Die Welt ist nicht opioideal

3. Dezember 2018

Kaum ein Tag vergeht ohne neue Hiobsbotschaften zum Schmerzmittel-Abusus. Oft wird dabei übersehen, dass es auch eine Kehrseite gibt: Viele Patienten leiden an unerträglichen Schmerzen und werden nicht adäquat behandelt. Woran liegt das?

Massenhafte Verschreibungen und der Missbrauch von starken Schmerzmitteln wie Opiaten ist von großem medialen Interesse. Ein anderer Aspekt findet in der Debatte hingegen kaum Beachtung: Nicht alle Schmerzpatienten erhalten die Behandlung, die sie brauchen. Amerikanische Wissenschaftler untersuchten den Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzen und Suiziden. Sie sehen unzureichende Analgesien als möglichen Grund für eine Selbsttötung.

Durch Schmerzen in den Tod getrieben

Emiko Petrosky untersuchte Informationen über 123.181 Suizide aus den Jahren 2003 bis 2014 aus dem amerikanischen National Violent Death Reporting System (NVDRS). Von allen Betroffenen gab es bei 10.789 (8,8 Prozent) Hinweise auf chronische Schmerzen. Dazu zählten unter anderem Rückenschmerzen, Arthritis oder Schmerzen aufgrund von Tumoren. Die Dunkelziffer ist möglicherweise deutlich höher. Petrosky berichtet, in Abschiedsbriefen hätten zwei von drei Selbstmördern akute oder chronische unerträgliche Schmerzen als Grund für ihren Freitod angegeben. Er hält eine schlechte Kontrolle chronischer Schmerzen daher für einen möglichen Grund, sich das Leben zu nehmen. Grund genug, die oft zitierte Opioid-Epidemie in alle Richtungen zu hinterfragen.

These 1: Es gibt zu wenige Schmerzexperten

Eine Erklärung für die Defizite im Bereich der Schmerztherapie hat Prof. Joachim Nadstawek, Präsident des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD), parat. „Noch immer warten Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen auf eine Verbesserung ihrer Versorgungssituation“, sagt der Anästhesist. „Und noch immer dauert es im Schnitt vier Jahre, bis ein Patient eine geeignete Therapie findet.“ Fehlversorgung sei dabei häufig. Klar ist, dass Nadstawek auch die Interessen seines Befufsverbands im Blick hat. Für Deutschland fordert er „neue schmerzmedizinische Versorgungsstrukturen“. Doch was genau ist damit gemeint?

  • Derzeit gibt es nur 1.206 ambulant tätige Schmerzspezialisten. Dies sei zu wenig, um den Bedarf zu decken, schreibt der BVSD.
  • Nadstawek fordert die Einführung einer schmerzmedizinischen Bedarfsplanung.
  • Da sich die Bedarfsplanung zur vertragsärztlichen Versorgung an Facharztgruppen orientiert, wäre ein Facharzt für Schmerzmedizin denkbar.
  • Mit Zusatzweiterbildungen (gemäß Muster-Weiterbildungsordnung) oder Rahmenvereinbarungen für Qualitätssicherungsmaßnahmen (wie im V. Sozialgesetzbuch, § 135 Abs. 2 vorgesehen) soll der Versorgungsbedarf zusätzlich sichergestellt werden.

These 2: Im chirurgischen Bereich fehlen Qualitätsindikatoren zur Analgesie

In einer Arbeit stellten Forscher fest, dass die Qualität der postoperativen Schmerztherapie an deutschen Krankenhäusern erheblich variiert. Prof. Dr. Winfried Meißner vom Uniklinikum Jena analysierte zusammen mit Kollegen Daten aus 138 Krankenhäusern. Seine Kohorte umfasste 21.114 OPs. In Unikliniken berichteten 2,44 Mal mehr Patienten über starke Schmerzen und in Schwerpunktkrankenhäusern waren es 1,39 Mal mehr als in Häusern der Grund- und Regelversorgung. Schmerzbedingte Bewegungseinschränkungen kamen in Unikliniken 2,12 bzw. 1,87 Mal häufiger in Schwerpunktkrankenhäusern vor. „Auf dem Gebiet der postoperativen Schmerztherapie besteht erheblicher Optimierungsbedarf“, schreibt Meißner. „Qualitätsindikatoren im Bereich Akutschmerzmedizin könnten möglicherweise helfen, die Versorgungssituation der Patienten zu verbessern.“

