Notruf: Zögern unterm Weihnachtsbaum

21. Dezember 2018

An Weihnachten steigt die Zahl der Herzinfarkte, so eine schwedische Studie. Viele Betroffene zögern allerdings an Feiertagen die 112 zu rufen. Dadurch riskieren sie irreparable Schäden des Herzmuskels und sogar einen plötzlichen Herztod.

Bei neu auftretenden Brustschmerzen, die länger als fünf Minuten andauern, denken Betroffene und ihre Angehörige oft nicht an einen Herzinfarkt. Deshalb trauen sich viele wegen der Feiertage nicht, unter der Notrufnummer 112 den Rettungsdienst zu alarmieren. Stattdessen warten sie stunden- oder tagelang ab, ob die Beschwerden wieder von allein verschwinden. Notfallmediziner stehen dem Zögern vor dem Notruf 112 an Festtagen wie Weihnachten und Neujahr sowie an den Wochenenden kritisch gegenüber.

„Zögern Patienten bei Herzinfarkt oder akuten Brustschmerzen zu lange mit dem Notruf 112, riskieren sie ihr Leben“, warnt der Kardiologe Prof. Thomas Voigtländer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. „In dieser Verzögerung liegt die Gefahr, dass der Patient plötzlich Herzkammerflimmern bekommen, ohnmächtig werden und in wenigen Minuten am Plötzlichen Herztod versterben kann.“ Ebenso kann durch den Infarkt ein größerer Teil des Herzmuskels irreparabel zerstört werden. Der Patient entwickelt dadurch mölicherweise akut oder auch langfristig eine Herzschwäche. „Beim Herzinfarkt zählt deshalb jede Minute nach dem Prinzip: Zeit ist Herzmuskel.“

Weihnachten: Hochsaison für Herzinfarkte

Rettungsdienstleitstellen, Herznotfallambulanzen (Chest Pain Units/CPUs) und Notaufnahmen der Kliniken stehen auch an Feiertagen, in der Zeit zwischen den Jahren wie auch am Wochenende oder nachts rund um die Uhr bereit. „Deswegen besteht überhaupt kein Grund zur Scheu vor der 112“, versichert der Herzspezialist vom Cardioangiologischen Centrum Bethanien (CCB) Frankfurt am Main.

Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten schwedischen Studie – gestützt auf Registerdaten von über 280.000 Klinikaufnahmen wegen Herzinfarkts – lassen auf ein erhöhtes Herzinfarktrisiko u. a. an Weihnachten und Neujahr schließen. Besonders bei Menschen, die über 75 oder bereits chronisch krank sind (z. B. Diabetes, koronare Herzkrankheit). Diese Patientengruppe reagiert vermutlich besonders stark auf externe Trigger wie Stress.

„Wir können aus eigener Erfahrung bestätigen, dass insbesondere bei längeren Feiertagsphasen wie zum Beispiel den Weihnachtsfeiertagen häufiger Herzinfarktpatienten aufgenommen werden, die zu lange gewartet haben, bis sie den Notarzt mit dem Notruf 112 gerufen haben“, betont Voigtländer und warnt: „Dadurch steigt die Gefahr lebensgefährlicher Rhythmusstörungen und der Entwicklung einer bedeutsamen Herzschwäche.“

Der Herzinfarkt zählt zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland mit rund 50.000 Sterbefällen pro Jahr. Fast jeder vierte Herzinfarktpatient stirbt vor Erreichen des Krankenhauses.

 

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung der Deutschen Herzstiftung e.V./Deutschen Stiftung für Herzforschung.

 

Quelle:

Christmas, national holidays, sport events, and time factors as triggers of acute myocardial infarction: SWEDEHEART observational study 1998-2013

Moman A Mohammad et al; The BMJ, doi: 10.1136/bmj.k4811; 2018

12 Wertungen (4.67 ø)

1 Kommentar:

Dass in der Weihnachtswoche, zum Jahreswechsel, an Geburts- und Ehrentagen oder Jubiläen die Gefahr für einen Infarkt, einen Schlaganfall oder ein akutes Koronarsyndrom (ACS) deutlich erhöht sein können, kennen biografisch, psychiatrisch und bio-psycho-sozial erfahrene Haus- und FamilienärztInnen nur allzu gut.
Die Infarktrate ist nach der oben beschriebenen schwedischen Studie signifikant in der 51.-52. Kalenderwoche (KW) erhöht, an Heiligabend gegen 22 Uhr sgar um plus 37 Prozent!
Die Ess- und Trinkgewohnheiten  (Alkoholkonsum) gepaart mit Bewegungsmangel führen nicht nur bei Älteren mit bekannten KHK-Hochrisiko bereits über das Advents- bzw. Geburtstags-Kaffeekränzchen mit üppiger Sahnetorte, Christstollen oder Dominosteinen als Cholesterinbomben, viel zu langem Sitzen, mangelhaftem Bewegungsausgleich und ungewohntem nachmittäglichen Alkoholgenuss zum “Dominoeffekt” eines akuten Koronarsyndoms (ACS).
Wenn sich abends die Familie dann im „trauten Kreis“ zum hyperkalorischen Festessen mit noch längerem Sitzen und weiteren „geistigen“ Getränken trifft, werden oft mit vom Alkohol enthemmten Verstande und lockerer Zunge alte (Ab-)Rechnungen präsentiert, negative Familienschicksale aktualisiert, über Verluste, Trennungen, Tod, Sünden und Vergebung, Freude und Trauer diskutiert und alte Familienstreitigkeiten aufgewärmt.
Dann ist auch das Syndrom des „gebrochenen Herzens“ (“broken-heart-syndrome”) von der allgemeinen bio-psycho-sozialen Genese epidemiologisch möglich [„Takotsubo syndrome (TTS) is typically provoked by negative stressors such as grief, anger, or fear leading to the popular term ‚broken heart syndrome‘“]: European Heart Journal 2016, online 2. März
http://eurheartj.oxfordjournals.org/content/early/2016/02/19/eurheartj.ehv757
Mit dem Titel „Happy heart syndrome: role of positive emotional stress in takotsubo syndrome“ von J.R. Ghadri et al. wird das Ganze zum „Happy-Heart-Syndrome“ umfunktioniert:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26935270
Fest- und Ehrentage bedeuten für die Betroffenen nicht nur „Happy Hour”, sondern können auch ein „Heavy Aua“ mit sich bringen. Zumal zwischen „happy“ und „broken“ nach Studienerkenntnissen gar kein signifikanter Unterschied besteht [„There was no statistical significance for the respective complications between the two groups of ‚happy hearts‘ and ‚broken hearts‘. One-year survival was comparable between ‚happy hearts‘ and ‚broken hearts‘ (100% vs. 97.6 ± 0.9%, P = 0.52).“] So die Studienergebnisse.
In diesem Sinne “Fröhliche Weihnachten!”

#1 |
  0


Copyright © 2019 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: