Fast wie Bigfoot: Universelle Grippe-Impfung

3. November 2009
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Immer, wenn Big Pharma wieder im Verdacht der Geschäftemacherei mit Grippe-Impfungen steht, holt man die universelle Grippeimpfung aus der Mottenkiste. Dass es sie noch nicht gibt, dient vielen als Beleg für die pharmazeutische Weltverschwörung.

Es gibt Diskussionsgegenstände in der medizinisch-pharmazeutischen Öffentlichkeit, die kehren so regelmäßig wieder wie Weihnachten und Neujahr. Die universelle Grippe-Impfung zum Beispiel. Sie wird immer dann bemüht, wenn wieder einmal eine ausreichend große Zahl medizinisch interessierter Menschen zu der Auffassung gelangt, die pharmazeutische Industrie sei die Hauptschuldige an allem, was im Gesundheitswesen als nicht befriedigend angesehen wird.

Grippe-Impfung als Teil der pharmazeutischen Weltverschwörung

Im Moment ist es mal wieder so weit. Die nationalen Bestellungen der Impfstoffe gegen die Schweinegrippe waren der Tatsache geschuldet, dass sich der Schweregrad einer möglichen Pandemie nicht vorhersagen lässt. Es handelte sich demnach um eine prophylaktische Investition. Je länger die Schweinegrippe relativ harmlos verläuft, umso lauter werden jene, die über eine sinnlose Geldverschwendung dozieren. Und mit jedem Tag, an dem das Virus seine Gefährlichkeit nicht ändert, erfordert diese Position weniger Mut. Das ganze wäre noch zu verkraften, wenn besagte Dozenten nicht immer auch noch einen Schuldigen bräuchten. In der Medizin ist das im Zweifel die Pharmaindustrie, so auch diesmal. Die habe nicht nur Regierungen weltweit unterwandert, um Großbestellungen für Impfstoffe zu ergaunern. Nein, sie geht weit perfider vor: Seit Jahrzehnten narre sie die Öffentlichkeit mit der Legende vom angeblich variablen Grippe-Virus, nur um Jahr für Jahr neue, minimal modifizierte Impfstoffe zu verkaufen und damit den großen Reibach zu machen. Mit anderen Worten: Ein so genannter universeller Grippe-Impfstoff, der gegen viele oder alle Influenza-Erreger schützt, scheitert an der pharmazeutischen Weltverschwörung. Es muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass Journalisten an dieser Verschwörungstheorie zwar eifrig mit schreiben. Sie haben sie aber nicht erfunden. Man findet die skizzierte Haltungen bis hinauf in die oberen Chargen des medizinischen Establishments. So äußerte Professor Stefan Kaufmann vom Berliner Max Planck-Institut für Infektionsbiologie kürzlich die Auffassung, dass es nicht die hohe Wandelbarkeit des Virus sei, die eine universelle Grippe-Impfung verhindere, sondern die Umsatzgier der Pharmaindustrie. „Bei ausreichendem Interesse – und das heißt: ausreichenden finanziellen Anreizen – wäre die Entwicklung eines breit wirksamen Grippe-Impfstoffs, zumindest bis zur Erprobung an Menschen, in den letzten fünf Jahren möglich gewesen.“

Bei einer kleinen Maus sieht alles groß aus.

So weit Professor Kaufmann, ehemals Präsident des Europäischen Immunologenverbands EFIS. So viel Expertise kann sich die Journalistin der Neuen Zürcher Zeitung, in der Kaufmann wiedergegeben wurde, nur anschließen: „Abwegig ist Kaufmanns Gedanke nicht“, findet sie. Dass gerade in diesen Tagen wieder in Dutzenden Medien über die universelle Grippe-Impfung berichtet wird, geht auf die Deutschen Presseagentur dpa zurück. Die hat eine Meldung des israelischen Bio-Startups Biondvax zum Anlass für eine Meldung genommen, wonach ein universeller Grippe-Impfstoff die erste Phase der klinischen Prüfung erfolgreich gemeistert habe. An 60 Patienten sei der Impfstoff geprüft worden. „In diesen Tagen beginnt eine zweite Testrunde mit älteren Menschen“, erläutert eine Sprecherin des Unternehmens laut dpa. So weit, so gut. Nur: Was genau will uns diese Meldung sagen? Sie besagt, dass ein als Impfstoff gedachtes Pharmazeutikum fünf Dutzend Menschen nicht nennenswert geschadet hat. Sonst nichts. Die klinische Phase I der Impfstoffentwicklung dient der Sicherheit und Verträglichkeit. Daten zur Wirksamkeit gibt es nicht. In Mäusen allerdings habe die Wirksamkeit bei 95 Prozent gelegen. Oho. Nun lassen Mäuse bekanntlich ziemlich viel mit sich machen. Mäuse können zusätzliche Beine haben und von Parkinson geheilt werden. Sie entwickeln nach ein paar Litern Softdrink Herzinfarkte und sprechen regelmäßig auf alle möglichen Krebstherapien an, die beim Menschen nichts bringen. Mäuse halt. Die Botschaft des Nagetiers lautet: Ein 95prozentiger Schutz vor Grippe-Viren aller Art im Mausmodell besagt für den Menschen erst einmal – nichts.

