Screenings: Wir testen alle tot

12. Oktober 2018

Ärzte und Krankenkassen raten Patienten, Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen. Aber nicht jede Erkrankung lässt sich sinnvoll anhand von Tests erkennen – und nicht immer profitieren Patienten von Tests. Sind manche Screenings einfach nur unsinnig oder sogar gefährlich?

Von Geburt an haben gesetzlich Versicherte in Deutschland Anspruch auf etliche Vorsorgeuntersuchungen. Mit Screenings suchen Ärzte nach Krebserkrankungen, Infektionen, Stoffwechsel-, Herz-Kreislauf- oder Nierenerkrankungen. Alle Tests werden auf ihre Sinnhaftigkeit geprüft und zwar anhand folgender Kriterien:

  • Die Krankheit ist relevant, etwa durch hohe Fallzahlen, hohe Kosten oder eine hohe Krankheitslast für Betroffene.
  • Es gibt evidenzbasierte Therapien.
  • Testverfahren haben eine hohe Sensitivität und Spezifität, sind nicht invasiv, nicht zu zeitaufwändig und nicht zu teuer.
  • Interventionen aufgrund positiver Testergebnisse bedeuten einen Gewinn für Patienten.

Aber nicht jede Erkrankung lässt sich sinnvoll über Tests erkennen – und nicht immer profitieren Patienten von Tests. Wo liegen die Grenzen?

COPD: Es bleibt bei der Spirometrie

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO steht die chronisch-obstruktive Bronchitis an vierter Stelle der Todesursachen. Viele Menschen, vor allem Raucher, ignorieren frühe Zeichen. Dazu zählen regelmäßiger Husten, Auswurf oder Kurzatmigkeit. COPD ist nicht heilbar, die Progression kann aber verlangsamt werden. Umso wichtiger wäre eine frühe Diagnose.

Wie hoch die Dunkelziffer an unentdeckten Fällen ist zeigt Andrea S. Gershon von der University of Toronto. Sie ist Pneumologin und untersuchte mittels Spirometrie eine Kohorte mit 1.403 Personen. Die zufällig ausgewählten Teilnehmer waren 40 Jahre alt oder älter.

Das Ergebnis:

  • 13,7 Prozent der Teilnehmer hatten eine COPD, die bis dahin nicht bekannt war
  • 5,1 Prozent der Untersuchten waren tatsächlich keine COPD-Patienten, trotz vorheriger Diagnose und
  • bei 3,7 Prozent stimmten ältere Diagnosen mit aktuellen Ergebnissen überein.

Der Knackpunkt: Jenseits klinischer Studien lassen sich keine größeren Populationen per Spirometrie untersuchen.

Deshalb überprüfte Kate M. Johnson von der University of British Columbia, Vancouver, die Idee, typische Symptome für Screenings zu nutzen. Sie arbeitete mit einer populationsbasierten Stichprobe von 1.332 Personen ab 40 Jahren. Auch wenn die Idee gut war, gelang es der Forscherin nicht, anhand von Husten, Atemnot oder allgemeinem Engegefühl Patienten mit früher COPD zu identifizieren.

Depressionen: Keine wissenschaftliche Basis

Ähnlich hoch ist die Krankheitslast durch Depressionen. Patienten würden von einem Screening profitieren; mögliche Folgen der Erkrankung reichen vom sozialen Rückzug bis zum Suizid. Als Tools wären Fragebögen in hausärztlicher Hand denkbar. Ergeben Scores Hinweise auf Depressionen, ist fachärztliche Expertise gefragt. Das klingt einfach, aber wie sieht es mit der Evidenz aus? Das fragten sich auch Forscher des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und durchforsteten die entsprechende wissenschaftliche Literatur. Für ihren Abschlussbericht werteten sie sieben prospektive Interventionsstudien aus, ohne wirklich große Erkenntnisse zu gewinnen. „In kaum einem westlichen Land sucht man aktiv mittels Screening nach Depressionen, weil die Datenlage hierfür nicht ausreicht”, fasst IQWiG-Experte Stefan Sauerland den Stand der Forschung in einer Meldung zusammen.

