Kisspeptin: Der Lust-Lotse

27. November 2018

Das Hormon Kisspeptin steuert das Sexualverhalten und die Wahl des Geschlechtspartners – jedenfalls bei Mäusen. Wenn das beim Menschen ähnlich funktioniert, ist es nicht mehr weit bis zur „Pille gegen Unlust“. Aktuell läuft eine Studie, die die Wirkung des Hormons an Frauen testen soll.

Das Hormon Kisspeptin sorgte in diesem Jahr für Aufsehen: Wissenschaftler entdeckten, dass es sexuelles Verlangen und die Anziehung zum anderen Geschlecht steuert. Könnte man Kisspeptin also zukünftig bei der Therapie sexueller Inappetenz einsetzen? Bei Mäusen scheint das zu funktionieren. Die Ergebnisse motivierten nun rund 300 Frauen, um die Wirkung des Hormons an sich testen zu lassen.

Vom Krebs zur Fortpflanzung

Mit Reproduktion brachte man das Hormon anfangs noch gar nicht in Verbindung. Die Abkürzung KiSS1 des zugehörige Gens steht für „Hershey Kisses“ („Ki“), einer typischen Praline aus Hershey im US-Bundesstaat Pennsylvania. Dort wurde das Gen vor mehr als 20 Jahren entdeckt. „SS“ („Suppressor-Sequenz“) weist auf die anfangs entdeckte Funktion hin: KiSS-1 unterdrückt die Metastasierung des Mammakarzinoms und des malignen Melanoms. Erst später zeigte sich, dass Loss-of-Function-Mutationen im Gen verhindern, dass die Pubertät einsetzt. Es kommt zur Unterfunktion der Keimdrüsen, dem Hypogonadismus. Zum Vergleich: Funktionsfähiges Kisspeptin bindet am KiSS1-Rezeptor von Neuronen des Hypothalamus. Dadurch kommt es zu einer gesteigerten Abgabe von Gonadotropin-releasing-Hormonen (GnRH).

Einen Durchbruch erreichten Julie Bakker der Universität Lüttich und Ulrich Boehm der Universität des Saarlandes in Saarbrücken: Sie konnten erstmals den direkten Zusammenhang zwischen Kisspeptin und sexuellem Verhalten nachweisen. Als einziges Molekül reguliert und verknüpft Kisspeptin die Pubertät, die sexuelle Apetenz und die Fruchtbarkeit, was aus evolutionärer Sicht schon länger vermutet wurde, ohne dass es Beweise gab.

Pheromone bringen Forscher auf die richtige Spur

„Wir wussten, dass Pheromone profunde Effekte auf die Evolutionspsychologie und das Sexualverhalten haben“, sagt Boehm. Schon zu Beginn der Experimente hätten er und sein Team herausgefunden, dass die Kisspeptin-Neuronen im Hypothalamus ganz spezifisch durch Pheromone aktiviert werden. 

Pharmakologe Ulrich Boehm

Pharmakologe Ulrich Boehm

Pheromone wirken bei Mäusen über das Jacobson- oder Vomeronasalorgan (VNO) in der Nasenscheidewand. Dort stimulieren sie als Botenstoffe unter anderem die Amygdala im limbischen System und den Hypothalamus. GnRH wird ebenfalls im Hypothalamus gebildet und bewirkt, dass andere Hormone freigesetzt werden. Menschen haben dieses Organ als Embryonen, doch es entwickelt sich im Lauf des Wachstums nicht weiter und findet später keine Verbindung zum Gehirn. Dennoch gibt es auch beim Menschen eine chemosensorische Kommunikation, sie reagieren ebenfalls über die Nase auf Pheromone. „Es lag also die Hypothese nahe, dass dieser Vorgang der Verbindung zwischen Pheromon, GnRH-Hormon und Kisspeptin die seit langem gesuchte Verbindung zur Steuerung des Sexualverhaltens und der Partnerwahl ist“, sagt Boehm.

