Studien: Ohne Moos nix los

13. November 2009
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Interessiert an der Forschung, aber nur eingeschränkt bereitwillig, daran selbst mitzuwirken. Diese Erfahrung musste ein Wissenschaftler von der Uni-Witten-Herdecke machen, der Allgemeinärzte für seine Studie gewinnen wollte.

„Money sets the course” – Geld bestimmt die Bereitschaft mancher Allgemeinmediziner, sich an klinischer Forschung aktiv zu beteiligen. Das Zitat entstammt einer Umfrage, warum neun von zehn Allgemeinärzten kein Interesse haben, ihre Patienten für Studien zu gewinnen. Besonders frustrierende Zahlen entstammen einer Veröffentlichung, die vor einigen Wochen in “BMC Medical Research Methodology” erschien.

Geringer Aufwand– kaum Bereitschaft

Auch viele englischsprachige Wissenschafts-Websites berichteten über die schriftlich niedergelegten Versuche von Oliver Herber vom Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Universität Witten-Herdecke, Patienten mit Beingeschwüren für seine Studie zu rekrutieren. Nur 38 von 1822 angesprochenen Mediziner waren bereit, seine Untersuchung über die optimale Versorgung solcher Patienten zu unterstützen. Anstatt der angestrebten 300 Teilnehmer musste die Studie mit 45 auskommen. Die Aussagekraft der Ergebnisse sinkt dadurch beträchtlich.

Die randomisierte Studie sollte Aufschluss darüber geben, ob ein Team aus Pflegekraft und Arzt möglicherweise die bessere Versorgung als eine Arztpraxis allein bietet. Das Studienprotokoll wurde zusammen mit Allgemeinärzten entwickelt und in ärztlichen Qualitätszirkeln verfeinert. Im einem der beiden Studienäste sollten Pfleger den Patienten in der Praxis oder zu Hause regelmäßig besuchen und ihn zu einer selbständigen Versorgung seines Geschwürs anleiten. Mit Unterstützung der Arztpraxen in Nordrhein-Westfalen wollten die Wissenschaftler entsprechende Patienten mit offenem Bein rekrutieren. Dem Arzt kam es zu, dementsprechende Patienten mit Name und Kontaktmöglichkeit an die Studienleitung zu melden. Sämtliche anderen Formalien der Studie wie etwa das Gespräch mit dem Patienten und dessen Einverständniserklärung übernahmen Beauftragte des Instituts .

Block an der Anmeldung

Schon beim telefonischen Erstkontakt mit der Sprechstundenhilfe registrierten Oliver Herber und seine Kollegen eine “Verlustquote” von rund 50 Prozent aller Praxen, die eine weitere Studien-Information per Fax ablehnten. Nach einem weiteren Telefonkontakt erhielten schließlich 69 Praxen das Teilnahmeformular, 38 Ärzte entschlossen sich zu einer Teilnahme. Neben den Praxen für Allgemeinmedizin luden die Studienleiter auch Dermatologen und in einer zweiten Rekrutierungsphase auch Phlebologen ein, die rund 20 Prozent der Kontakte ausmachten.

Die “Erfolgsquote” bei den angesprochenen Ärzten lag somit bei rund 2 Prozent. Dabei waren die Fachärzte noch deutlich interessierter als Ihre Kollegen von der Allgemeinmedizin. Warum halten Allgemeinmediziner erwiesenermaßen viel von der klinischen Forschung in Deutschland, sind aber nur selten bereit, daran mitzuwirken? In seinem Artikel übermittelt Herber Details seiner Nachforschungen. Eine telefonische Nachfrage nach Gründen der Ablehnung beendeten die Angesprochenen meist nach weniger als einer Minute. Auch daraus ließen sich also keine fundierten Daten gewinnen. Dennoch kristallisierten die Hauptpunkte “Angst vor erhöhtem Zeitaufwand ohne Ausgleich” oder etwa „Studienmüdigkeit“ heraus. Auch die mögliche “Rivalität” zwischen professionellen Pflegediensten und Ärzten könnte ein Grund für die Zurückhaltung sein. So wurden die Gespräche mit Sprechstundenhilfe und Arzt nicht von Medizinern geführt. Schließlich, so schreiben die Autoren, sehen sich viele Sprechstundenhilfen in der Pflicht, lästige Anrufer und “überflüssige” Aufgaben von ihrem Chef abzuhalten.

Von Pharmafirmen verdorben?

“Die Behandlung von Beingeschwüren in Deutschland ist finanziell unattraktiv und erfordert einen überaus hohen Aufwand an Dokumentation von Seiten der Ärzte”, so Herber in der Publikation. Ist eine Studie, die Studie die der Praxis nur immaterielle Entschädigung bietet, uninteressant? Die Lockmittel der Wittener Forscher waren regelmäßige Anerkennung ihres Aufwands mit Pralinen, Gutscheinen für Blumensträuße und ein kostenloses Fortbildungsseminar über die Behandlung von Geschwüren am Ende der Studie.

