Internetsucht: Neues vom WiXXer

21. November 2012
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Wenn von Internetsucht die Rede ist, dann meistens in Zusammenhang mit exzessivem Spielen. Ein anderer Bereich wird dagegen meist weniger thematisiert: die Pornografie. Schon Jugendliche greifen auf einschlägige Sites zu.

Die Medienabhängigkeit, speziell die Computer- und Internetsucht, wurde lange Zeit nicht so recht ernst genommen. Mittlerweile mehren sich aber Studiendaten, die die Problematik untermauern. Valide Daten zur Prävalenz der Internetsucht in Deutschland gibt es etwa aus der Pinta-Studie. Darin gehen die Studienautoren davon aus, dass hierzulande in der Altersgruppe der 14- bis 64-Jährigen 1,5 Prozent “internetabhängig” sind. Bei den 14- bis 24-Jährigen beträgt die Prävalenz 3,8 Prozent, bei den 14- bis 16-Jährigen 6,3 Prozent. Nicht ganz unerwartet sind es also vor allem Jugendliche, die PC und Internet pathologisch nutzen. Doch was bedeutet das Prädikat “internetabhängig” oder “internetsüchtig” eigentlich konkret?

Verlierer im realen Leben

“Nennen wir ihn Thomas“, sagt Professor Dr. Christoph Möller, Chefarzt des Kinder- und Jugendkrankenhauses Auf der Bult in Hannover. Thomas ist 16 Jahre alt und führt seit zwei Jahren ein Leben, das hauptsächlich in einer virtuellen Welt stattfindet. Stunden, manchmal sogar tagelang verliert er sich in einem Online-Rollenspiel, in dem er mächtig ist, Anhänger hat, Erfolge feiert. Aus der realen Welt, in der ihm die Verliererrolle anhaftet, in der er Probleme mit Eltern und Lehrern hat und von Mitschülern bestenfalls gehänselt wird, klinkt er sich aus. Ein Extrembeispiel? “Unter den jungen Patienten, die zu uns kommen, nicht“, sagt Möller.

Typisches Beispiel

Bei Thomas erfüllt die Internetnutzung alle Kriterien einer stoffgebundenen Suchterkrankung, als da wären:
  • die Verhaltensverengung: “Thomas’ Aktivitäten sind nahezu ausschließlich auf das Spielen am Computer beschränkt“, erläutert Möller.
  • die Regulation negativer Gefühlszustände: “Er kompensiert beim Spielen Negativerlebnisse aus der realen Welt.“
  • die Toleranzentwicklung: “Aus anfänglich zwei oder drei Stunden täglichen Spielens ist eine das ganze Leben bestimmende Freizeitaktivität geworden.“
  • die Entzugserscheinungen: “Thomas reagiert mit vegetativen Symptomen und Übergriffen auf Personen und Gegenstände, wenn man ihm den Online-Zugang kappt.“
  • der Kontrollverlust: “Thomas kann sich nicht an Abmachungen halten, die Online-Zeit zu begrenzen.“
  • der anhaltende Konsum trotz schädlicher Folgen: “Thomas macht weiter, obwohl seine schulischen Leistungen katastrophal sind und er im realen Leben keine Freunde mehr hat.“

Mit Alkoholmissbrauch vergleichbar

Parallelen zu stoffgebundenen Süchten finden sich auch auf physiologischer Ebene. “Hirnscans haben gezeigt, dass etwa Egoshooter-Spiele zu einer Dopaminausschüttung führen, die der bei einem Kokain-Rausch vergleichbar ist“, sagt Möller. Darüber hinaus wird der Suchtdruck bei Computerspielen offenbar auf ähnliche Weise getriggert, wie beim Alkoholmissbrauch. “Setzt man chronische Spieler Computerspiel-assoziierten Reizen aus, lassen sich Aktivierungen im Gehirn aufzeichnen, die denen eines Alkoholikers beim Anblick eines Bieres entsprechen“, sagt Möller. Bei Computerspielen kommt noch das hinzu, was Fachleute eine intermittierende Verstärkung nennen: “Die Spieler kriegen eine Belohnung, wissen aber nicht wann.” Das hält sie bei der Stange und fördert die Sucht. Auch wenn es derzeit noch keinen Konsens gibt, wann eine Computer- oder Internetsucht vorliegt, so zeigt dieses Beispiel doch, in welchen Dimensionen man denken muss. Und süchtig machen nicht nur Spiele.

