Meile, Meile Gänschen

6. November 2009
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Die Krankenkassen sind im Bonus-Fieber gelandet. Vorbild: Zapfsäulen. Motto: Wer Gesundheit tankt, wird belohnt. Ziel: Auf ihr Wohl und Wehe achtende Versicherte, die die Kassen wenig kosten. Aber geht diese Rechnung überhaupt auf?

Christine Göpner-Reinecke sagt es nicht ohne Stolz: „Unsere Prämienprogramme gehören zu den erfolgreichsten unter allen Kassen“. Und weiter: „1,3 Millionen Versicherte nehmen inzwischen daran teil.“ Ich könnte einer davon sein. Wenn ich wollte. Aber will ich auch? Ich bin schließlich ein echter Miles & More-Fan. Einer, dem Heizdecken, Handtücher, Handwärmer völlig egal sind – Hauptsache Meilenpunkte. Das Angebot von Deutschlands größtem Krankenkassenverbund mit 24 Millionen Versicherten klingt verlockend. „Sie können bis zu 300 Euro ausbezahlt bekommen“, sagt die freundliche Beraterin am Service-Telefon. „Cash oder als Sachleistung!“ Erst mal muss ich zahlen. Der Anruf ist gebührenpflichtig, kostet 14 Cent pro Minute. Aber meine Neugier besiegt Verärgerung und Geiz: „Was muss ich denn für die 300 Euro so tun?“, frage ich.

Die Frage wird der Dame offenbar so häufig gestellt, dass sie die Antwort gebetsmühlenartig in den Hörer frohlockt: „Wir möchten Sie dabei unterstützen, gesund zu bleiben. Deshalb fördert die AOK mit einem sehr aufwändigen Präventionsprogramm sehr viele Präventionsmaßnahmen. Sie können aus Hunderten von Angeboten wählen. Fitnesskurse, Ernährungskurse, Impfprogramme, Krebsvorsorgeuntersuchungen, und so weiter. Schauen Sie mal auf unserer speziellen Internetseite, was Sie am meisten anspricht.“

Erst mal schaue ich, dass ich in Anbetracht des tickenden Gebührenzählers so schnell wie möglich die entscheidenden Fragen beantwortet bekomme. Zum Beispiel, wie oft und wie lange ich Joggen müsste, um zur Prämie zu kommen. „Das können Sie leicht selbst ausrechnen“, sagt die AOK-Dame. „Ein Joggingkurs mit acht Einzelstunden bringt 300 Punkte. Und ab 800 Punkten gibt’s bei uns attraktive Sachprämien.“ Heißt nach Adam Riese: Rund 20 Stunden Runden drehen.

Und was ist der Hauptgewinn? „Für 6400 Punkte gibt’s ein Navigationsgerät“, erklärt mir die nette Frauenstimme. Jetzt wird’s spannend. „Gibt’s auch Bonusmeilen?“, frage ich. „Bonusmeilen?“ „Ich meine Miles & More-Punkte. Ich fliege nämlich leidenschaftlich gerne und sammle Bonusmeilen, wo immer es geht.“ Da muss mich die Beraterin enttäuschen: „Leider nein!“

