Nachtarbeit: Auf Schicht mit dem Tumor

20. November 2012
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Seit einigen Jahren verursacht die Nachricht Unbehagen, dass Schichtarbeit Krebs verursachen könnte. Immerhin 19% der Erwerbstätigen der EU sind Schichtarbeitende. In vielen betroffenen Bereichen wird es auch zukünftig keine Möglichkeit geben, Nachtarbeit zu vermeiden.

Schichtarbeit kann vieles bedeuten. Beispielsweise können die Anzahl der möglichen Schichtabschnitte, die Häufigkeit der aufeinanderfolgenden Schichten als auch die einzelne Schichtlänge variieren. Es gibt Wechsel- und Dauerschichten. Häufig sind vor allem Zweischichtsysteme, die 16 Stunden des Tages abdecken und Dreischichtsysteme, die das Arbeiten rund um die Uhr ermöglichen. Schichtsysteme, die Nachtarbeit einschließen, unterbrechen den zirkadianen Rhythmus des Menschen. Die Störung des zirkadianen Systems ist der Grund für eine mögliche Förderung der Krebsentstehung. Wenn über das krebserregende Potential von Schichtarbeit gesprochen wird, sind also die Schichtsysteme gemeint, in denen auch nachts gearbeitet wird.

Schichtarbeit gilt als “wahrscheinlich karzinogen für den Menschen”

Die International Agency for Research on Cancer (IARC) hat 2007 eine erste Einstufung von Schichtarbeit als Gruppe 2A Karzinogen (wahrscheinlich karzinogen für Menschen) vorgenommen. Dies beruht auf beeindruckenden Ergebnissen aus vielen tierexperimentellen Studien und angedeuteten Risiken aus der epidemiologischen Studienlandschaft. Diese Einstufung bleibt auch nach Erscheinen der ausführlichen Monographie Schichtarbeit Ende 2010 bestehen. Drei neuere Studien aus Frankreich, Kanada und Schweden stützen diese Vermutung weiter. Erhöhte Risiken zeigt eine dieser Studien für Lungen-, Blasen-, Pankreas-, Prostata-, Kolon-, Rektumkarzinome und Non-Hodgkin-Lymphome bei Männern. Das ist daher brisant, da die meisten Studien der letzten Jahre vor allem auf erhöhte Brust- und Prostatakrebsrisiken hindeuteten. Die möglichen Wege, auf denen die Krebsentstehung gefördert wird, sind vor allem die Unterdrückung der nächtlichen Ausschüttung von Melatonin, eine direkte Störung von so genannten “Uhrengenen”, die nahezu im ganzen Körper zu finden sind und die Störung der Schlaf-Wach-Homöostase.

Was passiert nun?

Ein notwendiger nächster Schritt ist es, weiterhin sorgfältig zu prüfen, ob sich das Krebsrisiko durch Nachtarbeit in neuen epidemiologischen Studien bestätigen wird. Dafür muss vor allem an einer einheitlichen Klassifikation von Schichtarbeit und der Definition von relevanten Unterbrechungen des 24h-Rhythmus (zirkadiane Disruption/ Chronodisruption) gearbeitet werden. Denn die Gefahr von Missklassifikationen und verzerrten Ergebnissen ist hoch, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Die Exposition “Schichtarbeit” ist sehr komplex und wird weltweit unter den unterschiedlichsten Bedingungen durchgeführt. Auch hier sollten in Studien nur möglichst ähnliche Belastungen miteinander verglichen werden. Außerdem spielen nicht nur externe Faktoren eine Rolle für die Toleranz gegen Nachtarbeit, sondern auch individuelle Voraussetzungen wie zum Beispiel der Chronotyp. Diese können zum Teil in zukünftigen Studien abgefragt werden.

Schichtarbeit als Berufskrankheit anerkannt

In Dänemark wurde bis Ende 2011 bei über 100 Frauen Brustkrebs als Berufskrankheit anerkannt, wenn diese Frauen unter anderem mehr als 20 Jahre mindestens vier Nächte im Monat gearbeitet hatten. Allerdings heißt das nicht, dass bei den Betroffenen die Verursachung der Krankheit durch die Schichtarbeit bewiesen wurde. Vielmehr mussten lediglich konkurrierende andere Ursachen ausgeschlossen werden. Diese Praxis ist in Deutschland nicht möglich, da hier umgekehrt eine Verursachung klar belegt werden muss. Die Sozialversicherungssysteme der beiden Länder unterscheiden sich zu grundlegend, um einfache Vergleiche ziehen zu können. In Dänemark werden alle Behandlungskosten durch die allgemeine Krankenversicherung gedeckt und lediglich kleine Renten bei einer anerkannten Berufskrankheit ausgezahlt. Daher können die Voraussetzungen für eine Anerkennung als Berufskrankheit dort viel großzügiger gehandhabt werden.

