Die Thelarche zur Einschulung

17. Dezember 2018

Unlängst sorgten die Ergebnisse einer Studie für Aufregung: Kosmetika, die während der Schwangerschaft benutzt werden, sollen bei Töchtern zu einer früher einsetzenden Pubertät führen. Kann das wirklich die Erklärung für den schon lange beobachteten Trend sein?

Erhebungen zeigen, dass sich das Alter der Geschlechtsreife im Laufe der Jahrzehnte deutlich verschoben hat und auch noch weiter verschiebt“, sagt Beverly Kugler in einer Meldung. Sie ist die ärztliche Leiterin der Online-Arztpraxis DrEd in Deutschland. „Heute bekommen Mädchen im Schnitt mit 13 Jahren ihre erste Regelblutung – 1920 lag das Durchschnittsalter noch bei knapp 15 Jahren.“ Gegenüber DocCheck bestätigt die Kinderärztin und Endokrinologin Prof. Bettina Gohlke aus Bonn: „Wir beobachten seit mehreren Jahren einen grenzwertig frühen Pubertätsbeginn, das heißt eine Thelarche (Entwicklung der weiblichen Brust) bei Mädchen schon mit 7 bis 9 Jahren.“ Woran kann das liegen?

Umweltfaktoren liefern Erklärungen

„Der relativ kurze Verlauf der Pubertäts-Vorverlegung macht den Einfluss von Genen sehr unwahrscheinlich“, so Gohlke weiter. „Daher müssen vor allem veränderte Lebensbedingungen wie die Umwelt, die Ernährung, etc. als ursächlich angenommen werden.“ Unbestritten sei, dass die Adipositas bei Mädchen zu einem früheren Pubertätsbeginn führe, aber auch endokrine Disruptoren würden diskutiert. „Diese Stoffe haben verschiedene östrogenartige oder antiandrogene Auswirkungen, wobei die meisten Daten hierzu erst in Tiermodellen erhoben wurden und die wenigen Untersuchungen am Menschen noch kontrovers diskutiert werden“, berichtet Gohlke. „Die Ergebnisse sind oft widersprüchlich, so dass kein eindeutiger Zusammenhang zu bestimmten Inhaltsstoffen hergestellt werden kann.“

Chemikalien auf der Goldwaage

Genau hier setzt Kim G. Harley von der University of California, Berkeley, an. Sie wollte wissen, ob die Erkenntnisse auch für Menschen gelten. Deshalb hat sie Daten einer longitudinalen Kohorte mit 338 Kindern ausgewertet. Deren Mütter wurden zwischen 1999 und 2000 in die Studie aufgenommen. Toxikologen bestimmten im Urin aller Schwangeren Monoethylphthalat, Monobutylphthalat, Monoisobutyl-hthalat, Methyl- und Propylparaben sowie Triclosan, Benzophenon-3 bzw. 2,4-Dichlorphenol und 2,5-Dichlorphenol. Urinproben ihrer Kinder wurden ebenfalls untersucht, als diese neun Jahre alt waren. „Wir wissen, dass einige Stoffe aus Pflegeprodukten in unseren Körper gelangen, entweder weil sie durch die Haut gehen oder weil wir sie einatmen oder weil wir sie versehentlich aufnehmen“, schreibt Harley.

Um zu bestimmen, wie schnell die Pubertät voranschreitet, zog Harley die Tanner-Stadien heran: Sie dienen der Stadieneinteilung von körperlichen Entwicklungsmerkmalen während der Pubertät. Sie klassifizieren die Entwicklung der Schambehaarung (Pubarche), der weiblichen Brust (Thelarche) und des männlichen Genitales (Gonadarche).

Tatsächlich standen hohe Monoethylphthalat-Werte während der Schwangerschaft mit einer früheren Entwicklung der Schamhaare bei Töchtern in Verbindung. Verglichen mit einer wenig belasteten Gruppe lag der Unterschied bei sechs Monaten. Viel Triclosan im Urin der Mutter war mit einer knapp fünf Monate früheren ersten Menstruation verbunden. Bei Jungen fanden Wissenschaftler keine Assoziation mit der vorgeburtlichen Chemikalienexposition. Die Arbeit liefert neue Erkenntnisse zur Bewertung von Chemikalien, hat aber auch ihre Schwächen.