Erstaunlich ist, dass Patienten aus Kliniken der Grund- und Regelversorgung eine bessere Ergebnisqualität der postoperativen Schmerztherapie zeigten als Patienten aus Schwerpunkt- und Universitätskliniken. Dass Krankenhäuser einer höheren Versorgungsstufe eine schlechtere Ausstattung besäßen oder weniger medizinisch-technische Ressourcen hätten, könne nicht der Grund dafür sein, so die Autoren. Sie vermuten, dass „weiche“ Faktoren in diesen Kliniken einen größeren Einfluss auf die Ergebnisqualität einer Schmerztherapie haben. Dazu zählen zum Beispiel eine höhere Personalfluktuation, ein niedrigerer Ausbildungsstand, größere Anonymität und Kommunikationsdefizite sowie unterschiedliche Erwartungen der Patienten an die jeweiligen Einrichtungen.

Im Jahr 2013 kamen deutsche und niederländische Forscher zu dem Ergebnis, dass Patienten vor allem bei kleineren chirurgischen Eingriffen wie einer Appendektomie oder Tonsillektomie über starke postoperative Schmerzen klagen. Bei größeren Eingriffen seien die Schmerzen im Vergleich geringer. Bei diesen Eingriffen würde eher auf eine bessere Schmerztherapie geachtet, so die Autoren. Für die Studie wurden Beschwerden bei 50.000 Patienten nach 179 verschiedenen chirurgischen Eingriffen standardisiert erfasst.

These 3: Leiden trotz Leitlinie

Dr. Johannes Horlemann, Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin bzw. Experte für Schmerztherapie sieht ebenfalls Schwachstellen im Bereich der Schmerztherapie: „Obwohl sich Opioide weltweit durch Wirksamkeit und Verträglichkeit gegenüber vielen Formen von Schmerzen etabliert haben, besteht eine weit verbreitete Opioidphobie.“ Dadurch bekämen auch jene Patienten keine Opioide verschrieben, die sie dringend bräuchten, so seine Vermutung. Kollegen rät er, sich die S3-Leitlinie „Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen“ vorzunehmen. In den Empfehlungen heißt es: „Bei einer Langzeittherapie mit Opioiden soll in regelmäßigen Abständen überprüft werden, ob die Therapieziele weiter erreicht werden und ob es Hinweise für Nebenwirkungen (z. B. Libidoverlust, psychische Veränderungen wie Interesseverlust, Merkfähigkeitsstörungen sowie Sturzereignisse) oder für einen Fehlgebrauch der rezeptierten Medikamente gibt.“ Das betrifft beispielsweise chronische Schmerzen aufgrund orthopädischer Erkrankungen. Abhängigkeit ist in der onkologischen Palliativmedizin eher zweitrangig.

Genauer hinsehen statt pauschalisieren

Bleibt als Fazit: Wer von einer Opioid- oder Analgetika-Epidemie spricht, bewertet das Thema zu pauschal. Abhängigkeit ist ein großes Problem. Aus Angst vor Opioid-Missbrauch gänzlich von Verschreibungen abzusehen, ist jedoch der falsche Weg. Viele Schmerzpatienten sind auf die Therapie mit stark wirksamen Analgetika, also auch Opioiden, angewiesen. Nach wie vor gibt es Patientengruppen, die nicht adäquat versorgt werden. Im Mittelpunkt sollten deshalb nicht statistische Verordnungsdaten, sondern Menschen und patientenbezogene Parameter stehen.

69 Wertungen (4.68 ø)
Bildquelle: WikiImages, pixabay / Lizenz: CC0
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18 Kommentare:

Mitarbeiter Industrie

@Remedias Cortes
Vielen Dank für den Hinweis. Sie haben Recht – und daher habe ich auch das Buch: Dr. Bodo Kuklinski “Mitochondrien: Symptome, Diagnose und Therapie” gekauft. Auch wenn ich in vielen Punkten mit B. Kuklinski nicht übereinstimme, so sind die Ernährungstipps hilfreich. Ich nehme z.B. seit Jahren den sog. “Mito-Cocktail” (Coenzym Q10 + B-Vitamine + ……) der z.B auch von der “Mito Action” empfohlen wird.

