Die Zu-Früh-Rentner

21. Oktober 2009
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Jüngere Patienten mit chronischen Schmerzen sehen - im Sinne von Funktionseinschränkungen - schön alt aus. Sie entsprechen oft alten Menschen, die schmerzfrei leben. Funktionell hat ein 50-Jähriger mit chronischen Schmerzen das Alter eines Achtzigjährigen.

Täglich Schmerzen zu erleiden, fordert nicht nur psychisch seinen Tribut, auch körperlich schränken chronische Schmerzen Patienten häufig stark ein. Wie stark, können andere oft kaum ermessen und interpretieren die Einschränkungen chronisch Schmerzgeplagter nicht selten schlicht als Gejammer. Eine Objektivierung funktioneller Einschränkungen, die mit chronischen Schmerzen verbunden sind, ist den meisten auch kaum möglich.

30 Jahre vorgealtert

Berichten jüngere Schmerzpatienten, sie fühlen sich wie 70-Jährige, stimmt diese Einschätzung jedoch häufig recht genau. Denn sie sind zwei bis drei Jahrzehnte älter als ihr tatsächliches Alter glauben macht. Dies zeigen Untersuchungen des Geriaters Kenneth Covinsky der Universität von Kalifornien an Schmerzpatienten. Die Leistungsfähigkeit von 50- bis 59-jährigen Schmerzpatienten entspricht demnach Senioren, die 80 bis 90 Jahre alt sind, aber schmerzfrei sind. Von diesen waren immerhin noch vier Prozent in der Lage, über 1,5 Kilometer zu joggen, und über die Hälfte der Betagten schaffte es mühelos, einige Häuserblocks zu umrunden (J Am Geriatr Soc 2009; 57: 1556-1561). Was für Neunzigjährige allerdings eine beeindruckende Leistung ist, kommt bei 50 oder 60 Lenzen eher einem Armutszeugnis gleich.

Auch nach Berücksichtigung von soziodemografischen Faktoren, Komorbiditäten, Depressionen, Fettleibigkeit und Gesundheitsverhalten hatten Schmerzpatienten ein stark erhöhtes Risiko für funktionelle Einschränkungen.

Schmerzdefinition auf subjektiver Basis

Bei den untersuchten über 18.500 Teilnehmern der 2004 Health and Retirement Study, einer nationalen repräsentativen Untersuchung an 50-jähigeren und älteren, selbständig lebenden Personen, war signifikanter Schmerz als Schmerz definiert, der in der meisten Zeit vorhanden und moderat bis stark ist sowie als häufig belastend erlebt wird. Untersucht wurden Fähigkeiten in vier Domänen: Mobilität, Treppen steigen, Funktion der oberen Extremität und Aktivitäten des täglichen Lebens.

37 Prozent der 50- bis 59-Jährigen ohne Schmerzen konnten eine Meile joggen, 91 Prozent umwanderten mehrere Häuserblocks und 96 Prozent wenigstens einen Block. Unter Schmerzen joggten nur neun Prozent der Teilnehmer eine Meile, gingen nur 50 Prozent ohne Schwierigkeiten um mehrere Blocks und 69 Prozent um einen einzigen. Ihre Mobilität entsprach der alter Menschen. Wenn auch sich Funktionseinschränkungen im Verhältnis zum Alter bei Schmerzpatienten mit zunehmendem Alter etwas anglichen, waren sie auch noch in hohem Alter vorhanden.

Schmerz-Funktionsverlust als Circulus vitiosus

Nach Kenntnis von Covinsky ist dies die bislang erste derartige Untersuchung, die Schmerzen ins Verhältnis zur Alterspanne setzt. Trotz Grenzen der Studie – dies sind das Querschnittsdesign und die Probleme, die der Definition des Begriffes Schmerz in dieser Untersuchung innewohnen – lässt das Ergebnis einige Erkenntnisse zu. Die genauen Ursachen und Wirkungen beim Thema sind unklar. Wahrscheinlich bedingen sich Schmerzen und Funktionseinschränkungen jedoch gegenseitig, und ein Problem verschlimmert das andere, sodass eine Abwärtsspirale in Gang kommt. Deutlich wird, dass es sich bei Schmerzen und Funktion nicht um trennbare Prozesse handelt, die einzeln zu behandeln sind.