B-Streptokokken: Benefit fraglich

Auch in B-Streptokokken-Screenings für Schwangere sieht das iQWiG derzeit wenig Sinn. Bei knapp 20 Prozent aller werdenden Mütter sind Vagina oder Anus besiedelt. Infizieren sich Babys während der Geburt, droht eine Sepsis oder eine Meningitis. Deshalb empfiehlt die Leitlinie der deutschen Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe einen Test am Ende der Schwangerschaft und gegebenenfalls eine Antibiotikatherapie während der Geburt.  Mehrere Krankenkassen bezahlen die Untersuchung freiwillig, ansonsten handelt es sich um eine IGeL-Leistung.

Andere Länder, die Screenings finanzieren, berufen sich auf eine alte Kohortenstudie. Dabei wurde eine Screening-Gruppe mit einer risikostratifizierten Gruppe verglichen. Zu den bekannten Risikofaktoren für B-Streptokokken gehören u.a. Fieber, drohende Frühgeburten oder Infektionen mit dem Keim in der Vorgeschichte. „Das routinemäßige Screening auf Streptokokken der Gruppe B während der Schwangerschaft verhindert mehr Fälle von Frühkrankheiten als der risikobasierte Ansatz“, heißt es im Kommentar zur Studie.

Das IQWiG wiederum kritisiert, die Studie sei nicht prospektiv angelegt worden. Vielmehr hätten Forscher Teilnehmerinnen nachträglich einer der beiden Gruppen zugeordnet. Frauen mit B-Streptokokken-Test erhielten auch mehr Vorsorgeleistungen. Deshalb wurde die einzige interessante Studie ausgeschlossen. Weitere aussagekräftige Veröffentlichungen gibt es nicht.

Mammographie-Screening mit Folgen

Screenings verfolgen uns auch zu späteren Zeiten. Laut G-BA haben Frauen ab dem Alter von 50 Jahren bis einschließlich 69 alle 24 Monate Anspruch auf Mammographien. Ältere Patientinnen ärgern sich über Altersgrenzen nach oben. Aus wissenschaftlicher Sicht sind solche Vorgaben aber sinnvoll, schreibt Victoria Tang von der University of California. Entdecken Ärzte beim Screening einen Tumor, greifen sie zum Skalpell. Und das hat für Frauen verheerende Folgen.

Ihre Kohorte umfasste 5.969 Brustkrebs-Patientinnen aus Pflegeheimen. Sie waren durchschnittlich 82 Jahre alt. 666 (11,2 Prozent) wurden per Lumpektomie, 1.642 (27,5 Prozent) per Mastektomie und 3.661 (61,3 Prozent) per Lumpektomie oder Mastektomie mit axillärer Lymphknotendissektion behandelt. Die 30-Tage-Mortalität lag bei 8 Prozent (Lumpektomie), 4 Prozent (Mastektomie) und 2 Prozent (Lumpektomie oder Mastektomie mit axillärer Lymphknotendissektion).

Als Ein-Jahres-Sterblichkeit gibt Tang 41 versus 30 versus 29 Prozent an. Wer überlebte, hatte eine funktionelle Abnahme von durchschnittlich 56 % bis 60 %. Über histologische Details macht die Erstautorin keine Aussagen. Sie vermutet trotzdem, ohne OP hätten einige Patientinnen deutlich länger gelebt.

Immer noch modern: primum non nocere

Bleibt als Fazit: Für Screenings ist der alte Spruch „primum non nocere, secundum cavere, tertium sanare“ (erstens nicht schaden, zweitens vorsichtig sein, drittens heilen) mehr als zutreffend. Ohne einen nachgewiesenen Nutzen ist jede Untersuchung per se als negativ zu betrachten, da sie weitere Tests und Eingriffe nach sich zieht. Gut gemeint ist nicht immer gut.