#18 |
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Nichtmedizinische Berufe

Gut dialektisch sage ich:
Die Grenzen der NSAR sind zu wissen, zu erkennen, einzugestehen ebenso wie die der Opioide.Das BTM-Gesetz soll Abusus verhindern, aber damit keinesfalls-was leider viel zu oft der Fall ist, den medizinisch ordentlichen Usus , was ein Abusus aus dem Negativen sein kann:Verweigerung des Guten ,Abusus der medizinalen Verantwortungsstellung aufgrund von pseudoapriorischen Vorurteilen, die der Wahrheit nicht standhalten. Die geschichtliche Erfahrung zeigt die Gefahren der Opioide auf, aber ebenso dürfen die Gefahren der NSAR nicht unterschlagen werden.

#17 |
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Nichtmedizinische Berufe

OT
Susanne Dr. Schertling
Mitarbeiter Industrie
Ich leide seit Jahren an einer mitochondrialen Myopathie….

Schwachstelle Genick
Bodo Kuklinski / Anja Schemionek
Ursachen, Auswirkungen und erfolgreiche Therapie

Es geht zwar um Nackenprobleme, aber es gibt auch ein Kapitel über Mitochondropathie und unterstützende Behandlung mit NEM .

( der Verlag ist naturheilkundlich ausgerichtet, ich weiß , aber deshalb müssen die Ernährungstipps nicht falsch sein, da zumindest die Autoren keine irgendwie gearteten Produkte verkaufen wollen. )

Und hier gibt es eine Zusammenfassung des Buches :
https://adfd.org/austausch/viewtopic.php?f=57&t=14594&p=234944&hilit=Nackenprobleme#p234944

Das ist nur eine persönliche Buch – Empfehlung, ich bin weder Arzt noch Apotheker noch sonst heilkundlich tätig.

#16 |
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Nichtmedizinische Berufe

Schon die Bezeichnung bzw.Namensgebung “Opioid” ist an sich veraltet:Um wie viel mehr das Denken als Wahrheitserkennen um die wahren Qualitäten dieser edlen Substanzen.Opiate sind auch Nicht-Analgetika, etwa Papaverin.Aber besitzen denn nun Opioide nicht auch ebenso wie Papaverin vaskulär dilatatorische Eigenschaften? Nicht leicht.Echt analgetisch aus dem Opium ist Morphium, und alle verwandten Stoffe sollten “Morphioide” genannt werden.Alle Beiträge,alle Kommentare, die ich hierzu hier las, treffen voll zu.Das liegt am Nerv, der längst an der Zeit ist.

#15 |
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Annika Diederichs
Annika Diederichs

@Susanne Dr. Schertling: Ich würde nochmal über einen Behandlungsversuch mit Cannabinoiden nachdenken. Aus der Datenlage ergibt sich keine universelle Verschlechterung der Mitochondrienfunktion. Da müßte man schauen, ob in Ihrem Fall überhaupt eine negative Interaktion zu befürchten ist. In Israel wird sehr viel mit Cannabinoiden gearbeitet, da sollte es zumindest Anwendungsstudien zum Einsatz bei Patienten mit Muskelschwäche geben.

#14 |
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Mitarbeiter Industrie

Ich leide seit Jahren an einer mitochondrialen Myopathie, die – ausser einer Tetraparese – leider mit chronischen, sehr starken Schmerzen einhergeht. Ich habe einige multimodale Schmerztherapien hinter mir und letztendlich hilft mir heute nur Oxycodon (120 mg /d) mit Gabapentin (2400 mg/d).
Es wurden in den letzten 6 Jahren alle anderen alternativen Medikamente versuchsweise eingesetzt und auch über einen Behandlungsversuch mit Cannabis nachgedacht. Da Cannabis aber in Tierversuchen eine signifikante Verschlechterung der Mitochondrienfunktion gezeigt hat, war auch dies keine Option für mich.

