Anorexie: Freispruch für Mutti

5. November 2009
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Erbricht sich die Tochter nach dem Essen oder hungert sich auf Knochenstärke herab, geraten Eltern nicht selten unter Verdacht, schuld zu sein. Freispruch gewähren neue Forschungsprojekte und ein Positionspapier der Academy for Eating Disorders.

Wenn die Seele schwer im Magen liegt, dann kann es unappetitlich werden: Bis zu drei Prozent aller Frauen und etwa 0,5 Prozent aller Männer erkranken nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) an einer Bulimie und provozieren nach der Aufnahme größerer Nahrungsmengen das Erbrechen, oft heimlich. Wesentlich offensichtlicher ist die Anorexie, an der 0,5 Prozent aller Frauen und 0,05 Prozent der Männer erkranken. Die Betroffenen hungern sich auf einen BMI von weniger als 17,5 kg/m2 herunter und leiden an der Angst, dick zu werden.

Erklärungsversuche gibt es viele

In den westlichen Industriestaaten ist zumindest die Magersucht seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Schon lange bemüht sich die Wissenschaft, Erklärungen für diese absonderliche Sucht zu finden. So gibt es Hinweise auf Stoffwechsel- und Hormonstörungen. Ein psychodynamischer Erklärungsansatz beschreibt die Angst der Betroffenen vor der sexuellen Reife und dem Erwachsenwerden. Demnach wollen die Hungernden ihre Entwicklung blockieren und ein kindliches, asexuelles Leben führen. Lerntheoretiker verweisen auf eine angebliche Gewichtsphobie der Magersüchtigen und auch sozio-kulturelle Erklärungsmuster werden zur Erklärung herangezogen. Sie sehen die Frau als Opfer eines übertriebenen gesellschaftlichen Schlankheitswahns.

Auch die Familie von Essgestörten zieht das Interesse der Ärzte auf sich. Schließlich liegt bei der Ursachenforschung buchstäblich nichts so nahe wie Mama, Papa, Bruder oder Schwester. Vor allem in den 60er und 70er Jahren wurde von einigen Forschern die „psychosomatische Familie“ als Ursache für Essstörungen angenommen. Versuche, für die einzelnen Essstörungen jeweils eine bestimmte pathogenetische Familienstruktur zu beschreiben, sind jedoch gescheitert.

Essstörungen haben vielschichtige Ursachen

Heute geht man davon aus, dass Anorexia und Bulimia nervosa multifaktorielle Ursachen haben. In Bezug auf die Familienstrukturen soll es Unterschiede zwischen beiden Erkrankungen geben. Während die Familien magersüchtiger Patienten angeblich eher dazu neigen, Konflikte und unangenehme Gefühle zu verdrängen, kann es im Familienverband von Essgestörten mit Bulimie lautstark zugehen. Dort werden die Konflikte offener und aggressiver ausgetragen. Gemeinsam ist beiden eine starke Leistungsorientierung.

Kein Wunder, dass sich Familienangehörige von Essgestörten immer wieder schuldig fühlten an der Erkrankung des Familienmitgliedes – oder sich schuldig fühlen sollten. „Im Internet steht leider noch viel Unsinn“, sagt dazu Prof. Dr. Martina de Zwaan, Leiterin der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung des Universitätsklinikums Erlangen. „Selbstverständlich können familiäre Kommunikationsprobleme zur Entstehung und Aufrechterhaltung jeder psychischen Störung beitragen, auch der Anorexie. Aber wir weisen keine Schuld zu.“ Prof. de Zwaan ist an der weltweit ersten Multicenter-Studie zur ambulanten Therapie von Betroffenen mit Anorexia nervosa beteiligt.

Verurteilen ist verboten

Auch Prof. Dr. Günter Reich von der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Göttingen, der seit 2008 an einem Forschungsprojekt zur Psychotherapie bei Bulimie arbeitet, will nicht von Mitschuld reden, wohl aber von der Mitursache familiärer Strukturen bei der Entstehung von Essstörungen. Er weist darauf hin, dass das Körperbild von Kindern und Jugendlichen natürlich unwillkürlich auch durch die Eltern mitgeprägt wird. Dennoch muss man nach seinen Worten in dieser Frage „sehr vorsichtig mit Urteilen“ sein.

Diese Ansicht vertritt auch die Academy for Eating Disorders (AED) in ihrem Positionspapier zur Rolle der Familie bei Essstörungen. Während Familienstrukturen sehr wohl eine wichtige Rolle bei der Entstehung oder Aufrechterhaltung von Essstörungen spielen könnten, müsse man die Vorstellung zurück weisen, dass sie entweder die ausschließliche oder wenigstens die primäre Ursache einer Essstörung seien, heißt es in dem Papier. Die AED-Autoren verurteilen generalisierende Aussagen, welche Eltern die Schuld an der Erkrankung ihres Kindes geben. Vielmehr seien Eltern in die Therapie der Essstörung einzubeziehen, sofern nichts dagegen spricht, vor allem bei jüngeren Erkrankten. Die „anorektogenen Eltern“ gibt es also nicht – wohl aber Familienangehörige, die so unter der Essstörung eines Familienmitgliedes leiden, dass sie selbst Hilfe benötigen.

