Adipositas: Schuld und Sühne

15. November 2018

Durch Essen lassen sich Stesshormone herunterregulieren – nach diesem Effekt sind viele Menschen süchtig. Welche Faktoren lösen diese Sucht aus und welche Möglichkeiten gibt es, ohne Skalpell oder Pharmaka zu intervenieren?

In Deutschland sind 26,3 Prozent aller Kinder und Jugendlichen übergewichtig. 8,8 Prozent der deutschen Kinder sind adipös. Zu dem Ergebnis kamen Forscher am Robert Koch-Institut bei neuen Auswertungen ihrer Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS). Über alle Altersgruppen hinweg sind 67 Prozent aller Männer und 53 Prozent aller Frauen übergewichtig. An Adipositas leiden 23 bzw. 24 Prozent. Welche Ursachen führen zu krankhaftem Übergewicht? Und wie lässt es sich ohne chirurgische Eingriffe oder Medikamente behandeln?

Risikofaktor Sucht

„Abnehmen beginnt im Kopf“, so Uwe Machleit im Gespräch mit DocCheck. Er ist psychotherapeutischer Leiter des Adipositas Zentrums Bochum. „Wir wissen aus der neurobiologischen Forschung, dass beim Essen und beim Trinken komplexe Steuerungsprozesse im Gehirn zu finden sind.“ Stress bestimmt heutzutage weite Teile unseres Lebens. Durch Essen ist es möglich, Stesshormone etwas herunterzuregulieren. Forscher sehen hier auch Parallelen zu Suchterkrankungen. „Betroffene essen nicht mehr aus Hunger, sondern weil sie süchtig sind oder komplexen Stress haben“, berichtet Machleit.

Liegt der BMI über 35 bis 40, stumpft unser Belohnungssystem ab, das heißt, die Zahl an Dopamin-Rezeptoren geht zurück. Selbst drei Tafeln Schokolade führen nicht mehr zum erhofften Lustgewinn. Machleit warnt: „Man kann hier nicht einfach den Magen verkleinern. Das Gehirn wird immer eine höhere Steuerungsinstanz bleiben.“

Deshalb geht der Psychologe das Problem anders an. „Wir sehen in Adipositas eine psychosomatische Krankheit und arbeiten mit Methoden der Psychotherapie.“ Patienten fasten zwölf Wochen unter Aufsicht. „Das ist für mich einem Entzug gleichzusetzen“, sagt Machleit. Suchtauslösende Lebensmittel sind tabu, auf dem Speiseplan stehen Formula-Diäten.

Im ersten Jahr stehen neben dem Entzug, auch Entgiftung und Abnehmen auf dem Programm, gefolgt von der Stabilisierung der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten im zweiten Jahr und Sucht- bzw. Stresstherapie im dritten Jahr. Selbsthilfegruppen sollen den Erfolg langfristig sichern.

Nach sechs Monaten sind die meisten Pfunde geschmolzen. Wer an dieser Stelle aufhört, hat eine Chance von 30–40 Prozent, sein Gewicht langfristig zu halten. Nach einem Jahr liegt die Erfolgsquote bei 50 Prozent, darüber hinaus sind es 60–70 Prozent. „Ohne Nachbetreuung geht es nicht“, so Machleit. Patienten lernen in dieser Zeit auch, mit geeigneten Lebensmitteln zu kochen. Fast Food, Convenience oder Süßstoffe sind wegen der möglichen Effekte auf das Hungergefühl tabu.

Risikofaktoren Armut und Bildung

Der Umgang mit übergewichtigen Patienten ist ohne Frage ein wichtiges Thema. Aber warum gibt es überhaupt so viele übergewichtige Erwachsene? Die KiGGS-Studie zeigt, dass Jungen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien 4,4-mal häufiger Übergewicht haben als Gleichaltrige, deren Familien eine durchschnittliche Kaufkraft haben.

