Kostenkrampf um Krankenkassen

28. Oktober 2009
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Was ist preiswerter? Viele Kleine oder wenige Große? Ginge es um Packungsgrößen im Supermarkt, läge die Antwort auf der Hand. Hier geht es aber um die Verwaltungskosten der gesetzlichen Krankenkassen. Und das macht die Antwort nicht gerade leicht.

Was viele gesetzlich Versicherte schon bei der Einführung des Gesundheitsfonds befürchtet haben, ist vor zwei Monaten erstmals eingetreten: Eine gesetzliche Krankenkasse – die „Gemeinsame Betriebskrankenkasse Köln“ (GBK) – musste von ihren Mitgliedern einen Zusatzbeitrag verlangen. Ihre rund 30.000 Versicherten müssen nun monatlich 8 Euro mehr berappen als den staatlich verordneten Einheitsbeitrag in Höhe von 7,9 Prozent ihres Einkommens (weitere 7 Prozent entrichten „fast paritätisch“ die Arbeitgeber).

Dass die GBK die einzige im Feld der 186 Gesetzlichen bleiben wird, darf bezweifelt werden, auch wenn die scheidende Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt von einem „Sonderfall“ sprach (und noch immer darauf hofft, dass die GBK einen Fusionspartner findet). Die Kassenfunktionäre sollten endlich aufhören zu jammern und stattdessen ihre Energie für eine bessere Versorgung der Patienten einsetzen, sagte die Ministerin der „Rheinpfalz am Sonntag“. Sie sehe keinen Grund, im kommenden Jahr die gesetzlich Versicherten mit Zusatzbeiträgen zu belasten: Bislang sei keine der düsteren Prognosen eingetroffen. Statt eines Defizits hätten die Kassen zur Jahresmitte ein beachtliches Plus von 1,2 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Auch die neue Regierung scheint zunächst keinen großen Handlungsbedarf zu sehen. Der Gesundheitsfonds mit Einheitsbeitrag von derzeit 14,9 Prozent bleibt zunächst erhalten. Voraussichtlich ab 2011 soll es dann aber einschneidende Änderungen geben: Weil dann der Arbeitgeberanteil stagniert, müssten Ausgabensteigerungen durch Einsparungen oder nur durch die Arbeitnehmer finanziert werden. Für die Versicherten läuft dann alles auf einen einkommensunabhängigen Beitrag hinaus – Kopfpauschale lässt grüßen. Genauere Planungen überlässt man aber zunächst einer Komission, die erst im Jahr der geplanten Umsetzung ihren Dienst antreten soll.

“Auf kleine Kassen wächst der Fusionsdruck”

Die düsteren Prognosen für das Hier und Jetzt – sie stammen in erster Linie vom Spitzenverband der Krankenkassen. Er erwartet noch für dieses Jahr diverse GBK-Nachahmer. „Vor allem auf kleine Betriebskrankenkassen wächst der Druck, entweder Zusatzeinnahmen zu generieren oder aber Fusionen einzugehen, um Kosten zu sparen“, so GKV-Chefin Doris Pfeiffer. Wohlgemerkt: Das Problem liegt laut Kassenverband in diesem Fall in erster Linie auf externer Ebene – nicht interner. Oder anders formuliert: Nicht die hohen Verwaltungskosten zwingen kleine Kassen in die Knie, sondern unvermutete Behandlungskosten. Aber dazu später.

Die GBK ist jedenfalls laut eigener Aussage durch zwei schwere, in der Behandlung extrem teure Hämophilie-Fälle in den Reihen ihrer Versicherten in die finanzielle Schieflage geraten. GBK-Chef Helmut Wasserfuhr erklärte, allein dadurch seien seiner Kasse im Jahr 2005 rund 14 Millionen Euro Kosten entstanden. Diese Summe musste per Darlehen aufgebracht werden, deren Rückzahlung nun anstehe. „Das hätten wir dieses Jahr noch gerade so geschafft. Aber die unvorhergesehenen Kosten für die Impfung gegen Schweinegrippe haben uns den Rest gegeben“, so Wasserfuhr im Kölner Stadtanzeiger. Fazit Pfeiffer: „Eine Kasse kann teure Einzelfälle besser ausgleichen, wenn sie viele Versicherte hat.“ Früher seien Ausgleichszahlungen durch andere Kassen möglich gewesen. „Diese Regelung ist mit der Gesundheitsreform gestrichen worden.”

