Hypertonie: Künstliche Befruchtung unter Druck

31. Oktober 2018

Rund 40 Jahre nach Geburt des ersten Retortenbabys werden kritische Stimmen immer lauter. In-vitro-Fertilisationen sollen kardiovaskuläre Risiken erhöhen, Patienten werden darüber nicht informiert, so lauten die Vorwürfe einiger Experten. Ist die Kritik berechtigt?

Am 25. Juli 1978 erblickte Louise Joy Brown im britischen Oldham das Licht der Welt. Sie war das erste „Retortenbaby“ weltweit. Seither ruhen die Hoffnungen tausender Eltern auf In-vitro-Fertilisationen (IVF), sollte sich ihr Kinderwunsch auf normalem Wege nicht erfüllen. Schätzungsweise jedes sechste Paar benötigt Hilfe mit unklaren Folgen für den Nachwuchs. Professor Urs Scherrer, Kardiologe am Inselspital Bern, zeigt nicht zum ersten Mal Assoziationen zwischen IVF und kardiovaskulären Risiken auf.

IVF und Hypertonie – eine ungesunde Verbindung

Urs-Scherrer

Urs Scherrer © Inselspital Bern

Bereits 2012 untersuchte Scherrer eine Kohorte mit 65 Retortenkindern und 57 Kindern, die normal gezeugt wurden. Sie waren im Median 11,1 bzw. 11,9 Jahre alt und hatten keine bekannten Grunderkrankungen. Allerdings fand der Kardiologe unter IVF um 25 Prozent verminderte flussvermittelte Vasodilatation der Arteria brachialis, verglichen mit den Kontrollen.

Unter dem Begriff versteht man Veränderungen des Gefäßdurchmessers beim Blutfluss. Abweichungen nach unten deuten auf eine gestörte Endothelfunktion hin. Der systolische Pulmonalarteriendruck, gemessen bei 3.450 Metern über Normal Null, war bei Retortenkindern 30 Prozent höher. „Gesunde Kinder, die per IVF gezeugt wurden, zeigen eine generalisierte vaskuläre Dysfunktion“, schrieb Scherrer damals. „Dieses Problem scheint nicht auf elterliche Faktoren zurückzuführen zu sein, sondern auf das IVF-Verfahren selbst.“

Fünf Jahre später bestellte er 54 Jugendliche (IVF-Gruppe) und 43 Kontrollen erneut ein. Wieder zeigte sich eine 25-prozentige Beeinträchtigung der flussvermittelten Dilatation. Auch die Gefäßwanddicke der Halsschlagader als Maß für atherosklerotische Gefäßveränderungen war erhöht. 24-Stunden-Blutdruckmessungen lieferten ebenfalls überraschende Ergebnisse. Der systolische Blutdruck lag bei 119,8 ± 9,1 mmHg (IVF) versus 115,7 ± 7,0 mm Hg (Kontrollen). Beim diastolischen Blutdruck waren es 71,4 ± 6,1 mmHg versus 69,1 ± 4,2 mmHg. Acht der 52 IVF-Probanden, aber nur einer der 43 Kontrollteilnehmer erfüllte die Kriterien einer arteriellen Hypertonie.

„Unsere Zahlen zeigen, dass jede sechste oder siebte Person bereits im Jugendalter einen etablierten Bluthochdruck hat“, so Scherrer im Interview. „Das sind keine kleinen Prozentsätze, denn ein Bluthochdruck in diesem Alter ist ein sehr seltenes Ereignis.“ Er befürchtet deutlich höhere Werte in späteren Jahren. In späteren Jahren seien mehr Herzinfarkte und mehr Schlaganfälle zu befürchten: ein relevantes Thema.

Gibt es eine „Retortenkinder-Lobby“?

Umso erstaunlicher ist, dass das Inselspital Zürich, also Schereres Arbeitgeber, laut „Neuer Züricher Zeitung“ sein Thema nicht aktiv verbreiten wollte. Das Blatt spekuliert, betriebswirtschaftliche oder ökonomische Überlegungen würden möglicherweise „höher gewichtet als wissenschaftliche Erkenntnisse“. Noch deutlicher wird die Schweizer Internet-Zeitung „Infosperber“, sie titelte: „Berner Uni-Spital schützt Interessen der Retortenkinder-Lobby“.

Solche Vorwürfe lassen sich angesichts von Zahlen nicht von der Hand weisen. Laut Statista entscheiden sich Frauen und Männer mit Kinderwunsch immer häufiger für eine IVF. Waren es 2004 noch 59.448 Paare, stieg die Zahl bis 2015 auf 96.124 an. Laut IVW-Register sind bislang mehr als 250.000 Kinder in Deutschland per künstlicher Befruchtung gezeugt worden. Im gleichen Zeitraum ging die Zahl an Adoptionen von 9.984 auf 5.370 zurück.