Laut Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit spielt auch die Bildung eine große Rolle. Der Nachwuchs von Vätern oder Müttern ohne Ausbildungsabschluss litt im Alter zwischen fünf und neun Jahren bis zu 2,5-mal häufiger an Fettleibigkeit als Kinder von Akademikern. Von 1.000 Kindern bildungsarmer Eltern hatten 52 krankhaftes Übergewicht. Im Vergleich dazu litten nur 15 von 1.000 Akademikerkindern an krankhaftem Übergewicht.

„Die dramatische Zunahme der deutlich schlechteren Gesundheits- und Lebenschancen für Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommens- oder Bildungsstand ist nicht akzeptabel“, sagt Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Wir dürfen diese Kinder keinesfalls zurücklassen, sondern müssen stärkere Anstrengungen unternehmen, um allen Kindern einen guten Start in ihre Zukunft zu ermöglichen.“

Was sich Ärzte wünschen

Für Pädiater ist das Problemfeld nicht neu. Sie sehen Tag für Tag übergewichtige Kinder und kennen viele Faktoren aus ihrer Praxis, die zur Krankheit führen. Aus diesem Erfahrungsschatz heraus hat Fischbach Forderungen an die Politik erarbeitet:

  • Zuckerhaltige Getränke sollten höher besteuert werden.
  • Weniger an Kinder und Jugendliche gerichtete Werbung könnte den Absatz stark gesüßter Lebensmittel verringern.
  • Hochwertiges, bezahlbares Mittagessen muss von der Kita bis zur Sekundarschule verfügbar sein.
  • Eine intuitive Kennzeichnung von Zucker, Fett oder Kochsalz erleichtert es Verbrauchern, gute Lebensmittel auszuwählen.

Bei der Bundesregierung stoßen Forderungen nach der Besteuerung auf besonders ungesunde Produkte auf wenig Begeisterung: Aus dem aktuellen Entwurf der „Nationalen Strategie für die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten“ geht hervor, dass weder eine Sondersteuer auf Zucker, Salz und Fett noch eine besondere Kennzeichnung ungesunder Produkte geplant ist.

Dicke Kinder werden meist dicke Erwachsene

Wissenschaftler sehen in Kindern eine besonders vulnerable Gruppe, wie Mandy Geserick vom Universitätsklinikum Leipzig bestätigt. Sie hat anhand einer Kohorte mit 51.505 gesunden Kindern gezeigt, dass bei übergewichtigen Jugendlichen der Zeitraum zwischen zwei und sechs Jahren besonders kritisch ist. Mehr als 90 Prozent aller Kinder mit Übergewicht in jungen Jahren hatten auch während der Adoleszenz zu viele Kilos auf den Rippen. Normalgewichtige blieben mit ihrem BMI auch später in einem normalen Rahmen. Kohortenstudien liefern aufgrund ihres Designs keine Erklärungen. Sie zeigen aber, dass Präventionsmaßnahmen deutlich früher, als es bisher der Fall ist, ansetzen sollten. Dazu gehören auch Werbeverbote für diese Gruppe.

Informieren, aber richtig

Apropos Lebensmittel: Es reicht nicht einfach aus, Lebensmittel zu kennzeichnen. Auch wie sie gekennzeichnet werden, ist für den Verbraucher entscheidend, fand Steven Dallas von der New York University heraus. Seit Mai 2018 müssen US-Restaurants mit mehr als 20 Filialen ihre Besucher über die Kalorienzahl von Menüs informieren. Erste Daten deuteten darauf hin, dass positive Effekte ausgeblieben sind. Damit gab sich Dallas aber nicht zufrieden. In einer Meldung schreibt er, Untersuchungen in einem Modellrestaurant hätten gezeigt, dass Kalorienangaben, die links von den Gerichten stehen, dazu führen, dass Kunden tatsächlich Speisen und Getränke mit 24 Prozent weniger Kalorien bestellen als bei einer anderen Positionierung dieser Information.