Maximal 50 Kassen – Ullas Ziel unerreicht

Die politisch gewollte Konsequenz: Die Kassen müssen größer werden. Seit langem schon vertrat Ulla Schmidt die Überzeugung, dass langfristig 30 bis 50 Kassen völlig ausreichend sind. Bereits 2006 forderte sie die Einführung von Kassen-Mindestgrößen – im Gespräch waren Kassen mit 100.000, 500.000 oder gar 1 Million Mitglieder. Ihr nimmermüde vorgetragenes Argument: Das führe automatisch zu schlankeren Strukturen und weniger Verwaltungskosten. Doch wäre dem wirklich so? Aus den offiziellen Daten des Bundesgesundheitsministeriums aus den Jahren 2005/2006 selbst geht hervor, dass gerade kleinere Krankenkassen günstigere Verwaltungskosten als große aufweisen.

Mehr Wettbewerb – niedrigere Kosten?

Dies scheint Ulla Schmidts jahrelang heruntergebetetes Manifest – weniger und größere Kassen führen zu sinkenden Kosten – geradezu zu konterkarieren. “Offensichtlich ist die schlichte Größe nicht ausschlaggebend”, sagt GKV-Chefin Pfeiffer. „Immer wieder zeigt sich, dass kleine Kassen weniger Verwaltungskosten haben als große.“ So könnte auch mehr Wettbewerb unter vielen, auch kleinen Kassen zu niedrigeren Kosten im Gesundheitswesen führen. Doch die politische Richtung steht, wurde schon lange vor Ullas Regiment eingeschlagen und wird sich auch unter der neuen Regierung wohl nicht mehr umkehren. Vor 15 Jahren gab es noch mehr als 1000 gesetzliche Krankenversicherungen, 2005 waren es noch 376, inzwischen sind es nur noch 186. Vor allem die Zahl der Betriebskrankenkassen verringerte sich um zwei Drittel auf 150. Dazu trägt auch die Angst der Kassen vor den Zusatzbeiträgen bei. Weil sie in Euro und Cent erhoben werden, machen sie den Preis einer Kasse sichtbarer als die unterschiedlichen Beitragssätze, die es vor Einführung des Gesundheitsfonds gab.

Kampf den Palästen

Der verordnete Kassenschwund ist weitgehend vollzogen – doch die Kritik an den zu hohen GKV-Verwaltungskosten bleibt. Da ist immer noch die Rede von teuren Verwaltungspalästen, Scharen von unkündbaren Verwaltungsangestellten und jährlich dramatisch steigenden Verwaltungsausgaben. Wie sieht die Realität aus? Sie ist auf Grund der Datenlage nur schwer zu ergründen. Der aktuellste Ministeriumsbericht bezieht sich auf Statistiken aus dem Jahre 2008 und wurde am 22. Oktober 2009 publiziert: “Gesetzliche Krankenversicherung. Personal- und Verwaltungskosten 2008“

  • Damals beschäftigten die gesetzlichen Krankenkassen insgesamt 137.827 Personen – davon 134.459 in der Verwaltung, fast alle Beschäftigten waren durchaus kündbare Tarifangestellte.
  • Sämtliche persönliche Verwaltungskosten der GKV betrugen 2007 absolut 7.1 Milliarden Euro.
  • Die sächlichen Verwaltungskosten wie Bürobedarf, Post- und Telefongebühren beliefen sich 2008 auf 2.1 Milliarden Euro.

Für 2009 liegen zwar noch keine exakten Daten vor. Aber die am 7. September vorgestellte Halbjahresbilanz des Gesundheitsministeriums lässt befürchten, dass die Fusionswelle der Kassen und mit ihr das Sterben der kleinen Versicherer sich negativ auswirkt. Zitat aus dem Bericht: „Die Netto-Verwaltungskosten der Krankenkassen sind nach längerer Stabilität in den Vorjahren mit 3,9 v.H. je Versicherten gestiegen, wenn auch mit unterschiedlichen Entwicklungen bei den einzelnen Kassenarten.“

Die Formel geht nicht auf

Naheliegende Schlussfolgerung: Die Ministerial-Formel („je weniger, desto kostengünstiger“) geht nicht auf. So oder so – die Entwicklung hin zu wenigen Großkassen hat auch für Ärzte weitreichende Folgen. Denn je weniger Kassen es gibt, umso mehr Einkaufsmacht haben sie. Ärzte, KVen oder Ärzteverbände, mit denen die Kassen Verträge schließen, können dieser Macht immer weniger entgegensetzen.

