Trigeminus: Schmerzfrei mit Gen-GABA

29. Oktober 2009
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Wen Trigeminusneuralgie plagt, braucht Medikamente. Helfen die nicht, bleibt nur der Weg zum Chirurgen. Das wird sich so schnell nicht ändern. Doch wie bei anderen Erkrankungen auch, hoffen Forscher, den Qualen gentherapeutisch Herr zu werden.

Als 1773 der britische Arzt John Fothergill erstmals ausführlich die klinischen Symptome der Trigeminusneuralgie oder des “Tic douloureux” beschrieb, waren die therapeutische Optionen für die starken, oft spontan auftretenden Gesichtsschmerzen noch recht bescheiden. Fothergill selbst empfahl einen Extrakt aus der Rinde eines Baumes (Hemlock). Eine kontrollierte Studie dazu gab es natürlich nicht. Heute, mehr als 200 Jahre später, gibt es unstreitig wirksame, in kontrollierten Studien geprüfte Therapien. Aber nichts ist in der Regel so gut, dass es nicht verbessert werden könnte. Der US-Forscher Jean-Philippe Vit und sein Team setzen ihre Hoffnungen auf einen gentherapeutischen Ansatz und sind da auch schon einen kleinen, aber vielleicht wichtigen Schritt vorangekommen. In einem Tiermodell haben sie nämlich durch Infektion von Gliazellen des Ganglion trigeminale (Ganglion Gasseri) mit dem Gen für das Enzym Glutamatdecarboxylase (GAD) den Schmerz unterbinden können, wie sie vor wenigen Wochen in der Fachzeitschrift „Molecular Pain“ berichtet haben.

Schmerzleitung wurde gehemmt

Ein Ausgangspunkt ihrer Forschung war die Erkenntnis, dass sensorische Neuronen im Ganglion Rezeptoren für den erregungshemmenden Neurotransmitter Gammaminobuttersäure (GABA) tragen. Die Idee war also naheliegend, die Schmerzweiterleitung zu hemmen, indem die Produktion von GABA im Ganglion gesteigert wird. Möglich ist dies durch das Enzym GAD. Vit und sein Team injizierten daher das Gen für GAD mit Hilfe eines Adenovektors in so genannte Satelliten-Gliazellen, von denen die sensorischen Neuronen des Ganglion umgeben sind. Die Hoffnung der Forscher war, dass die Gliazellen genügend GABA produzieren, um via GABA-Rezeptoren auf den Neuronen die Aktivität der sensorischen Nervenzellen zu hemmen. Die Hoffnung der US-Forscher ging in Erfüllung. Mehre unterschiedliche Tests, unter anderen mit Bicuculline, einem selektiven GABA-Antagonisten, bestätigten die erfolgreiche Hemmung der Schmerzempfindung.

Erfolge in einem Tiermodell sind natürlich nur ein kleiner Schritt. Von dem Ziel, eine Behandlungsoption bei Trigeminusneuralgie zu sein, ist die Gentherapie noch weit entfernt. Wer an diesen überaus starken, blitzartig einschießenden Schmerzen im Gesicht leidet, wird daher weiterhin auf die verfügbaren Therapieoptionen angewiesen sein.

Therapie der Wahl noch immer Carbamazepin

Medikamentöse Standardtherapie und Medikation der ersten Wahl ist nach deutschen wie US-amerikanischen Leitlinien noch immer Carbamazepin, das vor mehr als 50 Jahren synthetisiert und vor allem in der Behandlung von Epilepsie-Kranken verwendet wurde. 90 Prozent der Patienten sprechen initial auf das Antikonvulsivum an, 50 Prozent auch langfristig. Als erste Tagesdosis sind 200-400 mg bei Trigeminusneuralgie vertretbar. Bei den meist älteren Patienten liegt die notwendige Dosis bei etwa 600-1200 mg/d.

