Kein Retter in der Not

19. Dezember 2018

Im Rettungsdienst gibt es zur Zeit massive Probleme: Es fehlt qualifiziertes Personal. Die Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeiter sind teilweise unzumutbar. Kritiker warnen, die Qualität der Versorgung verschlechtert sich schleichend.

Der Rettungsdienst hat in Deutschland vielerorts die gleichen Probleme: Es fehlen Mitarbeiter und Rettungswagen müssen in der Garage bleiben. Wenn die Leitstelle es anordnet, muss abgekämpftes Personal auch nach 12-Stunden-Schichten noch Einsätze fahren. Teilweise wird ohne Pausen durchgearbeitet. Die Folge: Immer mehr Kollegen werden aufgrund der Überlastung krank. In manchen Regionen wird das Arbeitsrecht bereits regelmäßig verletzt, berichten Rettungskräfte aus Hessen. Wie konnte es soweit kommen? Und welche Auswirkungen hat dieser Zustand auf die Versorgung von Patienten? 

Ein kompletter Jahrgang fällt weg

„Seit über zwei Jahren wird das Personal ausgequetscht wie eine Zitrone“, sagt Matthias Wach, Notfallsanitäter aus Frankfurt. „Das wirkt sich massiv auf die Stimmung im Team aus.“ Hinter der beschriebenen Situation steckt ein grundsätzliches Problem: Seit 2015 wird durch neue Ausbildungsrichtlinien nicht mehr zum Rettungsassistenten ausgebildet. Die bisherigen Rettungsassistenten müssen jetzt eine zeitaufwendige Ergänzungsqualifizierung zum „Notfallsanitäter“ absolvieren – und können während dieser Zeit nicht eingesetzt werden. Die anspruchsvolle Ausbildung wird sich zwar vermutlich positiv auf die medizinische Versorgung auswirken. Problematisch ist aber, dass dadurch ein kompletter Jahrgang wegfällt.

Die Ausbildung zum Notfallsanitäter dauert nun drei Jahre, anstelle der zweijährigen Ausbildung zum Rettungsassistenten. Rettungssanitäter hingegen haben eine weitaus kürzere Ausbildung von ca. 16 Wochen in Vollzeit. Sie können den Personalmagel also fachlich kaum abfangen. Mit dem Notfallsanitätergesetz (NotSanG) können Rettungsassistenten noch bis zum 31. Dezember 2020 die neue Berufsbezeichnung erwerben. Bis dahin könnte sich die Personalkrise im Rettungsdienst weiter zuspitzen.

„Obwohl das entsprechende Gesetz schon seit über drei Jahren novelliert ist, gibt es in NRW nach wie vor keine flächendeckende Möglichkeit, diese Ergänzungsprüfung zu absolvieren“, schreiben die Johanniter in einer Meldung. Das Problem liegt nach den Johannitern in erster Linie bei den Krankenkassen, die sich weigern, für die entstehenden Kosten aufzukommen, obwohl der Gesetzgeber sie dazu anweist.

Rettungspersonal als überqualifizierte Taxifahrer

„In weiten Teilen ist der Fachkräftemangel hausgemacht, weil Politiker die Rahmenbedingungen nicht optimal gestalten“, sagt Marco K. König, erster Vorsitzender des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD). „Eigentlich hätten wir keinen Mangel an Notfallsanitätern, wenn man Kollegen richtig einsetzen würde.“ Personal, das primär für Notfälle ausgebildet ist, fährt später teilweise Patienten nach deren Entlassung vom Klinikum nach Hause, erzählt er. Hier müsse man sich fragen, ob Fachkräfte sinnvoller eingesetzt werden können.

Der Personalmangel hat Auswirkungen auf die Qualität des Rettungsdienstes: In verschiedenen Dienstbereichen fallen Fahrzeuge aus, im schlimmsten Fall erhöht sich die Wartezeit für Patienten. Ein Sprecher des Bayerischen Roten Kreuzes sagt, es gebe regelmäßig Beschwerden aus der Bevölkerung. Zur Zeit müssten fast 20 Prozent derjenigen, die einen Krankentransport anfordern, länger als eine Stunde ausharren.

Marion Schneider (Name geändert), Rettungsassistentin und Medizinstudentin, berichtet von ihrer Situation. Sie wurde in den letzten zwei Monaten von drei verschiedenen Hilfsorganisationen „förmlich angebettelt“ als studentische Aushilfe Dienste zu übernehmen. Sie befürchtet, dass eine schleichende Verschlechterung der Qualität der Notfallversorgung im Gange ist. „Mein Eindruck ist, dass auf manchen Wachen zeitweise jeder eingestellt wird, der fehlerfrei seinen Namen schreiben kann, damit die Autos irgendwie besetzt werden können.“ Dabei sind die Patienten eigentlich auf Personal mit medizinischem Fachwissen, großer Belastbarkeit und einem hohem Maß an problemorientiertem Denken angewiesen. „Die Bezahlung und die Wertschätzung sind im Verhältnis zu den Anforderungen allerdings sehr mäßig“, sagt Schneider.