Die Macht der Bilder – Internetsexsucht

Eine andere Spielart der pathologischen Internetnutzung ist die Online- oder Internetsexsucht. Nach Ansicht der Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Tabea Freitag, Haste, lässt sich das Phänomen mittlerweile nicht mehr ignorieren. Sie verweist darauf, dass sich 2008 laut einer Onlinebefragung mehr als 60 Prozent aller Männer und etwa 10 Prozent aller Frauen in Deutschland täglich oder wöchentlich pornografische Inhalte im Internet anschauten. Und auch beim Pornografiekonsum Jugendlicher spielen neue Medien nach verschiedenen Erhebungen eine relevante Rolle.

Kostenloser Kick

So gaben bereits in der JIM-Studie zwölf Prozent der Jungen und sechs Prozent der Mädchen zwischen 12 und 19 Jahren an, mindestens einmal wöchentlich Pornosites im Internet aufzurufen, in der Dr. Sommer Studie von 2009 surften 38 Prozent der befragten 11- bis 17-Jährigen aktiv Porno-Sites an. Aber muss man deswegen gleich das Schreckgespenst der Sucht an die Wand malen? Freitag führt ins Feld, dass sexuelle Reize einen besonders starken Dopamin-Kick auslösen und Erotika mit das höchste Suchtpotenzial aller Internetangebote aufweisen. Darüber hinaus seien entsprechende Inhalte über das Internet jederzeit, meist kostenlos und ohne soziale Kontrolle verfügbar. Welche Folgen ein häufiger und regelmäßiger Konsum von Pornografie bei Jugendlichen haben kann, geht unter anderem aus der Porno im Web 2.0 Studie hervor.

Normales sexuelles Verhalten?

Demnach besteht die Gefahr, dass Jugendliche die dargestellten Szenen als normales sexuelles Verhalten wahrnehmen und sich Rollenverständnis und Wertewelt negativ entwickeln. Jungen geraten dadurch unter sexuellen Leistungsdruck, bei Mädchen entwickelt sich ein perfektionistischer Anspruch an das Körperbild. Freitag zufolge verstärkt häufiger Pornokonsum zudem die Neigung zur Gewaltpornografie und zu sexuellen Übergriffen. Und die Bilder lassen die Betrachter nicht mehr los. Sie generieren Wünsche und Handlungsimpulse, sodass jede Begegnung mit dem anderen Geschlecht sexualisiert und Sexualität immer mehr von der emotionalen Beziehung getrennt wird, so Freitag.

Henne oder Ei?

Welche Rolle spielen nun Computer und Internet in diesem Kontext? Möller sieht in ihnen vor allem ein Mittel, um unangenehme Gefühlszustände auszublenden oder durch angenehme zu ersetzen. „In der Regel liegt bei den Betroffenen eine Grundproblematik vor, gegen die Computer und Internet im Sinne einer Selbstmedikation eingesetzt werden.“ Für die Internetsexsucht geht Freitag jedoch noch einen Schritt weiter. Sie sieht bei Jugendlichen auch eine Entdeckergruppe, die über den Medienkonsum erst an pornografische Inhalte mit ihren stark belohnenden Reizen herangeführt wird.

Gedanken machen

Wie auch immer man den Stellenwert von Computer und Internet sieht, die Gesellschaft wird sich Gedanken machen müssen, wie sie mit dem Schadenspotenzial durch entsprechende Inhalte umgeht. Eine Stellungnahme von Professor Dr. Klaus Beier vom Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin in Berlin findet sich auf FAZ.net. Dort kommentierte er die Verfügbarkeit pornografischer Inhalte für Jugendliche mit den Worten: „Das ist ein großer unethischer Menschenversuch, und mir ist völlig rätselhaft, warum der so ungehindert ablaufen kann.“

Lesen Sie hier das Interview mit Dr. Bernd Sobottka. Der Verhaltenstherapeut behandelt an der AHG Klinik Schweriner See pro Jahr rund 50 Patienten mit der Einweisungsdiagnose pathologischer PC- und Internetgebrauch.