Im Jahr 2009 ermittelt die Staatsanwaltschaft Aachen gegen rund 480 Ärzte mit dem Verdacht der Untreue und des Betrugs gegenüber der Krankenkassen. Sie sollen an “meist nutzlosen” Anwendungsstudien teilgenommen haben, über die weder Kasse noch Kassenärztliche Vereinigung informiert waren und dafür üppige Sachgeschenke erhalten haben. Abgesehen von Maßnahmen gegen diese “schwarzen Schafe” sei es wohl dringend notwendig, so schreibt Herber in der Diskussion seines Artikels, bei weiteren Studien über die Attraktivität für den Allgemeinarzt nachzudenken. “Zukünftige Forschungsfragen müssen sich direkt an der “Frontlinie” der ärztlichen Bedürfnisse orientieren, um den alltäglichen Praxisbetrieb zu verbessern”. Besonders bei einer Zusammenarbeit zwischen Pflege und Ärzten berücksichtigen gut geplante Studien mögliche Ängste und Zweifel an der medizinischen Kunst der Praxisinhaber. “Money sets the course” sollte daher nicht der Maßstab für Studien abseits der Uniklinik werden, sonst könnte man pharmaunabhängige Studien in Zukunft vergessen.

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Kassen, Politik Wirtschaft

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8 Kommentare:

Dr. med. Wolfgang Wittwer
Dr. med. Wolfgang Wittwer

Kurze Antwort an Herrn Lederer (11) und an study nurse (4):
So einfach, wie Sie es dargestellt haben, geht es nicht, sonst haben Sie den Kadi in der Tuer.

1. Im Gegensatz zu industriegesponserter Forschung oder auch Pseudoforschung ist Ihnen der Auftraggeber hier erst einmal unbekannt. Sie muessen sicher gehen, dass Sie hier nicht in einen datenschutzrelevante Falle tappen.

2. Bei industriegestuetzten Studien geben Sie keinerlei Namen oder Telefonnummern an, sondern das verbleibt bei Ihnen als Arzt. Der Auftraggeber erhaelt Angaben ueber Gweschlecht, Geburtsdatum sowie studienrelevante soziale und medizinische Daten. Sollte ich eine Anfrage erhalen haben, in der ich persoenliche Daten von Pasienten mitteilen sollte, waere ich erst einmal sehr sehr zurueckhaltend. Das mindeste waere, ein Einverstaendnis des/r Patienten/in einzuholen. Sie stehen gegenueber dem Patienten auch in Hinsicht auf Punkt 1. in der Pflicht. Das Verhalten, was sie leichtfertig mit “vielleicht noch” [notwendig] bezeichnet haben, wuerden Sie sicherlich laut anprangern, wenn dieser Bruches des Datenschutzes durch den Arzt oeffentlich wuerde.

3. Hinzu kommt die Logistik. Viele von den Ulcuspatienten sehen Sie nicht jeden Tag. Sie muessen, um in der time-line einer Studie zu bleiben, den Patienten moeglicherweise anschreiben. Wnn Sie selbst eine kurze Untersuchung machen muessen, ob der Patient “studientauglich” ist, duerfen Sie das nicht mit der Kasse abrechnen. Nur, wenn die Untersuchung im Rahemen der normalen medizinischen Betreuung durchgefuehrt wurde, ist eine Abrechnung zulaessig (Dass hier eine breite Grauzone besteht, ist offensichtlich, aber gerade der letzte Absatz im obigen Artikel zeigt die Problematik recht deutlich).

4. Damit sind die Gestehungskosten nicht “nichts”. Eine Subvention der Arbeit ist heute dank des massiven Buerokratieanstiegs und anspruchsvollerer Patienten sowie des zunehmend hoeheren unternehmerischen Risikos einer Kassenpraxis (spaete und stark verminderte Zahlungen, hohe Regresse) kaum mehr moeglich (s.o. letzter Beitrag).

5. Zu unserer “studynurse”: Machen Sie das etwa unentgeltlich? Dann muessten Sie von dem Kollegen zumindest einen Ehevertrag einfordern. Allein das Gehalt/die Zahlungen an das mitarbeitende Personal frisst einen Teil der Studienentgelte, die Logistikkosten und der Umsatzentgang durch Nichtbehandlung von Kassen- und Privatpatienten kommt hinzu.

6. Zuletzt: Warum redet man nicht ueber best verdienende Kassenchefs (Einkommen 2-3x so hoch wie der durchschnittliche UMSATZ eine Praxis) und Politiker, die staendig dabei sind, sich weitere Zusatzeinkuefte zu schaffen?

Zum Schluss bitte ich alle Diskutanten, nicht wild ueber persoenlich Unbekanntes zu reden (“ich denke mal so”, “Aerzte verdienen sowieso genug”), sondern sich einmal genau in die Situation des betroffenen Arztes hineinzuversenken.