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Allgemein

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12 Kommentare:

Apotheker

Der grösste Fehler ist,dass Krankenkassen sich an den privilegierten
Rechten öffentlicher Körperschaften orientieren und dennoch wie
Heuschrecken handeln dürfen.Sie unterliegen keiner wirklichen Kontrolle.
Mit zunehmender Marktmacht mit Monopolcharakter verhalten sie sich den Leistungserbringern gegenüber wie Erpresser und sorgen aktiv
für Vertrauensschwund.Nicht Vertrauen ist die Geschäftsgrundlage,
sondern der Primärverdacht krimineller Handlungen.Schon Jaspers
sagte,dass fehlendes Vertrauen die Wurzel unproduktiven Handelns ist.

#12 |
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Weitere medizinische Berufe

zu Kassenpatient: das kam ganz falsch rüber, da habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Selbstverständlich bin ich nicht der Meinung, dass nur noch Privatpatienten behandelt werden sollen. Ich bin der Meinung, dass mehr Kostentransparenz auf Seiten der Patienten und eine Kontrolle von Seiten der Patienten über die Form von offenen Abrechnungen erfolgten sollte. Glauben Sie mir, sehr sehr viele Patienten wissen nicht, wie teuer einzelne Therapien und Medikamente sind und haben das Gefühl, nur zu zahlen und nichts an Leistung von der Kasse zu bekommen. Bei der privaten Abrechnung sehen die Patienten die Kosten auf der Rechnung direkt. Und wir werden auch nicht darum herumkommen, eine Diskussion darüber zu führen, was wir uns an medizinischer Behandlung leisten können und was nicht. Alles für alle ist nicht möglich. Es gab schon immer eine 2-Klassen-Gesellschaft und wird dies auch weiterhin geben. Wer etwas anderes behauptet, lügt.

#11 |
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Heilpraktiker

Das ganze Versicherungssystem ist mehr als marode.
Um eine verstärkte Privatisierung wird nicht’s herumführen. Wenn der Patient mehr zur Kasse gebeten wird, reguliert sich der Markt von selbst.
Die Vorschläge von Frau Schäpers, Beitrag Nr. 12 hören sich gut an und entsprechen auch meiner Meinung.

Werner Lachenmaier, Heilpraktiker

#10 |
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Weitere medizinische Berufe

Eine generelle Umstrukturierung des Gesundheitswesens (die durchaus Sinn machen würde) sehe ich in absehbarer Zeit nicht kommen. Dazu sind die Lobbyverbände zu stark. Darauf zu hoffen wäre unrealistisch. Deshalb schlage ich folgende Maßnahmen zur Kostenreduktion vor:
1. Einschränkung des Angebotes der Krankenkassen. Es gibt einen Grundversorgungs-Tarif. Mit diesem wird wirklich nur das medizinisch allernotwendigste gedeckt. Alles darüber hinaus gehende muss mit Zusatzbeträgen gekauft oder selbst bezahlt werden.
2. Speicherung von Untersuchungsergebnissen auf einer Karte. Viele Patienten sind mit der Ihnen gestellten Diagnose nicht zufrieden und suchen so lange Ärzte auf, bis sie endlich einen finden, der Ihnen das sagt, was sie hören möchten. 2 Meinungen einzuholen ist OK, alles darüber hinaus: selbst zahlen.
3. Abrechnung wie bei Privatpatienten. Da kann der Patient selbst kontrollieren, was der Arzt abrechnet. Dann sieht er auch gleich, welche Kosten er verursacht.

#9 |
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Dr. rer. nat. Peter Alfred Heinzel
Dr. rer. nat. Peter Alfred Heinzel

Bedenklich ist die Tatsache, dass in dem am 22 Okt. veröffentlichten Bericht des Ministeriums die Vorstandsbezüge der GKV mit 4,83 Mio ¿ zu Buche schlagen, gegenüber allen anderen Dienstbezügen, Löhnen und Gehältern von 5,34 Mio ¿.???