Eine Kurzreise zu sich selbst

Jetzt aber schnell aufgelegt und rauf auf die bayerische AOK-Prämien-Website. Ein Wahnsinn, was es hier alles an „attraktiven“ Prämien gibt. Zwei Kinogutscheine (800 Punkte), ein Kochbuch (900 Punkte), ein Fit-for-Fun Zeitschriftenabo (900 Punkte), eine elektrische Kinderzahnbürste (1600 Punkte), ein Ganzkörper-Rasierer (1800), ein Fitness-Zauberstab (3300 Punkte). Nur so zum Vergleich: Den Rasierer gibt’s bei Amazon für € 35,45,-, den Zauberstab ab € 79,-. Hundert Punkte sind also um die 2 Euro Wert. Dafür würde ich keinesfalls Joggen. Aber es gibt auch weniger Schweißtreibendes im Vorsorge-Angebot der „Gesundheitskasse“. Eine kleine Auswahl der 300-Punkter mit meist acht Kursabenden: Autogenes Training, Schritt für Schritt zum Wohlfühlgewicht, Fettarm essen mit Genuss (nur zwei Sitzungen), Qi Gong, Progressive Entspannung oder das AOK-TrophoTraining, dessen Beschreibung sich schon fast poetisch ausnimmt: „Wieder freier und selbstbewusster werden, Kraft und Energie tanken. Einfache Konzentrationsübungen helfen die Akkus wieder aufzufüllen. Mit wenig Aufwand und einem liebevollen Ansprechen des eigenen Körpers können Sie Ihre Gesundheit und seelische Ausgeglichenheit zu jeder Zeit stärken. Es genügt, wenn Sie sich zu einer Kurzreise zu sich selbst aufmachen – Reisedauer nur 1 Minute!“

Die offizielle und die inoffizielle Begründung

Was treibt die AOK und alle anderen 250 Gesetzlichen eigentlich um, wenn sie Impf-, Krebsvorsorge- oder Wellness-Programme auflegen? Die eine – offizielle – Begründung: Versicherte, die sich um eine gesundheitsbewusste Lebensführung bemühen, werden belohnt. Denn sie sparen den Kassen auf Dauer gesehen viel Geld.

Die andere – inoffizielle Begründung: Es ist eine Marketingstrategie, angelehnt ans Herzchen-Sammeln im Supermarkt oder dem Pay Back-Programm im Kaufhaus und an der Tankstelle. Denn seit mit Einführung des Gesundheitsfonds der Leistungskatalog für die Gesundheitsversorgung (noch) für alle Krankenkassen gleichermaßen gilt, müssen sie sich bei der Eigenwerbung etwas einfallen lassen. Zitat des Vorstandsvorsitzenden der AOK Baden-Württemberg, Christopher Hermann: „Wenn die Finanzströme und die Leistungen weitestgehend vereinheitlicht sind, dann muss es doch in der Versorgungsoptimierung, im Service und in Versichertenprogrammen deutliche Unterschiede geben, um überhaupt dieses gesamte System zu rechtfertigen.“

Arbeitsbeschaffungsprogramm für ganze Abteilungen

Mit der annähernden Gleichschaltung der Beiträge und Leistungen sind die Prämien eine gute Möglichkeit für die Kassen, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden. Ein Kundenfindungs- und Kundenbindungsinstrument also. Dabei verlassen sich die Kassen längst nicht mehr auf ihr Gespür für die Kunden. Die Strategie wird mittlerweile von externen Marketingspezialisten wie HCMC (Leipzig), medizinagentur.de (Frankfurt/M.) oder ABS (Wuppertal) penibel erarbeitet. Inhäusig sind inzwischen ganze Abteilungen mit der Abwicklung der Bonusprogramme beschäftigt – von der Prämienauswahl zum Prämieneinkauf bis zur Prämienverwaltung.

Wie wichtig Marketing für die Kassen geworden ist, zeigt der drastische Ausgabenanstieg in diesem Bereich. So erhöhte laut weltonline etwa die Barmer Ersatzkasse im ersten Halbjahr 2009 ihre Werbeausgaben um 83 Prozent im Vergleich zum Vorjahreshalbjahr auf 3,96 Millionen Euro. Die KKH-Allianz vervielfachte die Ausgaben gar von 293.000 Euro auf 2,44 Millionen Euro. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen investierten 9,44 Millionen Euro in Werbung, 28 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die DAK gab 2,44 Millionen Euro (plus 36 Prozent) aus.

Angeblich bringt’s was

Lohnt sich der Werberummel für die Kassen? Nutzen ihnen die Bonusprogramme? Angeblich ja, hält man die Ergebnisse einer Studie, die die Barmer beim Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Uni Köln in Auftrag gegeben hatte, für allgemeingültig. So spart Deutschlands größte Krankenkasse für jeden Euro, den sie für das Programm ausgibt, 2,32 Euro ein – die Teilnehmer verursachen geringere Kosten.

