Die Pille: Schlucken oder spucken?

22. Oktober 2009
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Frauen, die mit Hormonpräparaten verhüten, müssen mit Nebenwirkungen rechnen. Unregelmäßige Blutungen sind dabei nur eine der möglichen Folgen einer Versicherung gegen ungewollte Schwangerschaft. Welches Gut überwiegt?

Yaz bleibt wohl vorerst auf dem Markt. So wie ihre “Geschwister” Yasmin und Yasminelle ist die Pille wohl nicht gefährlicher als vergleichbare Verhütungsmittel. “Antibabypillen, die den Wirkstoff Drospirenon enthalten, sind im Risikobereich der anderen auf dem Markt erhältlichen Präparate. Das Risiko für Frauen, eine venöse Thromboembolie zu bekommen, ist wie bei allen Antibabypillen im ersten Jahr der Einnahme am stärksten erhöht.” Das sind die Ergebnisse der Überprüfung von kombinierten oralen Kontrazeptiva, die die Schweizerische Arzneimittelbehörde Swissmedic zu den Gefahren des kombinierten Östrogen-Gestagen-Präparats durchgeführt hat. Zehn Monate, nachdem eine 21-jährige Schweizerin mit der Einnahme der niedrig dosierten Pille begonnen hatte, starb sie Mitte September an einer Lungenembolie. Die Pillen von BAYER sind mit 1,2 Mrd. Euro im Jahr die größten Umsatzbringer der Firma.

Tod durch die Pille?

Wie diese Drosprirenon-Pillen gehören alle hormonellen Kontrazeptiva bis auf wenige Ausnahmen zur Gruppe der Kombinationspräparate mit einem Östrogen– sowie einem Gestagen-Anteil. Sie hemmen das Follikelwachstum, die Ovulation und die Gelbkörperbildung, gleichzeitig vermindern sie die Proliferation des Endometriums und steigern die Viskosität der Zervixschleims. Vor einem halben Jahrhundert eingeführt, haben immer neue Kombinationen und Dosierungen die Nebenwirkungen ständig verringert. Dennoch wurde 1981 im “Lancet” eine Analyse von Todesfällen im Zusammenhang mit der Pille veröffentlicht.

Im Laufe der „Pillen-Evolution“ reduzierten die Hersteller zunächst den Ethinylestradiol-Anteil von rund 50 auf 20-35 Mikrogramm und verringerten damit die Häufigkeit kardiovaskulären Nebenwirkungen wie Schlaganfall und Lungenembolien. 1995 stellten Studien ein etwa dreifach erhöhtes thromboembolisches Risiko für die Präparate mit der niedrigdosierten Gestagenkomponente Levonorgestrel fest. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte reagierte mit einer Gegenanzeige für Erstanwenderinnen unter 30 Jahren, die jedoch das Berliner Verwaltungsgericht auf Antrag der Hersteller im Jahr 1997 aufhob.

Thrombosen: Pille erhöht das Risiko, Schwangerschaft noch mehr

Immer noch streiten sich Experten um die Risiken hormoneller Verhütungsmittel der dritten Generation. Eine kanadische Studie errechnete vor einigen Monaten ein 4,8-faches Venenthrombose-Risiko bei den neuen Verhütern, für einen Schlaganfall ein 3,1-faches. Dagegen kommt es wohl auch mit Pille nicht zu mehr Herzinfarkten. Wer aber bereits anderweitig ein hohes Thromboserisiko hat, dem rät die WHO von dieser Art der Verhütung ab. Wahr ist aber auch: Wer nicht verhütet und schwanger wird, der trägt eine weitaus höhere Wahrscheinlichkeit für Thrombosen mit sich herum. Langzeit-Verhütung mit der Pille lässt die Gefahr wieder sinken. Nach etwa ein bis zwei Jahren ist sie kaum höher als bei Frauen ohne die tägliche Pille.

Aus der jahrelangen Diskussion um Krebsrisiken bei der Hormonersatztherapie wissen wir um die Gefährlichkeit bei Zufuhr externer Sexualbotenstoffe. 2005 stellte eine Arbeitsgruppe der WHO fest, dass “orale Verhütungsmittel karzinogen sind”. Zwar schützt die Pille wohl gegen ein Ovarialkarzinom, steigert aber die Häufigkeit von Zervix-, Brust- und Lebertumoren. Allerdings geht entsprechend einigen Daten das Risiko nach dem Absetzen der hormonellen Verhütung wieder zurück. Möglicherweise entdeckt der Arzt aber auch frühe Krebsstadien eher bei Frauen, die ihn wegen des Rezepts regelmäßig aufsuchen.