Wegen eines akuten Lumbago musste ich dann Anfang des Jahres stationär aufgenommen werden. Leider handelte es sich um ein kirchliches Krankenhaus, in dem die Auffassung vertreten wurde, dass Opioide ausschliesslich bei Krebskranken eingesetzt werden sollten. Mir wurde daher ein “Opioid-Entzug” aufgedrängt (ohne eine alternative Schmerztherapie), was dazu führte, dass meine Schmerzen unerträglich wurden. Dies wurde als “Opiat-induzierte Hyperalgesie” interpretiert. Die zunehmenden Schmerzen führten dazu, dass ich “weniger lebhaft” war als vorher, was als Entzugssymptom gedeutet wurde. Ich habe einmal nachgefragt, warum man bei Opioden von “Entzug” spricht, während bei anderen Arzneimitteln von einem “Absetzen” gesprochen wird. Das wurde als eindeutiges Zeichen einer Opioid-Abhängigkeit interpretiert – ich sei “Opioid-fixiert”.
Der Chefarzt vertrat die Aufassung, dass Opioide ohnehin bei Nerven- und Muskelschmerzen keinerlei Wirkung haben und es deswegen überhaupt keinen Sinn macht, dass ich solche Präparate einnehme. Sinnvoll sei Sport und die Gabe von Antidepressiva. Daß ich wegen meiner Erkrankung (Muskelschwäche) und eines Long QT-Syndroms unter Antidepressiva dies nicht machen könne, ignoierte er.
Ich bin heilfroh, nun in einem Schmerzzentrum adäquat eingestellt worden zu sein – mit Opioiden. Auch wenn ich nie völlige Schmerzfreiheit erreichen kann, ist die Schmerzreduktion doch so deutlich, dass ich wieder eine Lebensqualität habe.
Ich wünsche Niemanden, in einem Krankenhaus zu landen, in dem so eine Opioidphobie herrscht wie in dem Krankenhaus, in dem ich war.

#13 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich wurde am anfang durch meine frühere Hausärztin mit Opioiden schlecht eingestellt – sie verordnete mir ein Oxycodon retard präparat einmal am Tag, obwohl ich hätte zwei Gaben nehmen müssen . Das hat man in einer Schmerzklinik dann berichtigt .
Ich möchte Mut machen , Opioide zu verschreiben. Ich wollte nach zwei Jahren Einnahme einen Ausschleichversuch unternehmen und bekam einen genauen Absetzplan. Als ich bei 5mg Oxycodon war, wurde ich auf ein anderes Opioid umgestellt, das niedriger dosiert werden kann. Ich habe problemlos und ohne Absetzsymptome oder gar Suchtmerkmale ausschleichen können und nehme jetzt keine Opioide mehr.
Sie haben mir über eine schlimme Zeit hinweggeholfen. Auch ich wurde auf Grund von Schmerzen, die mich auch nicht schlafen ließen, depressiv und suizidal.
Wichtig ist , an Ärzte zu geraten, die auch über das Absetzen gut Bescheid wissen, damit Patienten nicht glauben, süchtig zu sein, weil der Entzug ihnen so große Probleme bereitet.

#12 |
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Chemiker

50 Jahre ist es her, als mein Großonkel den Schmerzen, unter denen er jahrzehntelang gelitten hatte, mit einem Strick ein Ende machte. Warum dieser herzensgute Mensch keine adäquate Schmerzbehandlung erhalten hat, wird mir immer ein Rätsel bleiben.

#11 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich verfolge die Thematik zu Opiumartigen schon seit mindestens 30-40 Jahrzehnten.
Frau R., eine allseits bekannte und immer liebesbeglückende Witwe, erhängte sich am Strick auf der Bühne(Dachboden):Das war eine schockierende Nachricht.Sie habe Krebs gehabt und die Schmerzen nicht mehr aushalten können.So wurde weitererzählt.Es gilot aber, dass stärkste Schmerzen mit Morphium zumindest bis auf ein erträgliches Maß bekämpft werden können, aber aufgrund von gravierenden phobischen Vorurteilen das Medikament allzuhäufig verweigert wird.Es sind lauter Vorurteile, und keine festgestellten Wahrheiten und Tatsachen, die zu einer solchen Verweigerung führen, so dass unnötig schrechliche Schmerzen sehr zu lange erlitten werden müssen.Da kommt gleich wieder eine Lobbie angeritten,die sagt: Schauen sie nach Amerika und was da schon wieder los ist:Der Opioidnotstand.Bis hier gut klar wird in Pro und Contra, wie zu verfahren ist, da werden viel zu viele eventuell schon wieder schrecklichste Schmerzen unnötigerweuise erlitten haben müssen.Weil Vorurteile grassieren in der Schmerztherapie.