210 Wertungen (3.11 ø)
Allgemein

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12 Kommentare:

Heilpraktikerin

Ich finde den Artikel insgesamt nicht in Ordnung – es gibt durchaus bestehende wissenschaftliche Erkenntnisse zu Ess-Störungen, über die ein Satz wertvoll gewesen wäre.
Frage an den Autor: wie kommt es zu dem letzten Satz ? Ist das ein wissenschaftliches Ergebnis oder woher kommt diese Erkenntnis ?

#12 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Hallo Herr Wolkersdorfer,
da sind Sie aber auf dem Holzweg.Einige suchen die Schuld gar nicht erst, sondern taxieren die Eltern Betroffener mit kundigem Blick und packen den Fall als “Klassiker” in eine ihrer Hirnschubladen. Solche therapeutisch Tätigen gibt´s nicht zu wenige, in Ihrem Berufsstand als auch in meinem.
Von dieser Art Arroganz wird MIR schlecht…

#11 |
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Peter PArisius
Peter PArisius

Sicher ist der Befund für Fachleute trivial; und mehr Substanz wäre schön gewesen.
Aber geht es nicht um Anregungen auch für Nichtfachleute u. gegen simple allg. Vorurteile?
Reißerisch? Unappetitlich? Finde ich nicht. Warum müssen Menschen so heftig urteilen u subjektives Erleben zur Norm erheben? Und: stellen ¿anständige Menschen¿ nicht gerade die Schuldfrage ¿ wie in der Moralentwicklung bzw.Ethik überhaupt?
Wäre nicht auch hier bei uns usern mehr Differenzierung nötig. Der Lösungansatz löst nicht alles.

#10 |
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Tanja Rührmund
Tanja Rührmund

was heute als psychosomatische erkrankung gilt, kann morgen im genlabor als “technischer defekt” identifiziert werden. man sollte grundsätzlich damit vorsichtig sein, krankheiten in schubladen zu stecken. meine schwwester erkrankte an colitis ulcerosa vor 25 jahren und meine eltern mussten sich vor ärzten und psychologen rechtfertigen, dass sie ihre töchter liebevoll und mit vernunft aufzogen. das war für die ganze familie nicht lustig! heute ist man hier auch klüger. wer weiß also, was bei anorexie mal herausgefunden wird!
insofern ist der artikel, wenn auch etwas dünn, ein wichtiger hinweis an die ärzte, mit solchen vorverurteilungen, die heute leider immer noch praktiziert werden, zurückhaltender zu sein!

#9 |
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Dr. Thomas Haag
Dr. Thomas Haag

Freispruch für flotte Sprüche ? Leider keinerlei neue Info, kein Tiefgang und offenbar keine Sachkenntnis beim Autor …. wird der Bedeutung und Schwere von Esstorungen nicht gerecht und hätte ehrlich gesagt nicht geschrieben werden müssen.

#8 |
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M.A. Klaus Otto
M.A. Klaus Otto

“Wenn die Seele schwer im Magen liegt…” Eine sprachlich so feinsinnige wie verblüffende, fachlich zutreffende und medizinjournalistisch überaus gelungene Einleitung zu diesem Thema habe ich lange nicht goutiert. Allein dazu herzlichen Glückwunsch. Und, richtig, ich bin Gegner einer nur vermeintlich fachlichen, gerne ausgrenzenden, aseptischen Sprache.

#7 |
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Liebe Frau Ronge, ich kann am Anleser “Wenn die Seele schwer im Magen liegt, dann kann es unappetitlich werden” beim besten Willen nichts reißerisches entdecken. Bitte helfen Sie mir auf die Sprünge.

#6 |
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im Gegenteil, das Aufweichen der kalten Fachsprache in Metaphern hat etwas Menschliches an sich Reaktion auf Nr.2 Kommentar von Herrn Mutschler

#5 |
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Kein anständiger Mensch sucht die Schuld, schon gar nicht bei “Mutti”, man sucht nach Lösungen! Bitte unsterstellen sie nicht solche Sachen wem auch immer!

#4 |
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Rainer Holfeld
Rainer Holfeld

Unappetitlich meint doch nur das Erbrechen.
Das ist doch eher eine Feststellung als eine Anmoderation!

#3 |
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Ärztin

Ihre reißerischen Anmoderierungen, die fast alle Artikel betreffen, sind unerträglich und haben mit seriösem Medizinjournalismus nicht das Geringste zu tun.

#2 |
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Dr. med. Ulrich Mutschler
Dr. med. Ulrich Mutschler

” Wenn die Seele schwer im Magen liegt, dann kann es unappetitlich werden” ….

>> solche reißerischen Anmoderierungen sind in der medizinisch-fachlichen Information abzulehnen !!

#1 |
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