Macht Hormon-Verhütung fett?

Welchen Einfluss die Pille auf die Häufigkeit von Geschlechtskrankheiten hat, ist umstritten. Einige Daten weisen auf vermehrte Chlamydieninfektionen hin. Die meisten Studien nehmen dabei aber wenig Rücksicht auf die sexuelle Aktivität ihrer Teilnehmerinnen. Häufiger Partnerwechsel erhöht das Risiko, Schutz bei der Verhütung gewährt nur das Kondom.

Viele junge Frauen verzichten auf die hormonelle Verhütung, weil sie glauben, dabei rundlich und fett zu werden. Tatsächlich fördern Östrogene die Einlagerung von Wasser ins Gewebe. Neue Gestagene wie Drospirenon wirken diesem Effekt jedoch entgegen, sodass ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2008 zu dem Ergebnis kommt, dass Kombinationspräparate wesentlich weniger Einfluss auf das Körpergewicht als etwa Essensgewohnheiten haben.

Ein Bericht aus dem Jahr 2005 im “Journal of Sexual Medicine” will bei einer kleinen Studie mit rund 120 Frauen andere Spätfolgen der hormonellen Verhütung beobachtet haben. Nach dem Absetzen der Pille beobachteten Claudia Panzer und ihr Team aus dem amerikanischen Denver höhere Werte an Sex-Hormon-Binding-Globulin (SHBG). Die entsprechend niedrigen Testosteronwerte könnten dann, so die Autoren der Studie, zu “sexueller Dysfunktion” mit eingeschränkter Lust und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen.

Zervixkarzinom: Pille oder Partnerwechsel?

In Deutschland verhütet etwa die Hälfte aller Frauen mit Hormonen, rund 18% mit Kondom. Davon greifen vier von zehn aufgrund von Nebenwirkungen der Pille zum Latex-Verhüterli. In den letzten zehn Jahren haben sich diese Zahlen kaum verändert. Andererseits erreicht kaum eine andere Methode einen ähnlich hohen Schutz vor einer Schwangerschaft wie den der Pille. Da wesentlich mehr Frauen ohne festen Partner eine Befruchtung mit dem Hormonpräparat verhindern, könnten einzelne Risiken und Nebenwirkungen wie etwa jenes für das Zervixkarzinom auch auf häufigen Partnerwechsel zurückzuführen sein. Wirklich harte und unabhängige Daten gibt es dazu bisher kaum. Auch die Zulassungstudien zum neuesten Präparat, der Kombinations-Pille Qlaira mit einem körperidentischen Estradiol hat der Hersteller bisher nicht vollständig veröffentlicht.

Im Jahr 2007 verordneten deutschen Ärzte rund 370 Millionen Tagesdosen (DDD) an Kontrazeptiva mit durchschnittlichen Kosten von 34 Cent pro DDD. Die Verhütungspräparate mit Ethinylestradiol und Drospirenon – wie etwa YAZ – rangieren dabei in der Spitzengruppe der Umsatzbringer und reagieren sehr empfindlich auf Negativschlagzeilen wie den Zwischenfall in der Schweiz. Neben Swissmedic will daher Bayer auch eigene Untersuchungen zum Thromboserisiko seines Produkts anstellen. Genauso wichtig wie eine schonende Verhütung wird weiterhin die unabhängige Aufklärung junger Mädchen über Methoden, deren Sicherheit und mögliche Risiken sein.

107 Wertungen (3.93 ø)
Allgemein

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10 Kommentare:

Mona  Irmischer
Mona Irmischer

noch mal, was spricht denn in der ganzen Debatte gegen die Kupfer spirale?!?

keine Hormone,
kein vergessen,
5 Jahre Ruhe…

(bei mir ist es umgekehrt ich will von der Spirale wieder zurück zur Pille wegen der der reduzierten PMS Gefühlsschwankungen und reduzierten mestruations Schmerzen (super Nebeneffekt der Pille) aber wer keine Hormone will,.. dann ist Spirale doch super!)

#10 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Warum muss frau unbedingt Chemie zu sich nehmen? Das gute Präservativ ist in meinen Augen die beste Verhütungsmethode. Sie schützt nicht nur vor ungewollter Schwangerschaft, sondern auch vor ungewollten Krankheiten :)

#9 |
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es sollten primär die Möglichkeiten einer nicht hormonellen Kontrazeptionsmethode eruiert werden und mit der einzelnen Patietin besprochen werden wobei der Hinweis auf die Risiken einer hormonellen Kontrazeption unerläßlich ist.