77 Wertungen (4.42 ø)

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16 Kommentare:

Hebamme

Ist eine gesunde Lebensweise überhaupt noch möglich in unserer Gesellschaft. Ich selber bin ein integriertes berufstätiges Mitglied, gerate aber selber zunehmend in einen Strudel von Stress mit allen Facetten. Unsere Jugend tut mir nur noch leid. Ihnen wird ein Blödsinn vermittelt, das grenzt an Verblödung. Und das wird durch wenige halbherzige dementierung auch nicht mehr rückgängig gemacht. Der schlimmste Faktor dabei ist die ständig wachsende Medienfokussierung und Technisierung. Wir müssen dringend wieder zurück zur Natur, Menschennähe, Beziehung. Es hat sich diesbezüglich ein derartiger Widerspruch etabliert, den man nur als Wahnsinn betiteln kann und der immer mehr und schneller an Fahrt gewinnt. Ich als Hebamme würde mir wünschen, dass auch Ärzte endlich aufbegehren. Wir dürfen uns nicht mehr so irre leiten lassen. Womit sind wir denn vorrangig beschäftigt, gesteuert von einer Industrie, die dabei extrem Geld scheffelt. Diese hängt am Krankheitssystem wie ein Blutsauger und da ist inzwischen jedes Mittel recht.

#16 |
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Nichtmedizinische Berufe

Also es gibt sehr wohl in der Medizin Bereiche, wo es Grund für Screening gibt:

Zuletzt gab es eine “bemerkenswerte” Studie über die Häufigkeit von ADHS in der Allgemeinpsychiatrie mit Prof. Arno Deister (Präsident der DGPPN und damit ein absolutes Schwergewicht) als Co-Autor http://news.doccheck.com/de/blog/post/8424-59-prozent-von-patienten-der-allgemeinpsychiatrie-haben-adhs/ das Erbenis dieser Studie mit in dem Fall 59% ADHS in der Allgemeinpsychiatrie ist so brachial , dass die möglichen Konsequenzen vielleicht noch gar nicht durchgedrungen sind.
Mal angenommen, diese Studie mit 59% verkapptem ADHS in der Allgemeinpsychiatrie stimmt, das bedeutet, dass seit Anbeginn der modernen Geschichte der Psychiatrie die entsprechendne Patienten nur in ihren Begleit- und Folgeerkrankungen aber nicht ursächlich in ihrem ADHS therapiert wurden. Was das für die persönlichen Schicksale aber auch für die volkswirtschaftlichen Kosten bedeutet, dürfte ebendalls in Quantität und Qualität brachial sein. Wie prognostiziert doch Russel Barkley , der weltweit renommierteste Wissenschaftler bezüglich ADHS, wonach ADHS sich irgendwann einmal als das “zentrale Thema in der Psychiatrie insgesamt herausstellen wird”.

Hier die Studie: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=deister+adhd
das Ergebnis war für viele Leute in der ADHS-Community nicht mal überraschend, von selbst betroffenen Fachleuten wird seit über 30 Jahren auf die extrem hohe Dichte an verkapptem ADHS in der Psychiatrie hingewiesen , und wenn dann mehr und mehr prominente Fälle von ADHS wie “Naddel” , Hirschhausen https://www.stern.de/gesundheit/gesund-leben/eckart-von-hirschhausen/eckart-von-hirschhausen–humor-ist–wenn-man-spaeter-kommt-3808736.html und viele bisher nicht öffentliche Fälle (einer macht gerade Schlagzeilen mit seiner Privatinsolvenz) an die Oberfläche treten, dann lässt das erahnen, dass da quantitativ noch viel mehr sein muss. 10% in Deutschland bei einem Geschlechterverhältnis von in Wahrheit 1:1 (die betroffenen PatientINNEN kommen dann zum Psychiater wegen Depression, Angststörungen, Borderline, Essstörungen usw. nach dem zugrunde liegenden ADHS , das hat der Psychiater meist nicht auf dem Schirm) https://www.refinery29.de/2017/04/151067/mein-recht-auf-adhs
https://www.youtube.com/watch?v=HJ8BBUiwjVc
und die leichtgradigen Fälle miteinbezogen bei einer Persistenz einer zumindest Restsymptomatik von quasi 100% an der Gesamtbevölkerung , das ist auch ein “Markt” , den auch seit einiger Zeit der Journalismus entdeckt hat.

