Fast wie Bigfoot: Universelle Grippe-Impfung

2. November 2009
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Immer dann wenn Big Pharma wieder einmal im Verdacht der Geschäftemacherei mit Grippe-Impfungen steht, wird die universelle Grippeimpfung aus der Mottenkiste geholt. Dass es sie nicht längst gibt, dient vielen als Beleg für die pharmazeutische Weltverschwörung.

Es gibt Diskussionsgegenstände in der medizinisch-pharmazeutischen Öffentlichkeit, die kehren so regelmäßig wieder wie Weihnachten und Neujahr. Die universelle Grippe-Impfung zum Beispiel. Sie wird immer dann bemüht, wenn wieder einmal eine ausreichend große Zahl medizinisch interessierter Menschen zu der Auffassung gelangt, die pharmazeutische Industrie sei die Hauptschuldige an allem, was im Gesundheitswesen als nicht befriedigend angesehen wird.

Grippe-Impfung als Teil der pharmazeutischen Weltverschwörung

Im Moment ist es mal wieder so weit. Die nationalen Bestellungen der Impfstoffe gegen die Schweinegrippe waren der Tatsache geschuldet, dass sich der Schweregrad einer möglichen Pandemie nicht vorhersagen lässt. Es handelte sich demnach um eine prophylaktische Investition. Je länger die Schweinegrippe relativ harmlos verläuft, umso lauter werden jene, die über eine sinnlose Geldverschwendung dozieren. Und mit jedem Tag, an dem das Virus seine Gefährlichkeit nicht ändert, erfordert diese Position weniger Mut. Das ganze wäre noch zu verkraften, wenn besagte Dozenten nicht immer auch noch einen Schuldigen bräuchten. In der Medizin ist das im Zweifel die Pharmaindustrie, so auch diesmal. Die habe nicht nur Regierungen weltweit unterwandert, um Großbestellungen für Impfstoffe zu ergaunern. Nein, sie geht weit perfider vor: Seit Jahrzehnten narre sie die Öffentlichkeit mit der Legende vom angeblich variablen Grippe-Virus, nur um Jahr für Jahr neue, minimal modifizierte Impfstoffe zu verkaufen und damit den großen Reibach zu machen. Mit anderen Worten: Ein so genannter universeller Grippe-Impfstoff, der gegen viele oder alle Influenza-Erreger schützt, scheitert an der pharmazeutischen Weltverschwörung. Es muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass Journalisten an dieser Verschwörungstheorie zwar eifrig mit schreiben. Sie haben sie aber nicht erfunden. Man findet die skizzierte Haltungen bis hinauf in die oberen Chargen des medizinischen Establishments. So äußerte Professor Stefan Kaufmann vom Berliner Max Planck-Institut für Infektionsbiologie kürzlich die Auffassung, dass es nicht die hohe Wandelbarkeit des Virus sei, die eine universelle Grippe-Impfung verhindere, sondern die Umsatzgier der Pharmaindustrie. „Bei ausreichendem Interesse – und das heißt: ausreichenden finanziellen Anreizen – wäre die Entwicklung eines breit wirksamen Grippe-Impfstoffs, zumindest bis zur Erprobung an Menschen, in den letzten fünf Jahren möglich gewesen.“

Bei einer kleinen Maus sieht alles groß aus.