 

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Alle Kosten hängen vom Verfahren selbst ab. Eine Samenübertragung (Insemination) liegt bei 300 bis 900 Euro. Die IVF schlägt mit 2.000 bis 3.000 Euro zu Buche. Hier werden im Labor Eizellen mit dem aufbereiteten Sperma vereinigt. Ist die Beweglichkeit von Spermien verringert, greifen Ärzte zur intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI). Unter mikroskopischer Kontrolle werden Spermien direkt in Eizellen injiziert. Dafür sind 4.000 bis 7.500 Euro zu veranschlagen. Krankenkassen übernehmen mindestens 50 Prozent aller Kosten, Details regelt das V. Sozialgesetzbuch in § 27a. Und laut Richtlinien hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) werden maximal acht Insemination im Spontanzyklus, drei IUI mit Hormonbehandlung, drei IVF bzw. drei ICSI bezuschusst. Der Markt ist groß, auch in Scherrers Schweizer Heimat. Seine Ergebnisse sind aus wissenschaftlicher Sicht nicht unumstritten.

Relevanz für die Praxis?

Sonntag

Barbara Sonntag © amedes MVZ Hamburg GmbH

„Bestätigen sich die Ergebnisse mit 15 Prozent Hypertonie-Patienten, wäre das in der Tat besorgniserregend“, sagt Prof. Barbara Sonntag zu DocCheck. Sie ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, aus Hamburg. „Wichtig ist, Scherrers Arbeit richtig zu interpretieren.“ Als Stärke nennt Sonntag präzise Messungen Scherrers – hier hätten ältere Arbeiten weniger Tiefe. „Dem steht eine recht kleine Kohorte gegenüber, was zu Verzerrungen der Ergebnisse führen kann.“ Außerdem hätte Scherrer verschiedene Methoden der IVF zusammen untersucht, was die Interpretation erschwere.

Sie verweist auf eine deutlich größere Metaanalyse aus dem Jahr 2015. Hier zeigten sich schwache, aber dennoch signifikante Effekte. Xiao-Yan Guo von der Zhejiang University in China nahm 19 Studien mit 2.112 IVF-Probanden und 4.096 Kontrollen auf. Die Forscherin fand geringe, aber statistisch signifikante Unterschiede von plus 1,88 mmHg systolisch und 1,51 mmHg diastolisch. Gefäße waren bei Retortenkindern ebenfalls stärker verdickt. Beim Body Mass Index gab es keine Unterschiede. Mehr lässt sich aus Kohorten nicht entnehmen.

Tierexperimente führten Scherrer und Kollegen schon früher auf eine heiße Spur. Bei Mäusen entsteht unter IVF-Bedingungen weniger endotheliale Stickstoffmonoxid-Synthase (eNOS). Das Enzym katalysiert die Bildung von Stickstoffmonoxid (NO) aus Arginin. NO wirkt lokal gefäßerweiternd. Defizite von eNOS führten zu Hypertonie und zu Gefäßveränderungen. Dieser Effekt ließ sich umgehen, wenn Forscher ihren IVF-Kulturmedien Melatonin zusetzten, was zur stärkeren Expression des eNOS-Gens führte. Ob das auch für Menschen gilt, ist unklar. Bisher weiß man nur, dass verschiedene Kulturmedien, deren genaue Zusammensetzung meist geheim ist, mit Unterschieden beim Geburtsgewicht und beim Taillenumfang in Verbindung stehen.

Offen reden

Doch was sollten Ärzte Patientinnen bis zur abschließenden Klärung empfehlen? Aufklärung sei Sonntag zufolge wichtig. „Derzeit ist es häufig so, dass Paare vor allem an die Schwangerschaftsrate denken, wir aber auch über mögliche Schwangerschaftsrisiken und die Folgen für die Kinder sprechen“, berichtet die Expertin. „Wichtiger als mögliche Hypertonien sind derzeit die noch hohen Mehrlingsraten als bekanntes Risiko für Mutter und Kinder.“

Familien rät sie, offen mit dem Thema künstliche Befruchtung gegenüber ihrem Nachwuchs umzugehen. „Früher oder später verlassen Kinder das Haus und sind auf sich gestellt, auch bei medizinischen Risiken.“ Während junge Frauen zumindest ihre Gynäkologen regelmäßig sehen, fallen junge Männer hier in ein Loch. Vielleicht merken sie ja erst mit 35 oder 40 Jahren, dass sie an Hypertonie leiden?

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Bildquelle: CNBP, flickr / Lizenz: CC BY
Forschung, Gynäkologie, Medizin

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4 Kommentare:

Mitarbeiterin Industrie

Die Kommentare hier sind -wie so oft- dermaßen von oben herab und ideologieverseucht…eines Fachforums nicht würdig.