Partnerpräferenz durch Kisspeptin

Tatsächlich bewiesen die Wissenschaftler, dass die Kisspeptin-Neuronen über zwei verschiedene Schaltkreise im Mausgehirn die Partnerpräferenz steuern. Weibliche Mäuse bevorzugen einen bestimmten männlichen Geschlechtspartner. Entzieht man den Weibchen Kisspeptin, finden sie ihre männlichen Partner nicht mehr und zeigen keine sexuelle Bereitschaft mehr. „Diese Bereitschaft messen wir, indem wir den Lordose-Reflex betrachten“, so Boehm. Unter einer Lordose versteht man die nach ventral konvexe Krümmung der Wirbelsäule. Ein Tier sei zur Kopulation bereit, wenn es die Wirbelsäule durchdrücke und das Hinterteil stark anhebe.

Boehm: „Das Faszinierende ist, dass wir mit Kisspeptin ein Neuropeptid im Gehirn gefunden haben, das nicht nur ein starker Aktivator der GnRH-Hormone ist. Noch dazu löst es die Partnerpräferenz aus und verursacht darüber hinaus das verstärkte Lordose-Verhalten. Alles zusammen ist so koordiniert, dass das wir über das Kisspeptin die gesamte Evolutionsphysiologie abbilden können.“

Das Tier im Manne

Die Studie beschränkt sich auf Mäuse, was Fragen zur Relevanz für Menschen aufwirft. Eine Studie zeigt, dass Kisspeptin auch das Liebesleben von Menschen steuert. So untersuchte Waljit Dhillo vom Imperial College London im Januar 2017 die Frage, welche Rolle das Peptid bei neuronalen Prozessen von heterosexuellen Männern spielt. Dazu hatten Dhillo und sein Team einer Gruppe von 29 männlichen, heterosexuellen Probanden Kisspeptin verabreicht. Die Kontrollgruppe erhielt ein Placebo. Von allen Probanden war zuvor ihre psychischen Charaktermerkmale und ihr aktueller Gemütszustand erfragt worden. Nach der Einnahme des Hormons zeigten Wissenschaftler ihren Probanden Bilder von Paaren in romantischen oder sexuellen Situationen sowie verschiedene Gegenstände. Ihre Reaktionen wurden mit der mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) erfasst. 

Bei Teilnehmern, die Kisspeptin eingenommen hatten, zeigte sich eine deutliche Steigerung der neuronalen Reaktionen im Vergleich zur Kontrollgruppe. Diese Aktivitäten spielten sich in einer bekannten Region des limbischen Systems ab, welche mit Liebe und Sexualität in Verbindung steht. Sowohl Bilder sexueller Natur als auch romantischen Motive beeinflussten die Hirnaktivität. Dhillo und sein Team schlossen daraus, dass Kisspeptin generell das menschliche Fortpflanzungsverhalten anregt, nicht nur die sexuellen Aspekte. Sie hoffen auf eine neue Behandlungsmöglichkeiten von Unfruchtbarkeit, die nicht nur anatomische Gründe hat, sondern auch durch neuronale Aktivitäten beeinflusst wird.

Hoffnung für die künstliche Befruchtung

Diese These wird untermauert durch eine weiteren Studie zur In-vitro-Fertilisation (IVF). Grundlage von Dhillos Experimenten waren teils schwere Komplikationen, die als Folge der Einnahme des Hormons humanes Chorion-Gonadotropin (hCG) auftreten können. Dabei kann das ovarielle Hyperstimulationssyndroms (OHSS) auftreten. Aufgrund massiver Flüssigkeitsspeicherung in Lunge und Bauch leiden Frauen dann an Atemproblemen bzw. Bauchschmerzen.

