Weniger Tageslicht, mehr Demenz

8. November 2018

Im Winter und Frühjahr befindet sich unsere Gedächtnisleistung am Tiefpunkt. Das betrifft auch Demenz-Patienten. Über das Phänomen war bislang wenig bekannt. Neue Erkenntnisse könnten die Therapie von Demenz-Erkrankungen vorantreiben.

Während des Tages schwankt die Gedächtnisleistung und ist bei vielen Menschen abends am höchsten. Forscher vermuten, dass saisonale Veränderungen im Laufe eines Jahres die Gehirnleistung ebenfalls beeinflussen. Diese Vermutung wurde inzwischen durch Untersuchungen an jungen gesunden Menschen bestätigt: Der Neurologe Andrew Lim von der Universität Toronto wollte herausfinden, ob das Phänomen auch bei älteren Menschen auftritt und möglicherweise Demenzen beeinflusst.

Wer wurde untersucht?

Lims Team untersuchte insgesamt 3.353 Personen über 60 Jahren, die in fünf verschiedenen Kohorten-Studien in den USA, Kanada und Frankreich eingeschlossen waren. Zuerst untersuchten sie die kognitive Leistung der 2.761 Teilnehmer, die nicht an kognitiven Störungen litten. Diejenigen, die im Sommer oder Herbst (Juli bis Dezember) getestet wurden, erreichten in neuropsychologischen Tests einen höheren Score im Vergleich zu Probanden, die im Winter oder Frühjahr (Januar bis Juni) getestet wurden. Die Forscher ermittelten einen Unterschied der kognitiven Leistung, der einem Altersunterschied im normalen Alterungsprozess von 4,8 Jahren entspricht.

Von diesen 2.761 Probanden entwickelten 813 später eine leichte kognitive Störung (mild cognitive impairment, MCI) oder Kriterien, die auf die Alzheimer-Krankheit hindeuteten. Das Timing der Diagnose entspach demselben Muster: Bei Teilnehmern, die im Winter oder Frühjahr getestet wurden, war die Wahrscheinlichkeit einer MCI- oder Alzheimer-Diagnose um 30 Prozent höher (OR 1.31 [95% CI 1.10–1.57], p = 0.003). Das könnte erklären, warum bei einigen Patienten eine leichte kognitive Störung diagnostiziert wird, diese Patienten später aber wieder eine normale Gedächtnisleistung zeigen.

Auch als Lims Team Alzheimer-relevante Proteine wie Beta-Amyloid untersuchten, stellten sie fest, dass auch diese saisonalen Schwankungen unterlagen und mit der Gedächtnisleistung korrelierten. Ähnlich verhielt es sich mit der Genexpression im Neocortex, die die Forscher postmortal bei Probanden untersuchten. Gene, die mit einer besseren kognitiven Leistung assoziiert sind, wurden eher im Herbst exprimiert. Im Frühjahr waren hingegen Gene aktiv, die mit schlechter kognitiver Leistung assoziiert sind.

Auf Spurensuche

Was die Schwankungen in der Gedächtnisleistung letztlich auslöst, ist bislang unbekannt. Lim vermutet, dass – ähnlich wie bei saisonal bedingten Depressionen – mehr Stunden Tageslicht und höhere Temperaturen eine wichtige Rolle spielen. Das könnte einen Einfluss auf modifizierbare Faktoren haben, die die Kognition beeinflussen. Dazu zählen zum Beispiel sportliche Aktivität, Vitamin-D-Status oder das Essverhalten. In den Untersuchungen hat Lims Team neben Faktoren wie Geschlecht, Alter und Bildung auch Faktoren wie Lebensstil, Schlafgewohnheiten, sportliche Aktivität, Essverhalten und Schilddrüsenstatus berücksichtigt. Gegenüber diesen Einflüssen sind die Ergebnisse also stabil. Allerdings sind diese Daten durch die eigene Einschätzung erhoben worden.

In weiteren Studien sollte die kognitive Leistungsfähigkeit von Probanden mehrmals getestet werden, um die größte Schwäche der Studie zu umgehen. Bei Lim die Gedächtnisleistung der Probanden lediglich einmal im Jahr getestet. Aussagekräftiger wären mehrere Untersuchungen über das Jahr verteilt, um direkt Schwankungen bei einer Person identifizieren zu können. Auch beziehen sich die Ergebnisse nur auf Probanden, die in der nördlichen Hemisphere leben. Die Ergenisse sollten in der südlichen Hemisphere oder in der Äquatornähe verifiziert werden. Dennoch: Laut Lim könnte man die Mechanismen, die zur Zunahme der kognitiven Leistungsfähigkeit in den Spätsommer- und Herbstmonaten führt, zukünftig therapeutisch nutzen. Wenn sich z.B. die Aktivität der im Spätsommer aktiven Gene mit einem Wirkstoff steigern ließe, könne man die kognitive Leistung das gesamte Jahr auf diesem Niveau halten.

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Bildquelle: Arcaion, pixabay / Lizenz: CC0
Medizin, Neurologie
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4 Kommentare:

Heilpraktikerin

Das ist jetzt eigentlich nicht neu.
Da ich aber häufig beobachte, wie eine Supplementierung von Vitamin D einem leicht angeschlagenen Gedächtnis fast regelmäßig wieder auf die Sprünge hilft (das allein ist zwar nicht ausreichend, scheint aber doch ein wichtiger Faktor zu sein), frage ich mich, warum man bei älteren Menschen nicht standardmäßig Vitamin D3 testet, sondern umgekehrt, nicht müde wird zu betonen, dass es ja ausreiche, jeden Tag im Winter für zwanzig Minuten ohne Handschuhe und mit dem Gesicht zur Sonne spazieren zu gehen.

#4 |
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Zum Thema Zeitumstellung gibt es einen aktuellen Bericht: 27.09.2018 | DGRM-Jahrestagung 2018 | Nachrichten | Zirkadianer Rhythmus gestört | “Mehr Tote durch die Zeitumstellung?”
https://www.springermedizin.de/dgrm-jahrestagung-2018/suizid/mehr-tote-durch-die-zeitumstellung-/16149978
Autor: Dr. med. Horst Gross
“Gegen die allseits ungeliebte Zeitumstellung liefert nun auch die Rechtsmedizin argumentative Munition. Eine retrospektive Analyse zeigt, dass sich die Zeitumstellung auf die Anzahl der durchgeführten Sektionen auswirkt…”

#3 |
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Studentin der Humanmedizin

“Aussagekräftiger wären mehrere Untersuchungen über das Jahr verteilt, um direkt Schwankungen bei einer Person identifizieren zu können.”

nein, wären sie vermutlich nicht, da die Leistungsfähigkeit der 813 Patienten mit “einer leichten kognitiven Störung (mild cognitive impairment, MCI) oder Kriterien, die auf die Alzheimer-Krankheit hindeuteten” über den jahresverlauf allen erwartenungen nach sowieso abnehmen wird. und leider auch im kommenden jahr nicht mehr ansteigen…

#2 |
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Korrektur:
Daran ändert auch die Zeitumstellung auf Winter-/Sommerzeit MEWZ/MESZ nichts. Vermehrte demenzielle Syndrome, und dahinter stecken häufig Depressionen oder ein “Winter-Blues”, haben chrono-biologische, uhrzeiten-unabhängige Einfluss- und Stellgrößen.

#1 |
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