Frau Dr. Ridder, in vielen Fällen von Infertilität liegt es nicht an der Frau. Und ist “infertile Mutter” nicht ein Oxymoron?
Zu Kommentator Nr. 2 brauche ich nichts zu sagen, denn der wurde bereits entlarvt.

Seltsam finde ich auch, dass im Text bei den Kosten auch IUI aufgeführt wird, die ja nun rein gar nix mit “in vitro” zu tun hat.
Insgesamt nützt die Studie reichlich wenig, wenn nicht nach ICSI und einfacher IVF unterschieden wird. Zudem sollten die Ursachen der Infertilität mit einbezogen werden.

#4 |
  2
Ärztin

Herr Baird-Winter: In den “fast 18 Jahren” in denen Sie die Ihnen bekannten “Retortenkinder” in Ihrem Bekanntenkreis beobachten konnten, sind Ihnen evt. die anderen Faktoren, die den psychischen Zustand dieser “anderen” Menschen bedingen könnten nicht auf Ihrem Schirm gewesen, vielleicht haben Sie sie ausgeblendet oder wollten es auch ausblenden.
In diesem Artikel ging es um kardiovaskuläre Risiken, denen trotz der geringen Fallzahl und der unscharfen Aquise von einer Expertin einen zumindest untersuchungswürdigen Bedeutung eingeräumt wird.
Unter Ihrem Usernamen Alex Baird-Winter kann ich im Netz keinen Arzt sondern einen Unternehmensberater finden, auf dessen Homepage unter “unsere Philosophie” von “Mensch als wertvollste Ressource”, “sich wertgeschätzt fühlen und …sich entfalten können”, “Menschen konsequent einbeziehen” und “auch mal unkonventionelles zulassen” salbadern.
Ich hoffe nur, dass keines der “Retortenkinder” in Ihrem Bekanntenkreis, denen sie hier so öffentlich psychischen Auffälligkeiten, “Verträumtheit (ADS)”(!), “deutliche Probleme mit Beziehungen” (Anm.: mit unter 18 Jahren!) diagnostizieren, so dass Sie ” keinesfalls …ein IVF-Kind haben wollten, seit Sie ein paar dieser speziellen Menschen kennen”, versehentlich mal nach Ihrem Namen googlen und auf diesen Erguss stoßen.
Sollten Sie Arzt sein, wäre Ihre Beobachtungen trotzdem nur anekdotischen Einzelfallschilderungen.

Anekdote meinerseits: Ich kenne mehr als 20 via IVF gezeugter Menschen, von denen keiner offensichtliche seelische Probleme jenseits Kindergarten oder pubertärer Konflikte hat.

#3 |
  8
Alex Baird-Winter
Alex Baird-Winter

Ich freue mich, dass sich scheinbar endlich einmal ein Bewusstsein zu entwickeln scheint, dass “Retortenkinder” wohl tatsächlich “anders” sind. Da ich persönlich einige (4) kenne, sind mir im Laufe der Jahre Gemeinsamkeiten aufgefallen, die mich bisher “nur” bedrückt haben: Alle dieser Kinder haben Konzentrationsprobleme, sind verträumt (ADS), haben deutliche Probleme mit Beziehungen etc. Die Recherche nach Studien dazu ergab lediglich eine, die es aber in sich hatte: Das Risiko psychiatrischer Erkrankungen sei bei IVF-Kindern signifikant erhöht… Einerseits sehe ich meinen subjektiven Eindruck bestätigt, andererseits erhöht sich dadurch der Druck, diesen spärlichen Informationen weiter nachzugehen; wenn es sich bewahrheiten sollte, dass diverse Risiken bei diesen Kindern bestehen, dann muss erstens mit ihnen darüber gesprochen werden, sobald sie reif genug sind, zweitens wird (m.E. schon jetzt) ein IVF-Wunsch mit dicken ethischen Fragezeichen zu versehen sein. Auf jeden Fall muss dann ein präziser “Beipackzettel” für arzt-unabhängige Aufklärung sorgen. Ich jedenfalls hätte bereits vor der Hypertonie-Studie keinesfalls ein IVF-Kind haben wollen, seit ich ein paar dieser “speziellen Menschen” nun fast 18 Jahre beobachten konnte.

#2 |
  62

Könnte es sein, dass die Ursachen für Hypertonie die selben sind, die die Infertilität der Eltern bedingten? Dass ein Fetus, der in einer infertilen Mutter heranwächst, aus welchen Gründen auch immer schlechtere Wachstumsbedingungen hat? (u.a. können ein “latenter” Thiamin- und Vitamin B12-Mangel Infertilität bedingen! Wer denkt denn an sowas, wenn das BB normal ist?).

#1 |
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