Wer will nochmal, wer hat noch nicht?

Von Zehntausenden Phase I-Studien, die Jahr für Jahr gemacht werden, schafft es so gut wie keine in die Presse. Nur der universelle Grippe-Impfstoff schafft es. Immer wieder. „US-Forscher entwickeln Wundermittel gegen die Grippe“, jubelte die Bild-Zeitung Anfang 2009. Viele andere Medien taten das auch. Hintergrund waren zwei Publikationen in Nature Structural & Molecular Biology und in Science. Forscher der Harvard Medical School und des Scripps Institute in La Jolla hatten ein Impfserum gegen eine relativ konstante Struktur an der Basis des Hämagglutinin-Moleküls entwickelt. Die Sache funktionierte auch – bei Mäusen. Für „Bild“ Grund zum Jubeln: „Das neu entwickelte Wunder-Serum soll lebenslangen Schutz vor sämtlichen Arten von Grippeviren bieten.“ Von einem Einsatz an Menschen ist bis heute nichts bekannt.

Noch ein halbes Jahr zurück. Oxford, England. Dort arbeitet die Immunologin Sarah Gilbert an einem universellen Grippe-Impfstoff. Der war – Überraschung – wirksam im Tiermodell. In fünf Jahren könne es einen Impfstoff für Menschen geben, so Gilbert damals. Schon im Herbst 2008 sollte eine Phase I-Studie starten. Das ist offensichtlich nicht passiert. In der NZZ hat sich Gilbert jetzt erneut zu Wort gemeldet und gesagt, dass es demnächst losgehen soll. Phase I, wohlgemerkt. Sicherheit und Verträglichkeit. Wieder ein halbes früher. Belgien. Bei dem Unternehmen Acambis wurden Anfang 2008 Erfolge in Sachen universeller Grippe-Impfstoff gemeldet. Damals Phase I. Seither gab es keine Meldungen mehr. Oder Russland: Wie andere Gruppen konzentrieren sich Wissenschaftler um Oleg Kisselev aus St. Petersburg auf das Oberflächenprotein M2. Stand der Dinge: Phase I. Die Liste ließe sich fortsetzen. Allein im kommerziellen Bereich tummelt sich eine zweistellige Zahl von Unternehmen an der Baustelle des universellen Grippe-Impfstoffs. Dazu kommen Dutzende Research Labs. Ihnen allen ist von Herzen Erfolg zu wünschen. Aber ob sie alle wirklich nur deswegen bisher keinen wirksamen Impfstoff gefunden haben, weil die böse Pharmaindustrie das mit Guerilla-Taktiken verhindert?

106 Wertungen (4.06 ø)
Allgemein

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11 Kommentare:

Bettina Erichsen -Spieß
Bettina Erichsen -Spieß

ein heißes thema! es bleibt ein ungutes gefühl ! es ist was faul im staate dänemark (frei nach..)der eindruck, dass hier nicht mit offenen karten gespielt wird und dass “jemand” schwer manipuliert, wird immer dann deutlich. wenn mit- angst- propaganda gemacht wird! da heißt es aufpassen und nicht denen trauen die es” ach so gut” mit uns meinen. ein panischer “haufen” lässt sich am leichtesten zu dingen und taten verleiten, die er mit kühlem kopf(saubere information) und warmem herzen( praktischer menschenverstand)nie getan hätte! bei kontagan hieß es auch, man hätte vorher nicht gewusst was man da tut…folgen bekannt…wissenschaft,im guten klassischen sinne -schafft wissen! und verfälscht ergebnisse nicht im sinne der geldgeber, und eitelkeiten. auch nichts neues, leider immer aktuell..daher brandgefährlich…dennoch glaub ich ans gute….sonnige grüße

