Epilepsie: Anfälle nach Plan

22. November 2018

Epileptiker können meist nicht vorhersagen, wann der nächste Anfall kommt. Eine Studie zeigt nun: Bei 80 Prozent der Epileptiker folgt das Auftreten der Anfälle einem bestimmten zeitlichem Muster. Wie kann diese Erkenntnis für die Behandlung genutzt werden?

Das Problem vieler Epileptiker: Kaum ein Patient oder Arzt kann voraussagen, wann genau der nächste Anfall kommt. Eine Reihe von Studien weist darauf hin, dass epileptische Anfälle zirkadianen Rhythmen folgen und zum Beispiel bei einem Patienten besonders häufig zu einer bestimmten Tageszeit auftreten. Allerdings wurde dies bisher nur über einen relativ kurzen Zeitraum oder nur an einer kleinen Zahl von Patienten untersucht.

Ein Forscherteam aus Australien hat den Zusammenhang nun in einer groß angelegten retrospektiven Studie untersucht. In ihrer Untersuchung werteten Mark Cook und sein Team von der University of Melbourne zwei der umfangreichsten Datensätze zu epileptischen Anfällen aus: Einen kleinen, eigenen Datensatz mit 15 Patienten mit schwer behandelbarer fokaler Epilepsie (NeuroVista-Studie). Diese hatten über einen Zeitraum von sechs Monaten bis drei Jahren ein Gerät getragen, das ihre elektrische Gehirnaktivität aufzeichnete und so das Auftreten von Anfällen präzise erfassen konnte. Zum anderen einen größeren Datensatz von Epilepsie-Patienten, die in einer Tracking-App oder auf einer Tracking-Webseite ihre Anfälle aufgezeichnet hatten (SeisureTracker-Studie). Dieser Datensatz beinhaltete 16.800 Patienten-Profile.

Aus der NeuroVista-Studie wurden Patienten in die Auswertung einbezogen, die im Beobachtungszeitraum mindestens 30 Anfälle gehabt hatten. Das war bei 12 Patienten der Fall. Aus der SeisureTracker-Studie wurden die Daten von Patienten ausgewertet, die mindestens drei Monate an der Studie teilgenommen hatten und über mindestens 100 Anfälle berichtet hatten. Auf diese Weise wurden 1118 Patienten in die Auswertung einbezogen. Mithilfe einer Statistiksoftware suchten die Wissenschaftler nach individuellen Zyklen beim Auftreten der Anfälle. Aufgrund des Zeitraums, in dem die Daten erfasst wurden, konnten sie Zyklen bis zu einer Dauer von drei Monaten analysieren.

Bei 80 Prozent der Patienten spielen Rhythmen eine Rolle

Die Auswertung der australischen Forscher ergab: Bei 92 Prozent der Patienten, deren Gehirnaktivität aufgezeichnet wurde, und bei 80 Prozent der Patienten aus der SeisureTracker-Studie spielten Tagesrhythmen beim Auftreten der Anfälle eine Rolle. Weiterhin waren – je nach statistischem Modell – bei 7 bis 21 Prozent der Teilnehmer aus der SeisureTracker-Studie wöchentliche Rhythmen zu beobachten, und bei 14 bis 22 Prozent Rhythmen, die länger als drei Wochen dauerten. Darüber hinaus folgten die Anfälle bei 64 Prozent der Probanden aus der SeisureTracker-Studie mehr als einer Art von Rhythmus, zum Beipiel einen tageszeitabhängigen Rhythmus und zugleich eines wöchentlichen Rhythmus. In der NeuroVista Studie hatte ein Patient einen wöchentlichen, zwei Patienten einen annähernd wöchentlichen und zwei Patienten zweiwöchige Rhythmen. Dabei waren die Ergebnisse für Patienten mit verschiedenen Epilepsieformen sowie für Frauen und Männer vergleichbar.

Zu welchen Zeiten die Anfälle besonders häufig auftraten, war von Patient zu Patient unterschiedlich. Allerdings traten bei Patienten, bei deren Anfällen Tagesrhythmen eine Rolle spielten, tendenziell besonders häufig um 8 Uhr morgens und um 8 Uhr abends die Anfälle auf. Bei Patienten, bei denen wöchentliche Rhythmen zu beobachten waren, traten dagegen an keinem Wochentag besonders häufig Anfälle auf.

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei etwa 80 Prozent der Epilepsie-Patienten natürliche Rhythmen beim Auftreten der Anfälle von Bedeutung sind“, fasst Cook zusammen. „Bei den meisten Patienten handelt es sich um 24-Stunden-Rhythmen, bei manchen spielen aber auch wöchentliche oder drei Wochen lange Rhythmen eine Rolle. Und bei einigen tritt eine Kombination aus Tages-, Wochen- und längeren Rhythmen auf.“ Die Studie sei bisher die größte, die die Rolle von zeitlichen Rhythmen beim Auftreten epileptischer Anfälle analysiert hat, so die Forscher. „Die Ergebnisse liefern robuste Hinweise, dass zeitliche Rhythmen bei epileptischen Anfällen häufiger vorkommen als bisher angenommen – und dass sie bei jedem Patienten individuell ausgeprägt sind“, so Cook und sein Team.