Dallas erklärt seine Beobachtung folgendermaßen: Durch die amerikanische Leserichtung von links nach rechts nehmen Verbraucher erst die Kalorienangaben und dann die Lebensmittel wahr. Bei hebräischen Texten müssten die Angaben dann konsequenterweise rechts vom Menü stehen, denn hier wird von rechts nach links gelesen. Demnach könnte die Maßnahme möglicherweise erfolgreich sein, wenn die Kalorienangabe immer als erstes in den Blick fällt.

Zuckersteuer für alle

Neben Kalorienangaben in Restaurants werden auch Abgaben auf stark gesüßte Getränke diskutiert. So setzt Großbritannien beispielsweise auf diese regulatorische Maßnahme. Getränke mit mehr als fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter kosten zusätzlich 18 Pence (20 Cent) pro Liter. Bei Softdrinks mit mehr als acht Gramm Zucker pro 100 Milliliter sind es 24 Pence (27 Cent) pro Liter. Fruchtsäfte, Getränke auf Milchbasis und die Produkte sehr kleiner Unternehmen sind ohne Aufpreis in den Supermärkten zu erwerben.

Im April 2018 hat der Lancet eine umfassende Analyse zur Besteuerung von Genussmitteln veröffentlicht. Es geht nicht nur um Softdrinks, sondern auch um Alkohol und Zigaretten. Die Veröffentlichung basiert auf 300 Studien aus Albanien, Chile, Guatemala, Indien, Nicaragua, Niger, Panama, Polen, der Türkei, Tadschikistan, Tansania und Osttimor. So ist der Softdrink-Verkauf in Mexiko durch die erhobenen Steuern um 17 Prozent gesunken, vor allem bei ärmeren Konsumenten, die weltweit als größte Risikogruppe gelten. Ähnliche Effekte, die von Alkohol oder Zigaretten bekannt sind, ließen sich also auf Zucker übertragen, schreiben die Autoren.

Milliarden eingespart

Ihre Erkenntnis ist nicht neu. Australische Forscher zeigten vor einem Jahr, welche Effekte regulatorische Maßnahmen in ihrem Land haben könnten. Sie gingen von einer hypothetischen Zuckersteuer von 0,62 Euro/100 g, etwa für Eis, aus. Dadurch ließen sich 270.000 disability-adjusted life years (DALY), eine Einheit um die Krankheitslast zu bemessen, verhindern. Diese Berechnung würde in etwa 1,2 gesunden Extra-Jahren für jeden 100. Australier entsprechen, schreiben die Autoren. Durch ergänzende Maßnahmen wie Steuern auf Fett und Kochsalz bei gleichzeitiger Subvention gesunder Lebensmittel kommen sie in ihrem Modell sogar auf 470.000 DALYs weniger. Das Gesundheitssystem könnte somit mehr als zwei Milliarden Euro im Jahr sparen.

Nun haben Simulationen immer ihre Schwächen, inbesondere was Details betrifft, dennoch steht wohl eines fest: Prävention lohnt sich in jeder Hinsicht.

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Bildquelle: Wendelin Jacober, flickr / Lizenz: CC0

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16 Kommentare:

Sieglinde D.A. Feick
Sieglinde D.A. Feick

Ein ZUVIEL ist ZUVIEL!
ANgebote und mangelnde Bewegung, Vorbildfunktion der Eltern,
“Scheiß egal” oder jetzt ist es eh zu spät Einstellung”.
(und/oder ein Suchtverhalten, welches sich manifestiert hat)

Ich bin dick (fett) weil ich krank bin, es kommt duch meine schlechte Kindheit, es machen die Tabletten, es ist Veranlagung.
Essen befriedigt, füllt Langeweile und wird von der Gesellschaft nicht so stark verurteilt wie Alkohol oder andere Drogen.