#10 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

… und es gibt immer noch jede Menge Ärzte, die bei Menschen jenseits des 80. Lj. mit starken Schmerzen sagen, Opioide machen süchtig, Ibu muss reichen…

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Anke Werner
Anke Werner

Ich selbt bin Angestellte einer großen Klinik, wo es immer heißt, dass niemand unnötig Schmerzen erleiden muß. Man kann Schmerzen nicht in jedem Fall komplett nehmen, aber zumindest lindern.
Ich selbst bin leider nach einem unverschuldetem VKU inzwischen auch Betroffen, was starke Schmerzen, und inzwischen eine chronische Schmerzstörung betrifft Somit kenne ich beide Seiten.
Stationär kenne ich es sowaohl als Personal, wie auch als Patientin in unserem Haus, dass man schmerzlich gesehen gut versorgt wird.
Ambulant lief es dann leider anders. Ich fühlte mich nicht ernst genommen, bekam nur Druck seitens des Arztes, dass meine Arbeitskraft wieder hergestellt wird, egal, wie es mir geht. Daher wechselte ich den Arzt und das Haus zur weiteren ambulanten Behandlung. Lange Zeit bekam ich NSAR, wo sich dann irgendwann auch Nebenwirkungen äußerten, welche den Ärzten noch nicht mal bekannt waren (Die Zehnägel fingen an sich abzulösen nach langer und höchstdosierter Einnahme von Diclofenac.). Ich selbst bin weder Arzt noch Pharmazeut, kam aber durch Zufall darauf, dass dies eine Nebenweirkung sein kann von NSAR. Nach Absetzen dieser normalisierte sich der Zustand. Ich wies meine behandelnden Ärzte immer wieder auf starke Schmerzen, welche bei Belastung auch noch zunehmenhin, und das trotz Schmerzmittel. Ebenfalls wies ich darauf hin, dass Diclofenac eigentlich nur zur Kurzzeitbehandlung gedacht ist. Denn Spätschäden wollte ich keine. Und was die Schmerzen angeht, war dies ja auch nicht ausreichend. Eine stationäre Reha verschlimmerte die Schmerzen durch die Belastung. Die Ärzte dort dokumentierten dahingehened nichts, so sah auch der Eä- Brief aus, obwohl ich dies immer wieder schilderte.
Nach meiner Entlassung bat ich meinen behandelnden Arzt dann um eine ÜW zur Schmerzbehandlung, welche ich auch problemlos bekam. Aber bis dahin war es ein langer und schmerzvoller Kampf, der leider nicht bei allen auf Interesse stieß, am wenigsten (gar nicht) in der stationären Reha.
Inzwischen ist etwas über ein Jahr mit Schmerzen vergangen, bis ich in Schmerzbehandlung kam, und dies auch nur, auf mein Verlangen hin.

Kurz: Aus meiner Sicht ist das Problem Schmerzpatient oft ein gemachtes Problem. Der Patiemnt wird kaum ernst genommen und zum Teil belächelt. Ich bin und war nie suizidal. Dazu hänge ich viel zu sehr am leben. Aber auch ich habe manchmal gedacht (nur gedacht), warum muß ich das erleiden? Warum nimmt mich niemand wirklich ernst? Warum muß ich das ertragen, nur weil jemand Anderes ein paar Sekunden unaufmerksam war? Warum hilft mir niemand?
Eine Teilhabe am Leben ist so nicht möglich.
Was ich damit sagen möchte ist, dass ich diese These der Suizidalität auf Grund starker unzureichender Schmerzen absolut nachvollziehen kann. Denn dauerhafte starke Schmerzen, welche unzureichend versorgt werden, zermürben, und verändern den Menschen. Soweit muß es nicht kommen, wenn der Patient frühzeitg einem Schmerzarzt zugeführt wird, und dies ohne dass sich dieser das verlangen muß.
Ich hatte noch Glück, da ich weiß, was geht, und was nicht, und ich im Verhältnis zu vielen anderen Patienten, durch meine Eigeninitiative in Schmerzgehandlung kam. Denn noch ist auch diese Dauer zu lang gewesen. Dies muß frühzeitig geschehen, und nicht erst, wenn den Patienten Gedanken plagen, warum er das ertragen muß.
Ärzte sollten dahingehend dringend umfassend geschult werden, um die Patienten dahingehend wirklich ernst zu nehmen, und sie frühzeitg einer Schmerztherapie zuzuführen. Das geschieht in Deutschland in der Regel viel zu spät.

