Impfung: Apotheker sticht Arzt aus

24. November 2009
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Die Schweinegrippe ist da, die Ärzte scheinen überfordert. Patienten irren umher auf der Suche nach Impfstoff. In der Schweiz gibt es Grippe-Impfungen ohne Termin in der Apotheke. Und auch in Skandinavien setzen die Behörden bei der Schweinegrippe zunehmend auf die pharmazeutische Fachkompetenz.

Seit sich die Schweinegrippe in Deutschland ausbreitet und die Bild-Zeitung nach einer vorher eher kontraproduktiven Berichterstattung Schweingrippe-Opfer plötzlich auf die Titelseite hebt, beginnt sich die Impfstimmung in Deutschland zu drehen. Die Nachfrage nach der Impfung steigt. Argumenten für den Stich wird vermehrt Raum in der Presse gegeben. Alles gut also?

Ankommen, impfen, heimfahren

Nicht so ganz, denn die Ärzteschaft kommt nicht so richtig aus den Puschen. Wo geht es bitte zur Impfung?, fragt beispielsweise der FOCUS, und trifft damit den Nerv: In vielen Teilen Deutschlands müssen Bürger, die sich impfen lassen wollen, regelrecht nach Impfstoff suchen. Noch immer gibt es viele Ärzte, die die Impfung pauschal ablehnen. Selbst Angehörige von Risikogruppen haben zumindest in einigen Gegenden ernsthaft Schwierigkeiten, rasch und unbürokratisch eine Impfung zu bekommen. „Wir entscheiden Mitte November, wann genau wir Impftermine anbieten“, ist ein Standardsatz, den beispielsweise in Berlin derzeit viele Patienten zu hören bekommen, die bei einem stadtbekannten MVZ eine Impfung gegen die Schweinegrippe haben wollen.

Wie so oft, wenn die deutsche Bürokratie nervt, hilft ein Blick in die Schweiz. „Spontan und unkompliziert“, so wirbt beispielsweise der Baselstädtische Apotheker-Verband für die Grippe-Impfung in der Apotheke. Grippe-Impfung in der Apotheke? Ok, auch in der Schweiz impfen die Apotheker (noch) nicht wirklich selbst. Es gibt aber an vielen Orten Kooperationsverträge zwischen Ärzten und Apothekern, bei denen Ärzte sich einen Tag lang in die Apotheke stellen und jeden, der vorbeikommt und sich impfen lassen möchte, unbürokratisch und ohne vorherige Terminvereinbarung impfen. Angesprochen sollen, wen wundert es, vor allem jene Menschen, denen der Gang zum Arzt zu aufwändig ist.

Natürlich ist die Sache dann nicht umsonst. Aber umgerechnet 17 Euro sind sicherlich für nicht wenige Kunden ein durchaus attraktiver Preis für eine Impfung, die in wenigen Minuten und ganz spontan erledigt werden kann. Das zeigt sich auch in der Inanspruchnahme. Schweizer Apotheker, nicht nur in Basel übrigens, bieten diesen Service zum Teil seit Jahren an. Und beim Baselstädtischen Apothekerverband berichtet man nicht ohne Stolz, dass auch deutsche „Medizintouristen“ das Angebot in den grenznahen Apotheken nutzen. Die Botschaft aus der Schweiz lautet also: Lasst die Apotheker ran!

Norwegen setzt bei Grippe-Therapie auf Outsourcing an die Apotheker

Diesen Ruf hat auch das norwegische Gesundheitsministerium gehört. Dort wurden jetzt die Rechte der Apothekerschaft bei der Abgabe von Anti-Grippe-Präparaten per Dekret deutlich ausgeweitet. Wie der Arzneimittelgroßhändler Celesio meldet, dürfen Apotheker in dem skandinavischen Land seit dem 5. November die beiden Neuraminidase-Hemmstoffe Tamiflu und Relenza auch ohne ärztliches Rezept abgeben. Den Anfang macht die Apothekenkette Vitusapotek, ein Unternehmen der Celesio-Tochter Norsk Medisinaldepot (NMD), die 167 von 646 norwegischen Apotheken betreibt. „Sämtliche Apotheker sind im Bereitschaftsdienst, alle anderen Termine abgesagt“, sagt Kjell Paulsrud, Geschäftsführer von NMD. „Wir haben uns seit April dieses Jahres auf diese Situation vorbereitet und sind folglich in der Lage, umgehend und zielgerichtet damit umzugehen.“ Ausgeteilt werden via Apotheke auch Schutzmasken und dazugehörige Informationsbroschüren. Norwegens Gesundheitsministerin Anne-Grete Strøm-Erichsen hat laut Celesio betont, dass die Apotheker durch die rasche und unbürokratische Abgabe der Medikamente dazu beitrügen, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen und das Gesundheitssystem zu entlasten.