#16 |
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Dr. med. Walter Müller
Dr. med. Walter Müller

Herr Hoppe erzählt Unsinn, das Grundgesetz wurde von deutschen Politikern und Politikerinnen geschaffen und nicht von den Besatzern !
Grundgesetzänderungen sind möglich – siehe die Notstandsgesetze.
Warum für Gegenmaßnahmen gegen Adipositas das Grundgesetz geändert werden soll, erschließt sich mir nicht. Adipositas im Kinder – und Jugendalter zu behandeln bzw zu bekämpfen, erfordert einen hohen personellen und zeitintensiven Einsatz über mindestens 1-2-3 Jahre bei relativ geringer Erfolgsquote. Ziel ist es, das Gewicht zu halten, da die Kinder wachsen – ändert sich bei gleichem Gewicht der BMI.
Süßgetränke höher zu besteuern kann auch nur 1 Maßnahme sein neben anderen auch wichtigen, wie z B bessere Gesundheitsaufklärung ab dem Kindergarten und in der Grundschule.
Wenn Herr Spahn vom Gesundheitsminister zum CDU-Parteivorsitz wechseln möchte – könnte er sich bei der Adipositasprävention ja mal profilieren.

#15 |
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Diätassistent

wenn man das ließt, hat man den Eindruck, daß man morgens aufwacht und ist über Nacht stark übergewichtig geworden.

Das manifestiert sich über viele Jahre, viele Jahre in denen es keine Prävention gab?, wer hat alles peinlich berührt geschwiegen? Es muss rote Linien geben, bei denen deutliche Worte nicht fehlen dürfen!

Die Alarmglocken läuten früher als so mancher gedacht hätte.

http://news.doccheck.com/de/blog/post/7390-bitte-nicht-ueberfuettern/

#14 |
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Physiotherapeutin

Keiner der stark übergewichtigen Menschen ist gerne dick! Und mit mangelnder Selbstdisziplin hat dies auch nicht immer zu tun. Meist sind diese Menschen in ihrem Alltag und Berufsleben gerade sehr diszipliniert.

Adipositas bedeutet KRANKHAFTES Übergewicht….warum wird es bei vielen Menschen (gerade auch bei vielen Ärzten) nicht als Krankheit gesehen und behandelt??? Diese Menschen bekommen stets den Rat “nehmen sie ab, dann werden sie gesund”….aber wie das geht und wo man ihnen helfen kann dies umzusetzen – Fehlanzeige!

Meist führen die gut gemeinten Abnehmversuche zu noch mehr Übergewicht, noch mehr Frust, noch mehr Stress…

Da finde ich den Psychologischen Ansatz sehr gut….zahlt den denn auch die Krankenkasse und selbst wenn ja, gibt es genug geschulte Psychologen für diese Menschen mit freien Kapazitäten???

#13 |
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Bernd Hoppe
Bernd Hoppe

Sie schreiben, die Regierung zeigt kein Interesse an präventiven Maßnahmen u.a. zum Schutz der Kinder. Hierzu ist anzumerken, daß unser Grundgesetz von den Besatzern Deutschlands konzipiert wurde. Duch die Hürden zu seiner Änderung ist es faktisch seit 70 Jahren konserviert. Die Incentives und Kontrollen durch dieses Grundgesetz sind so schlecht gesetzt, daß ein Diktator in vielen Fragen z.B. der unkontrollierten Migration für sein Volk besser entscheiden würde. Als erste Maßnahme schlage ich vor, daß sich unsere Wissenschaftler tabulos und unerschrocken ganz stark mit dem Thema, wie reformiere ich erfolgreich ein knöchernes, politisches System, befassen sollten.

#12 |
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Nichtmedizinische Berufe

“Personen mit einem BMI oberhalb der von Ihnen genannten Werte sind Süchtige und daher als Kranke wie Alkoholiker oder Kettenraucher anzusehen; dazu siehe oben.
Es kommt darauf, eine solche Entwicklung zu verhindern, indem an die Eigenverantwortung der Menschen appelliert wird, solange sie noch „bei Verstand“ sind. Mir ist unverständlich, was dagegen zu sagen ist.”