#11 |
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Rettungsassistent

Dass alle Jahre wieder im Herbst anlässlich der Grippeschutzimpfung die Mär der pharmazeutischen Weltverschwörung ausgegraben wird ist ja nun wirklich nichts Neues. Ebenfalls nicht neu ist, dass sich die Lautstärke der sich zu Wort meldenden Oberverdachtschöpfer oftmals umgekehrt proportional zur Sachkenntnis der jeweiligen Person verhält. Fakt ist, dass es für den Laien ungemein schwierig ist, sich über Nutzen und Risiken der Impfung gegen die neue Grippe, saisonale Grippe bzw. Impfungen allgemein zu informieren. Selbst in meinem Arbeitsumfeld, in dem das Personal tagtäglich nicht nur mit potenziell gefährdeten Patienten Umgang bzw. Körperkontakt hat, sondern sich auch selbst einem Infektionsrisiko aussetzt, herrscht große Verunsicherung. Das liegt zum einen daran, dass regelrechten Horrorgeschichten über den Impfstoff verbreitet werden und zum anderen auch die niedergelassenen Ärzte oftmals erschreckend schlecht informiert sind. Mein Rat lautet: Sich dort informieren wo die Fachleute sind, das ist in Deutschland das Robert-Koch-Institut. Dort gibt es aktuelle Situationseinschätzungen (http://www.rki.de/cln_160/nn_200120/DE/Content/InfAZ/I/Influenza/IPV/Schweineinfluenza__Situation.html)
und ein wöchentliches Bulletin (http://www.rki.de/cln_160/DE/Content/InfAZ/I/Influenza/IPV/Epidemiologischer-Wochenbericht,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/Epidemiologischer-Wochenbericht.pdf).
Die Empfehlung der STIKO ist eindeutig: Impfen (http://www.rki.de/cln_160/nn_200120/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2009/41__09,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/41_09.pdf)

#10 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

panta rhei alles fließt und die grippeviren werden sich ewig ändern und unser Immunsystem muß immer trainiert werden , sei es durch Mutter Natur oder die
Pharmaindustrie oder den Heiligen Geist ,
allerdings könnte vielleicht mal ein vernünftiger Immunstatus vor der Impfung angewandt werden !!!!!!!!!
????? IMPFEN bei Th1/Th2 – shift ??????? wie sieht es mit Th 17 aus , wie sind die Cytokinmuster ?????????
zur Risikoerkennung

#9 |
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Pharmaunternehmen haben nur eins im Sinn: Gewinnmaximierung. Gesundheit ist nicht das Ziel, denn dann wird nichs mehr verdient. So war es bereits bei H5N1 und genause wird es mit H1N1 wieder sein: wenn alle Impfstoffe verkauft sind, hört man auch nichts mehr von der sogenannten Schweinegrippe.
Anderes Beispiel ist Helicobacter Pylori: es gab eine Zeit, da wurde diese Diagnose bei jeder Magenspiegelung gestellt. Egal ob der Patient Beschwerden hatte oder nicht, es wurde medikamentös behandelt. In der letzten Zeit, hört man relativ wenig davon. Wahrscheinlich wurde genug verdient.

#8 |
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Wenn erst einmal alle Impfmittel verkauft sind, wird man von H1N1 nichts mehr hören. Genauso war es bei H5N1.
Gesundheit interessiert Pharmafirmen nicht, nur Gewinnmaximierung. Sobald wie ein (neues) Medikament auf den Markt gebracht wird, erhöhen sich merkwürdigerweise auch dahingehend die ärztlichen Diagnosen. Vor einiger Zeit gab es so einen Hype auch bei Helicobacter Pylori. Bei fast jeder Magenspiegelung wurde diese Diagnose gestellt und entsprechend behandelt, egal, ob der Patient Beschwerden hatte oder nicht.