Was könnte Nutzen der Ergebnisse sein?

Epilepsie ist eine nicht ganz seltene und in vielen Fällen schwer ausgeprägte Erkrankung. In Deutschland sind etwa 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Dazu kommt, dass etwa ein Drittel der Patienten trotz Medikation weiterhin Anfälle hat. Und alternative Behandlungsansätze wie eine tiefe Hirnstimulation, eine Vagusnerv-Stimulation oder ein chirurgischer Eingriff kommen nicht bei allen Patienten in Frage.

„Wenn man die zyklische Natur epileptischer Anfälle besser versteht, könnte das entscheidend dazu beitragen, das Management und die Behandlungsmöglichkeiten der Erkrankung zu verbessern“, sagt Cook. Zunächst einmal könnte die Erfassung von Rhythmen helfen, die individuelle zeitliche Anfallswahrscheinlichkeit genauer vorherzusagen. „Weiß ein Patient, wann seine Anfälle besonders wahrscheinlich sind, kann ihm dies helfen, Zeiten zu finden, in denen er Aktivitäten sicher ausführen kann. Auf der anderen Seite wüsste er dann, wann er Aktivitäten meiden sollte, die einen Anfall begünstigen können oder bei denen ein Anfall gefährlich sein könnte“, erläutert Cook. „Auf diese Weise könnten die Patienten mehr Sicherheit und mehr Unabhängigkeit gewinnen.“

In der Forschung könnte die Berücksichtigung von Rhythmen dazu beitragen, die Wirksamkeit eines Medikaments genauer zu beurteilen. „So könnte zum Beispiel vermieden werden, dass ein neues Medikament fälschlicherweise wirksam erscheint, weil der Patient gerade in einer Phase mit geringer Anfallswahrscheinlichkeit ist“, erläutert Cook.

Medikation zeitlich optimieren

Weiterhin könnte bei Kenntnis zeitlicher Rhythmen die Behandlung im Sinne einer Chronotherapie optimiert werden. „Dabei könnten Einnahmezeitpunkt und Dosierung der Medikation so erfolgen, dass die Konzentration des Wirkstoffs dann hoch ist, wenn ein Anfall besonders wahrscheinlich ist“, erläutert Cook. Darüber hinaus könnte der Einnahmezeitpunkt so gewählt werden, dass die Nebenwirkungen der Medikamente – die ebenfalls einem zirkadianen Rhythmus unterliegen – möglichst gering ausfallen.

Allerdings könnte es auch sein, dass schwankende Wirkstoffkonzentrationen im Tagesverlauf den Zeitpunkt eines Anfalls beeinflussen. „Daher könnte die Medikamenteneinnahme zu einem anderen Zeitpunkt nur dazu führen, dass die Anfälle zu einer anderen Tageszeit auftreten“, so der Forscher. „In diesem Fall könnten höchstens langwirkende Medikamente hilfreich sein, bei denen die Wirkstoffkonzentration über den Tag möglichst konstant bleibt.“ Bei wöchentlichen oder länger dauernden Rhythmen sei es dagegen unwahrscheinlich, dass sie durch die Medikation ausgelöst seien. Allerdings sei bisher unklar, wie man die Medikation bei längeren Rhythmen optimieren könne.

Schließlich könnte die Kenntnis individueller Rhythmen es ermöglichen, Störungen des zirkadianen Rhythmus oder des Schlaf-Wach-Rhythmus bei Epilepsie-Patienten zu erkennen, schreiben David Stanley und sein Team von der Boston University (USA). In diesem Fall könnten Behandlungsansätze wie die Einhaltung eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus dazu beitragen, die Anfallshäufigkeit zu verringern.

Grenzen der Studie

Einschränkend sei zu den Studienergebnissen zu sagen, dass die Probanden in der SeisureTracker-Studie nur über ihre Anfälle berichteten, so dass die Daten fehlerbehaftet sein könnten, sagt Cook. Vermutlich seien zwar die Anfälle, über die die Teilnehmer berichteten, echte Anfälle gewesen. Allerdings könnten die Daten verzerrt sein, weil unklar sei, ob Anfälle, über die die Teilnehmer möglicherweise nicht berichteten, gleichmäßig über den Tag verteilt waren oder zum Beispiel häufiger in der Nacht auftraten.

Darüber hinaus wurden in beiden Studien die Schlaf- und Wachzeiten der Teilnehmer und die Zeitpunkte der Medikamenteneinnahme nicht erfasst. „Diese könnten jedoch einen Einfluss auf die Zeitpunkte der epileptischen Anfälle haben und sollten in zukünftigen Studien mit erfasst werden“, betonen die Forscher um Cook.

Erfassung von Rhythmen hilfreich – Umsetzung bisher unklar

Insgesamt sei das Phänomen, das epileptische Anfälle bevorzugt zu bestimmten Zeitpunkten auftreten können, nicht neu, sagt Thomas Mayer, Chefarzt des sächsischen Epilepsiezentrums Radeberg. „Dies zeigt sich zum Beispiel bei bestimmten Epilepsie-Formen, etwa Epilepsien mit schlaf- oder aufwachgebundenen Anfällen“, erläutert der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie.