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Allgemein

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7 Kommentare:

Edinson Vilca-Landauro
Edinson Vilca-Landauro

nur zur Info

#7 |
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Woher kommen bloss die ganzen H1N1 Prognosen???
Nach meiner Information werden so gut wie keine Tests eingeschickt, da diese vom Patienten (70 Euro) selbst bezahlt werden müssen. Falls tatsächlich H1N1 festgestellt wird kostet es dann “nur” 40 Euro.
Dies wurde mir kürzlich von einer an Influenza (welche auch immer) erkrankten Person mitgeteilt. Fakt ist auch, dass bei allen meinen Bekannten, welche mit grippeähnlichen Symptomen beim Arzt vorstellig wurden, kein Test gemacht wurde!

#6 |
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Tina  Wagner
Tina Wagner

Die Beiträge von Sven Janßen und Steffen Fromman bestätigen es.
Die Patienten haben trotz der unerträglichen Omnipräsenz der Schw… (ich kann das Wort nicht mehr hören!) zum Großteil keine Ahnung, wie sie eine Influenza von einer Erkältung unterscheiden könnten, viele haben immer noch nicht kapiert, dass es überhaupt einen Unterschied gibt. Die rezeptfreie Abgabe von Neuraminidasehemmern in der Apotheke würde die wirklich Erkrankten in Kürze ihrer letzten Therapieoption berauben.
Gestern auf der Arbeit:
Junge Frau: “Kann ich bei Ihnen ein Grippemedikament kaufen? Mein Mitbewohner hat Verdacht (!) auf Schweinegrippe! Was mach´ich denn jetzt? Muß ich jetzt sterben?” Hat sie echt gefragt!
PTA: “Halten Sie sich von dem Typen fern, waschen Sie sich häufig die Pfoten, und wenn Sie Fieber kriegen, geh´n Sie ins Bett”. Das hat sie verstanden.Man muss es auf Deutsch sagen.

#5 |
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langsam frage ich mich, ob diese ganze Panikmache im Zusammenhang mit h1n1 nicht ein Testlauf für eine vllt. schwerere Form einer Pandemie ist. So zu sagen ein groß angelegter Feldversuch, um die Schwachstellen der Verteilung in den Griff zu kriegen. Man lese nur im obigen Artikel, daß man sich in Norwegen seit April!! auf diese Situation vorbereitet hat. Man denke an die Herabsetzung der Pandemiekriterien bei der WHO.

#4 |
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Steffen Frommann
Steffen Frommann

@ Karl Steiner:Antwort auf Ihre Frage?

Das saisonale Grippe-Virus H1N1 verfügt schon über eine Resistenz gegen den Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir. Bei dem zur Zeit in aller Munde kursierenden Virus der Neunen Influenza H1N1 tritt diese Resistenz noch nicht auf. (Bisher nur vereinzelt, aber nicht in Deutschland). Jedoch aber bei immunsupprimierten Personen die eine Prophylaxe mit Oseltamivir durchführen, dort werden anstelle der 2X tägl. 75 mg Oseltamivir (Tamiflu) nur einmal tägl. 75 mg verordnet, und bei vorliegender Infektion bei Beginn der Prophylaxe ist die Plasmakonzentration des Hemmstoffes zu gering, deshalb kann bei schon begonnener Virusreplikation das Virus leicht eine Resistenz ausbilden.
Resistenzen bei Viren bilden sich aus durch den Einsatz von Medikamenten, da sie einen Überlebensvorteil gegenüber Wildtypen haben.
Im Falle des Oseltamivir ist es so, es bindet mit der Carboxylgruppe an die Argininstrukturen des Enzyms (Neuraminidase). Kommt es jetzt zu einer Mutation am Neuramidase-Gen, und eine Aminosäure wird ausgetauscht gegen eine andere, kann der urprüngliche Stoff nicht mehr binden und das Virus wird resistent. Dies geschieht natürlich zufällig, aufgrund der fehlerhaften Areit der RNA-Polymerase, des Influenza-Virus, jedoch werden durch den vermehrten fahrlässige Einsatz solcher antiviraler Stoffe solche Rsistenzen etabliert.

#3 |
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Apotheker Karl Steiner
Apotheker Karl Steiner

Ich pflichte dem Vorredner Sven Janßen bei der Beurteilung des möglichen Kunden/Patienteverhaltens voll und ganz zu. Was aber einen möglichen Verlust an Wirkung von Tamiflu oder Relenza betrifft, so ist mir noch nichts begegnet, das glaubhaft eine solche mögliche “Gewöhnung” belegt. Kann mich jemand seriös aufklären?

Karl Steiner, Apotheker

#2 |
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Apotheker

Die Abgabe von Tamiflu ohne ärztliche Konsultation hielte ich zumindest in Deutschland für einen großen Fehler. Die meisten Menschen unterscheiden immer noch nicht zwischen Grippe und banaler Erkältung. Ich höre jedes Jahr wieder die selben Klagen, dass die Grippeschutzimpfung nichts tauge, da der Kunde wenige Wochen danach so heftig erkältet war. Die, die es sich leisten können, würden Tamiflu bei jeder Erkältung kaufen und kaum ein Apotheker könnte nein sagen in der Gewissheit, dass die nächste Apotheke fünf Minuten entfernt ist. Um Tamiflu möglichst lange wirksam zu lassen, bedarf es des gezielten Einsatz durch den Arzt.

Sven Janßen, Apotheker

#1 |
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