Was kann man heute schon tun?

Arbeitgeber können Schichtarbeitsbedingen nach neuesten arbeitsphysiologischen Erkenntnissen zunehmend optimieren. Zum Beispiel sollten zu viele Nachtschichten hintereinander vermieden werden. Die Rückanpassung an den normalen Tag-Nacht-Rhythmus wird für den Organismus sonst nach mehreren durchgearbeiteten Nächten (>3 Nächte) noch belastender, als die vorangegangene Einstellung auf die Nachtschicht selbst. Ausreichende Erholung zwischen den Schichten werden ebenso empfohlen, wie eine Mitgestaltung der Beschäftigten am Dienstplan und eine geregelte Nahrungsaufnahme während der Nachtarbeit, um nur einige Beispiele zu nennen. All das ist nicht zuletzt in Hinblick auf die bereits gesicherten Gesundheitsstörungen durch Unterbrechung der zirkadianen Rhythmik ohnehin sinnvoll. Neben einer eingeschränkten Tagesperformance, und kurzfristigen Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus und des Immunsystems sind das vor allem kardiovaskuläre und gastrointestinale Erkrankungen.

Nichts ist bewiesen

Im Tierexperiment gibt es beeindruckende Hinweise, dass die Störung von zirkadianen Rhythmen Krebs erzeugen kann. Die Epidemiologie kann diese Hinweise stützen aber dieses Risiko für den Menschen bislang nicht eindeutig belegen. Mögliche Entstehungspfade sind bekannt, aber die Zusammenhänge zu komplex, um deren Relevanz im “normalen Leben” abschließend beurteilen zu können. Die Wissenschaftler werden eindeutige Kausalitäten in absehbarer Zeit nur schwer herausarbeiten können. Eine Optimierung der Arbeitsbedingungen von Nachtarbeitern ist aber dennoch sowohl in Hinblick auf die bereits bekannten Gesundheitsstörungen, als auch auf mögliche Krebsrisiken unbedingt zu empfehlen.

108 Wertungen (4.31 ø)
Medizin, Onkologie

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19 Kommentare:

Horst Rieth
Horst Rieth

“ohne nachtschichtarbeit kommt man heute nicht mehr aus”
wer propagiert so einen schwachsinn ?
“ohne verkehrstote kommt man heute nicht mehr aus” ?
“ohne massenmord kommt man heute nicht mehr aus” ?
ich dachte mal, wo ein wille ist, ist auch ein weg.
aber willenloses seelenvieh kann einen solchen nicht finden !

#19 |
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Dr. med. Dipl.-Phys. Andreas-Roman Metza
Dr. med. Dipl.-Phys. Andreas-Roman Metza

Was wissen wir :
1. Schichtarbeit, die Nachtarbeit einschließt, war, ist und bleibt auch zukünftig für den Menschen eine unstrittig unphysiologische Arbeitsform mit allen daraus resultierenden – auch gesundheitlich – negativen Folgen.
2. Gerade unter denjenigen, die Schichtarbeitssysteme mit Nachtarbeit anbieten, propagieren, anordnen oder sogar verlangen, gibt es bemerkenswerterweise nur verschwindend wenige, die solche Arbeitssysteme mit vorgeplanter und/oder regelmäßiger Nachtarbeit für sich selbst als erstrebenswert erachten bzw. diesbezüglich mit gutem Beispiel vorangehen, d.h. persönlich Schichtarbeit mit Nachtarbeit verrichten.
Ergo : CAVE SCHICHTARBEIT MIT NACHTARBEIT !

#18 |
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Neben dem Stress durch die Wechselschichttätigkeit, der ja wohl alle 2,3,4 und 5-Schichtsysteme trifft, ist in Studien
in der Tat der bei Schichtlern erhöhte Kofaktor Rauchen
herauszurechnen.

#17 |
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Ohne Schichtarbeit kommt man hweute nicht mehr aus.Es wäre wichtig zu eruieren wie man den daraus rresultierenden Gesunheitsproblemen begegnen kann.