„Im ersten Schritt zeigten wir, dass Kisspeptin sanfter wirkt als hCG, doch ebenfalls die Eierstöcke und den Eisprung stimuliert“, erklärt Dhillo. „Wir konnten nachweisen, dass Kisspeptin für diese Indikation verwendet werden kann und mit dieser Behandlung gesunde Babys zur Welt kommen.“ Im zweiten Teil belegte sein Team, dass Kisspeptin die Eizellen sicher bereitstellen  kann, ohne dass es zum OHSS kommt. Die abschließende Studie zeigte, dass eine zweite Dosis von Kisspeptin die Präparation der Oozyten weiter verbessern kann, jedoch wiederum ohne OHSS zu verursachen. „Zusammenfassend legen unsere Studien nahe, dass Kisspeptin vielversprechend ist, das Risiko eines OHSS zu beseitigen und die Eizellen auf eine physiologischere Weise aufzubereiten“, so der Endokrinologe.

Endokrinologe Waljit Dhillo

Endokrinologe Waljit Dhillo

Männer und Frauen tragen von Natur aus unterschiedliche große Mengen an Kisspeptin in sich. „Es gibt einen einen sexuellen Dimorphismus zwischen den Geschlechtern“, erklärt Boehm: „Im weiblichen Gehirn befinden sich mehr Kisspeptin-Neuronen als bei männlichen, insbesondere in der Gegend, in der die in der Studie beschriebenen Verschaltungen stattfinden. Der Grund ist aber nicht, dass die Weibchen das ausgeprägtere Sexualverhalten hätten.“ Stattdessen sei die weibliche die Reproduktionsphysiologie prinzipiell komplexer als die männliche. Bei allen Säugetieren und auch beim Menschen gebe es den Zyklus, bei dem die GnRH-Hormone für die Ovulation massiv aktiviert werden müssten. Diese Aktivierung geschehe über Kisspeptin-Neuronen.

Kommt die Pille gegen Unlust?

„Meiner Meinung nach besteht auf jeden Fall die Hoffnung, dass man sexuelle Unlust oder Störungen durch die Gabe von Kisspeptin verbessern oder heilen kann und wir die Ergebnisse unserer Studie auch auf Frauen übertragen können“, sagt Boehm. „Auch hier gibt es die GnRH-Hormone und die Kisspeptin-Neuronen. Sie regeln auch in fast genau übereinstimmender Weise die Reproduktionsphysiologie und den Eisprung.“ Ob es allerdings bei Mäusen und bei Menschen denselben Effekt gebe, sei eine sehr provokante und zugleich auch interessante Frage.

Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse meldeten sich viele Frauen, die an einer neuen, auf Menschen bezogenen funktionellen GnRH-Studie teilnehmen wollten. So kamen rund 300 Freiwillige zusammen, die an einer jetzt laufenden Studie von Boehms Kollegin Bakker an der Universität Lüttich durchgeführt wird.

Sie verabreicht ihren Probandinnen Kisspeptin und schaut, ob Hirnareale aktiviert werden, die mit Emotionen in Verbindung stehen: ein großer Unterschied zu den Verhaltensexperimenten mit Mäusen. Dennoch lässt sich herausfinden, ob es funktionale Parallelen gibt oder nicht. Boehm hält Parallelen für wahrscheinlich und hofft, Kisspeptin vielleicht auch bei Menschen mit vermindertem sexuellen Verlangen einzusetzen.

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Gynäkologie, Medizin

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7 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Von Insekten lernen
Mache man´s wie die Glühwürmchen:Die verbrauchen ein Höchstmaß an Energie, um durch ihr bioluminiszentes Leuchten einen Partner anzulocken.Ist nicht das Lichtglanzleuchten ohnehin schon immer die göttlichste Attraktivität gewesen?Wird sie , besonders im dekadenten Starkult,immer wieder verkannt weil nicht erkannt.
Und so transzendent dieses doch völlig physiologische Ereignis des Glühwürmchenleuchtens uns erscheint, ebenso ins Geheimnis wesenhaft-eigentlichen Seins zieht es hinein,übernatürlich schön und heilig,hinbringend ins Physische wie Geistliche.

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Warum wird das Hormon nur an Frauen getestet?