#15 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

endlich das Fach ” Gesundheit u. Ernährung ” in der der Schule einführen u. mind. 2 Std Pflicht – Schulsport ohne regelmäßige Befreiungsmöglichkeit .

#14 |
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Die Bewertung eines Testergebnisses orientiert sich an der Häufigkeit sprich Prävalenz der a priori vermuteten Erkrankung im unmittelbaren Arbeitsbereich, Praxis, Krankenhaus oder in der Bevölkerung, d.h. das Ergebnis bzw .dessen Interpretation ist abhängig von einer Bezugspopulation. Da aber in den meisten Fällen entsprechende diesbezügliche Statistiken über Prävalenzen fehlen, wird eine subjektive Vorwahrscheinlichkeit des Untersuchers vor der Testung zugrunde gelegt. Das zeigt aber, dass man sich bei der Diagnostik nach wie vor auf die vielgeübte Praxis und langjährige Erfahrung des Untersuchers verlassen muss, dies gewährleistet durchaus eine gute Ergebnisqualität. Ergo: Teste können Erfahrung ergänzen, aber nicht ersetzen.

Korrektur: Im 2. Satz muss es natürlich “in den meisten Fällen” heissen, bitte um Nachsicht. Danke

#13 |
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Die Bewertung eines Testergebnisses orientiert sich an der Häufigkeit sprich Prävalenz der a priori vermuteten Erkrankung im unmittelbaren Arbeitsbereich, Praxis, Krankenhaus oder in der Bevölkerung, d.h. das Ergebnis bzw .dessen Interpretation ist abhängig von einer Bezugspopulation. Da aber in den wenigsten Fällen entsprechende diesbezügliche Statistiken über Prävalenzen fehlen, wird eine subjektive Vorwahrscheinlichkeit des Untersuchers vor der Testung zugrunde gelegt. Das zeigt aber, dass man sich bei der Diagnostik nach wie vor auf die vielgeübte Praxis und langjährige Erfahrung des Untersuchers verlassen muss, dies gewährleistet durchaus eine gute Ergebnisqualität. Ergo: Teste können Erfahrung ergänzen, aber nicht ersetzen.