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Medizin

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10 Kommentare:

Medizinjournalist

Das Problem Internet fängt ja nicht erst Zuhause vor dem PC statt. Wder sich mit dem öffentlichen Nahverkehr von A nach B transportieren läßt, kann sehen, das viele Jugendliche bis hin zu jungen Erwachsenen, kaum das sie sitzen, ihr iPhone aus der Tasche ziehen und völlig versunken ihre Mails lesen, in ihren Communities stöbern oder irgendwelche Spiele spielen. So sind sie völlig verwachsen mit dem Internet und können sich so auch wesentlich einfacher Suchtverhalten aneignen. Hier sind in erster Linie die Erziehungsberechtigten als auch die Schule/Lehrer gefordert. Ebenso geschulte Suchtberater in Kliniken und öffentlichen Suchtberatungs-Stellen.

#10 |
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Rolf Hedderich
Rolf Hedderich

@Tim Weide: mein Post hatte nichts mit Ignoranz zu tun; im Gegenteil, ich wollte lediglich in Erfahrung bringen ob der Schreiber eine Antwort auf seinen letzten Satz erwartet; wenn ja hätte ich gerne mit ihm das Thema weiter erörtert. Und bei Ihnen stellt sich die Frage, was für eine Erziehung Sie genossen haben, mich ohne Grund zu beleidigen und das Forum hier für unangebrachte Beschimpfungen zu nutzen, obwohl Sie selbst noch nichts Konkretes zum Thema beigetragen haben¿und Sie wollen Arzt sein?

#9 |
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Rettungsassistent

Zunächst geht es erstmal um die Feststellung, das Internet süchtig machen kann.
Darum muss man sich kümmern, wie um jede Sucht.
Ob derjenige jetzt nach Spielen oder Pornos süchtig ist, macht da glaube ich keinen großen Unterschied, da beides eine fiktionale Welt ist.
Das zweite Problem ist die freie Verfügbarkeit von Pornografie.
Es gibt einen Grund, warum Pornos nur Erwachsenen zugänglich gemacht werden dürfen.
Weil die (hoffentlich) unterscheiden können, was gestellter und was echter Sex ist.
Iugendliche mit Ihren geringen Erfahrungen im Bereich Sexualität sollen doch bitte erstmal eigene Erfahrung sammeln, bevor geglaubt wird, das Sex so sein soll, wie es in Pornos dargestellt wird.

#8 |
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Rettungsassistent

Herr Löffelmann

Warum zitieren sie den Passus dann nicht auch so.
dann bekommt er gleich eine ganz andere Bedeutung…

#7 |
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Rettungsassistent

In meinem ersten Post bezog ich mich auf die Aussage von Frau Wiese

#6 |
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Rettungsassistent

ich kann meiner Vorschreiberin nur zustimmen.
Wenn schon der besuch von “porno”seiten “bei Mädchen entwickelt sich ein perfektionistischer Anspruch an das Körperbild” verurschen kann, was betreibt dann die Werbung erst? In jeder Werbung werden die “perfekten” Proportionen für mann und Frau vermittelt und den Jugendlichen eingeredet wie man auszisehen hat. Dieser Problematik wird überhaupt nicht nachgegangen, ich bin sicher das man auf den sogenannten Pornoseiten mehr normalgewachsene/aussehende Menschen zu sehen bekommt als in jeder Werbung die zur besten Sendezeit über die Bildschirme flimmert.
Ob man davon nun süchtig werden kann oder auch nicht ist mir ehrlich gesagt auch ziemlich egal, solange rauchen und Alkoholkonsum bagatellisiert wird und nicht in gleichem Masse gewürdigt/geahndet wird wie diese so verwerfliche Internetsuch…

#5 |
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Walter Kleewein
Walter Kleewein

Die freie Verfügbarkeit sollte eingeschränkt werden. Das ist problematisch, da die Gefahr besteht, dass die Zensur wieder verstärkt auch in anderen Bereichen, die politischer Natur sind, Einzug hält. Trotzdem sollte es klare Kriterien für Pornographie geben und ohne Altersnachweis die Onlinenutzung nicht möglich sein. Wäre ein internationales Projekt ähnlich der Finanztransaktionssteuer, um es tatsächlich umsetzen zu können.

