Parkinson: Die Appendix als Risiko

2. November 2018

Einer schwedischen Registerstudie zufolge stehen niedrigere Parkinson-Risiken mit Appendektomien in Verbindung. Die Veröffentlichung überrascht. Um mögliche Hypothesen sind die Autoren nicht verlegen.

Vom Parkinson-Syndrom sind bundesweit schätzungsweise 300.000 bis 400.000 Menschen betroffen. Die Erkrankung lässt sich nur verlangsamen, aber nicht heilen. Umso intensiver suchen Ärzte nach Risikofaktoren. Aktuell wissen wir, dass sich die Erkrankung nicht nur in Form von motorischen Symptomen äußert. Auch der gastrointestinale Bereich ist betroffen.

Gemeinsame Schnittstelle alpha-Synuclein

Dafür gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Im Gehirn von Parkinson-Patienten häuft sich α-Synuclein an. Es gilt als Vorstufe weiterer Proteine mit toxischem Effekt auf dopaminerge Neurone der Substantia nigra. Allerdings ist α-Synuclein auch in Neuronen des enterischen Nervensystems (des Darmnervensystems) auf. Ältere Studien zeigten, dass hier wohl ein Transport vom Gehirn in den Gastrointestinaltrakt stattfindet. Als Transportmittel leistete der Nervus vagus gute Dienste. Hat die Erkenntnis klinische Relevanz?

Mehr OPs, weniger Parkinson

Diese Frage stellte sich auch Bryan A. Killinger vom Center for Neurodegenerative Science, Van Andel Research Institute, im amerikanischen Grand Rapids. Nur eine OP wird häufig ausgeführt, nämlich die Appendektomie. Deshalb hat Killinger eine Kohorte mit 1,6 Millionen Patienten analysiert.

Jahrzehnte nach dem Eingriff sank das Risiko, an einem Morbus Parkinson ohne erkennbare Ursache zu erkranken, statistisch signifikant. Bei Menschen ohne Appendektomie waren es 14 von 10.000. Der Wert verringerte sich auf 11 von 10.000 in der Gruppe mit Appendektomie.

Kristallisationskeim im System

Prof. Dr. Heiko Braak vom Universitätsklinikum Ulm hat sich die Arbeit angesehen. „Der pathologische Prozess eines sporadisch auftretenden Morbus Parkinson erfasst Teilbereiche des zentralen, des peripheren und des enterischen Nervensystems“, erklärte er gegenüber dem Science Media Center Deutschland.

Daraus leitet er folgende Hypothese ab: „Ein Faktor aus der Außenwelt könne unter Umständen über die Schleimhaut des Magendarmtraktes auf örtliche Nervenzellen einwirken.“ Das in Zellen vorhandene Synuclein könne wie ein Keim wirken. „Über Äste des Nervus vagus bis in das zentrale Nervensystem verschleppt, könnten diese Keime dann auf nachfolgende Nervenzellen übertragen werden und auf diese Weise den Morbus Parkinson auslösen.“

Noch handelt es sich bei Killingers Arbeit um Assoziationen, nicht um kausale Zusammenhänge. Mehr kann eine Kohortenstudie nicht liefern.

27 Wertungen (3.22 ø)

5 Kommentare:

Alpha-Synuclein-/Appendix-Hypothesen bei M. Parkinson?
Wissenschafts- und erkenntnistheoretisch steht die Publikation „The vermiform appendix impacts the risk of developing Parkinson’s disease” von Bryan A. Killinger et al.
http://stm.sciencemag.org/content/10/465/eaar5280
auf schwachen Füßen. Denn wie kann man auf Grund von retrospektiven Register-Daten behaupten, dass es eine Kausalbeziehung zwischen der Appendektomie und dem Morbus Parkinson (PD) geben könnte?

Um den tatsächlichen klinischen Nutzen einer Appendektomie zweifelsfrei kausal zu belegen, bedarf es nun mal kontrollierter prospektiver Studien und nicht retrospektiven Kaffeesatzlesens: „The benefits of a missing appendix – Misfolded α-synuclein is a pathological hallmark of Parkinson’s disease (PD).”

Dass falsch gefaltetes Alpha-Synuclein ein pathologisch-pathognomonisches
„Markenzeichen“ der PD sein soll, wird hier gar nicht bestritten. Aber die Erkrankung verläuft nun einmal mehrdimensional und ist an multikausale Ursachen geknüpft.

Und wenn im Abstract steht: Wir fanden ebenfalls heraus, dass die gesunde menschliche Appendix Aggregate von intraneuronalem Alpha-Synuclein enthält und eine Fülle der PD Pathologie – assoziierte Alpha-Synuclein Abschnitt-Produkte, die sich bekanntermaßen in Lewy-Körperchen anhäufen, dem pathologischen Markenzeichen der PD. [„We also found that the healthy human appendix contained intraneuronal α-synuclein aggregates and an abundance of PD pathology–associated α-synuclein truncation products that are known to accumulate in Lewy bodies, the pathological hallmark of PD.”] … und weiter

Gemeinsam schlagen wir vor, dass die menschliche Appendix pathogenetische Formen von Alpha-Synuclein enthält, welches das Risiko der Entwicklung der Parkinson-Krankheit betrifft. [„Together, we propose that the normal human appendix contains pathogenic forms of α-synuclein that affect the risk of developing PD.”]…

Dann bedeutet das nichts anderes als eine Uminterpretation der Hexenszene mit “Hurlyburly in Microcosm“ (Getümmel im Mikrokosmos) aus Shakespeares Mcbeth 1. Akt, 1. Szene:
“First Witch: When shall we three meet again? In thunder, lightning, or in rain?
It was thought that witches could create their own weather.
Second Witch: When the hurlyburly’s done, When the battle’s lost and won.
Third Witch: That will be ere the set of sun.
First Witch: Where the place?
Second Witch: Upon the heath.”

Im Übrigen schützt eine tatsächliche Appendektomie nur sehr geringfügig vor PD. Und bei vorhandener Appendix ist die Ereignis-Wahrscheinlichkeit für die Erstmanifestation einer PD ebenfalls sehr gering. Da bestehen offensichtlich gar keine spezifischen Diagnostik-, Therapie- und Präventions-Möglichkeiten.

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Gesundheits- und Krankenpfleger

@
elisabeth wiesbeck

Gute Frage.
Aber ich stelle auch die Frage ob dort eine Parkinson-Erkg. bereits latent bestand?!

#4 |
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Apotheker

papst paul bekam nach dem mordversuch, der seinen magen-darmtrakt schwer verletzte, parkinson. liefert o.g.studie eine plausible erklärung ?

#3 |
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Mitarbeiter von DocCheck

Danke für Ihre berechtigte Kritik. Ist korrigiert.

#2 |
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Dafür, dass DocCheck einmal ein medizinisches Lexikon war, ist “der Appendix” doch etwas peinlich, finden Sie nicht?

#1 |
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