#12 |
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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) behaupten, mit ihren aktuellen Verbesserungsvorschläge die präventive Gesundheitsuntersuchung (Check-up 35) in Zukunft zielgenauer einsetzen zu können als bisher.
Im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung suggeriert diese Behauptung, der Check-up 35 wäre in der Vergangenheit zu vage und ungenau eingesetzt worden: Unsere angeblich medizinisch-bürokratische Bildungselite betont damit zugleich, erst in Zukunft werde alles besser, zielgenauer und nachprüfbar versorgungsrelevant werden.
Doch die bisherigen Mängel am Check-up 35 sind und bleiben unübersehbar.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) produzierte ein Ärzte-Präventions-Desaster. Jahrzehntelang hatte sie in Sonntagsreden die Prävention der Krankheitsfolgen von Rauchen, Saufen, Risikosportarten, Fehlernährung, Bewegungsmangel und bio-psycho-sozialer Inaktivität beschworen, o h n e notwendige Leistungsziffern in den Praxen implementieren zu wollen.
Im Gegenteil: Leistungsinhalte der GESU mit dem 2-jährlichen Check-up 35 wurden um das fakultative EKG und die Nierenfunktionsbestimmung mittels Kreatinin i.S. abgespeckt. Alle bisher völlig unsystematisch erhobenen Daten der offiziellen GESU-Dokumentationen bleiben bis heute als milliardenfacher Datenfriedhof o h n e jegliche wissenschaftliche Evaluationsmöglichkeiten.
Tagtäglich praktizieren wir Haus- und Familien-Ärztinnen und -Ärzte Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention. Fakultative Lungenfunktion/EKG, Blutbild (Anämie/Fehlernährung), TSH (Schilddrüse), GPT (Leberfunktion bei Fettleber/metabolischem Syndrom; zusätzlich GGT bei Alkohol- und Drogenabusus), KREA/Clearance-Berechnung (Niere), LDL-C-CHOL bzw. HbA1c (Diabetesrisiko) sollten qualitätsgesicherte Blutdruckmessung, Anamnese-, Untersuchungs-, Beratungs- und Folgenabschätzungs-Dokumentationen ergänzen.
Doch was für einen Unfug plant unsere angeblich medizinisch erfahrene Bürokratie-Elite?
Jeder lipidologisch-kardiologisch nur halbwegs Gebildete weiß, dass die neu geforderten, umständlichen Bestimmungen von “Gesamtcholesterin, LDL- und HDL-Cholesterin sowie Triglyceriden” aus dem vorigen Jahrhundert stammen. Das LDL-Cholesterin reicht als Screening-Methode und Risikofolgen-Abschätzung völlig aus.
Was die Strategen des Gemeinsamen Bundesausschusses (B-GA) und offensichtlich auch die der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) aus lauter ärztlicher Praxis-Ferne noch gar nicht mitbekommen haben: Deutschland hat
– ein Alkoholkonsum- und Übergewichts-Problem (z.B. NASH)
– ein gender-spezifisches Anämie- und Fehlernährungs-Problem
– ein Nieren- und endokrinologisches Problem und
– ein COPD/ASTHMA-Problem
Mit diesem erweiterten Check-up 35 und den Problemfeldern KHK, hypertensive Herzkrankheit und Diabetes mellitus (mittels HbA1c) wären etwa 80% aller haus- und familienärztlichen Beratungsprobleme abgedeckt.
Und genau diese Vorsorge- und Früherkennungs-Konzepte sollen zukünftig auf einen 3-Jahres Abstand ausgedünnt werden.
Als völlig bildungsfern entpuppt sich die in die Jahre gekommene medizinische Bürokratie-Elite mit ihrer angeblich neuen Impfanamnese. Diese ist seit Jahrzehnten integraler Bestandteil der Allgemeinmedizin.
Nur zur Auffrischung des Basiswissens: Eine Fokussierung der Gesundheitsuntersuchung auf die Früherkennung von Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Nierenerkrankungen umfasst gerade n i c h t letzteres. Die Kreatinin-Bestimmung fiel vor weit über 15 jahren dem vorauseilenden KBV-Gehorsam unter der Sparpolitik von “Ullalala” Schmidt und Horst Seehofer (beide Ex Bundesgesundheitsminister) zum Opfer. Ebenso das damals noch fakultative EKG.
Eine neue “Eselei” gibt der Plan vor, Früherkennungsuntersuchungen zukünftig auch Menschen zwischen dem 18. und dem 35. Lebensjahr anzubieten: Jedoch nur ein einziges Mal in diesem Zeitraum und auch noch ohne reguläres Labor? Aus hausärztlicher Erfahrung wird diese Zielgruppe schon gar nicht mit so einer dilettantischen Ungleichbehandlung/Diskriminierung erreicht. Und Blutuntersuchungen bei diesen jüngeren Patienten seien nur bei einem noch gar nicht definierbaren entsprechenden Risikoprofil durchzuführen, so die KBV.
Was die KBV aber offensichtlich nicht weiß: Gesunde 18 bis 35 Jahre alte Patientinnen und Patienten suchen zu präventiven Zwecken i.d.R. Arztpraxen, wenn überhaupt, nur zu Schutzimpfungen auf. Wer in dieser Altersgruppe richtig krank ist, trägt dagegen eine hohe Krankheitslast und eine häufig hochspezifische Morbidität (Typ-1 Diabetes mellitus, Asthma, Tumor- und Systemkrankheiten, Behinderungen, Stoffwechselstörungen, Rheuma, Vitien, Fehl- und Falschernährung, metabolisches Syndrom, endogene und exogene Krankheitsinduktionen).
Für diese Zielgruppe ist eine einmalige Präventiv-Untersuchung völlig deplatziert; bei den gesunden jungen Menschen kommt das Gesamtkonzept gar nicht entsprechend an:
Wenn, ja wenn Kassenärztliche Bundesvereinigung und Gemeinsamer Bundesausschuss überhaupt jemals stringente Krankheitsvorsorge-, Krankheitsfrüherkennungs- und Krankheitsbewältigungs-Strategien bzw. Konzepte gehabt und nachvollziehbar umgesetzt hätten?
Währenddessen machen wir Vertragsärztinnen und Vertragsärzte im 24-Stunden-365-Tage-Versorgungs-Modus ständig unseren Job und werden dafür zukünftig nur noch alle 3 Jahre bei der Gesundheitsuntersuchung (Check-up 35) nach EBM-Nr. 01732 den “stolzen” Betrag von 32,28 Euro als Umsatz bekommen.