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Annika Diederichs
Annika Diederichs

Nach meiner Erfahrung ist das Problem eine unzureichende Kenntnis über modernes Schmerzmanagement in der Ärzteschaft. Mit Anästhesisten habe ich dahingehend bislang glücklicherweise gute Erfahrungen gemacht, aber Chirurgen, Orthopäden und sonstige Fachärzte haben vor allem duch mangelhaftes bis nicht vorhandenes Fachwissen und überwiegend unsinnige Überzeugungen geglänzt. Die Grundagen des moderen Schmerzmanagements haben sich in den letzten 20 jahren kaum geändert, so daß man davon ausgehen können müßte, das jeder Arzt sich damit gut auskennt. Ich wüßte gerne, warum in diesem Bereich so große Wissenslücken und so viele falsche Überzeugungen bestehen.

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Dr. med. Konrad Goecke
Dr. med. Konrad Goecke

Es ist unfassbar und entsetzlich, dass so viele Menschen so starke Schmerzen leiden, dass sie keinen anderen Ausweg als den Tod finden. Dieser Zustand ist menschenverachtend. Es gibt keinen(!) Schmerz, der nicht durch Behandlung genommen werden kann. Opiate zählen hierzu und bis vor ca. 100 Jahren war z. B. Heroin ein frei erhältliches Mittel, das praktisch in jeder Hausapotheke zu finden war und nicht nur da. Doch Opiate zählen zu den Drogen.
Und Menschen in ihrer göttlicher Weisheit und Gesinnung haben vor etwa 100 Jahren gemeint, man müsse die Menschen vor den negativen Folgen von Drogen schützen und bewahren. Drogen seien so gefährlich, dass nur aller härteste Maßnahmen die Menschheit schützen können. Man führte die Drogen-Prohibition ein, in der festen Überzeugung, Drogenabhängigkeit nicht nur richtig bekämpfen zu können, sondern sie sogar für immer auslöschen zu können wie Tuberkulose oder Polio.
Doch mit der Drogenprohibition hat man nicht nur gar nichts der so edlen Dinge erreicht, wie keine Drogenabhängigkeit mehr, sondern ein noch viel größeres Übel in die Welt gesetzt.
Durch die Drogenprohibition sind Drogen in den Schwarzmarkt getrieben worden. Durch die konsequente Härte der Prohibition (bis zur Todesstrafe!) sind die Preise so hoch und die Gewinne so lukrativ geworden, dass mächtige kriminelle Organisationen entstehen konnten. Diese wiederum werden mit extrem hohen materiellen und finanziellen Ressourcen bekämpft. Man produzierte viele Gewinner der Drogenprohibition: Drogenmafia, Taliban u.v.a.m auf der einen Seite und Drogenbekämpfer wie Polizei, Zoll, Militär u.v.a.m. auf der anderen Seite. Dem stehen die extrem hohen Opfer der Prohibition gegenüber: Jedermann denkt zuerst an Drogenkartellopfer allem in Mexiko, vergessen wird aber z.B. der Bürgerkrieg in Afghanistan, wo der Taliban seine Kämpfer vor allem mit Geld aus dem Drogenhandeln bezahlt. Opfer sind natürlich auch alle Menschen, deren Schmerzen man mit Opiaten hätte bekämpfen können, und erst Recht die, die sich vor Schmerz in den Tod stürzten.
Opfer sind weniger die Drogenabhängigen! Diese hat es immer gegeben und die wird es immer geben (aber hoffentlich weniger, wenn wir die Ursachen der Abhängigkeit besser verstehen).
Es gibt leider keine wissenschaftliche Studien, die eine von pseudoethischen Erwägungen freie und nüchterne Bilanzaufnahme der Drogenprohibition vorgenommen hat.
Würde die Prohibition aufgehoben (die ersten Schritte werden in Kanada und Südamerika getan), würde der Drogenpreis und damit die Drogenkriminalität in sich zusammenbrechen.
Hätte man das gesamte Geld, was in den hundert Jahren in die Drogenbekämpfung weltweit vergeudet worden ist (was hat’s gebracht?!), dessen Höhe (meiner bescheidene Einschätzungbnach) bei mindestens 10 Billionen(!)-Dollar liegen dürfte, in die wissenschaftliche Erforschen von Suchtentstehung, Suchtbekämpfung etc. und Schmerzbekämpfung etc. gesteckt, würden wir heute in einer anderen Welt leben.