Wahrscheinlich ebenso wirksam ist auch Oxcarbazepin, das im Vergleich zu Carbamazepin ein besseres kognitives Nebenwirkungsprofil und keinen Wirkungsverlust durch Enzymautoinduktion hat. Allein Hyponatriämien sind unter Oxcarbazepin wahrscheinlich häufiger (etwa 23%) als unter Carbamazepin, so dass regelmäßige Natriumkontrollen, insbesondere bei Symptomen wie Benommenheit, Kopfschmerz, Müdigkeit oder Übelkeit, notwendig sind. Zur Akuttherapie bei schweren Exazerbationen eignet sich intravenös verabreichtes Phenytoin, alternativ als Mittel der zweiten Wahl das hochpotente Neuroleptikum Pimozid. Mittel der zweiten Wahl sind nach den Leitlinien oral verabreichtes Phenytoin, der GABA-Rezeptor-Agonist Baclofen, der aber nur in Kombination mit anderen Medikamenten verwendet wird, und auch modernen Antikonvulsiva, etwa Lamotrigin und Gabapentin. Eine Besonderheit bei MS-Kranken mit Trigeminusneuralgie ist das Prostaglandin-E-Analogon Misoprostol, das primär zur Behandlung bei medikamentenbedingten Magenschleimhautschäden sowie Magen-Darm-Ulzera verwendet wird.

Ultima ratio: Der Neurochirurg

Wenn die medikamentöse Therapie nicht mehr hilft oder die Lebensqualität zu sehr beeinträchtigt, ist bei der klassischen Trigeminusneuralgie die operative Behandlung indiziert. Die Diskussion darüber, wann genau von einer medikamentösen auf eine invasive Therapie gewechselt werden sollte, ist allerdings noch im Gange. Grundsätzlich kommen heute verschiedene invasive Behandlungen in Betracht:

1) Perkutane Verfahren im oder am Ganglion Gasseri:
– Temperaturgesteuerte Koagulation
– Glyzerinrhizolyse
– Ballonkompression

2) Die mikrovaskuläre Dekompression des Nervus trigeminus im Kleinhirnbrückenwinkel
3) Die radiochirurgische Behandlung mittels Gamma-Knife oder Linearbeschleuniger, die von den Gesetzlichen Krankenkassen aber nicht bezahlt wird.

Wer übrigens glaubt, an Trigeminusneuralgie litten nur Menschen, täuscht sich womöglich. Nach einer vor kurzem vorgestellten Dissertation der Tierärztin Judith Christine Winter gibt es diesen quälenden Schmerz auch bei Pferden. Er äußert sich hauptsächlich durch häufiges Kopfschütteln. So ähnlich wie Menschen helfen nach den Ergebnissen dieser Doktorarbeit auch den Vierbeinern Glyzerolinjektionen.

89 Wertungen (4.06 ø)
Allgemein

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7 Kommentare:

Dr Claudia Tullius
Dr Claudia Tullius

Auch ich möchte mich Herrn Dr. Necker anschliessen .

Als MS Patientin, selbst mit Trigeminus-Neuralgie geplagt, habe ich nach jahrelangem Leid und medikamentöser Therapie (Carbamazepin, Baaclofen, Pregabalin) mit Neuraltherapie znd direkter Injektion durchschlagende Erfolge erzielt.
Der Zahnarzt hatte schon 3 ” verdächtige ” Zähne gezogen, deren Wurzeln “minderversorgt” waren… Wen wundert das und v.a., wo ist Henne und wo Ei ?

#7 |
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Es ist schlimm – im namen der patienten – dass die meisten Mediziner und nach ihnen die patienten sich nicht mit der alternativen medizin befassen, vor allem die klassische Homoeopathie.Sie kann Trigeminusneuralgie heilen oder stark bessern. Warum sollen wir auf das ewige geruecht des placebo-effekts hoeren , oder dass dieses verfahren unwissenschaftlich sei?(wissensch.literatur belehrt uns eines besseren…) Aus eigener Erfahrung als homoeopathischer Arzt und der vieler meiner Kollegen empfehle ich allen Betroffenen und Neurologen sich diese Medizin zunutze zu machen.
Die invasive Methode, einen Teil des Nerven zu zerstoeren ist bestimmt inhuman und bei weitem un-wissenschaftlich… zumindest sollte sie die aller-aller letzte methode der wahl sein , wenn wirklich nichts anderes mehr hilft!

