Die Keimatlosen

24. November 2009
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Allein auf der menschlichen Haut befinden sich eine Billion bakterieller Siedler, die das Immunsystem schützen. Doch ein boomender Markt mit antimikrobiellen Produkten könnte den Bakterien den Garaus machen, ohne zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Antimikrobielle Produkte bzw. Biozid-Produkte im Handel, das ist nichts Neues. Die Palette reicht von Waschmitteln, Putzmitteln bis zu keimfreien Computertastaturen oder bakterientötenden Klobrillen. Aber inzwischen schaut es so aus, als ob das nur der Beginn einer neuen Hygiene-Hysterie ist. Das Geschäft mit den keimtötenden Substanzen boomte zunächst in USA und Japan. Nun hat die Sorge vor Krankheitserregern auch Europa infiziert. Hemden, Matratzen und Handtücher, vermischt mit feinsten Silberpartikeln, töten Bakterien. “Versilberte” Socken wehren Fußpilz ab. Kühlschränke mit dem Etikett “AntiBacteria” verderben den Parasiten den Spaß. Auch im Badezimmer sind Mikroben vor nichts mehr sicher. Innerhalb kürzester Zeit ist ein rasant wachsender Markt, in den fast wöchentlich neue Bakterienkiller gespült werden, entstanden. Experten schätzen, dass sich der Umsatz in den nächsten fünf Jahren in Westeuropa verdoppeln wird, d.h. auf nahezu vier Milliarden Dollar. Mikrobiologen, wie Armin Schuster an der Universitätsklinik Freiburg, sind beunruhigt. Sie befürchten, dass die Mikroorganismen resistent werden oder mutieren oder, was ebenfalls schlimme Folgen hätte, dass therapeutisch eingesetzte Substanzen und Antibiotika schneller Resistenzen entwickeln. Im Visier der Biologen stehen Produkte mit Wirkstoffen wie Silberion, Triclosan und Isothiazolinon.

EG-Biozid-Richtlinie

Wenn die Gefahr der Resistenzbildung besteht, fragt man sich, wieso derartige Produkte zugelassen werden und welche Verfahren es für die Zulassung gibt. Das Startup-Unternehmen Smartfiber AG beispielsweise kann sich über volle Auftragsbücher mit High-Tech-Fasern mit Silberionen freuen. Abnehmer sind in erster Linie Hersteller von technischen Textilien bzw. von Textilien im Heim- und Sportbereich. Als Selbstläufer für Smartfiber entpuppte sich gerade eine antimikrobielle Plastikkugel, der blueMagicBall. Er wird mit der Wäsche in die Waschmaschine gegeben und sorgt dafür, dass keine Mikrobe beim 30 Grad-Programm überlebt – und das bei 80 bis 160 Waschgängen, verspricht der Textilfaserhersteller. Beim Hinweis zur Verwendung erfährt man, dass in dem Produkt 1,2% Silberchlorid enthalten ist. Weiter heißt es: “Der BlueMagicBall® entspricht den Anforderungen der Biozidprodukte-Richtlinie (98/8/EG)…..” Der Hinweis belegt, dass der Magic Ball gemäß Richtlinie 98/8/EG korrekt angemeldet wurde und zwar im Rahmen der Übergangsregelung für “alte” Biozid-Wirkstoffe. Die Richtlinie soll europaweit eine einheitliche Zulassung von Bioziden und biozidhaltiger Produkte gewährleisten.

25.000 gemeldete Biozid-Produkte

Als “alte” Wirkstoffe der EG-Richtlinie gelten Substanzen, die bereits vor 2000 auf dem Markt waren und registriert wurden. Biozid-Produkte, die ausschließlich diese Altwirkstoffe enthalten, dürfen zunächst weiter vermarktet werden, vorausgesetzt sie haben eine N(=Notifizierung)-Nummer von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), die für die Umsetzung der Biozid-Richtlinie in Deutschland zuständig ist. Die Meldefrist für diese Produkte wurde jetzt noch mal um drei Jahre verlängert, d.h. bis 2013. Danach soll erst die eigentliche Prüf- und Bewertungsphase im Rahmen der Biozid-Richtlinie starten, d.h. es können noch Jahre vergehen, bis über die endgültige Produktzulassung entschieden ist. Das gesamte Richtlinien-Werk, das 2002 durch Änderung des Chemikaliengesetzes in deutsches Recht überführt wurde, hat mehrfach Anpassungen erfahren, was das Handling offensichtlich nicht einfacher gemacht hat. Alle Beteiligten ächzen unter dem komplizierten Konstrukt. Bisher wurden der BAuA ca. 25.000 Produkte gemäß Biozid-Meldeverordnung im Rahmen der Übergangsregelungen gemeldet. Darunter sind 645 Artikel mit Silberionen und 141 mit Triclosan. Neuzulassungen von Wirkstoffen gemäß Biozid-Richtlinie 98/8/EG wurden bisher noch nicht erteilt.