Kovinsky betont die Bedeutung der Erfassung von Schmerzen und funktionellen Einschränkungen, von Schmerzmanagement und wirksamen Therapien. Doch ist es damit nicht getan, weitere Faktoren spielen eine große Rolle: Viele Schmerzpatienten weisen eine therapiebedürftige Komorbidität auf. Durchschnittlich haben Schmerzpatienten neben der Schmerzdiagnose weitere Diagnosen an fünf verschiedenen Organsystemen. Sie nehmen durchschnittlich sieben Medikamente ein. Wechselwirkungen sind kaum zu überschauen, ergab eine vor einigen Jahren durchgeführte Untersuchung der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e. V. (DGSS), veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Der Schmerz“ (2003; 4: 252-260). Darüber hinaus sind die meisten Schmerzpatienten überzeugt, Schonung und Ruhe sei die beste Medizin.

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Allgemein

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6 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpfleger

Guten Tag Frau Wahl,

der Beruf des Heilpraktikers in allen Ehren, bin ich trotzdem der Meinung, dass ein wirklich Erkrankter in FACHARZTHÄNDE und nicht zum Heilpraktiker gehört. Umsonst haben die Ärzte nicht ein ellenlanges Studium und eine langwierige Facharztausbildung absolviert.

Weiter können viele der Patienten in der heutigen Zeit kein Geld für irgendwelche Therapien ausgeben, weil ihnen die finanziellen Mittel fehlen. Auch glaube ich kaum, dass ein Patient mit einer hefigen Fibromyalgie mit Bachblüten wirklich schmerzfrei wird. Die betroffenen Patienten können dies mit Sicherheit bestätigen.

Meiner Meinung und meiner Erfahrung nach werden die besten Erfolge erzielt, wenn die Fachärzte hier eng zusammen arbeiten und vor allem den Patienten ernst nehmen. Neben der medikamentösen Therapie ist allerdings die Physiotherapie ein weiterer hilfreicher Meilenstein, um so optimal wie möglich zu therapieren.

Auch wenn mich jetzt die Heilpraktiker in der Luft zerreissen… Heilpraktiker werden kann jeder, sogar unser langjähriger Müllmann hat die Heilpraktikerschule erfolgreich besucht… Medizin studieren und ausüben nicht. Ich persönlich würde niemals bei einer ernsthaften Erkrankung einen Heilpraktier aufsuchen, denn wie oft der Heilpraktiker seine Kompetenzen u. U. überschätzt, möchte ich an dieser Stelle gar nicht drüber nachdenken.

Nicht böse sein, aber das ist meine Meinung. In diesem Sinne lieben Gruss aus Düsseldorf

B. Schlomann-Schmitter

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Ursula Wahl
Ursula Wahl

Ich (nr 5) nochmal. Vom Grundberuf her bin ich Physiotherapeutin und habe ausreichend Erfahrung mit Fibromyalgie und anderen chronischen Schmerzpatienten. Zumindest zu “besseren” Zeiten haben Ärzte des Physios die Patienten geschickt, bei denen sie selbst nicht weiterkamen. In neuerer Zeit wird der Patient bevor er zu einer weiteren Fachkraft geschickt wird erst einaml mit Magnetfeldbehandlungen bearbeiten, die der patient meist selbst bezahlen muss (zwischen 300 und 700 Euro pro Serie) Erfolg gering.
DIe Schmerzpatienten unter ihnen wissen wo von ich rede.
Als ich zur Seite der HP`s gewechselt habe stellte ich fest, dass z. B. Migräne Patienten VORHER sagten “Ich würde alles tun um schmerzfrei zu werden” letztendlich würden sie aber kein Geld bei einem NICHTArzt ausgeben, nicht aufhören zu Rauchen (nur wenn sie vorher schon wüssten, dass es mind. 100 % besser wird), und vor allem KEINE Ernährungsumstellung, denn ich habe schon genug Probleme.
Seit 4 Jahren betreue ich eine Fibromyalie Patientin, mit zugegebenermassen wenig Erfolg. Bei allem klassischen was ich erlernt habe. Nun habe ich mich auf wirklich UMWISSENSCHAFTLICHES Gebiet begeben und sie mit Bachblüten therapiert – Sie ist seitdem schmerzfrei. Was soll ich sagen? Scheinbar sollten wir alle mal über den Tellerrand schauen, allein zum Wohle des Patienten. Pro Sitzung verdiene ich jetzt nicht mehr als 10 ¿, alle HyperInfusionen brachten der Patientin nichts mir dafür doch mind. 40 ¿… Wie Willst du dein GEld verdienen, liber Kollege?