„Die Erfassung von Rhythmem bei Epilepsie und die Idee, auch länger dauernde Rhythmen genauer zu erfassen, ist auf jeden Fall ein guter Ansatz“, so Mayer. „Allerdings sollte die Ergebnisse nun zunächst in prospektiven Studien überprüft werden.“ Zudem sei unklar, wie man die Therapie mithilfe der Ergebnisse konkret verbessern könnte, insbesondere bei längerphasigen Rhythmen.

„Die Kenntnis von Rhythmen wird teilweise bereits bei der Therapie genutzt, zum Beispiel, indem bei morgendlichen Anfällen eine hohe Abenddosis gewählt wird oder indem man bei rein schlafgebundenen Anfällen wie der nächtlichen Frontallappenepilepsie das Medikament nur abends gibt“, sagt Mayer. „Wenn man jedoch eine vorbeugende Notfallmedikation gibt, weil man aktuell eine hohe Anfallswahrscheinlichkeit vermutet, ist es meiner Erfahrung nach häufig so, dass sich dadurch nur der Zeitpunkt des Anfalls verschiebt. Wie hier eine geeignete Lösung aussehen könnte, ist unklar.“

Wie kommen die Rhythmen zustande?

Welche Mechanismen dazu beitragen, dass epileptischen Anfällen natürlichen Rhythmen folgen, ist bisher nicht genau bekannt. Verschiedene Forschergruppen haben angenommen, dass Schlaf-Wach-Rhythmen, Variationen der Stresshormone, hormonelle Schwankungen während des Menstruationszyklus und / oder jahreszeitabhängige Unterschiede der Schlafqualität eine Rolle spielen könnten. „Von besonderem Interesse sind für uns wöchentliche Rhythmen, weil bisher wenig darüber bekannt ist, welche physiologischen Ursachen ihnen zugrunde liegen“, sagt Cook. „Es ist unklar, ob solche Rhythmen auf Umweltbedingungen, etwa Veränderungen im Stresslevel während einer 7-Tage-Woche, zurückgehen oder ob ihnen biologische Ursachen zugrunde liegen.“ Interessant sei auch, dass in der Studie mehrwöchige Zyklen nicht nur bei Frauen zu beobachten waren – wo sie durch Schwankungen der weiblichen Hormone erklärt werden könnten – sondern auch bei Männern.

Lang andauernde Zyklen von mehreren Wochen bei epileptischen Anfällen und sehr langsame Oszillationen der Erregbarkeit des Gehirns seien bisher kaum vestanden, schreibt Andreas Schulze-Bonhage von der Universitätsklinik in Freiburg in einem Kommentar zur Studie. „Aber es gibt erste Hinweise darauf, dass neben zirkadianen Rhythmen auch solche langsamen Zyklen physiologische Funktionen und Krankheitszustände beeinflussen.“ In zukünftigen Studien sollte untersucht werden, welche physiologischen Mechanismen den Zyklen zugrunde liegen. Auch dies könnte dazu beitragen, neue Behandlungsansätze der Epilepsie zu entwickeln.

Erfassung zeitlicher Muster sollte zum Standard gehören

Aus Sicht von Cook sollte die langzeitliche Erfassung von zeitlichen Anfallsmustern bei der Behandlung von Epilepsien zum Standard werden. Hierzu sei es wichtig, tragbare Geräte zu entwickeln, mit denen die Aufzeichung epileptischer Anfälle über längere Zeiträume, etwa Monate oder Jahre, möglich sei, so der Forscher. „Dazu könnte ein Gerät genutzt werden, mit dem sich mithilfe implantierter Elektroden die elektrische Aktivität des Gehirns zuverlässig aufzeichnen lässt“, sagt Cook.

„Die Erfassung epileptischer Anfälle mithilfe implantierter Elektroden wäre sicher eine sehr genaue Methode“, sagt Mayer. „Allerdings ist diese Art der Messung sehr invasiv und auch aufwändig.“ Alternativ könnte man andere Maße zur Erfassung von Anfällen wählen, wie EKG, Hautwiderstand oder die Selbstaufzeichnungen der Patienten – doch diese Maße seien deutlich weniger genau.

Cook und sein Team haben bereits ein solches System mit implantierten Eletroden entwickelt, das sie nun für Studienzwecke einsetzen wollen. „Dies könnte es ermöglichen, für jeden Patienten ein individuelles Risikoprofil zu erstellen“, sagt Cook. „Hat man solche Risikoprofile, sollte im nächsten Schritt geprüft werden, wie nützlich sie tatsächlich sind – etwa, um mithilfe einer zeitlich angepassten Medikation die Anfallshäufigkeit zu verringern und so die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

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1 Kommentar:

Noch ein Hinweis:
Mit der Nutzung von WLAN kommt es häufig zu EMG-“Irritationen”, z.B. Spasmen mit ca 0,3-0,8 Hz-Periodik. Ursache ist hier die 10-Hz-Pulsung.
Entsprechende Infos stelle ich gerne über DocChek zur Verfügung.

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