die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD). Sie gehört zu den übertragbaren spongiformen Enzephalopathien. Im Gehirn sorgen abnorm gefaltete Prionproteine für Ablagerungen, und biologische Strukturen gehen zugrunde.

Nun ist Alzheimer keine Prionenerkrankung. Allerdings fanden Wissenschaftler bei sieben von acht Verstorbenen im Gehirn auch Ablagerungen von Aβ. Das überrascht – schließlich handelte es sich um junge Patienten ohne bekanntes Alzheimer-Risiko. Damals formulierten Wissenschaftler die Hypothese, Aβ könnte als Verunreinigung in den Präparaten gewesen sein und als Samen („Seed“) die Umfaltung normaler Proteine in die pathologische Form begünstigt haben. Dieser Dominoeffekt führt letztlich zur Erkrankung.

Bestätigung im Tierexperiment

Es sollte aber nicht bei der Hypothese bleiben. Tatsächlich bekamen Forscher einige Rückstellproben, also langfristig aufbewahrte Präparate, aus den 1980er-Jahren. In bestimmten Chargen konnten sie darin geringe Mengen der β-Amyloid-Unterarten Aβ40 und Aβ42 nachweisen. Doch welche Bedeutung hat die Kontamination?

Spritzten die Wissenschaftler das Material direkt in die Gehirne von gentechnisch veränderten Mäusen, die besonders empfindlich auf fehlgefaltete Amyloid-ß Proteine reagieren, dann bildeten sich Aβ-Plaques, also Klumpen des Proteins, die sich in Blutgefäße einlagerten und eine zerebrale Aβ-Amyloid-Angiopathie in den Versuchstieren auslösten. Weil transgenes Somatotropin im Vergleich keinen Effekt zeigte, ist vermutlich das in den Proben enthaltende Aβ für die Angiopathie verantwortlich.

Die Autoren schließen aufgrund ihrer Ergebnisse nicht mehr aus, dass es in Einzelfällen zu einer iatrogenen, also über Präparate vermittelten, menschlichen Übertragung der Aβ-Pathologie gekommen sein könnte. Mit Blick auf mögliche Risiken empfehlen die Autoren, die Risiken einer iatrogenen Übertragung von Aβ-Seeds durch einige medizinische und chirurgische Verfahren, wie zum Beispiel endoskopischen Eingriffen, neu zu bewerten. Was sagen Ärzte?

Ein weiteres Argument für die β-Amyloid-Hypothese

DocCheck sprach dazu mit dem Neurologen Dr. Andreas Lüschow aus Berlin: „Ich sehe den Mehrwert der Studie vor allem darin, Belege für die β-Amyloid-Hypothese zu liefern.“ Hinweise auf Übertragungswege von Mensch zu Mensch über Körperflüssigkeiten sieht er nicht: „Auch bei ordnungsgemäßer Hygiene bzw. Sterilisation sehe ich aktuell keine Gefahren“, ergänzt Lüschow. „Derzeit gibt es keine Evidenz, dass Blut oder Blutprodukte eine Gefahr darstellen. Der Experte erwähnt u.a. eine Kohortenstudie sowie eine frühere Veröffentlichung des Paul-Ehrlich-Instituts, als bekannt wurde, dass Wachstumshormone ab 1985 zur CJD geführt hatten.

Forscher bewerten darin Bluttransfusionen, Kontakte bei der Pflege oder Sexualkontakte nicht als Risikofaktoren. Heute weiß man, dass Aβ zwar im Blut zu finden ist, das aber in geringerer Konzentration (um den Faktor 50-100 vermindert) als im Liquor. Das erklärt, warum Bluttransfusionen bei der iatrogenen Übertragung von Aβ derzeit nicht als Risikofaktor gelten.

Geltende Hygiene-Richtlinien beachten

„Die neue Studie fügt sich in eine Reihe konsistenter Daten und Befunde ein, die dafür sprechen, dass der fortschreitenden Fehlfaltung und Aggregation unterschiedlicher krankheitsassoziierter Eiweiße bei Proteinopathien – wie Alzheimer-, Parkinson- und Prion-Erkrankungen und der CAA – als gemeinsames mechanistisches Prinzip eine ‚seeding-artige‘ Proteinpolymerisation zugrunde liegt“, erklärt Dr. Michael Beekes gegenüber dem Science Media Center Deutschland (SMC). Er arbeitet in der Forschungsgruppe Prionen und Prionoide am Robert Koch-Institut (RKI) Berlin. Beekes zufolge würden am RKI schon länger mögliche Gefahren von Protein-„Seeds“ diskutiert. Er nennt mehrere Empfehlungen für die ärztliche Praxis:

  • Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) (2012) berücksichtigt in ihren „Anforderungen an die Hygiene bei der Aufbereitung von Medizinprodukten“ explizit Proteinverschmutzungen bzw. Prionen. Darin schreiben sie, wie chirurgische Instrumente zu desinfizieren sind. Diese Empfehlungen sollten grundsätzlich auch einer instrumentenvermittelten Übertragung von beispielsweise Aβ-, tau- oder α-Synuklein-Seeds entgegenwirken.
  • Der Arbeitskreis Blut am RKI hat sich mit Gefahren einer möglichen Übertagbarkeit von Aβ-, tau- oder α-Synuklein-Proteine befasst, sieht aber derzeit keine Gefahren.
  • Gängige Verfahren zur Dekontamination chirurgischer Instrumente (Thomzig A et al., Beekes M et al.) eignen sich auch zur Inaktivierung von „Seed“-Proteinen an chirurgischen Instrumenten.