Gefährdung im häuslichen Bereich

Die Frage ist, was in der Zwischenzeit bis 2013 passiert. DocCheck fragte beim Bundesinstitut für Risikobewertung nach und erhielt folgende Stellungnahme aus der Presseabteilung: “Das BfR vertritt die Auffassung, das antimikrobiell ausgestattete Verbraucherprodukte nur in Einzelfällen notwendig sind, eine generelle Verwendung wird abgelehnt”. Immerhin beschäftigte sich das Institut mehrfach mit Produkten, in denen Triclosan zum Einsatz kommt. In einer Pressemeldung aus 2006 rät das BfR Verbrauchern, “im häuslichen Bereich auf biozidhaltige Reinigungsmittel und Produkte zu verzichten”. Im Sommer dieses Jahres sprach sich das Institut schließlich für ein Verbot von Triclosan in Lebensmittelbedarfsgegenständen aus Kunststoff aus. Ansonsten heißt es aus der Pressestelle noch: “Wirksame Maßnahmen müssten aber letztlich die Hersteller solcher Produkte ergreifen”.

Fragwürdiger Nutzen einiger Bakterienkiller

Die Keimfrei-Gegner aus der Mikrobiologie ziehen die angepriesene Wirkung so mancher Verbraucher-Produkte in Zweifel. Viele Hersteller würden Biozid-Produkte mit Versprechungen auf den Markt bringen, deren Werbeaussagen nicht überprüft wurden, so Armin Schuster. Schneidbretter mit Silberoberflächen könnten beispielsweise eine Lebensmittelinfektion nicht verhindern. “Selbst wenn Sie das Fleisch roh drauf legen, bleiben die Keime im verdorbenen Fleisch immer noch drin”. In USA sei man bei der Zulassung von antibakteriellen Produkten restriktiver, so der Biologe. In Krankenhäusern und Arztpraxen seien die antimikrobiellen Stoffe von Nutzen. Aber es gebe auch sinnvolle Einsätze beispielsweise in Lebensmittelfabriken, Milchbetrieben oder auch in der Papierindustrie. Wenn so der Einsatz von Desinfektionsmitteln reduziert werden könnte, wäre das von Vorteil, so Schuster. “Verbraucher sollten aber antibakterielle Produkte meiden”. So weit so gut, aber was passiert, wenn ihr Drang nach keimfreier Umwelt alle Empfehlungen in den Wind bläst?

169 Wertungen (4.46 ø)
Allgemein

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11 Kommentare:

Ich glaube dass eine entsprechende Hygiene mit häufigem Händewaschen , regelmässigem Wäschewechsel und dergleichen Standart und Allgemeinwissen reichen fuer ein gesundes leben.
Die verschiedene Antimikrobielle Substanzen sollte nicht alltaeglich benutz werden.
Prof,dr.med.E.Ferekidis (Arzt)
Athen.

#11 |
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Kerstin Titze
Kerstin Titze

Wo soll uns diese übertriebene Hygiene-Hysterie bloß noch hinführen ? Früher hieß es nicht umsonst , dass die schmutzigsten Kinder meist auch die gesündesten sind. Deren Immunsystem ist von Anfang an mit den Umweltkeimen konfrontiert worden und war damit entsprechend trainiert und leistungsfähig. Unser Immunsystem ist im Laufe der Menschheitsentwicklung mit vielen Erregern in Kontakt gekommen und hat gelernt , damit umzugehen, ja , es braucht sie sogar für eine normale Entwicklung.Wir sollten es also auch seine Arbeit tun lassen !
Natürlich sollte heute eine entsprechende Hygiene mit häufigem Händewaschen , regelmässigem Wäschewechsel und dergleichen Standart und Allgemeinwissen sein.Aber doch bitte alles in Maßen und die Antibiotika und antimikrobiell wirkenden Substanzen dort belassen wo sie hingehören – in die Hand der Ärzte. die diese Substanzen dann bei entsprechender Notwendigkeit zielgerichtet einsetzen. Sonst müssen wir uns nicht über antibiotikaresistente Keime und kaum therapierbare Infektionen wundern. Was so unkontroliert in die Umwelt entlassene Chemikalien sonst noch alles anrichten können , kann doch heute noch keiner auch nur annähernd abschätzen!

#10 |
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Dr. med. Saadi Jawad
Dr. med. Saadi Jawad

Es ist wirklich wahnsinnig, zu versuchen, sich immer mehr in eine keimfreie Hülle zu begeben. Das gleiche passiert auch auf der seelischen Ebene.