#11 |
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Heilpraktikerin

P.S.: und die unsäglichen Fallpauschalen und die Budgetierung müssten ohnehin verschwinden! Genauso wie die trotz gesetzlichem Beitragssatz vermeintlich aus Wettbewerbsgründen nötigen 160 gesetzlichen Krankenkassen, die einen gigantischen verwaltungstechnischen Wasserkopf haben, der schließlich an erster Stelle finanziert werden will. So lange Ärzte und Patienten auf diese Weise gegängelt werden, sehe ich keine tief greifende Besserung.

#10 |
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Mehr Krebsvorsorge und Krebsfrüherkennung wagen!
Dass es “gender”-spezifisch heißt “Krebsvorsorge – Nur jeder vierte Mann geht zur Früherkennung”, offenbart mehrere Gründe, warum nach unseren Patientinnen nicht auch unsere Patienten mehr Krebsvorsorge und Krebsfrüherkennung wagen sollten.

1. Sprachlich-semantische Ungenauigkeiten: Wer zu Krankheits-Früherkennungsuntersuchungen geht und in weit über 95 Prozent keinen pathologischen Befund aufweist, hat damit eine erfolgreiche V o r s o r g e-Untersuchung ohne weitere Risiken oder zusätzliche invasive Prozeduren gemacht.

2. Nur in einem Prozentsatz von weit unter 5 Prozent ergeben sich echte Früherkennungsuntersuchungen bei einer präformierten Morbidität, zusätzliche diagnostischen bzw. invasiv-therapeutische Prozeduren, aber auch hervorragende, kurative Heilungsaussichten im expliziten Frühstadium von Erkrankungen.

3. Derzeit etwa 50 verschiedene Krebsregister und inkompatible Datenerhebungs-Systeme in Deutschland kann man wahrlich als “Neue Unübersichtlichkeit” (Jürgen Habermas) bezeichnen.

4. Um Krebs als inzwischen zweithäufigste Todesursache vorsorglich zu detektieren, zu untersuchen, differenziert zu diagnostizieren und stadiengerecht kurativ bzw. palliativ zu behandeln, bedarf es eines bundesweit einheitlichen Krebsregisters, vergleichbar mit Großbritannien und Skandinavien. Umfassende epidemiologische Untersuchungen mit Schwerpunkt Versorgungsforschung würden zum Erkenntnisfortschritt beitragen.

5. Dafür muss das deutsche Präventionschaos beendet werden: Noch im letzten Jahrtausend wurden jahrzehntelang Krebsvorsorgedokumentationen als Muster 40a für Männer ausgefüllt, bei den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) archiviert, aber zuletzt weggeworfen. Denn sie konnten mangels intelligenter Erhebungsmethodik nie evaluiert werden. Berichtsvordrucke Muster 30 (“Check-Up-35”) als “Gesundheitsuntersuchung” sehen z. B. nicht mal die Rubrik “Krebserkrankung” vor! Von irgendeiner Erhebung/Auswertung der Risikofaktoren ganz zu schweigen.

6. Implementierungen von Adipositasberatung, Prävention von Nikotinabusus, Alkohol- und anderen Abhängigkeitserkrankungen, Fehlernährung als karzinogene Kofaktoren stehen weder auf der KV-, KBV- oder GKV-Agenda.

7. Krebsvorsorge beim Mann findet kaum Akzeptanz: Während bei Frauen ab 20, 30 und 50 Jahren differenzierter Früherkennungsumfang gynäkologischerseits jahrzehntelsng implementiert wurde, herrscht beim Mann dagegen Leitlinienchaos: Ab 45 Jahren Genital-, Prostata-Vorsorge bzw. -Früherkennungsuntersuchungen. Hautuntersuchungen ab 35. Digitale Darmuntersuchungen aber erst ab 50. Keine verbindlich evaluierte PSA-Testung.