In der Untersuchung wurden die Ausgaben für Krankenhausaufenthalte, Arzneimittel und Heilmittel von 70 400 Teilnehmern mit denen aus einer gleich großen Kontrollgruppe verglichen. Als Datengrundlage dienten die Jahre 2003 und 2006. Ergebnis: Die Ausgaben in beiden Gruppen sind in den drei Jahren gestiegen, der Zuwachs bei den Absolventen des Bonusprogrammes fiel aber im Schnitt um gut 100 Euro niedriger aus – unter Berücksichtigung der Kosten, die bei der Kasse für das Programm anfielen.

Die Kölner Evaluation bestätigt auch eine Untersuchung des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen, der bei den Teilnehmern an Bonusprogrammen ebenfalls eine deutliche Kostenersparnis festgestellt hatte. Offen bleibt dabei die Frage, ob man mit solchen Programmen nicht ohnehin die Menschen erreicht, die von Hause aus gesünder leben und gegen Krankheiten vorbeugen, wo immer es geht. Es ist wie mit der Predigt in der Kirche. Der Pfarrer erreicht immer nur die, die ohnehin schon da sind. So gibt denn auch der Kölner Institutsleiter Dr. Markus Lüngen zu, dass nach wie vor ungeklärt sei, ob man auf diesem Weg alle Versicherten erreichen und zu gesundheitsbewusstem Verhalten motivieren kann.

Ebenso olle wie dolle Prämien

Apropos Barmer. Auch hier treibt mich die Frage um, ob ich meine (vielleicht) künftigen Fitnessstudio-Besuche, Raucherentwöhnungs-Seancen oder Schweinegrippe-Prophylaxen in Bonuspunkte umsetzen kann. Auch hier gibt’s wieder ein Service-Telefon, auch hier kostet der Anruf 14 Cent pro Minute – aus dem deutschen Festnetz, ich bin aber zum teuren Handy-Tarif verdammt. Auch hier beantwortet eine freundliche Frau meine Fragen. Bei der Barmer braucht’s nur 500 Punkte, um eine Prämie zu ergattern. Allerdings hat man nicht drei, sondern nur ein Jahr lang Zeit zum Sammeln. „Man kann aber eine Ausnahmereglung beantragen“, klärt die Service-Dame auf. Hier gibt’s ebenso tolle Prämien wie bei der AOK. Ein Fußsprudelbad, ein Infrarotthermometer, ein Pasta-Set (als ob ich das nicht schon hätte). Außerdem gibt’s Reiseprämien – allerdings nur mit Zuzahlung. Oder besser: Zu Sonderkonditionen, wobei nicht ersichtlich wird, wie viel man eigentlich spart. Und: Zur Auswahl stehen nur Lindner-Hotels: Jeweils zwei Übernachtungen auf Sylt, im Allgäu oder Bad Griesbach.

Wellness-Reisen sind der Renner

Solche Wellness-Reisen laufen laut Stern-Recherchen bei Kassen besonders gut. „Gesetzlich Versicherte, die sich sportlich betätigen oder sich unter professioneller Anleitung entspannen wollen, nehmen zunehmend entsprechende Kurse in ausgewählten Hotels in Deutschland, Tschechien, Österreich oder Italien zum Vorzugspreis in Anspruch.“ Und weiter: „Bei dem Spezialisten Dr. Holiday können viele Kassenmitglieder sogar eine Fitness-Woche in einem bayerischen Luxus 5-Sterne Hotel für 285 Euro pro Person buchen, wenn ihre Kasse 185 Euro vom ursprünglichen Preis übernimmt. Begrüßungssekt und Dinnerarrangement inklusive. Dafür müssen die Gäste ein umfassendes Gesundheitsprogramm mit Rückenschule, Nordic Walking, Aquafit und Qi Gong absolvieren.“

Mich interessieren Wellness-Hotels nur peripher. Ich will lieber in die Luft gehen. Aber auch die Barmer-Beraterin muss mich enttäuschen: „Nein, Meilensammeln können sie mit unserem Präventionsprogramm nicht.“ Und was für AOK und Barmer gilt, gilt auch für die Techniker Krankenkasse, die zahlreichen BKKen, die DAK und die IKK – keine Miles&More-Punkte, aber jede Menge anderen „Krimskrams“.