#8 |
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Dr. med. Wolfgang Wittwer
Dr. med. Wolfgang Wittwer

In dem Vierteljahrhundert, in der ich eine deutsche Kassenarztpraxis gefuehrt habe, habe ich genau das erlebt:
Mit grossem Engagement angefangen, in vielen gesundheitspolitischen Gremien gesessen, Patienten- und Angehoerigenarbeit gemacht, Vortraege uber gesundheitliche Probleme gehalten, Raucherentwoehnungsgruppen gefuehrt, Fortbildung fuer Pflegepersonal, Sozialarbeiter und -paedagogen betrieben, und das alles ohne Entgelt oder mit einem Stundensatz, der nicht einmal die Unkosten deckte, von dem Umsatzentgang durch Abwesenheit von der hauptberuftlichen Taetigkeit ganz zu schweigen. Das war Anfang der 80er moeglich, wenn auch alles andere als lukrativ.
Unter den jetzige z.T. ruinoesen Bedingungen mit geringerem Personal noch ohne Entgelt zu taetig zu sein, kann man sich nur noch in Bezug auf konkrete Notstaende bei einzelnen Patienten leisten.
Warum ist der Staat, der haeufig groesse Summen in aussichtlose Projekte auf ganz anderen Gebieten steckt, hier nicht aktiv? Es wird ueber Industrieabhaengigkeit genoergelt, aber verschlechtert die Bedingungen. Man kann solange nicht auf Industrie und Aerzte einpruegeln, solange man nicht den Rahmen fuer die Wissenschaft verbessert.

#7 |
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Medizinjournalist

Ich bin zwar Journalist und kein Allgemeinarzt, aber ganz verstehe ich die “Zeitfresser”-kritik nicht. Im Artikel steht “Dem Arzt kam es zu, dementsprechende Patienten mit Name und Kontaktmöglichkeit an die Studienleitung zu melden.”. Das heißt. Einen Namen und Telefonnummer in ein Formblatt eintragen (nach Recherche der Wissenschaftler dürfte die Zahl der Ulcus-patienten/Praxis im einstelligen Bereich liegen), vielleicht noch vorher das “Ok” des Patienten einholen (lassen) – SONST NICHTS !!! und dafür eine kostenlose Weiterbildung zu bekommen.
Zu Kommentar 2) Heißt das, dass Ärzte zu einer Zusammenarbeit mit Menschen ohne Approbation generell nicht bereit sind? Ausserdem: Nicht “ohne ihn”, sondern “nicht mehr allein sondern mit Unterstützung von Pflegekräften”.
Und zu 8) Rechnen Ärzte wirklich schon aus, wieviel Sie an einem Handschlag mit dem Pateinten verdienen – oder verdienen müssen? SCHADE, dann sollte man aber wirklich einmal untersuchen, warum nur Studien von Pharmariesen lukrativ sind – und ob alles, was nicht in deren Interesse liegt, von vorneherein keine Chance hat?

#6 |
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Bereits vor über 30 Jahren war die Kollegenschaft in der Freiburger Hautklinik übereingekommen, keine derartige Studie pro Fall unter damals DM 150.- durchzuführen. Dies nicht aus Geldgier, sondern als angemessene Entlohnung unserer ärztlichen Tätigkeit in wissenschaftlicher Verantwortung. Da sich jedoch die Ärzteschaft, insbesondere im kassenärztlichen Bereich, zum “Billigheimer” machen ließ, wurde diese, nicht zuletzt auch von ihren eigenen Standesorganisationen, zum “Billigheimer” gemacht.

#5 |
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Eigentlich eine wunderbare geplante Studie; vielleicht auch
eine Gruppe mit und eine ohne Manuelle Lymphdrainage bei
angemessener Kompressionstherapie.
So eine Studie könnte natürlich auch durch die Nutznießer-
Rentenversicherer und Krankenkassen- gesponsert werden,
die dann auch Einfluß auf die Qualität der Durchführung
nehmen sollten.

#4 |
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Wir sind inzwischen darauf dressiert, bei jedem Handschlag, den wir machen, im Kopf den Zeitaufwand, das Restbudget, den möglichen Verdienst( außer Budget?) und auch den Benefit für den Patienten sowie juristische Fragen bei Unterlassung einer Handlung abzuschätzen, kurz durchzurechnen und dann zu bewerten. Anders ist eine Praxisführung nicht mehr möglich.Ärzte mit Helfersyndrom, die sich selbst ausbeuten, sind inzwischen längst pleite und helfen niemanden mehr.Wen wundert es dann, wenn Ärzte versuchen, sich Zeitfresser vom Hals zu halten. Time is money, leider.

#3 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Die Rivalität zwischen Ärzten (insbesondere Allgemeinmediziner) und professionellen Pflegediensten ist in der Tat ein grosses Thema. Gerade im Bereich der Wundversorgung “matschen” viele Allgemeinmediziner immer noch mit der guten alten Zinkpaste herum, während ein Pflegedienst, der etwas auf sich hält,speziell geschulte Pflegekräfte im Bereich der (feuchten) Wundversorgung beschäftigt, während gerade Allgemeinmediziner die schon länger niedergelassen sind, von dem “neumodischen Kram” nichts halten.

#2 |
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Eine optimale Therapie des ulcus cruris wird Patienten in großer Zahl anlocken die dann eine derartige sehr zeitaufwändige Therapie erwarten. Das würde, wenn diese Therapie als Schwerpunkt bekannt wird, zum Ruin der Praxis führen. So simpel ist das.

#1 |
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