8. Von 50 bis 55 Jahren 1 x jährlich “immunological faecal blood test (iFOBT). Männer (und auch Frauen!) ab 55 Jahren, die k e i n e Präventivkoloskopie machen lassen, sollen (zur Strafe?) nur alle 2 Jahre einen iFOBT bekommen, obwohl in diesen 10 Jahren Darmkrebsprävalenz und -inzidenz besonders ansteigen. Mit 55 die erste Präventivkoloskopie und mit 65 Jahren die zweite durchgeführt, senken Morbidität und Mortalität hochsignifikant.

9. Wenn nur bei Männern bei diesem Vorschriften-Desaster auch noch die 1. Präventiv-Koloskopie auf das 50. Lebensjahr vorverlegt werden soll, hilft das nicht weiter, wenn die Beteiligung daran weiterhin viel zu gering ist.

10. Genau dieses KBV-Wirrwarr, im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) für Männer festgeschrieben, fördert Frustration, Demotivation und Entmutigung in der Krebs-Prävention, bei Vertragsärzten wie Patienten gleichermaßen. Da helfen auch vollmundige Einladungsschreiben nicht weiter!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

#9 |
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Heilpraktikerin

Lieber Herr Licht, damit sich etwas ändert an unserem Gesundheitssystem, bräuchte es an erster Stelle Transparenz. Und den Mut, wahrhaft mündige Bürger heranzuziehen, nicht nur Leute, die alle paar Jahre mal ein Kreuzchen machen dürfen. Ein Mensch, der sich seiner selbst bewusst ist, achtet auch auf sich und sein Wohlergehen. Wir sind aber auf dem Weg zum echten “Eigensinn”, wie Sie es nennen, wenn ich es recht verstehe, beim Konsum hängengeblieben (egal, ob materiell, mental, gesundheitlich). Darüber hinaus bitte ich zu berücksichtigen, dass die Mehrzahl der Versicherten niemand gefragt hat, ob und wie sie versichert sein möchten. Wenigstens Transparenz wäre daher das Mindeste: Arzt berechnet an Patient, Patient überprüft die Rg. und reicht sie an die ges. KK weiter, die sie an den Arzt bezahlt. Das wäre ein erster Schritt in Richtung “Mündigkeit” wie ich Sie verstehe. Aber mal Hand aufs Herz: wer will schon wirklich Transparenz und Mündigkeit, so ganz ernsthaft und konsequent!

#8 |
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Klaus Samer
Klaus Samer

Hätte Herr van den Heuvel mehr Kommentare und seitenweise Diskussion gewollt hätte er PSA Screening hinzugefügt, er wird wissen warum er das nicht getan hat.

Der Sinn von screenings muß regelmäßig hinterfragt werden, vordringlich nicht wegen der Kosten sondern wegen des Risiko/Nutzen Verhältnisses für den Patienten sprich Folgeuntersuchungen, Eingriffe mit bleibenden Schäden für den Patienten.

Ich habe 1982 das Buch “Male Practice” eines amerikanischen Autors gelesen ist heute sicherlich wissenschaftlich nicht mehr aktuelll. Er kritisierte damals die Sicht einer männerdominierten Medizin auf die Frauen u.a. auch Mammographie deren Strahlenbelastung seinerzeit noch deutlich höher gewesen sein dürfte.

Letztendlich muß jeder selber entscheiden was er machen läst und was nicht. Screenings die die Sterblichkeit nicht senken halte ich für sinnfrei.