Kopfprämien auf neues Personal

Um Rettungspersonal zu finden, werden mittlerweile Kopfprämien im vierstelligen Bereich auf neue Mitarbeiter ausgesetzt. Außerdem werben private Rettungsdienstunternehmen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen mit finanziellen Anreizen ab.

Der Rettungsassistent Heiko K. (Name geändert) sagt: „Im Bereich Köln-Bonn fehlt Personal. Mehrfach haben mich Mitarbeiter von Falck Deutschland nach Einsätzen angesprochen, ob ich nicht Interesse hätte, zu wechseln.“ Falck ist ein privates Rettungsdienstunternehmen. Für einen Wechsel seien ihm 3.000 Euro als einmalige Prämie angeboten worden. Der Werber selbst hätte bei Erfolg 1.000 Euro Bonus bekommen. Solche Abwerbeversuche sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Falck hat eine „Task Force“ gegründet, die mit den Prämien versucht, deutschlandweit an Mitarbeiter zu kommen, heißt es in einem Artikel im Generalanzeiger Bonn.

Ganz legale Steuertricks

Prämien sind nicht die einzige Idee, Fachkräfte zu rekrutieren. In einem mittlerweile gelöschten Facebook-Post, der DocCheck als Screenshot vorliegt, schrieb der Malteser Hilfsdienst gGmbH Rettungsdienst Frankfurt:

Sie haben Ihre 2.400-Euro-Übungsleiter-Ehrenamtpauschale für 2018 noch nicht aufgebraucht? Wir bieten für RettSan 20 Euro und für RettAss/NotSan 25 Euro pro Stunde (…). Das Geld gibt es brutto = netto ausgezahlt! Damit bekommen RettSan 240 Euro und RettAss 300 Euro für eine 12-Stunden-Schicht!“

Solche Botschaften klingen etwas zwielichtig. Ein Blick ins Gesetz zeigt, dass die Übungsleiter-Pauschale durchaus anwendbar ist, um Kollegen anzulocken. Laut Einkommensteuergesetz (EStG) §3 Nr. 26 bleiben alle Einnahmen aus nebenberuflichen Tätigkeiten als Übungsleiter, Ausbilder, Erzieher, Betreuer oder aus der nebenberuflichen Pflege alter, kranker oder behinderter Menschen bis zur Höhe von insgesamt 2.400 Euro im Jahr steuerfrei. Die Verfügung S 2245 A – 002 – St 213 der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main präzisiert das Gesetz: Demnach profitieren Rettungssanitäter und -schwimmer, Notärzte in Rettungs- und Krankentransportwagen sowie Rettungskräften bei Großveranstaltungen ebenfalls von der Übungsleiter-Pauschale.

Marco K. König vom Deutschen Berufsverband Rettungsdienst (DBRD) will auf Nachfrage von DocCheck finanzielle Prämien als Anreiz für Fachkräfte nicht ausschließen. Auch ein Dienstwagen sei schon angeboten worden. „Grundsätzlich sind hohe Gehälter in der Branche jedoch schwierig“, sagt König. „Kommunen haben Tarifverträge, und sonstige Betreiber von Rettungsdiensten können auch nur mit Krankenkassen als Kostenträgern abrechnen.“ Hier gebe es keine so große Marge, um dauerhaft deutlich mehr Gehalt zu zahlen. Aber selbst im Bereich der Tarifbindung bestünden Anreize, zu wechseln. In Bayern gebe es je nach Tarifvertrag verglichen mit dem benachbarten Thüringen brutto bis zu 1.000 Euro Unterschied. 

Welche Maßnahmen ändern die Situation?