Da haben es Ärzte übrigens besser. Sie erhalten von der Lufthansa 5000 zusätzliche Bonus-Meilen, wenn sie sich vor Flugantritt mit Angabe ihrer Fachrichtung registrieren lassen. Diese Daten sind dann der Besatzung zugänglich. Kommt ein Arzt an Bord zum Einsatz, gibt es sogar noch einen Sonderbonus. Wie hoch der ausfällt? Es ist von bis zu 38.000 Bonusmeilen die Rede. Arzt müsste man sein!

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Kassen, Politik Wirtschaft

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5 Kommentare:

Schon mal erlebt, dass die Teilnahme an Bonusprogrammen hypertone, übergewichtige, bewegungsarme Diabetiker in einem NENNENSWERTEN Mass auf den Weg der Tugend gebracht hätte?

Bei dem Ausmaß an Bonus- oder finanzieller Rückerstattung möchte ich die werten Kolleginnen und Kollegen an unsere Berufsordnung erinnern und zur Umsetzung auffordern:

In der GKV ist zu liquidieren nach EBM für alles Notwendige, das Ausreichende nicht Überschreitende. Alles darüber hinaus ist nach GOÄ zu liqiudieren!

Damit ist unmissverständlich festgelegt:
Alle Atteste, Bescheinigungen usw., die im GKV-Bereich nicht ausdrücklich als Formularanfrage festgelegt sind, sind nach GOÄ zu liquidieren, (also auch das Stempeln und UNTERSCHREIBEN in Bonusheften).

Diese Vorschriften sind verbindlich für alle Ärzte, werden aber nur schwach befolgt. Das unentgeltliche Erbringen von Leistungen jedweder Art ist nicht nur Verlust von Einkommen, sondern ein klarer Verstoß gegen unsere Berufsordnung.

Leute, macht was draus!

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

Jetzt brauche ich Hilfestellung: Wie bringe ich meine BKK dazu, mir eine Prämie zukommen zu lassen für meine jahrelangen Null-Kranken-bzw.-Gesundheitskassenkosten?
Ich bin seit 40 Jahren aktiver Langstreckenläufer, Nikotinfeind, Null-Alkoholmensch, auch noch Vegatarier und kuriere die seltenen Wehwehchen meiner Rennerei nach Rücksprache mit meiner Apothekerin, auch Mitglied meiner Laufgruppe, selbst aus: Verursache also meiner BKK definiv Null-Kosten. Ich wünsche mir schließlich als Prämie keine Sachpreise sondern 25% Rabatt auf meinen BKK-Beitrag. Das wär dann schon was. Jedoch, wie kann ich das meiner BKK glaubhaft machen?

#4 |
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Weitere medizinische Berufe

Ausgesprochen erheiternder Artikel, der mal wieder zeigt, wo denn eigentlich die Milliarden Kosten u.a. auch entstehen (Marketing-Abteilungen) und wie das Geld verschwindet. Da kommt es auf einen Akkusativ mehr oder weniger auch nicht mehr an.

#3 |
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Autsch! Erwischt. Sonst heißt es immer “Rettet dem Dativ!” Prompt hat es diesmal den Akkusativ erwischt.

#2 |
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Bonusprogramme = Marketing

Sie haben es erkannt! Mit einer deutschen Einheitskasse würde es sowas nicht mehr geben…

#1 |
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