#4 |
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@ 3, Frau Wiese, Ihre Anmerkung zum Zitat von Herrn Beier.
Zwar geht es in dem Interview um Pädophilie, Herr Beier nimmt in dem von mir zitierten Passus aber direkt Stellung zum Einfluss des Internets auf Kinder und Jugendliche: Er antwortet auf die Frage, ob das Internet das Problem der Pädophilie verschärft, u.a. folgendermaßen:
“Studien zeigen, dass Jugendliche schon sehr früh Erstkontakt mit Pornographie im Netz haben. Wenn sich die Präferenzstruktur in der frühen Jugend manifestiert, hinterlassen solche Bilder Spuren. In der klinischen Arbeit berichten uns schon Zwölf- bis Dreizehnjährige, dass in ihren Masturbationsphantasien Bilder auftauchen, die sie zuvor im Internet gesehen haben. Das ist ein großer unethischer Menschenversuch, und mir ist völlig rätselhaft, warum der so ungehindert ablaufen kann.”

#3 |
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Marion Wiese
Marion Wiese

Das Statement von Prof. Beier, der sich in dem zitierten Interview zu Pädophilie und Kindesmissbrauch geäußert hat, mit der grundsätzlich behaupteten Sexualisierung der Jugendlichen durch das Internet in Verbindung zu bringen, find ich mehr als fragwürdig!
Das ist schlechter Journalismus und Effekthascherei!
Bevor die verschiedenen Internetinhalte dafür verantwortlich gemacht werden, was Jugendliche beeinflusst, sollte man doch vielleicht eher bei der Verantwortung der Erziehungsberechtigten ansetzen?
Es ist ja nicht so, dass jede Pornoseite im Internet Kindesmissbrauch darstellt oder in irgendeiner Weise fördert!
Und nein, nur weil sich nen 15-jähriger auf nen Porno aus dem Internet einen ¿wixxt¿, wird er nicht zum Sexualstraftäter!!! (früher waren es eben die Bildchen aus der Happy-Weekend).
Was ich von jungen Chattern im Internet lese, ist, dass sie keinesfalls nach ¿abartigen¿ Sexpraktiken suchen, sondern dass sie einerseits hoch verunsichert sind, was ihre ersten Sexkontakte betrifft, aber andererseits realisieren: (O-Ton: ¿Internet-Sex is auf jeden Fall safe ¿ du kriegst kein Aids oder sonstige üblen Krankheiten!¿).
Die Krankheit unserer Gesellschaft sind nicht Pornos im Internet (oder sonst wo), sondern dass die Erziehungsberechtigten / Eltern, wohl aus eigener Unsicherheit, nicht mit ihren Kindern über Sexualität sprechen und sie völlig unvorbereitet in diese sexualisierte Welt schicken!
Also liebe Eltern, Sexualerziehung fängt nicht erst in der Pubertät an, sondern viel früher… sonst riskiert ihr, dass eure kleinen Mädchen und Jungen Opfer werden, bevor sie überhaupt ins Internet können! (mal ketzerisch: die Popen haben nicht das Internet genutzt, um ihre Opfer zu rekrutieren!).
Aber interessant, dass sich doc-check damit beschäftigt! Vielleicht wird ja sexuelle Aufklärung bald ins Kinder-Vorsorgeprogramm aufgenommen?? So als U irgendwas???
Wär doch ne Marktlücke?

#2 |
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Rolf Hedderich
Rolf Hedderich

@ jens freiburger
War das jetzt eine Frage in der Hoffnung auf eine Antwort?

#1 |
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