Das Suchtverhalten – die Benutzung von Überessen zum Runterregeln der Stresshormone- beginnt bereits vor enem überhohen BMI – der Artikel sagt lediglich aus, dass “Liegt der BMI über 35 bis 40, stumpft unser Belohnungssystem ab, das heißt, die Zahl an Dopamin-Rezeptoren geht zurück. Selbst drei Tafeln Schokolade führen nicht mehr zum erhofften Lustgewinn. ”
heißt, die Droge Essen funktioniert nicht mehr., was bei anderen Suchtstoffen und Verhaltenssüchten ja ähnlich ist.

“Adipositas stellt ein Problem der “breiten Masse” der Bevölkerung der westlichen Länder (genauer: der Länder mit ubiquitärem und vergleichsweise billigem Nahrungsangebot) dar. ”

Adipositas ist auch ein großes Problem der Schwellenländer, siehe Mexiko. Als die Leute noch die mexikanische traditionelle Küche bevorzugten , die durchaus kalorienreich und kohlenhydratlastig ist, war adipositas dennoch kein Problem. Problematisch wurde das Essverhalten erst, nach dem der Markt mit Billig- Lebensmitteln aus den USA überschwemmt wurde. Eine ähnliche Entwicklung auch in Kolumbien.
Dennoch greift es imho zu kurz, das Problem nur bei den “bösen Importen” zu sehen. Tatsache ist, dass fast im glich en Zeitraum das Leben wesentlich stressbelasteter für die Bevölkerung geworden ist , durch Kriminalität und Drogenkriminalität.

“Überlegungen zu einer Eindämmung müssen daher die Mehrheit der “normalen”, körperlich und geistig gesunden Erwachsenen in den Mittelpunkt stellen. ”

Essen ist die Droge der Braven, der Angepassten, die eben nicht zum Dealer hinterm Hauptbahnhof gehen.
Viele Dicke haben sich in ihrem Leben gewichtsmäßig schon verdoppelt oder halbiert , ich denke nicht, dass ihnen Willenskraft fehlt – das Leben als dicker Mensch ist nicht einfach ,
weder psychisch noch physisch.

Die Frage ist doch: Weshalb meinen so viele Menschen – ihre normalen, geistig gesunden Erwachsenen – , ohne Hilfe irgendwelcher Süchte, den Alltag nicht mehr bewältigen zu können?
Wo genau liegt der sekundäre Krankheitsgewinn und welche andere Lösungsmöglichkeiten kann man aufzeigen?
Diäten und Willenskraft funktionieren offensichtlich nicht, dazu gibt es Statistiken,
und hier trifft dann auch der Satz zu,:
Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.”

#11 |
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Prof. Dr. Peter Koeppe
Prof. Dr. Peter Koeppe

Zu Herrn Dr. Ifland (#5): Ich hatte wohlweisslich auf einen Bezug verzichtet, also nicht von “eigener” Willensschwäche gesprochen. Wie formuliert, sind gegebenenfalls auch Eltern und Erziehungsberechtigte gemeint.

Im Übrigen: Adipositas stellt ein Problem der “breiten Masse” der Bevölkerung der westlichen Länder (genauer: der Länder mit ubiquitärem und vergleichsweise billigem Nahrungsangebot) dar. Überlegungen zu einer Eindämmung müssen daher die Mehrheit der “normalen”, körperlich und geistig gesunden Erwachsenen in den Mittelpunkt stellen. Dass die so gewonnenen Einsichten auf Randgruppen wie Kinder aus bildungsfernen Schichten, ihrer Willenskraft beraubte Apoplektiker oder Süchtige nicht oder nur bedingt anwendbar sind, liegt auf der Hand und macht die Kernaussage keineswegs obsolet oder gar falsch.

Ich hatte angesichts des Leserkreises von DocCheck geglaubt, auf die Erwähnung einer derartigen Selbstverständlichkeit verzichten zu können, aber das war offensichtlich ein Irrtum.