#16 |
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Neu ist diese Erkenntnis nicht. Sie bestätigt eher, was die ganze Zeit schon vermutete wurde.Es ist auch richtig, um hier einen Ausgleich für die Belastungen der Nacht zu schaffen, dass der Stress in der Nacht so gering wie möglich gehalten wird. Ein adäquater Dienstplan konstruiert wird und natürlich die Ernährung darauf abgestimmt ist. Melatonin ist ja ein Radikalenfänger und unterbindet mit Interleukin II, das Tumorwachstum. Alkohol, Nikotin und Stress stören diese Bildung erheblich. Tomaten, Nüsse u Sellerie enthalten Betakarotin, Vitamin E,
Vitamin C, Selen, Flavine und Glutahione…
und gelten als Melatoninförderér/Radikalenfänger. Man muß seinen übrigen Alltag auf Nachtdienst einstellen. Gesund ist es trotzdem nicht.

#15 |
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Rentenberater Johann simon Genten
Rentenberater Johann simon Genten

Zahlreiche Krebsarten sind als Berufskrankheit anerkannt, trotz dass “andere Risiken natürlich nie ausgeschlossen werden” können (Beitrag von Dr. Staudenmaier)! Bekanntestes Beispiel der Luingenkrebs. Jeder kann an Lungenkrebs erkranken, aber wenn bestimmte arbeitstechnische Voraussetzungen vorliegen, wird der Krebs als Berufskrankheit anerkannt. Die Entwicklung bei den Bereufskrankheiten ist dynamisch. Ständig kommen neue BK aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse hinzu.

#14 |
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Medizinphysiker

“Dann kann(!) über den §9 unter Ausschluss anderer Risiken eine Anerkennung erfolgen, auch wenn es sich nciht um eine Listenkrankheit handelt.”
Und das ist hier der Punkt: i.a. könen bei einer Krebserkrankung andere Risiken natürlich nie ausgeschlossen werden.
Also Anerkennung in der Regel aussichtslos!

#13 |
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Ein kleiner Hinweis zu dem Beitrag von Herrn Genten, “Erkranken Versicherte, die infolge der besonderen Bedingungen ihrer versicherten Tätigkeit in erhöhtem Maße der Gefahr” – genau hier muss der Zusammenhang DASS die Gefahr durch die versicherte Tätigkeit erhöht ist, nachgewiesen sein. DANN kann über den §9 unter Ausschluss anderer Risiken eine Anerkennung erfolgen, auch wenn es sich nciht um eine Listenkrankheit handelt.
Beste Grüße,
Puran Falaturi

#12 |
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Medizinphysiker

@11
Vielleicht sind es gar nicht die “Uhrengene” oder das Melantonin, sondern nur der Stress, bzw. die psychische Belastung die die Entstehung von Krebs fördern?
Im übrigen würde mich mal das Tierexperiment interessieren!
Aufbau etc.

#11 |
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Rettungsassistent

Ich selbst arbeite seit über 25 Jahren im Schichtdienst. Das jeweilige Schichtsystem (Früh/Spät/Nacht, 12Std./12Std., 24Std. usw.)sowie die damit verbundene anschließende arbeitsfreie Zeit zur Regeneration ist m. E. nach der ausschlaggebende Faktor schlechthin.
Wer nach 3,4 oder 5 Tagen Nachtdienst einen Tag Zeit bis zum nächsten Früh- oder Spätdienst, hat wohl kaum Gelegenheit zur Regeneration.
Ein weiterer Punkt ist die jeweilige Tätigkeit selbst. Ein Nachtdienst auf einer Intensivstation hat eine andere “Qualität”(ohne Wertung!) als ein Dienst in einem Seniorenzentrum oder an einer Rettungswache oder einem Polizeirevier. Jeder von uns, der im Schichtdienst arbeitet, empfindet manche Dienste weniger belastend als der Kollege/die Kollegin, der/die den gleichen Dienst zeitgleich tut.
Schichtdienst ist immer belastend, physisch wie psychisch und wenn ich mir vorstelle, als Jahrgang 1964 bis zum 67.Lebensjahr im Schichtdienst arbeiten zu sollen/müssen regen sich doch leise Zweifel…..