So weit Professor Kaufmann, ehemals Präsident des Europäischen Immunologenverbands EFIS. So viel Expertise kann sich die Journalistin der Neuen Zürcher Zeitung, in der Kaufmann wiedergegeben wurde, nur anschließen: „Abwegig ist Kaufmanns Gedanke nicht“, findet sie. Dass gerade in diesen Tagen wieder in Dutzenden Medien über die universelle Grippe-Impfung berichtet wird, geht auf die Deutschen Presseagentur dpa zurück. Die hat eine Meldung des israelischen Bio-Startups Biondvax zum Anlass für eine Meldung genommen, wonach ein universeller Grippe-Impfstoff die erste Phase der klinischen Prüfung erfolgreich gemeistert habe. An 60 Patienten sei der Impfstoff geprüft worden. „In diesen Tagen beginnt eine zweite Testrunde mit älteren Menschen“, erläutert eine Sprecherin des Unternehmens laut dpa. So weit, so gut. Nur: Was genau will uns diese Meldung sagen? Sie besagt, dass ein als Impfstoff gedachtes Pharmazeutikum fünf Dutzend Menschen nicht nennenswert geschadet hat. Sonst nichts. Die klinische Phase I der Impfstoffentwicklung dient der Sicherheit und Verträglichkeit. Daten zur Wirksamkeit gibt es nicht. In Mäusen allerdings habe die Wirksamkeit bei 95 Prozent gelegen. Oho. Nun lassen Mäuse bekanntlich ziemlich viel mit sich machen. Mäuse können zusätzliche Beine haben und von Parkinson geheilt werden. Sie entwickeln nach ein paar Litern Softdrink Herzinfarkte und sprechen regelmäßig auf alle möglichen Krebstherapien an, die beim Menschen nichts bringen. Mäuse halt. Die Botschaft des Nagetiers lautet: Ein 95prozentiger Schutz vor Grippe-Viren aller Art im Mausmodell besagt für den Menschen erst einmal – nichts.

Wer will nochmal, wer hat noch nicht?

Von Zehntausenden Phase I-Studien, die Jahr für Jahr gemacht werden, schafft es so gut wie keine in die Presse. Nur der universelle Grippe-Impfstoff schafft es. Immer wieder. „US-Forscher entwickeln Wundermittel gegen die Grippe“, jubelte die Bild-Zeitung Anfang 2009. Viele andere Medien taten das auch. Hintergrund waren zwei Publikationen in Nature Structural & Molecular Biology und in Science. Forscher der Harvard Medical School und des Scripps Institute in La Jolla hatten ein Impfserum gegen eine relativ konstante Struktur an der Basis des Hämagglutinin-Moleküls entwickelt. Die Sache funktionierte auch – bei Mäusen. Für „Bild“ Grund zum Jubeln: „Das neu entwickelte Wunder-Serum soll lebenslangen Schutz vor sämtlichen Arten von Grippeviren bieten.“ Von einem Einsatz an Menschen ist bis heute nichts bekannt.

Noch ein halbes Jahr zurück. Oxford, England. Dort arbeitet die Immunologin Sarah Gilbert an einem universellen Grippe-Impfstoff. Der war – Überraschung – wirksam im Tiermodell. In fünf Jahren könne es einen Impfstoff für Menschen geben, so Gilbert damals. Schon im Herbst 2008 sollte eine Phase I-Studie starten. Das ist offensichtlich nicht passiert. In der NZZ hat sich Gilbert jetzt erneut zu Wort gemeldet und gesagt, dass es demnächst losgehen soll. Phase I, wohlgemerkt. Sicherheit und Verträglichkeit. Wieder ein halbes früher. Belgien. Bei dem Unternehmen Acambis wurden Anfang 2008 Erfolge in Sachen universeller Grippe-Impfstoff gemeldet. Damals Phase I. Seither gab es keine Meldungen mehr. Oder Russland: Wie andere Gruppen konzentrieren sich Wissenschaftler um Oleg Kisselev aus St. Petersburg auf das Oberflächenprotein M2. Stand der Dinge: Phase I. Die Liste ließe sich fortsetzen. Allein im kommerziellen Bereich tummelt sich eine zweistellige Zahl von Unternehmen an der Baustelle des universellen Grippe-Impfstoffs. Dazu kommen Dutzende Research Labs. Ihnen allen ist von Herzen Erfolg zu wünschen. Aber ob sie alle wirklich nur deswegen bisher keinen wirksamen Impfstoff gefunden haben, weil die böse Pharmaindustrie das mit Guerilla-Taktiken verhindert?

66 Wertungen (4.52 ø)
Forschung

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4 Kommentare:

Wie gut,dass wir über diese Plattform Informationen bekommen können,die nicht in der anderen Presse verramscht und verändert werden

#4 |
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HPin Petra Groß
HPin Petra Groß

Sehr interessanter Artikel.
Danke dafür,

#3 |
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Harald Meinhardt
Harald Meinhardt

leider wird sich kein journalist der “gebildeten presse ” finden,der diesen artikel veröffentlicht
aber popularität geht wie überall oft über die wahrheit

#2 |
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Oberapotheker Lothar Lüdecke
Oberapotheker Lothar Lüdecke

Sehr gründlich.Danke

#1 |
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