Sexuelle Belästigung: Meist sind es die Kollegen

11. Oktober 2018

Ein Jahr nach der #MeToo-Debatte finden sich Skandale um sexuelle Übergriffe immer noch vielfach in den Medien wieder. Wie stark sexuelle Belästigung unter Ärzten verbreitet ist und welche Langzeitfolgen sexuelle Gewalt für Körper und Psyche hat, wurde nun in zwei Studien untersucht.

Durch Kampagnen wie #MeToo oder Time’s Up erfährt das Thema sexuelle Belästigung und Nötigung medial viel Aufmerksamkeit. Der jüngste Skandal um Brett Kavanaugh, der am 6. Oktober zum Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten vereidigt wurde, hat einmal mehr klar gemacht, dass das Thema in allen Spähren der Gesellschaft eine Rolle spielt.

Die Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Studie weisen nun darauf hin, dass sexuelle Gewalt oder Belästigung häufig schwerwiegende Langzeitfolgen für die körperliche und mentale Gesundheit der Betroffenen haben kann. So steigt das Risiko an einer Depression, Angststörung oder Posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken, weitere Folgen können hoher Blutdruck und Schlafprobleme sein.

Hat sexuelle Belästigung Langzeitfolgen?

An der amerikanischen Studie, die im Journal JAMA Internal Medicine veröffentlicht wurde, nahmen 304 Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren teil, das durchschnittliche Alter lag bei 54 Jahren. Alle Frauen stammten aus Pittsburgh. Die Kohorte wurde ursprünglich ausgewählt, um den Zusammenhang zwischen menopausaler Hitzewallungen und subklinischer Arteriosklerose zu untersuchen. Es handelte sich dabei um nicht rauchende Probanden ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen.

Im Rahmen dieser Untersuchung gingen die Forscher dann auch der Frage nach, ob ein Zusammenhang zwischen der Erfahrung von sexueller Belästigung und sexueller Nötigung und gesundheitlichen Faktoren wie Blutdruck, depressiver Stimmung, Angstempfinden und Schlafqualität besteht. In die Untersuchung sind Faktoren wie Körpergröße, BMI und Blutdruck eingeflossen. Weitere Methoden beinhalteten Interviews und Fragebögen.

19 Prozent der Probandinnen gaben an, bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt zu haben. 22 Prozent der Frauen berichteten von sexueller Nötigung. 10 Prozent der Teilnehmerinnen gaben an, bereits beides erlebt zu haben.

Bluthochdruck, Schlafprobleme, Depressionen

Den Studienergebnissen zufolge hatten Frauen, die bereits sexuelle Belästigung erlebt hatten, einen signifikant höheren systolischen Blutdruck und litten unter schlechterer Schlafqualität als Frauen, die noch keine sexuelle Belästigung erlebt hatten. Demnach sei das Risiko, an Bluthochdruck zu erkranken doppelt so hoch wie bei Frauen, die keine sexuelle Belästigung erlebt hatten. Die Studienautoren kommen außerdem zu dem Schluss, dass sexuelle Belästigung ein um 20 Prozent erhöhtes Risiko für das Auftreten einer kardiovaskulären Erkrankung mit sich bringt.

Bei Frauen, denen sexuelle Nötigung wiederfahren war, ließen sich verstärkt Symptome einer Depression, Angstzustände und geringer Schlafqualität feststellen als bei Frauen, die keine sexuelle Gewalt erlebt hatten. Die Frauen hatten dementsprechend ein dreifach höheres Risiko Symptome zu entwickeln, die einer Depression entsprechen, sowie ein zweifach erhöhte Wahrscheinlichkeit, Angstzustände zu entwickeln.

Sowohl sexuelle Belästigung als auch sexuelle Nötigung waren mit geringer Schlafqualität assoziiert.

Sexuelle Belästigung in deutschen Kliniken

„Langzeitfolgen, die im Zusammenhanng mit sexueller Belästigung und sexueller Gewalt stehen, haben nicht nur Auswirkungen auf die mentale Gesundheit der Person“, erklärt Studienautorin Karestan Koenen, Professorin für psychiatrische Epidemiologie an der Harvard T. H. Chan School of Public Health. „Diese Studie beweist, dass diese Art von Trauma reale und messbare körperliche Auswirkungen hat, die beachtet werden müssen.“

Wie relevant die Studie auch für Deutschland ist, zeigt eine ebenfalls im JAMA Internal Medicine veröffentlichte Untersuchung der Berliner Charité. 70 Prozent der dort befragten Ärzte und Ärztinnen haben bereits sexuelle Belästigung bei der Arbeit erlebt. Das hat die hauseigene Watch-Protect-Prevent-Studie (WPP) ergeben, bei der 737 Mediziner des Universitätsklinikums in einer Online-Umfrage Angaben zu Grenzüberschreitungen und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz machten. Die Fragen bezogen sich auf das gesamte Berufsleben.