Die zugespitzte Lage hat allerdings bereits dazu geführt, dass Hilfsorganisationen bessere Verträge bieten. „Der Stundenlohn geht hoch, es werden eher unbefristete Verträge angeboten, mehr Fort- oder Weiterbildungen finanziert“, sagt Marion Schneider. Die Bundestarifgemeinschaft (BTG) des Deutschen Roten Kreuzes hatte sich im Sommer mit der Gewerkschaft Verdi auf Gehaltserhöhungen geeinigt. Für den Notfallsanitäter Matthias Wach war die Anpassung des Gehalts längst überfällig – kam aber wahrscheinlich zu spät. Er sagt, dass er nicht den Eindruck hat, dass Gehaltserhöhungen allein das Problem lösen werden. „Teambuilding, Werben um Mitarbeiter und mehr Wertschätzung sind meiner Meinung nach dringendere Maßnahmen.“

Die Lohnerhöhungen sind zwar ein Schritt in die richtige Richtung, packen das Problem aber nicht bei der Wurzel. Verdi kritisiert, dass Notfallsanitäter in einigen Gebieten wie Hessen aktuell bis zu 300 Überstunden pro Kopf angesammelt haben. Außerdem sollten Dienstpläne länger im Voraus rausgegeben werden. Im Moment wissen viele nicht, wie sie in drei Wochen arbeiten müssen und wann sie frei haben. Solange sich an diesen Bedingungen nichts ändert, werden Rettungsdienste wohl weiterhin Probleme haben, ihre Wagen zu besetzen.

 

Mitarbeit am Artikel: Michael van den Heuvel

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Bildquelle: Anthony Majanlahti, flickr / Lizenz: CC BY
Gesundheitspolitik, Medizin

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10 Kommentare:

Rettungssanitäter

Guten Tag Frau Betz, ich denke mit Ihrer saloppen Meinung helfen Sie hier leider niemanden. Vielleicht ist es im Schwabenland etwas anders… In den meisten Teilen Deutschlands stehen Rettungsmediziner hinter Ihren Aufgaben und verbinden somit Passion und Berufung. Weshalb äußern Sie sich hier in Kreisen wo alles bekannt sein dürfte. Wäre es nicht besser eine Petition oder besser öffentliche Klage an “Ihre Partei zu richten”.. Alles in allem, beste Grüße nach Stuttgart

#10 |
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Heilpraktikerin

Ganz ehrlich, mich wunderts das überhaupt noch ein Rettungsdienst da ist.
Ich kann mich Nr. 3 nur anschließen,
niemand macht freiwillig die Jobs im Gesundheitswesen!
Und die, die noch da sind, sind ausgebrannt und werden nur durch ihr persönliches Gewissen (ich möchte doch helfen, bin doch “wichtig”) zur Arbeit getragen. Ein bekannter Rettungssanitäter (ca. 55 Jahre), der mittlerweile in der Zentrale tätig ist, kam letztens vom Dienst und konnte kein Wort mehr sprechen.
Und so geht es mir meist auch, was soll man zu diesen Zuständen noch sagen?
Solange die Menschen, die etwas zu sagen haben, dies vom Schreibtisch tun und womöglich noch privatversichert sind, über uns “Machten”, solange wird sich nichts änder. Ich warte auf auf den Kollaps des Systems, die meisten die darin Arbeiten haben bereits ihren Prolaps.

#9 |
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Roland Wenzel
Roland Wenzel

Entscheidender Malus derzeit ist doch die Tatsache, dass in den meisten Rettungsdiensten die Weiterbildung des RettSans / RettAss zu einem NotSan eben nicht berufsbegleitend und kostenneutral angeboten wird. Wie soll das funktionieren, nach vielen Jahren im Beruf plötzlich wieder für eine lange Zeit mit einem Lehrlingsgehalt klar zu kommen? Solange das nicht zugunsten der jetzigen RettSans + RettAssis geregelt ist, braucht niemand über Personalmangel oder Qualifikationsprobleme im Rettungsdinst zu lamentieren. Die Rettungsdienstträger werden das aber vermutlich nicht freiwillig in Angriff nehmen…

#8 |
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Rettungssanitäter

Guten Tag, alles sehr grausam diese Entwicklung im 21-Jahrhundert. Wertvolles Arbeitspotenzial wird gewissermaßen verheizt. Menschen wie du und ich brennen aus.. Es nutzen keine ewigen Verlautbarungen in einzelnen Sektionen. Entweder machen sich alle stark oder agieren in kleinen Gruppen mit Ideen bildenden Maßnahmen. Mein Vorschlag, bin selbst aus DDR Zeiten im Gesundheitswesen gefahren, heute mit 58 Jahren durch regelmäßige Weiterbildungen zum Fachdozent im Rettungsdienst qualifiziert, hätte genug Motivation im Großraum Sachsen mit einem erfahrenen RettSan / NotSan & Praxisanleiter – Befähigung, eine RettSan Ausbildungsstätte zu eröffnen, um am ANFANG – anstatt in der Mitte der richtig erkannten strukturellen Problembewältigung zu beginnen. Bei echtem Interesse an einer Zusammenarbeit meine http:// firstaideducation.de