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Dr. med. dent. Günter Vogel
Dr. med. dent. Günter Vogel

Habe die Erfahrung gemacht, dass viele ärztliche Kollegen die Medikation von Opiaten wegen möglicher rechtlicher Unsicherheiten meiden. Ab einem Alter von 80 aufwärts sollte die Verschreibung großzügiger gehandhabt werden, wenn die Lebensqualität unter der Polymorbidität stark leidet. Dies muss auch in den Rechtsinstanzen Berücksichtigung finden.

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Dr. Marc Heydenreich
Dr. Marc Heydenreich

….”weit verbreitete Opioidphobie“ : Als ich vor vielen Jahren in der Klinik einem terminal Tumorkranken Morphin s.c. verordnete, fragte mich eine Kollegin, ob ich nicht wüßte, das Opioide süchtig machen…

#4 |
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Weitere medizinische Berufe

Der Artikel beschreibt haargenau das Leben mit Schmerzen.´und die Unfähigkeiten diese zu lindern.
Meine Frau hatte über 2 Jahre unerträgliche Schmerzen nach Bandscheiben OP,
nochmals OP wieder Schmerzen, ein Stützteil das verrutscht war wurde herausoperiert “ERSARTZLOS” und die Lücke wurde freigelassen>Folge wieder >Schmerzen ohne Ende
Plötzlich der Zugfall: Eine Bekannte hatte auch lange Schmerzen und wurde in der Bodensee Ortopädie in Überlingen mit Akkupunktur behandel >weg!!!
Auf diese Empfehlung sind wir auch dort hingegangen Untersuchung, OP Riskant durch den Bauch Empfhelung zuerst Schmerzen weg durch Akkupunktur, das wohl all dortigen 4 Ortopäden beherschenNach 10 Akupunktursitzungen sind die Schmerzen weg!!!!

#3 |
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Ergotherapeutin

Spannend!
Mir gehen allerdings zwei Gedanken durch den Kopf: 1. zum Einen die Studie zu Suizid und chron. SZ als Ursache, stellt sich mir die Frage, ob die klare Zuweisung von Huhn und Ei wie sie offenbar vorgenommen wurde so zulässig ist (für mich ist unklar was Huhn oder Ei st, da es sich bei chronischen Schmerzen immer um zentrale Mechanismen handelt)
2. Laut unseren Schmerz- (Hannu Luomajoki) und Pharmadozenten wird zuwenig unterschieden, bei welchem Schmerzmechanismus welche Schmerzmedikamente tatsächlich am Besten sind.
(Ok, zugegebenermaßen bin ich medizinischer Laie bezüglich Pharmakologie, und weiß nicht, wieviel man bei solchen Überlegungen mit dem gesunden Menschenverstand argumentieren darf)

#2 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich litt auch ein Jahr unter chronischen Schmerzen im Unterleib. Verschiedene Ärzte fanden keine Lösung und ich stand da… allein! Gott sei Dank nahm ich nie ein einziges Mal Schmerzmittel, da ich mir vorstellen kann, schnell abhängig zu werden mit all den Nebenwirkungen… Und Gott sei Dank fand ich dann auf Youtube den NDR Beitrag zum “Beckenvenensyndrom” und genau das war es auch: Eine ausgesackte Krampfader (Ovarialvene) mit einem echt schmerzhaften Blutstau im Venengeflecht des Beckens nach drei Schwangerschaften. Der Chefarzt der Gynäkologie im Krankenhaus Damme ist einer der wenigen Ärzte, der sich damit auskennt und mir geholfen hat, indem er einfach die Ader laparoskopisch entfernte. Ich bin heute schmerzfrei! Es gibt unzählige Menschen da draußen, die sich in Psychosomatik und Psychiatrie wiederfinden, denen aber bestimmt geholfen werden könnte! Ich bin sehr froh, dass ich nicht einen Tag an meinem Verstand gezweifelt habe und auf der Suche nach der Ursache war. Ein Glück gibt es Ärzte, die die Ohren und Augen in alle Richtungen offen haben. Chapeau!

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