#9 |
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Michael Franzsander
Michael Franzsander

Triclosan als heimlichen Bestandteil von Zahncremes (zB. Colgate) kennen wir. Stiftung Warentest bewertet Triclosan-Produkte mit “sehr gut”, wie auch probiotische Jogurts, Mundspüllösungen mit 72% Alkohol (Listerine)… Man kann sich nicht auf dieses Unternehmen verlassen!
Alkohol ist antibakteriell, aber die Mundschleimhaut trocknet aus und das Zahnfleisch verhornt, Probiotische Jogurts sorgen für eine geregelte Verdauung, aber verdrängen die natürlich Darmflora und Triclosan lagert sich lange im Körper und führt zu Multiresistenzen!

Was wird mit Silberionen, Nanopartikeln und anderen Stoffen sein, die uns untergejubelt werden?!

Ich vertraue weder der Werbung, noch der Stiftung Warentest sondern lieber einer Essenz gesammelter Informationen und mir selbst!

#8 |
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Hans-Jürgen Mathiebe
Hans-Jürgen Mathiebe

Wen wundert´s?
Die Präsenz dieser chemischen Keulen in unserem täglichen Leben ist so überraschend nicht, denn ihr Erfolg steht auf zwei soliden Beinen:
Da ist einmal eine ausgeprägte Gutgläubigkeit (sprich: Dummheit) der Verbraucher gegenüber sicherheitsversprechenden Produkten.
Und da ist eine lobbydurchseuchte Politik, die schon lange nicht mehr die Kraft findet, der Vernunft eine Chance zu geben und vermittels Gesetz den Unsinn in Grenzen zu halten. Was heute zählt, sind nur noch die Zahlen (der Ümsätze).
Also: selber öfter mal darüber nachdenken, was wirklich gebraucht – oder besser – nicht gebraucht wird.

#7 |
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Heilpraktikerin

Frau Bäck spicht mir aus dem Herzen! Solch ein Artikel war längst fällig!- Alle Großfirmen hier in Bremen sind überall mit Desinfektionsmittel-Spendern ausgerüstet, erstaunlicherweise erhöht sich aber die erkrankten Kollegen von Tag zu Tag.- Ich habe meinem Mann und unserem Schulkind empfohlen, die Hände erst eine halbe Minute kalt abzuspülen, dann zweimal warm zu waschen und zum Schluß wieder kalt abzu-waschen. Außerdem gibt es jede Menge Hausmittel( z.B.ansteigendes Fußbad) und Phytotherapeutika zur Prophylaxe.- Auf einen gesunden Winter!!!- Gabriele Krause, Heilpraktikerin

#6 |
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HP Claudia Gökdemir
HP Claudia Gökdemir

Ganz egal, ob dafür oder dagegen- in nicht allzu langer Zeit sind wir alle “versilbert”, weil die produkte über das Grundwasser eh irgendwann im trinkwasser landen ohne dass wir das wissen oder steuern können. bei den weiblichen Hormonrückständen ist dieses problem ja schon hinreichend bekannt

#5 |
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Lehrerin für Pflegeberufe Petra-Maria Lohmann
Lehrerin für Pflegeberufe Petra-Maria Lohmann

…ja ja und so werden wir, ungefragt, “versilbert” oder bekommen, ebenso ungefragt, unter den Foliendeckeln direkt Antibiotika im Joghurtbecher mit verabreicht…
Mal sehen, was sich die Industrie als Nächstes einfallen lässt…

#4 |
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Rolf Prickartz
Rolf Prickartz

Die Anwendung antimikrobieller Produkte muß auf professionelle Nutzung kontaminierte Materialien beschränkt werden

#3 |
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Neben Kupferionen aus Trinkwasserleitungen und Dächern gelangen nun auch Silberionen ins Trinkwasser. Und in ein paar Jahren, wenn nicht schon heute, sucht man in der Diagnostik bei unklaren Beschwerden sicher nicht nach dem Silberteufel in der Bettwäsche.
Das ist ein viel zu hoher Preis für ein T-Shirt oder Socken, die man dann länger etwas länger tragen kann.
Wo bleibt das Verständnis für die Zusammenhänge von emittierten Bioziden und dem Bioreaktor Kläranlage? Welche Resistenzen und Allergien nehmen wir dadurch in Kauf? Wir können die meisten Substanzen nicht einmal messen, die durch den Gebrauch von Chemikalien, Untergruppe Biozide Untergruppe Ionen in den Wasserkreislauf gespült werden.

#2 |
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Martin Baronner
Martin Baronner

Nicht zu vergessen ist dabei die Unterforderung des menschlichen Immunsystems gerade bei Kindern in keimarmer Umgebung. Gerne treten dort vermehrt Immunbedingte Erkrankungen wie Neurodermitis… auf. Also: lasst eure Kinder in den Dreck! Es gibt ja eine Waschmaschine.

#1 |
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