#8 |
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Weitere medizinische Berufe

Teillösung: Kostensenkung durch konequente Einführung der Gesundheitskarte mit allen, allen Daten des Patieneten.
Abrechnung beim Arzt mit x % Selbstbeteiligung, Datenspeicherung auf Karte und Freigabe Abrechnung Krankenkasse durch Patienten-Karte.
Wer das nicht will bezahlt die Mehrkosten

#7 |
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Altenpfleger

Sie und die redseligen betrügerischen PolitikerInnen werden möglicherweise diskutieren, ich gewiss nicht! Denn, derjenige der über einen normalen gesunden Menschenverstand verfügt, kann nur zu dem einzigen Ergebnis kommen: 1e (eine) einzige Krankenkasse reicht vollkommen aus und würde Milliarden an Kosten einsparen – allerdings nur wenn man die Beschäftigten der anderen scheidenden Krankenkassen “entsorgt” und sie nicht in den Bezug von ALG 1 steigen lässt. Da diese aber über Jahrzehnte Geldscheffeln konnten, wird deren finanzieller Engpass gering ausfallen. Die beteiligten Aufsichtsräte und Manager bekommen natürlich m.E. keine Millionenabfindungen, sondern werden gemäß neu zu regelnder Gesetze zur lebenslangen Zwangsarbeit verurteilt! So und nicht anders wäre das Ergebnis einer Volksbefragung (einer echten, nicht INFAS oder wie die Schergen sonst so heißen). Viel Reden = Zerreden = Verabreden = Verbrechen…an der Menschheit. Allein die Tatsache danach zu fragen ob die Reduzierung der Kassenlandschaften Einsparungen herbeiführen würde, ist eine sog. rhetorische Frage und passt eher in die Landschaft der Demagogie. Herzliche Grüße

#6 |
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ulrich Dickmann
ulrich Dickmann

Die scheidende Gesundheitsministserin Ulla Schmidt äußerte vor etwa drei Jahren: “Wir werden diskutieren müssen, was uns Pflege (ich ergänze “Gesundheit”) Wert ist.”
Ich glaube nicht, daß es ohne eine bessere Finanzausstattung unseres Gesundheitssystems geht. Jedwede Umstrukturierung kostet Geld. Wird es am Ende günstiger für die Versicherten? Ein Gesundheitsfond lenkt die Gelder unnötig in einen Verwaltungsapparat, der selbst Geld benötigt um zu funktionieren.
Qualitätssicherung auf der einen Seite mit immer weniger Mitteln für die konkret Handelnden am Patienten? Das ist die Quadratur des Kreises.
Man hört schon von Krankenhäusern, in denen zugunsten der Ärzteschaft, Pflegekräfte entlassen werden. Die beiden Berufsgruppen sollten sich nicht gegenseitig ausspielen (lassen).
Der Versicherte wird mir allzusehr als Kunde gesehen, dem seine Krankenkasse ein angenehmes Angebot machen will. Auf dem Rücken der Ärzte und Pflegenden. “Zeit” als Qualitätsmerkmal fehlt. Vielleicht kommt es bald soweit, daß sich der Versicherte “Zeit” als Modul hinzukaufen kann, wenn er mit der vorgegebenen Zeit nicht zufrieden ist. Uli Dickmann, Altenpfleger.

#5 |
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Frau Monika Schreck
Frau Monika Schreck

Das bringt alles nichts. Das System muß total geändert werden. Ich las im Gesundheitsberater September 2009 von Helmut Creutz einen guten Vorschlag.

#4 |
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Norbert Herrmann
Norbert Herrmann

Hier wäre ein Vergleich zum PKV-Verband hilfreich gewesen!

#3 |
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Prof. Dr. med.habil. Hans-Jürgen Schubert
Prof. Dr. med.habil. Hans-Jürgen Schubert

Großbetriebe können rationeller arbeiten als mittelgroße und kleine. Das hat bisher jede Fusion in der Wirtschaft bewiesen:Rationalisierung, Personalabbau.
Nicht 50, sondern 5 Kassen sollten genügen! Sie müssten dann allerdings die vielen Immobilien, Fahrzeuge, Zeitschriften und Wellnessangebote abstoßen, die Vorstandsgehälter reduzieren und sich auf die Kernaufgaben konzentrieren – die verwaltungsmäßige Betreuung der Versicherten insbes.die Bezahlung ihrer Krankheitskosten.

#2 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Dass die Formel nicht aufgeht und die wenigen verbleibenden Kassen zu monströsen Gegnern werden, ist uns Medizincontrollern schon länger bewußt. Gern würden wir unseren Patienten vor Augen führen, wie wenig sich die Kassen, die sich blumig als “Gesundheitsexperten” u. ä. titulieren, um das (medizinische) Wohl ihres Versicherten scheren.

#1 |
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