#7 |
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Medizinjournalist

Danke Michel van den Heuvel. 2-mal sehen wir den “Fortschritt der Gesellschaft” in die grauenhafte Zukunft. Der Mensch, ein selbstgesteuertes recht eigensinniges Wesen mit einem dramatischen Hang zur Selbstverwirklichung oberhalb aller anderen Menschen, wird seit einem halben Jahrhundert erfolgreich von der Wirtschaft zum sich selbst herabwürdigenden Konsumenten von allem und jedem umkonditioniert. Weg ist die Eigensinnigkeit im besten Sinn. Parallel dazu und noch viel vernichtender, ist die Konditionierung auf “Alles wird von Medizin und Ärzten gemacht!” Selbst gehen wir nur noch zur Praxis, der Rest geht uns nichts an. Die gesetzliche Krankenversicherung, die Milliarden wälzt, ist leider qua Gesetz verpflichtet, alles zu finanzieren und so haben wir nachhaltig die Eigenverantwortung in den Orcus geschüttet. Sie wird nie wieder auf-tauchen – – – es sei denn, es wird richtig Geld kosten, sich selbst verant-wortend fit zu halten.

“Anleiten”, was Frau Trieschmann anspricht, kann man glatt vergessen.

Hier müssen massive Hürden überwunden werden und niemand wird das superbequeme Verhalten freiwillig aufgeben. Konditionierung ist gerade nicht variabel. Die sitzt fest, bis höchst schmerzliche Schwellen dazu zwingen, sich selbst für sich selbst einzusetzen. Sehr lange danach wird zögerlich Einsicht entstehen.

#6 |
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Tierheilpraktikerin

Ja, man sollte die Patienten wirklich anleiten, was Vorsorge bedeutet. Gesunde Ernährung, gesundes Denken und Stressabbau. Viele haben auch verlernt, mal auf ihr Bauchgefühl zu hören, anstatt immer mehr Untersuchungen an sich durchführen zu lassen. Einiges ist sinnvoll, anderes aber nicht. Gerade was mit den Schwangeren veranstaltet wird, finde ich persönlich nicht mehr feierlich. Was auch gut funktioniert, ist das Geschäft mit der Angst und einseitiges Beleuchten der Thematik. Fast nie werden Nutzen und Unnutzen einer Untersuchung für den einzelnen Patienten abgewogen.
Und manchmal habe ich sogar den Eindruck, der Patient soll bewusst dumm gehalten werden, wenn es Vorsorge statt Früherkennung heißt.

#5 |
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Dr. med. Michael Freytag
Dr. med. Michael Freytag

Auch das Melanomscreening gehört in diese Kategorie: “Die aktuellen Zahlen und der vorgelegte GBA-Bericht geben nun dringenden Anlass das laufende Hautkrebs-Screening genauer unter die Lupe zu nehmen.” Ließt man in der Schlussfolgerung von Dtsch Arztebl Int 2015; 112(38): 629-34; DOI: 10.3238/arztebl.2015.0629

#4 |
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Sonstige

Zitat Artikel “Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO steht die chronisch-obstruktive Bronchitis an vierter Stelle der Todesursachen.”
Könnte man daraus lesen, das es die vierte Stelle Weltweit wäre. ist es aber nicht! sie ist die Vierthäufigste Todesart in den USA laut WHO!
Schlecht recherchiert und nur ein paar Beispiele für den immer größeren Wahn der “Vorsorgeuntersuchungen” gefunden. Da gibt es viel mehr, die, wenn man genau hinschaut nur Beutelschneiderei bedeutet, weil nicht wirklich aussagefähig.
Und im pränatalen Bereich gibt es immer mehr Screenings, wo man die Eltern eigentlich fragen müsste, was sie mit dem Ergebnis denn anfangen würden, wenn der Test positiv ausfällt.

#3 |
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Eva Maria Horn
Eva Maria Horn

Ja, dem vorherigen Kommentar kann ich nur zustimmen, es wird ja lediglich geschaut, ob das Kindlein nun im Brünnlein ist oder gerade hereinfällt. Vorsorge würde ja den Brunnen absichern. Alles Gute

#2 |
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Die Früherkennungsuntersuchungen Vorsorgeuntersuchungen zu nennen ist ein übler Trick, es ist einfach Betrug, der auch dazu verführt, daß Patienten glauben, daß sie damit vorgesorgt hätten, was definitv nicht der Fall ist. Die Verantwortung für die Gesundheit liegt bei jedem einzelnen und kann durch “gesunde” Lebensweise eine Vorsorge sein.

#1 |
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