#7 |
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Rettungsassistent

Weiterqualifizierung zum NotSan unter Bedingungen die vom Gesetzgeber mal so durchgewunken wurden. Ich hinterfrage dies! Ein Arzt studiert Jahre! Die Anforderung dieses Berufszweiges kurzum mal in 80 Std. Kurs jemandem zu vermitteln der auch noch unter berufl. Dauerstress steht, dessen Kollegen die Zeit der fortzubildenden Kollegen mit übernehmen müssen, Erfolgsdruck für MA die diese Weiterbildung vlt.selbst nicht wollen aber bei Verzicht berufl. finanzielle Einbußen, Repression fürchten….. und am Ende steht ein Patient der mit überforderten Persönlichkeiten zurechtkommen “muss” . Was für ein Schwachsinn. Gesetze werden geändert ohne abzusehen welche Konsequenzen das haben kann. Für mich hausgemachter Fachkräftemangel. Aber wozu?

Wenn man die weiteren Kommentare hier liest scheint es naheliegend zu sein, dem Rettungsdienst den Rücken zu kehren.

#6 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Es brennt im Gesamten Gesundheitssystem, würde das Geld das Durch Konzerne und Pharmaindustrie ( Also deren exorbitanten Gewinne) Reinvestiert, und würden die Krankenkassen das Geld ihrer versicherten in die Versorgung der selbigen Investieren, dann würden für alle an der Gesundheitsversorgung beteiligten die Bedingungen besser werden und damit die Versorgung der Bevölkerung.
Aber weihnachten ist die Zeit der Wünsche und träume, deswegen darf man doch einmal davon träumen das die Bevölkerung vielleicht mal begreift, das es für sie schon lange ums eingemachte geht :-)

#5 |
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Und wo brennts noch? – Bei den Hausärzten, die durch die Politik reihenweise in Demotivation getrieben werden, wenn sie nicht ohnehin ihre Praxen schon beendet haben.

#4 |
  6
Gesundheits- und Krankenpfleger

Wo ist das Problem ? Herr Spahn rettet doch schon das ganze Jahr die Welt, mit viel heisser Luft.
Mal Gehälter in den Berufen die regelmäßig leben retten und bei denen die Bevölkerung mal begreifen sollte das sie nen ernstes Problem bekommt.
Brutto, is kla :-)
Rettungssanitäter 1900-2500
Rettungsassistent 2000-2600
Krankenpflege 1400-2600
Altenpflege 1400 -1900
Dies bei einem Knochenjob über 3 Schichten
Davon ziehen wir mal die Mieten, Strom, Spritt, Heizung und notwendige Versicherungen ab.
Also liebe jungen Leute….. wenn ihr euch kaputt schuften wollt, die meißten Sozialen Kontakte verlieren wollt und das alles um in der Nähe des Existenzminimums zu leben.
DANN und nur dann ist dies der Richtige Beruf fürs Leben.
Die Krankenkassen Horten das Geld ihrer versicherten und solange es in diesen Berufen keine anständigen Gehälter gibt wird es auch nicht besser werden.
Es wird nicht besser werden, solange die Bevölkerung nicht den Notwendigen Druck auf die Regierung ausübt, da hilft auch kein Heissluft-Gebläse wie Herr Spahn.

#3 |
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Sonstige

Der Rettungsdienst ist ja nicht der einzige Gesundheitszweig mit einem Fachkräftemangel. in der Pflege und in der Physiotherapie ist es genauso, ebenso wie bei Lehrern und Erziehern.
Und ebenso mitschuld sind die Krankenkassen, die nicht genügend Honorar zahlen, um die Mitarbeiter adäquat für Ihre leistungen zu bezahlen.
Warum nur werden nicht genügend Rettungssänitäter oder -helfer kurz ausgebildet, um Krankentransporte durchzuführen. Müssen dies wirklich hochqualifizierte NotSans machen? Das ist doch das Gleiche wie in der Pflege. Eine Krankenschwester muss nicht unbedingt Essen verteilen. Sie kann (und muss) höher qualifizierte Tätigkeiten durchführen, während Hilfspersonal ebenso wichtige, aber einfachere Tätigkeiten durchführen kann.
Hier ist jahrelang geschludert worden und so allmählich bekommen wir die Quittungen dafür.

#2 |
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Ein sehr gute Zusammenfassung!
Leider wurde in den vergangenen Jahrzehnten unser eingebrachter Idealismus systematisch eingekerkert und letztendlich zerstört. Durch viele “richtig” gemeinte Verordnungen und Gesetze. Das will man sich letztendlich in der jetzigen Form freiwillig nicht mehr antun.

#1 |
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