  • Harley zeigt mit der Kohorte Assoziationen, aber keine Kausalitäten auf.
  • Denkbar wäre, dass externe, unbekannte Faktoren eine frühere Pubertät ausgelöst haben und Kosmetika inklusive Chemikalien nur eine Folge davon waren.
  • Weitere Risikofaktoren für eine frühe Pubertät wie der Body Mass Index oder Medikamente werden nicht berücksichtigt.

Das Rätsel um die Pfunde

Außerdem vermuten Forscher, dass Adipositas die sexuelle Reifung beschleunigt – ein durchaus relevanter Aspekt: Laut KiGGS-Studie bleibt die Prävalenz von Übergewicht (15,4%) bzw. für Adipositas (5,9%) bei Kindern und Jugendlichen auf hohem Niveau.

Wenyan Li von der Chongqing Medical University hat im Rahmen einer Review und Metaatalyse 11 Kohortenstudien mit 4.841 Probanden ausgewertet. Dabei entsprach die Gewichtseinteilung den aktuellen WHO-Definitionen. Im Vergleich zu normalgewichtigen Mädchen bestand bei adipösen Teilnehmerinnen ein 2,44-faches Risiko, früher in die Pubertät zu kommen. Das bedeutet, normalgewichtige Mädchen kommen im Vergleich zu adipösen Mädchen vier Monate später in die Pubertät. Stark untergewichtige Mädchen mussten acht Monate länger warten.

Hier kommen westliche Ernährungsgewohnheiten zum Tragen. Li fand für Jungen keine statistisch signifikanten Zusammenhänge. Auch eine Veröffentlichung von Joyce M. Lee, sie arbeitet an der University of Michigan in Ann Arbor, lieferte wenig Erhellendes zur Assoziation von Übergewicht bzw. Adipositas und dem Pubertätsbeginn bei Jungs.

„Das liegt vor allem daran, dass die Datenerhebung bei Mädchen sehr viel einfacher ist“, erklärt Gohlke, die Kinderärztin und Endokrinologin aus Bonn. Ärzte können bei Mädchen das Alter bei der Menache erfragen. Auch die Thelarche und die Pubarche sind gut bestimmbar. „Demgegenüber ist für die Festlegung des exakten Pubertätsbeginns und -fortschritts bei Jungen das Messen des Hodenvolumens nötig“, erklärt Gohlke. In dem sensiblen Alter sei es schwer, ausreichend viele Studienteilnehmer zu finden. Allerdings gebe es Hinweise, dass der bekannte Trend bei Mädchen hinsichtlich des Pubertätsbeginns bei Jungen nicht so ausgeprägt sei.

Bittere Pillen

Bei den Umweltfaktoren spielen neben Chemikalien oder BMI-Werten auch Arzneistoffe eine Rolle. Andreas Ernst von der Aarhus University wollte wissen, ob das häufig verkaufte OTC-Analgetikum Paracetamol hier eine Rolle spielt. Er hat Daten einer Kohorte mit 15.822 Geburten ausgewertet. 54 Prozent aller werdenden Mütter gaben an, mindestens einmal in ihrer Schwangerschaft Paracetamol eingenommen zu haben. Ab dem 11. Lebensjahr kamen Informationen über die Entwicklung des Nachwuchses mit hinzu. Auch Ernst arbeitete mit den Tanner-Stadien. Er bemerkte nur bei Mädchen mit pränataler Exposition Unterschiede. Typische Zeichen wie die ersten Schamhaare, Achselhaare und der Entstehung von Akne traten 1,5 bis 3 Monate früher auf als bei der Kontrollgruppe ohne Paracatamol. Jungs waren davon nicht betroffen. Wie kann das sein?

Möglicherweise beeinflusse Paracetamol die Androgenproduktion in der frühen Embrynoalphase nur bei Mädchen, schreibt der Forscher. Hier ist die Nebennierenrinde Ort des Geschehens, bei Jungs sind es v.a. die Leydig-Zellen des Hodens. Bleibt als Schwäche, dass die Arbeit nur Assoziationen und keine Kausalitäten zeigt. Viele Informationen wurden über Fragebögen erfasst, was mit einem großen Bias verbunden ist. Laien irren sich bei Befragungen eben oft.