Daher der Versuch, ein weiteres mögliches Missverständnis zu vermeiden: Mein kritisierter letzter Satz ist als (subjektive) Feststellung einer Tatsache in oben dargestelltem Sinne zu verstehen, nicht als Vorwurf oder gar Anklage – wie käme ich dazu!?
Wenn jemand der Meinung ist, es gäbe für ihn im Leben “Wichtigeres, als ein paar überflüssige Pfunde zu vermeiden” und er würde lieber für die „wesentlichen Dinge“ alle Willenskraft einsetzen, dann liegt das im Rahmen der individuellen Entscheidungsfreiheit, die ich ohne Einschränkung respektiere. Nur: Er/Sie muss dann aber bereit sein, für diese Entscheidung die Verantwortung zu tragen und nicht versuchen, seine/ihre Fettleibigkeit auf das Wirken böser Mächte wie Nahrungsmittelindustrie, Werbewirtschaft usw. oder “ungünstige Gene” zurück zu führen.

Zu Herrn Cortes (#9): Personen mit einem BMI oberhalb der von Ihnen genannten Werte sind Süchtige und daher als Kranke wie Alkoholiker oder Kettenraucher anzusehen; dazu siehe oben.
Es kommt darauf, eine solche Entwicklung zu verhindern, indem an die Eigenverantwortung der Menschen appelliert wird, solange sie noch „bei Verstand“ sind. Mir ist unverständlich, was dagegen zu sagen ist.

#10 |
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Nichtmedizinische Berufe

Professor Koeppe, Beitrag 5: ” Merke: Adipositas ist kein Schicksal, sondern Ausdruck mangelnder Willenskraft.” Da Sie offensichtlich nicht die Zeit aufbringen, den Artikel ganz zu lesen , da Sie schon Ihre Meinung zum Thema haben, hier nochmals die Kernthese:
“Durch Essen ist es möglich, Stesshormone etwas herunterzuregulieren. Forscher sehen hier auch Parallelen zu Suchterkrankungen. „Betroffene essen nicht mehr aus Hunger, sondern weil sie süchtig sind oder komplexen Stress haben“, berichtet Machleit.
Liegt der BMI über 35 bis 40, stumpft unser Belohnungssystem ab, das heißt, die Zahl an Dopamin-Rezeptoren geht zurück. Selbst drei Tafeln Schokolade führen nicht mehr zum erhofften Lustgewinn. Machleit warnt: „Man kann hier nicht einfach den Magen verkleinern. Das Gehirn wird immer eine höhere Steuerungsinstanz bleiben.“
Deshalb geht der Psychologe das Problem anders an. „Wir sehen in Adipositas eine psychosomatische Krankheit und arbeiten mit Methoden der Psychotherapie.“

Eine psychosomatische Erkrankung demnach mangelnde Willenskraft? ???

#9 |
  6
Nichtmedizinische Berufe

Der Artikel ist für mich widersprüchlich. Da wird in der Einleitung klar davon gesprochen, dass Überessen einem Suchtverhalten gleich kommt, an dem das dopinamerge System beteiligt ist. Und dann kommen Forderungen wie Besteuerung von Limonaden oder eine Lebensmittelampel. Klingt für mich, als wolle man Drogensucht dadurch bekämpfen, dass man den Crack- Preis hochsetzt oder die Inhaltsstoffe von Kokain im Gegensatz zu Cocablättern deklariert.
Anstatt gesellschaftliche Stressoren wie Existenzängste, Armut, mangelndes Selbstwertgefühl, Chancenungerechtigkeit, prekäre Arbeit oder Arbeitslosigkeit anzugehen , wird ein Werbungsverbot gefordert . ( Nebenbei bemerkt kommen die meisten Suchtmittel ohne explizite Werbung aus. )
Wie gesagt – starker Einstieg und dann stark nachgelassen.

#8 |
  8
Arzt

Tolle zusammenfassung, danke!!