#7 |
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Heilpraktiker

Eine Verschwörungstheorie braucht es nicht, um die Gier nach Gewinnen oder Dividenden der Pharmakonzerne zu beweisen. Das tut der Markt oder der Anleger in Pharmaaktien von ganz alleine. Die Motive für die Entwicklung und marktreife Herstellung von Pharmazeutika und auch Impfstoffen liegen wohl klar auf der Hand, nämlich der Erzielung von maximalen Gewinnen. Nur in zweiter Linie dürften humanitäre Gesichtspunkte eine Rolle spielen, denn davon kann kein Investor oder Aktienbesitzer ernsthaft leben. Shareholder value gilt in einer globalisierten Finanzwelt mehr denn je. Also wieso haben wir keine Impfstoffe gegen große Seuchen dieser Welt? Bei Influenca würde dies bedeuten, daß Tamiflu oder andere Neuramidasehemmer nicht mehr panikartig, wie z.Z. und bei der H5N1-Panik vor ca. 2 Jahren, lukrativ und äußerst gewinnbringend millionenfach verlkauft werden könnte. Wie sieht es übrigens bei einem Impfstoff gegen AIDS aus?
Es ist in jedem Fall viel lukrativer für Pharmafirmen viele erkrankte Menschen über immer längere Zeit am leben zu halten oder von teuren Medikamenten abhängig zu machen, als zu verhindern daß durch einen Impfstoff eine Erkrankung entsteht.
Gefällt Ihnen diese Überlegung nicht?
Wenn nicht, dann denken Sie an Shareholder value und diverse Banken- bzw. Bonuszahlungsskandale. Der Mensch ist korrumpierbar und eines haben wir hoffentlich aus der aktuellen Krise gelernt: Auf dieser Welt zählt in den Konzernen und nicht nur dort, nur Eines: Profit!!
Jeder kann sich dann auf die geschickten PR-Maßnahmen einer Pharma-Industrie und der Tatsache, daß die einheimische Bevölkerung für den absoluten Großversuch mit einem Impfstoff mit Wirkverstärker herhalten muß, selbst einen Reim machen. Übrigens in diesem Zusammenhang wäre auch interessant zu wissen, inwieweit der Einfluß der Industrie auf das deutsche Gesundheitsministerium tatsächlich ist.

#6 |
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Weitere medizinische Berufe

Was mir schon lange auffällt ist, dass die Pharma -Industrie, seit der Entdeckung des Penizilin / Antibiotikas meines Wissens
kein wirkliche Heilmittel auf den Markt gebracht hat.
Am Beispiel Bluthochdruck sollte sich mal jeder überlegen was passieren würde wenn gegen Bluthochdruck ein Heilmittel erfunden wird.
Ein großer Teil der Farmindustrie müßte Insolvenz anmelden >Folge kein Interesse am Heilen sundern nur am abbremsen solange man das “”teure”” Mittel nimmt. Es gibt sicher noch viele Beispile dazu.
Aus meiner Sicht müßte politisch entschieden werden, dass Universitäten “nur” nach richtigen Heilmittel forsche sollen mit hohem Aufwand! Ein Verkauf des Heilmittels zur Fertig wäre dann möglich und der “Arzneimittelschrott” vermindert.Mit einer Kostenreduzierung mit enormen Ausmaßen.
Ich will da nichts behaupten aber…….

#5 |
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M.A. (phil) Gert Günther
M.A. (phil) Gert Günther

Im Bericht des ZDF am vergangenen Sonntag Abend zum Thema Schweinegrippe traf ein Mitarbeiter des Bundesgesundheitsministeriums die eindeutige Aussage, die Regierung sei hinsichtlich der Impfaktion von GlaxoSmithKline massiv unter Druck gesetzt worden. Ich denke, diese Aussage spricht für sich selbst. Auch die Antwort des Glaxosprechers relavierte diese Aussage kaum.

#4 |
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Was macht denn der Kollege Graetzel beruflich? Auf seiner Internetseite preist er sich so an: “Sie benötigen medizinisches Knowhow und eine flotte Schreibe für Ihr Magazin, Ihre Zeitung oder Ihr Internetportal? ”
Ich habe keine Bedenken, daß sein DocCheck Beitrag seine Auftragslage verbessern wird.
Bezüglich des Universalgrippeimpfstoffes wird seine Darstellung jedoch sehr wahrscheinlich richtig sein.

#3 |
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Dr. med. Bärbel Theuerkorn
Dr. med. Bärbel Theuerkorn

Sowohl der Artikel als auch die Kommetare sind sehr interessant. Big Pharma…Auf alle Fälle haben spätestens nach dem dritten jahr einer GSI vor allem die älteren Patienten bestätigt, besser durch den Winter gekommen zu sein. Die Ursache dafür wurde in einer Aktivierung derb Immunkompetenz gesehen. Ob da was dran ist?

#2 |
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Dieser Artikel spricht ein weitverbreitetes Thema auf sehr gut Art und Weise an. Dennoch , die Verschörungstheorien werden sich auch bei Wissenschaftler nicht ausrotten lassen.
Eine kritische Haltung zru Pharmaisndustrei ist gut und richtig, aber es darf nicht ins psychiatrische gehen.

#1 |
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