#5 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Guten Tag,

auch ich bin Schmerzpatient, mit Rheuma ist das auch kein Wunder. Auch ich habe zum Ausbruch meiner Erkrankung eine Odyssee hinter mich bringen müssen, bis ich endlich an eine Schmerztherapeutin geriet. Sie setzte in Zusammenarbeit mit meinem Rheumatologen und Orthopäden alle Schmerzmedikamente ab und stellte mich auf Morphin ein. Meine Lebensqualität aufgrund meiner Morphin-Einnahme stieg wieder an, ich war sogar zeitweise in der Lage, das Morphin abzusetzen. Leider holt durch Schübe diese Erkrankung immer wieder ein, aber durch intensive Betreuung meiner Schmerztherapeutin liess meine Lebensqualität nie ins “Nirvana” absinken.

Nach wie vor verstehe ich nicht, dass sich Ärzte die sich nicht intensiv mit der Schmerzbehandlung befassen, sich so schwer tun, ihre Patienten in die richtigen Hände zu überweisen, denn der Schmerztherapeut kann manchmal Berge versetzen.

Im übrigen hatte ich keine Entzugssymtomatik in meinen morphinfreien Phasen, ein Grund mehr, genau zu überlegen, welche Schmerzmedikamente man dem Patienten verabreicht.

Lieben Gruss aus Düsseldorf

B. Schlomann-Schmitter

#4 |
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Der Beitrag einschließlich Kommentare ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil er die Ursachen komplett ignoriert und therapeutisch auf “7 Medikamente” reduziert ist.
Bemerkenswert ist weiterhin der Vergleich mit der “Alterung”, der eigentlich solche kausalen Fragen bereits teilweise beantwortet.
Denn hohes Alter ist keineswegs selbstverständlich, sondern eher eine Selektion von Menschen ohne Medikamenteneinnahme.
Bewegung ist dabei ein wichtiger Prognosefaktor, weil die Muskulatur wichtig für den Gesamtstoffwechsel ist. Der Zustand des Oberschenkelmuskels (Muskelbiopsie) korreliert bei alten Menschen mit der Lebenserwartung.
Das schliesst allerdings ein langes Leben auch bei chronischer Erkrankung nicht aus.

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Ursula Wahl
Ursula Wahl

Der SCHMERZ und die MEDIZIN. Im Prinzip kann ich meinem Gegenüber den Schmerz nur glauben – nicht nachweisen. Aber das GLAUBEN ist ja nicht wissenschaftlich. Trotzdem bringt die WISSENSCHAFT eine Menge an Schmerzmedikamente auf den Markt und verdient gut daran. Chronische Schmerzpatienten, die ihr HEil nur bei Kassenleistungen suchen müssen eben diese Mittel einnehmen, mehr wird oft nicht geboten. Leider. Dazu muss manchmal die WISSENSCHAFTLICHKEIT verlassen werden. Was man im Prinzip schon tut, wenn man ein Schmerzmittel einnimmt.

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Manfred Heinrich
Manfred Heinrich

Erst einmal sollte der behandelnde Gegenüber einen die Schmerzen glauben.
Dieses ist ein Grund dafür, dass viele Patienten Ärztehopping betreiben.
Nach ca. 5-8 Jahren nehmen diese Patienten nicht nur
6 – 10 verschiedene Medikamente ein, sondern haben auch 6 – 10 X ihre Behandler gewechselt.
Grund ist das gestörte Vertrauensverhältniss zwischen Arzt und Schmerzpatient.
Ist wie im Hamsterrad, Schmerz, Depression, Erschöpfung und Bewegungsmangel.
Und die Gefahr des Süchtigmachens, woran nicht nur die Patienten, sondern viele Unerfahrende Mediziner noch Glauben.
Was noch fehlt, ist Geduld.
Aber hierbei nicht nur von seitens des Patienten,
sondern auch des Mediziners.

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