Frühe Pubertät, viele Risiken

Bleibt als Fazit: Dass die Pubertät früher einsetzt, steht außer Frage – auch wenn die Gründe in vielen Fällen noch nicht wirklich klar sind. „Na und“, könnte man jetzt denken. Doch die zeitliche Verschiebung bleibt nicht ohne Folgen:

  • Einer Befragung mit insgesamt 1.000 Teilnehmern zufolge hat die Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2010) ihr erstes Mal deutlich früher als andere gesellschaftliche Generationen (16,2 versus 17,3 Jahre). Für Eltern, Kinderärzte und Gynäkologen bedeutet das, eher als bisher mit der Aufklärung zu beginnen. Zwischen 27 und 32 Prozent hatten beim letzten Geschlechtsverkehr kein Kondom verwendet.
  • Das frühere Einsetzten der Pubertät ist mit höheren Risiken assoziiert, an Adipositas, Typ 2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmten Krebsarten zu erkranken.
58 Wertungen (4.26 ø)
Bildquelle: Zun Zun, pexels / Lizenz: CC0

4 Kommentare:

Medizinischer Fachhändler

So langsam erreicht das Niveau hier FOCUS Standard…

Traue keiner Statistik….

#4 |
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Ist eine, wenige Monate eher einsetzende Pubertät wirklich ein Risiko?

#3 |
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Matthias Zepper
Matthias Zepper

“Because the analysis was originally conducted for quantification of bisphenol A only, rather than personal care product chemicals, a number of samples had biomarkers with concentrations above the highest calibration, including prenatal samples for 128 mothers […] For concentrations above the highest standard, we substituted with the highest calibrator used […]. Concentrations below the LOD were substituted with the instrument-read value or a random value LOD […]”

Hier ist schon mal ein Problem: Wenn bei rund 30% aller Werte der Mütter insgesamt ein fiktiver Wert eingesetzt wird, weil außerhalb des kalibrierten Messbereichs, dann ist eine vernünftige Schätzung der Stichprobenvarianz nicht mehr möglich, was alle anschließenden Tests beeinflusst.

“Urinary biomarker concentrations were divided by creatinine concentrations to correct for urinary dilution”

“For prenatal exposure, we used the average of the creatinine-corrected concentrations in the two pregnancy urine samples”

Ferner sollte hinterfragt werden, ob diese Art der Normalisierung genutzt werden kann, da sich die Physiologie der Niere während der Schwangerschaft stark verändert (PMID: 23928384). Ob eine Mittelwertbildung über zwei Messwerte, die irgendwann zu undefinierten Zeitpunkten während der Schwangerschaft genommen wurden, eine aussagekräftige Datengrundlage für eine Abschätzung der tatsächlichen Exposition bildet halte ich zumindest für fraglich.

Des Weiteren hat die Studie die Benutzung von Kosmetika gar nicht explizit untersucht oder erfasst. Parabene beispielsweise werden als Konservierungsstoffe auch in Lebensmitteln eingesetzt. Ein Hinweis auf Kosmetika als Quelle der Parabene könnte beispielsweise das Verhältnis von Methylparaben zu Propylparaben sein. Bei den mütterlichen Proben lag es noch bei 4:1, bei den Kinden schon bei 9:1. Beide werden in vergleichbaren Konzentrationen eingesetzt, Methylparaben allerdings schon damals häufiger (PMID: 7720367) und heutzutage sowieso – in der EU ist Propylparaben beispielsweise seit 2014 in Babypflegeprodukten verboten.

Zusammengefasst: Interessantes Paper mit einigen methodischen Schwächen, die sich hauptsächlich daraus ergeben, dass man hier Proben, die niemals für diesen Zweck gesammelt wurden nachträglich entsprechend untersucht und ausgewertet hat. Schade ist, dass unklar bleibt, ob es Unterschiede im Gehalt von Bisphenol A gab (ebenfalls ein endokriner Disruptor), denn dafür wurden die Proben ja schließlich ursprünglich gesammelt und das sollte dann ggfs. in die Modelle mit einbezogen werden.

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Matthias Zepper
Matthias Zepper

“Because the analysis was originally conducted for quantification of bisphenol A only, rather than personal care product chemicals, a number of samples had biomarkers with concentrations above the highest calibration, including prenatal samples for 128 mothers […] For concentrations above the highest standard, we substituted with the highest calibrator used […]. Concentrations below the LOD were substituted with the instrument-read value or a random value

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