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Nichtmedizinische Berufe

Meine Frage: Würde dieses Hormon auch bei Menschen wirken, deren Lust durch die Einnahme andere Medikamente – Psychopharmaka tun das oft ,aber auch manche Antikonzeptiva – blockiert ist? Da geht es nicht darum , salopp gesagt , “das Gegenüber in die Kiste zu kriegen, auch wenn es keinen wirklichen Bock hat” sondern um große partnerschaftliche Probleme, die Partnerschaften zerstören können und /oder auch die Compliance gefährden. Diese Patienten wollen wollen können, und können nicht.

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

Wer nicht will, kann auch nicht bekanntlich mit Viagra.Viagra von Pfitzer bewirkt aber kein Wollen, sondern hilft bei einem Nicht-Können.Oder bewirkt nicht ebenso umgekehrt ein plötzliches physiologisches Können nicht doch auch ein Wollen? Sicherlich, so glaube ich:Wer nicht konnte und deswegen nicht wollte, nun aber zum Können befähigt wurde, wird auch wollen und können.Zu Viagra wurde immer dazu gesagt, dass ohne ein (psychisches) Wollen auch kein Können erfolgen würde.Hier wäre das Pharmakon so was wie eine Krüke, welche dem laufenwollenden Menschen weiterhülfe.Schon immer suchte der Mensch aus allen Kulturkreisen nach einem Aphrodisiakum:Ob jeder mit jedem zufrieden war?Ein Wollen also auch noch bewirken, weil es erwünscht wurde Nichtwollenkönnenden? Wieso nicht.Mal sehen, was wird.War es nicht schon immer eine große Überraschung, einem Wunder gleich, wenn ein Paar ein Kind bekam? Sicher doch.Warum sollte daran nicht weiter geforscht werden:Gehört doch dies Thema seit schon immer zum Begehrtesten des Menschengeschlechtes.Überraschungen waren da schon immer erwünscht.

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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Tierversuche sind, von der Ethik mal ganz abgesehen, nicht wirklich auf den Menschen übertragbar.
Und, bitte schön, wer profitiert außer der Pharmaindustrie von der “Lustpille”?
Könnte aber Druck auf den Menschen ausüben, der nicht will.
Halt keine Lust hat – aus welchen Gründen auch immer.

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Nichtmedizinische Berufe

Na ja, Aphrodisiaka erwünschten Liebeshungrige schon seit dem Altertum:Ob hiermit weniger Enttäuschungen gefunden wurden, lasse ich dahingestellt sein.Ich glaube nicht so recht daran, wenngleich ich zugestehe, dass Menschen und Mäuse als Säugetiere ähnlich reagieren. Will da Jemand ein neues Aphrodisiakum auf den Markt bringen- freilich mit der wirklichen Hoffnung, dass dieses nun wirklich wirke? Was beider Maus wirkt, kann sehr wohl auch beim Menschen wirken: Beide sind Säugetiere.Sind hiermit Insekten ausgeschlossen? Glaube ich auch nicht, das absolut abstreiten zu dürfen.

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Heilpraktikerin

Wäre Kisspeptin der einzige Faktor, der sexuelle Appetenz reguliert, würde ich zum ‘Stein der Weisen’ gratulieren.
Demgegenüber stehen klare und belegte Faktoren, wie Stress, traumatische Erlebnisse, hormonelle Dysfunktion (Schilddrüse, Sexualhormone) etc. etc.

Bei der bereits heute stark vereinfachten Minuten-Leitlinien-Medizin sehe ich ehrlich gesagt eher düstere Zeiten für eine ordentliche Diagnose kommen, wenn die schnelle Lustpille mit ihrem grellen Versprechen die Ursachen im Untergrund weitergären läßt. Das gilt auch für die Fruchtbarkeitsthematik.

Wenn wieder der Weg zurück zu einer verantwortungsvollen Medizin gefunden wird, fände ich es eine mögliche Option.

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