Auch Beekes sieht in der Veröffentlichung einen Beitrag, um Morbus Alzheimer besser zu verstehen, leitet daraus aber keinen zusätzlichen Handlungsbedarf für neurochirurgische Eingriffe ab.

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Bildquelle: flooy, pixabay / Lizenz: CC0
Allgemein

5 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpfleger

Ohne die bösen Pestizide würde es noch mehr Krebs geben, warum?
Weil Pilzerkrankungen wie z.B. Phytophthora infestans ein kanzerogenes Toxin in der befallenen Frucht produziert.
Dieser Pilz war auch u.a. in der Vergangenheit der Grund für die großen Hungersnöte in Europa, welche die Menschen zur Auswanderung in die USA getrieben haben.

Natürliche krankmacher sollten Sie auch nicht außer acht lassen z.B:

Grüne Feldfrüchte wie z.B. Endiviensalat, Feldsalat u.v.m. enthält naturgemäß Nitrat, welches im Magen zu krebserregenden Nitrosaminen umgewandelt werden.
Quellwasser welches zu Trinkwasser verarbeitet wird strahlt radioaktiv.
In Bayern u. Baden-Würtemberg tritt radioaktives Radon (Gas) aus dem Erdinneren in Häuser ein und ist 2. häufigste Lungenkrebsursache.

Man kann die Liste endlos fortsetzen…………………

#5 |
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Heilpraktikerin Hildegard Hacker
Heilpraktikerin Hildegard Hacker

Hildegard Hacker

Das Essen ist heute so mit verschiedenen Pestiziden belastet, welche Nervenkrankheiten. z. B. Demenz, M. Parkinson usw. auslösen können. Vielleicht kommt man dann auch dem Morbus Alsheimer auf den Grund?

19.12.2018

#4 |
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Bei klinisch manifestem M.Alzheimer finden sich in ca. 30% aller Fälle überhaupt keine Amyloid-Ablagerungen im Gehirn. Frau Prof. Miia Kivipelto weist als Expertin darauf hin, dass Demenzerkrankungen und speziell die Alzheimer-Demenz komplexe, multifaktorielle Erkrankung und keine einfache, monokausale Stoffwechselerkrankungen des Gehirns sind.
https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4907182
Neben der spezifischen Pathologie mit Ablagerung von Amyloid Aβ42, Tau-Aggregation und Neurodegeneration spielen auch konventionelle Gefäßrisikofaktoren wie Alter, Dyslipidämie, Inflammation und oxidativer Stress eine Rolle. Nicht zuletzt spielt auch die Immunologie der Blut-Hirn-Schranke eine wesentliche Rolle im ursächlichen Krankheitsgeschehen. 
„Etwa 30 Prozent des Alzheimer-Risikos lassen sich durch sieben Risikofaktoren erklären, die wir mehr oder minder wirksam beeinflussen können“, betonte Frau Kivipelto. Dazu gehören:
•Diabetes,
•Hypertonie,
•Adipositas,
•Depression,
•körperliche Inaktivität,
•Rauchen, Alkoholabusus und
•geringe Bildung. 

#3 |
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Dr. rer. nat. Andreas Köpke
Dr. rer. nat. Andreas Köpke

Schon seit vielen Jahren ist bekannt, dass missgefaltete Abeta Petide (egal ob aus pathologischem Probenmaterial oder künstlich hergestellt) Krankheitssymptome im Tier auslösen können. In der Tat sind die meisten Wissenschaftler heute (endlich!) von einer prionenartigen Krankheitsübertragung überzeugt. Dabei ist aber nur der Teil gemeint, der die vorlagenartige Vervielfältigung der falsch gefalteten Peptide betrifft. Vereinfacht: Fehlgefaltetes Petid trifft auf normales Peptid und katalysiert dessen Umfaltung in ein fehlgefaltetes Peptid, nun hat man zwei, und so weiter. Der Unterschied ist die Infektiosität, die bei Alzheimer und Parkinson bisher nicht gezeigt wurde. Trotzdem kann man bei Blutproben und Hirntransplantaten bisher wegen der langen Inkubationszeit (etwa 20 Jahre) nicht sicher sein.

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Apotheker Christian Charissé
Apotheker Christian Charissé

Die von Prof. Dr. Hartmann (Uni Homburg/Saar)koordinierte, internationale Alzheimer Präventionsstudie mit Omega 3 und B-Vitamin sollte man beachten, da bereits nach zwei Jahren keine Überschneidung mehr mit den Patienten bestand die Placebo erhalten haben.
Es gibt also eine Präventionstherapie – was wichtig wäre bei familiärer Häufung !
https://idw-online.de/de/news683741

Und mir scheinen die Arbeiten zu Autoimmunerkrankungen von Trevor Marshall hierzu sehr interessant, weil sie einen Erklärungsansatz für die antibakterielle Wirkung des Betaamyloids liefern.
http://www.trevormarshall.com
dort arbeite man sich durch die Papers. Sehr interessant und aufschlußreich.
Apotheker Christian Charissé

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