#7 |
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Dr. Ifland
Dr. Ifland

#5 Im Artikel wird erwähnt, dass das Alter zwischen 2 und 6 Jahren kritisch ist, also viele übergewichtige Erwachsene schon übergewichtige Kinder waren. Mit Ihrem letzten Satz drücken Sie aus, dass JEDER selbst Schuld wäre, wenn er adipös ist. Dann erklären Sie bitte mal, wie ein adipöser Grundschüler, der daheim nur Fast Food bekommt, vielleicht noch psyhchisch kranke Eltern hat, die morgens nicht in der Lage sind, ein Pausenbrot zu schmieren, so dass sich das Kind auf dem Weg zur Schule eine Tüte Chips kauft, “einfach nur willensstark” sein braucht, dann wird das schon. Solche verallgemeindernden Aussagen sind sehr diskriminierend.

#6 |
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Prof. Dr. Peter Koeppe
Prof. Dr. Peter Koeppe

“Abnehmen beginnt im Kopf” – das ist in der Tat die entscheidende Erkenntnis.
Der Jetzt-Mensch muss sich bewusst sein, dass es zu wenigstens 99% der Existenz des homo sapiens weder Lebensmittelläden noch Imbissstuben noch Kühlschränke gab, so dass er daher geprägt ist von der Übung zu essen, so lange es etwas gibt und irgend geht – jenseits jeder Notwendigkeit.
Mag sein, dass es “gefährliche” und “weniger gefährliche” Lebensmittel gibt, aber das ist ein Neben-Kriegsschauplatz; wichtig ist stets die Menge: Auf die Bilanz (absorbierte minus verbrauchte Kalorien) kommt es an.
Merke: Adipositas ist kein Schicksal, sondern Ausdruck mangelnder Willenskraft.

#5 |
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Christiane Lücker
Christiane Lücker

Was für ein dämliches Ernährungskonzept.

Es ist der Zucker ( Glucose, Saccharose und Fruktose) der dick macht und süchtig. In Formuladiäten ist der Kohlenhydrat- also der Zuckeranteil nicht festgelegt. Da wenig Fett- ist der Zuckeranteil hoch, damit es überhaupt schmeckt. Dazu noch smoothies und anderes Obst- damit macht man jeden- und v.a. die ohnehin schon Dicken erst so richtig süchtig… Formula hat mit dem normalen Leben nichts zu tun und deshalb funktionieren Formuladiäten auf Dauer auch nicht.
Helfen tut:
die psychiatrische/ psychotherapeut. Aufarbeitung der Ess- Auslöser,
das weitestgehende meiden der versteckten Zucker in der Nahrung- hier v.a. der Fertignahrung und in Obst,
und viel Sport.

Sowie die Maximalbesteuerung zuckerhaltiger Nahrungsmittel und Getränke,
und max. Subvention gesunder Nahrungsmittel: Vollkornprodukte und Gemüse, sowie Mineralwasser.

#4 |
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Andreas Gördes
Andreas Gördes

Kalorien- und auch Wertigkeitsangaben könnten helfen.
Besteuerung wäre für mich in Ordnung, wenn das eingenommene Geld tatsächlich 1 :1 in der Förderung gesunder Ernährung landen würde.

#3 |
  3

Noch mehr Steuer für Tabak,
noch mehr Steuer für Alkohol, Fett, Zucker,Salz !!

#2 |
  17

Die Lebensmittelindustrie hin zu gesünderem essen zu steuern wäre schön, aber nur eine Preiserhöhung auf einen Inhaltsstoff wie z.B. Zucker halte ich für schwierig, dann entstehen Kompensationsmechanismen, die vielleicht noch schlechter sind. In England z.B. kann man nach der Zuckerbesteuerung kaum noch Getränke mit Geschmack (unter anderem Softdrinks) kaufen ohne das eine Unmenge Süßstoff beigemengt wurde. Das schmeckt zum einen nicht und ist zum anderen auch nicht gesünder.
Auf der anderen Seite sollte man auch nicht mehr zu viel Zeit verlieren, sondern Strategien auf den Weg bringen. Da hierzulande alle Kinder zur Schule gehen sollten dort sicherlich die ersten Programme zum erfolg führen.
Guter Artikel.

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