Konstandinos Dardayannopoulos
Arzt fuer Homoeopathie
Hellas

#6 |
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Weitere medizinische Berufe

Als betroffene, würde ich mich sehr freuen ( wie sehr kann wohl nur ein betroffener nachempfinden) wenn es bessere Möglichkeiten, für eine erfolgreichere Behandlung für uns geben würde. Freue mich über jede Nachricht, dass auf unserem Gebiet geforscht wird. Es ist sehr schwer für uns mit so vielen schlecht ausgebildeten, unwissenden, ignoranten, dummen, u.s.w. Ärzten zurecht kommen zu müssen. Wie schlimm das ist, werden auch nur betroffene verstehen. Durch Veröffentlichungen über unser Krankheitsbild werden wir vielleicht doch öfter mal ernst genommen. Mein Tag beginnt schon mit der Frage:putzte ich mir die Zähne in diesem Moment, oder doch nur eine Seite, möchte ich jetzt gerade den Mund so lange öffnen, oder vielleicht später ? Wer glaubt einem so etwas ?? Betroffene kennen so ein Leben. Wir haben noch einige für uns sehr wichtige Fragen, die wir uns immer wieder stellen. Wer kann sich einen so exakt geteilten Kopf vorstellen? Was man uns gerne einredet, “die Zähne müssen unbedingt gezogen werden” Wer das macht, sollte sich mal ansehen – wie und wo verläuft der Trigeminusnerv – er/sie wird feststellen – zum Teil sehr eng an den Zahnwurzeln
– wenn jetzt beim ziehen noch eine Schädigung des Nervs dazu kommt.? Die Schmerzen muss ja der Patient aushalten. Aber Zahnersatz bringt ja eine gute Einnahme. Das ist doch wichtig. Zwar nur für eine Seite der “Mitspieler” aber…

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Dr,. rer. nat. Uwe Landt
Dr,. rer. nat. Uwe Landt

Es wäre sehr wünschenswert, d e r Qualen Herr zu werden,
dann könnte ich auch meiner sprachlichen Qualen Herr werden!

#4 |
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Monika Müller-Richter
Monika Müller-Richter

Ich freue mich über dieses Thema, das viel zu selten thematisiert wird. Danke. Als Betroffene würde ich allen raten alle Möglichkeiten der Naturheilkunde zu probieren, bevor man eine Operation mit den ganzen Nebenwirkungen in Erweägung ziehen sollte. Mit persönlich hilft die Homöopathie.

#3 |
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Dr. Thore  Litta
Dr. Thore Litta

Die HumanMedizin ist deskriptiv und symptomorientiert. Das Suchen und Finden der Ursachen sollte die Therapie bestimmen.

Der funktionsorientierte ZahnMediziner sucht nach entsprechenden mechanischen Störungen und justiert das Kauorgan additiv und subtraktiv unter Berücksichtigung der Kiefergelenksfunktion und opfert dabei in der Regel keine lebende Substanz!!

Diese Maßnahmen werden von den Krankenkassen nur in geringstfügiger Weise und nicht kostendeckend übernommen, daher auch selten durchgeführt und beherrscht.

#2 |
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Bevor ich mich wegen einer Trigeminusneuralgie operieren lassen würde, würde ich es erst mit Neuraltherapie, die damit jahrzehntelange Erfahrung, versuchen. Nach meiner und vieler Kollegen Erfahrung, die damit arbeiten, liegt meist ein Zahstörfeld vor, das erst durch den Zahnarzt beseitigt werden muß.Die Erkenntnis mit der GABA passt trotzdem gut ins Bild, da möglicherweise die Injektion von Lokalanästhetica den schmerzhemmnden Prozeß einleitet.

#1 |
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