#8 |
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Yvonne J. Zamofing
Yvonne J. Zamofing

Nachdem ich selbst lange Zeit die Pille nahm, später die Gebährmutter entfernen musste und nun eine Totaloperation der Brüste dank DCIS und einem offenbar, vermutlich oder wahrscheinlich daraus entstandenen HER2+ Tumor hinter mir habe und in meinen Recherchen überall und immer wieder auf Meinungen von Meinenden stosse, nur so viel zum Thema Ihrer Diskussion: “Die Pillen von BAYER sind mit 1,2 Mrd. Euro im Jahr die größten Umsatzbringer der Firma”! Frage: Welche sogenannt seriöse Studie hat ein Sample, dass gross genug für eine zuverlässige Prognose in meinem Fall und im Fall der Pille ist, das von einer Kranken- oder Gesundheitskasse unabhängig finanziert worden ist. Bei mir steht immer Novartis oder Roche darauf und das sind doch die, die Ärzte zu tollen Kongressen mit allem drum und dran einladen und denen dann offensichtlich im Gruppenzwang auch die Ärzte vertrauen. Schliesslich ist “man” ja auch immer in den gleichen Schulen gewesen und wie könnte man da noch weiterdenken. Glückseelig macht die Industrie nur die Masse und nicht der Einzelfall. Wie im Krieg muss man mit Verlusten rechnen, heisst deren Rechnung und ist nicht beseelt vom Einzelschicksal oder einer individuellen Lösung. Hätte ich mich diesem Gruppenzwang unterworfen und wäre der Sache nicht auf den Grund gegangen, ich wäre längst tot. Deshalb kann ich jeder Frau nur raten, hören Sie auf Ihren eigenen Körper und wenn immer möglich, lassen Sie sich nicht von geldgeilen und gierigen Managern (der Novartis-Chef verdient z.B. 30 Mio. Franken im Jahr und hat ganz offensichtlich seinen Schwur als Arzt längst vergessen!) beeindrucken. Übrigens, viele Naturvölker kennen Wurzeln zur Empfängnisverhütung ohne Nebenwirkungen. Weil die Stoffe auch in Mengen billig wären, haben sie auf dem Markt und in Bezug auf Studien (wer die bezahlt hat das Sagen) keine Chance. In meinem Krebsfall sind längst Alternativen bekannt und werden uns immer noch vorenthalten, weil eine Behandlung mit Herceptin etc. ein Vermögen bringt. Bei mir pro Infusion rund 3’000 Franken und meine gesamte Behandlung hat meiner Versicherung bereits ein Vermögen gekostet und den Ärzten längst den neuesten Porsche finanziert. Dabei habe ich trotz allem darauf geachtet, moralisch und ethische Ärzte zu finden, die mich als Mensch mit meinen persönlichen Anliegen und als “schwieriger Patient” ernst nehmen. Der Normalfall hat lieber gehorsame Arztpatienten oder hypochondrische Psychopatienten – die bringen am meisten Schotter in die Kasse und darum will niemand etwas mit persönlicher INTEGRITÄT daran ändern. Auch nicht die Verantwortlichen im Gesundheitswesen, die Krankenkassen und die Mehrheit der betroffenen Männer und Frauen – sie alle verschliessen die Augen vor diesen Fakten und lassen andere gar nicht zur unabhängigen Prüfung zu. Die grösste Eiterbeule in diesem miesen Spiel ist – man höre und staune – ausgerechnet die WHO! Ich hoffe nur, das noch zu meinen Lebzeiten ein Umdenken aufgrund der wirklichen Fakten stattfindet und Menschen endlich aufwachen.

#7 |
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Dr. med. Cecylia Giersig
Dr. med. Cecylia Giersig