#10 |
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Rentenberater Johann simon Genten
Rentenberater Johann simon Genten

Die Autorin schreibt zur Anerkennung als Berufskrankheit, dass die Praxis in Dänemark nicht übertragbar sei, da “hier umgekehrt eine Verursachung klar belegt werden” müsse. Dies ist schlicht falsch. In § 9 SGB VII heißt es z.B:”Erkranken Versicherte, die infolge der besonderen Bedingungen ihrer versicherten Tätigkeit in erhöhtem Maße der Gefahr der Erkrankung an einer in der Rechtsverordnung nach Absatz 1 genannten Berufskrankheit ausgesetzt waren, an einer solchen Krankheit und können Anhaltspunkte für eine Verursachung außerhalb der versicherten Tätigkeit nicht festgestellt werden, wird vermutet, daß diese infolge der versicherten Tätigkeit verursacht worden ist”. Also kein Vollbeweis notwendig !

#9 |
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Medizinphysiker

Vielleicht sollte man auch die unsinnige Zeitumstellung Sommer- Winterzeit in dieser Hinsicht untersuchen?
Aber es wird ohnehin keine Konsequenzen geben, da nicht sein kann was nicht sein darf (Schdensersatz, Schmerzensgeld!)! Siehe den Einfluss der Psyche auf die Krebsentstehung. Da wird auch ein Zusammenhang verneint.

#8 |
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Dr. med. Ingrid Krömer-Ruschemeier
Dr. med. Ingrid Krömer-Ruschemeier

Als Arbeitsmedizinerin bin ich mit diesem Thema natürlich
sehr viel vertrauter als viele Kollegen/-innen anderer
Fachrichtungen. Es gibt bisher eine große Anzahl von Studien und Veröffentlichungen zu dem Thema “Nacht- und Schichtarbeit” und ich habe dazu auf Sitzungen und Versammlungen immer wieder referiert und sensibilisiert. Eine eindeutige Kausalität ist leider nicht zu beweisen – trotzdem kann man auch heute bereits sehr viel
an Veränderungen durch präventive Maßnahmen erreichen.

#7 |
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Liebe Leser, danke für die aufschlussreichen Kommentare. Nein, selbstverständlich ist Schichtareit nicht “alles”. Das soll der Artikel nicht sugerieren. Im Gegenteil, er weist ja sogar ausdrücklich darauf hin, dass die Risiken noch nicht wirklich geklärt sind. Bei multifaktoriellen Erkrankungen geht es nicht um DAS Karzinogen. Rauchen ist für viele Krebsentitäten – allerdins z.B. nicht für Prostatakrebs – ein weitaus größerer Risikofaktor.
Beste Grüße, Puran Falaturi

#6 |
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Ich habe nie verstanden, warum die deutsche Arbeitnehmerschaft vor Jahren drastische Reduzierungen von Zulagen und Streichungen von Steuernachlässen für Nachtarbeit hingenommen hat und warum man sich von irgendwelchen Banausen mit dem Argument beschwichtigen ließ, die zuvor unbestrittene Gesundheitsschädlichkeit dieser Arbeitsform sei wissenschaftlich gar nicht bewiesen.

#5 |
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Dr. med. Christoph Zink
Dr. med. Christoph Zink

Sehr interessanter Artikel! Frau Rosenow ist zuzustimmen: Wahrscheinlich sind andere Karzinogene relativ viel bedeutsamer als die Schichtarbeit. Aber die hier gezeigten Befunde legen es nahe, sehr gründlich darüber nachzudenken, wie sich Schichtarbeit so organisieren lässt, dass sie individuell möglichst wenig schadet. Hier sehe ich in der Praxis noch reichlich Spielraum für Verbesserungen.

#4 |
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Carsten Rudloff
Carsten Rudloff

Immer wieder “schön” zu sehen, dass Rettungsdienst tötlich endet.

#3 |
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Nicole Rosenow
Nicole Rosenow

Das kann nicht alles sein.
Übergewicht, Schichtarbeit, Stress im Job oder was auch immer als nächstes untersucht wird.
In meinem Umfeld kenne ich 6 Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind – keine von ihnen hat jemals nachts oder in Schicht gearbeitet und nur eine von ihnen ist übergewichtig.

#2 |
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Altenpfleger

Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel. Das lässt mich doch noch einmal mehr sehr nachdenklich werden, wenn ich an meine Arbeitsbedingungen denke: 4-10 12-Stunden-Schichten im Monat, häufiger und oft kurzfristiger Wechsel zwischen Tag- und Nachtschicht, keine guten Sitz- bzw. Liegemöglichkeiten usw.
Wen es interessiert, ich arbeite in der häuslichen Intensiv- und Beatmungspflege.

#1 |
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