Haut-Probiotika: Schmieren für die Flora

24. November 2009
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Wer sich und seinem Darm Gutes antun will, greift heute gerne zu „Biologischem“, etwa probiotischen Lebensmitteln. Präbiotika und Probiotika werden aber zunehmend auch für die lokale Behandlung von Hauterkrankungen interessant - und damit für die Hersteller von Kosmetika.

In der Dermatologie wurden orale Probiotika bislang überwiegend zur Prophylaxe und Therapie atopischer Erkrankungen von Neugeborenen und Kleinkindern angewendet. Nach bisher durchgeführten Studien bringen sie zumindest bei der atopischen Dermatitis aber nichts oder nur wenig. „Nach dem aktuellen Wissensstand ist ihr Einsatz in der Behandlung einer bereits manifesten allergischen Erkrankung (atopische Dermatitis, Nahrungsmittelallergie, allergische Rhinitis oder Asthma bronchiale) nicht indiziert“, so der Freiburger Pädiater Professor Matthias Kopp. Auch für die Prävention allergischer Erkrankungen könnten sie derzeit nicht empfohlen werden.

So wirken Probiotika auf der Haut

Da Probiotika ihre Wirkung „vor Ort“ entfalten, war es naheliegend, ihre topische Anwendung zu prüfen. Der Wirkmechanismus der Probiotika besteht nach bisherigen Kenntnissen darin, dass sie in Epithelzellen wie Keratinozyten die Produktion antimikrobieller Peptide induzieren. Diese Peptide können weder Probiotika noch nicht-pathogene Mikroben eliminieren. Eine Neubesiedelung mit pathogenen und entzündungsfördernden Bakterien kann dagegen erfolgreich verhindert werden. Ein weiterer Wirkmechanismus ist die Förderung der Immuntoleranz: Bestandteile von Probiotika und Mikroflora binden an Erkennungsrezeptoren der natürlichen Immunität – etwa auf dendritischen Zellen. Diese Zellen können dann regulatorische T-Zellen induzieren, die in der Haut entzündungshemmend wirken.

Präbiotische Kosmetika bereits auf dem Markt

Und so ist in den letzten fünf Jahren die Zahl der Arbeiten über probiotische/präbiotische Kosmetik-Produkte deutlich gestiegen, wie Dr. Rainer Simmering und Dr. Roland Breves vom Unternehmen Henkel berichten. Nur ein paar Beispiele seien genannt: So wurde ein Kosmetikum unter Zusatz von Pflanzenextrakten mit präbiotischer Wirksamkeit gegen unreine Haut entwickelt. Ziel war, durch Hemmung eines übermäßigem Wachstums von P. Acnes bei gleichzeitiger Stimulierung von Staphylococcus epidermidis eine Verbesserung zu erreichen. Dazu wurde die Wirkung verschiedener Pflanzenextrakte untersucht. Eine Mischung von Extrakten aus Pinienrinde und Schwarzer Johannisbeere stellte sich als am besten geignet heraus. Geprüft wurde das Konzept allerdings bei nur 11 Frauen: Nach täglich zwei Anwendungen von kosmetischen Formulierungen mit 0,5% Pinie/ Schwarzer Johannisbeere und Ginseng für 3 Wochen wurde der Anteil von P. acnes an der Gesamtflora deutlich reduziert. Eine weitere Studie mit 30 Probanden ergab einen positiven Einfluss auf den Sebumgehalt sowie die klinische Erscheinung der Gesichtshaut. Eine präbiotische Hautpflegeserie, basierend auf den oben genannten Ergebnissen, ist seit 2005 erhältlich. Und erst vor wenigen Tagen hat das Düsseldorfer Unternehmen Henkel seine Produkt-Palette um zwei laut Eigenaussage „Hochleistungs-Produkte“ zur Hautpflege erweitert, die ausser Orchideen-Extrakt und Hyaluron prebiotische Wirkstoffe (etwa Ginseng) enthalten, die Hautunreinheiten „sanft entgegenwirken“. Die geringen Fallzahlen der zitierten Studien lassen jedoch aus wissenschaftlicher Sicht einige Fragen offen.

Betelnuss macht Abwehr stark

Untersucht wurde nicht nur der Nutzen von zuvor schon für Lebensmittel als probiotisch erkannten Bakterien wie etwa Propionibakterien oder auch inaktiviertem Laktobacillus acidophilus. Auch andere Mikroorganismen rücken in den Fokus. Ein Beispiel ist die Anwendung von Vitreoscilla filiformis. Dieser Keim, traditionell zur Behandlung von Hautkrankheiten genutzt, wird fermentiert und in 5%iger Konzentration topisch appliziert. Ergebnis einer Studie: Die Symptome von Probanden mit milder bis moderater atopischer Dermatitis besserten sich innerhalb von 4 Wochen deutlich. Dieselbe Präparation 5%ig in einer Haarlotion war – ebenfalls in vivo – auch wirksam gegen moderaten Kopfschuppenbefall: Innerhalb von 4 Wochen wurde eine deutliche Abnahme der Symptome beobachtet. Weitere Untersuchungen ergaben, dass verschiedene Pflanzenextrakte, wie z. B. Arnika, Betelnuss oder Schwarzer Holunder für eine Stimulation des hauteigenen Immunsystems offenbar besonders gut geeignet sind. Wer allerdings nun besorgt ist, sich mit der neuesten Anti-Aging-Creme lebende Bakterien auf die faltige Haut zu schmieren, sei beruhigt: Anders als bei probiotischen Lebensmitteln werden bei probiotischen Kosmetika bislang keine lebenden Organismen verwendet. Denn Kosmetika werden in der Regel weder im Handel noch zu Hause gekühlt aufbewahrt. Ausserdem gibt es eine definierte Obergrenze für vermehrungsfähige Keime in Kosmetika (1000 koloniebildenden Einheiten je Gramm Produkt).

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