Die Gleichstellung des Thrombose-Risikos für alle Antibabypillen (kombinierte orale Kontrazeptiva) basiert nicht auf aktuellem Wissenstand und verleitet zur Fehleinschätzung. Seit Jahren ist es unumstritten, dass die Pillen der 3. Generation (Desogestrel-haltige) ein doppelt so hohes Risiko trägt wie die Pillen der 2. Generation die z.B. den Wirkstoff Levonorgestrel beinhalten. Genau dies haben zwei kürzlich in BMJ publizierte Studien bestätigt(Lidegaard et al. 2009, van Hylckama Vlieg et al. 2009). In diesen Studien wurde ebenfalls festgestellt, dass Drosperinon-haltige Pillen (Yasmin, Yasminel, Yaz, Aida, Petibelle) nur ein geringfügig niedrigeres Thrombose-Risiko als die Pillen der 3. Generation tragen.
Nur bedingt richtig ist daher die folgende, in diesem Artikel zitierte Aussage von Swissmedic: ¿Antibabypillen, die den Wirkstoff Drospirenon enthalten, sind im Risikobereich der anderen auf dem Markt erhältlichen Präparate¿, da sie nur im Bezug auf die Pillen der 3. Generation jedoch nicht auf die der 2.Generation zutreffend ist. Im Klartext müsste es heißen: Das Thrombose-Risiko bei der Anwendung von Drosperinon-haltigen Pillen ist fast doppelt so hoch wie bei der Anwendung Levonorgestrel-haltigen Pillen.
Die Tatsache, dass zu Drosperinon-haltigen Pillen vergleichbare Zahlen von Thrombosen, Embolien und Todesfällen wie zu anderen Pillen wiederholt zitiert werden, dürfte nicht überraschend sein wenn man bedenkt, dass sich auf der Gegenseite der Waagschale zwangsläufig auch die durch Pillen der 3. Generation bedingten Ereignisse (Thrombosen, Embolien und Todesfälle) befinden. Mehr Klarheit dürfte daher nur eine differenzierte Analyse der Fälle der einzelnen Subgruppen erbringen.
Fraglich erscheint auch der Sinn des Vergleiches des Thrombose-Risikos zwischen Pillen und Schwangerschaft. Diese lenkt von dem eigentlichen Inhalt der Diskussion ab und ist keine Entscheidungshilfe für die Betroffenen.

Und schließlich noch ein kurzer Hinweis zum Kommentar 2.
Im Bezug auf das Thromboserisiko scheinen die Hormon-haltigen Implantate sicherer zu sein als die Pille. Dies hat auch eine der kürzlich publizierten Studien (Lidegaard et al. 2009) bestätigt. Bezüglich anderer Risiken schneiden sie jedoch wesentlich schlechter ab (siehe auch Giersig 2008).

#6 |
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Sabine Böker
Sabine Böker

Ich wollte den Artikel,s.u. nicht anonym schicken und grüsse somit alle DocCheck “Mitdiskutierer”
S.Böker
Heilpraktikerin

#5 |
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josef scheibl
josef scheibl

Sorry für die Tippfehler J.Scheibl

#4 |
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Medizinjournalist

Zu den Fragen: Meines Wissens hat hat Bayer-Schering sein Programm für die Pille für den Mann wieder aufgegeben. Ob aus Kosten- oder Marketinggründen (auf die z.B. Maderl hinweist) weiß ich nicht.

Zu Nebenwirkungen bei Implantaten und Nuvaring: Aus dem Jahr 2007 gibt es einen Cochrane-Review über vorhandene Studien, der auf keine erhöhten Risiken, sondern sogar auf verträglichere Wirkung als etwa Verhütungspflaster hinweist.
Auch Implantate (intrauterine Devices IUD) scheinen kein größeres Risiko zu besitzen außer möglichen Problemen beim Einsetzen.
Der Link zum Cochrane Review: http://www.cochrane.org/reviews/de/ab003552.html

Ausserdem gibt es noch einen schönen aktuellen Übersichtsartikel im British Medical Journal, auf den ich hinweisen möchte: http://www.bmj.com/cgi/content/full/339/aug07_1/b2895

#3 |
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Rettungssanitäter

Mich würde in diesem zusammenhang mal interessieren ob es schon neuerungen in Sachen Pille für den Mann gibt? Wann soll sie kommen oder gibt es vielleicht schon eine andere Verhütungsmöglichkeit für den Mann außer dem Kondom?

#2 |
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heilpraktikerin anni schmidt
heilpraktikerin anni schmidt

warum fühlen sich Frauen immer für das Verhüten verantwortlich ?? Die Pille für den Mann muß her.
Ich glaube, zwischen den Zeilen des Artikels gibt es zu diesem Thema noch sehr viel zu entdecken. Die Pharmaindustrie gibt doch nur das preis, was ihr passt!!
Alles weitere bleibt unter Verschluß. Und der vielbeschworene ” mündige Patient ” ist so dumm und schluckt alles. Prost Mahlzeit !! Menschen werdet endlich wach und benutzt eure grauen Zellen.

#1 |
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