Sexuelle Belästigung geht häufig von Kollegen aus

Die gängiste Form der Belästigung fand nach Angaben der Befragten verbal statt, also durch herablassende und sexualisierte Sprache. 76 Prozent der Ärzte gaben an, diese Form der Belästigung erlebt zu haben, Frauen hatten verbale sexuelle Belästigung etwas häufiger als Männer erlebt (83 Prozent vs. 61 Prozent).

89 Prozent derjenigen, die angaben, körperliches Fehlverhalten auf der Arbeit beobachtet zu haben, empfanden dieses auch als belästigend, 28 Prozent sogar als bedrohlich. Eine signifikanten Geschlechterunterschied gab es hier nicht.

Frauen gaben an, dass sie größtenteils von Männern sexuell belästigt worden waren. 85 Prozent der Personen, die Frauen verbal belästigt hatten, waren männlich, 38 Prozent der Personen, die Männer belästigt hatten, ebenfalls. 95 Prozent der körperlichen sexuellen Belästigung war von Männern ausgegangen (vs. 13 Prozent Männer bei den Männern). In beiden Geschlechtergruppen ging die sexuelle Belästigung zumeist von Kollegen aus. Bei den befragten Frauen ging die sexuelle Belästigung laut Umfrage häufiger von Vorgesetzten aus als bei den befragten Männern (35 Prozent vs. 18 Prozent).

Beide Studien geben genug Anlass, Programme zur Prävention und Intervention zu entwickeln und sollten Ärzte für die körperlichen Auswirkungen von sexueller Gewalt sensibilisieren.

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Bildquelle: OpenClipart-Vectors, pixabay / Lizenz: CC0
Medizin

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12 Kommentare:

Medizinische Dokumentarin

Wenn man es nicht schafft, seine Kollegin als nicht-sexuelles Wesen wahrzunehmen, dann kann man(n) es auch bei Patientinnen nicht.

#12 |
  1
Medizinphysiker

In Amerika ist es ja schon so weit, dass sich viele Männer nicht mehr getrauen mit einer Frau zusammen im Fahrstuhl zu fahren.

#11 |
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Dr. med. Regine Böckelmann
Dr. med. Regine Böckelmann

#9: ja, das meine ich. Sicher gibt es auch die verbale sexuelle Belästigung, aber was da so im Klinik-Alltag meistens passiert, ist doch wohl eher als sexistisch zu bezeichnen. So ist jedenfalls mein Sprachempfinden. Den Begriff der sexuellen Gewalt zu sehr auszudehnen, verschleiert den Blick auf die wirklich ernsten Übergriffe und verschärft den Geschlechterkampf unnötig. Keine Frage ist natürlich, das frau/man sich auch gegen Sexismus jeder Art wehren muss.

#10 |
  1
Ärztin

#8: der Unterschied ist nicht so leicht zu fassen: letztlich geht es um diskriminierendes, unerwünschtes und grenzverletzendes Verhalten, das Gefühle von Demütigung, Ärger oder Hilflosigkeit auslöst. Der Begriff “sexuelle Belästigung” impliziert eher physische Übergriffe, meinen Sie das, wenn es um die Unterscheidung geht?

#9 |
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Dr. med. Regine Böckelmann
Dr. med. Regine Böckelmann

Sollte man bei den verbalen Übergriffen nicht eher von “sexistischen” als von “sexuellen” Belästigungen sprechen, um letzteren Begriff nicht zu verwässern?

#8 |
  1
Dr. med. Liza Baldy
Dr. med. Liza Baldy

Hat RUFMORD Langzeitfolgen???

#7 |
  1
Ärztin

Vielleicht wäre es interessant, das mal nach Fachgebieten aufzudröseln. In der Psychiatrie habe ich nie sexuelle Belästigung erfahren oder mitbekommen, da gab es die üblichen Flirts, vielleicht auch mal Gemunkel über den Oberarzt und die Assistenzärztin – aber wir hatten auch keine Op.-Kataloge zu erfüllen oder bestimmte Prozeduren zu sammeln, um in die Prüfung zu gehen. Außer EEGs, aber das war nicht problematisch.
Im übrigen muss ich Dr. Staudenmaier widersprechen (obwohl es eigentlich selbstverständlich sein sollte): sexuell belästigt oder angegangen zu werden braucht eine Frau nicht für ihr Selbstbild. Ein Kompliment oder die Frage nach einer Verabredung sind aber kein Problem.
Da gibt es Unterschiede!

#6 |
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Medizininformatiker

@ DocCheck-Mitarbeiter:

Danke!

#5 |
  0
Mitarbeiter von DocCheck

Lieber Herr Rödle,
in unseren Artikeln finden sie Links zu Studien immer im entsprechenden Absatz hinter rot markierten Wörtern, z.B. „kurz veröffentlichte Studie“.
Hier nochmal die Originalpublikationen:
https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2705688 und https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2705687
Schöne Grüße aus der DocCheck Redaktion

#4 |
  0
Medizinphysiker

Sexuell belästigt oder angegangen zu werden bedeutet doch zumindest als Selbstbild attraktiv zu sein. Sind denn die Aussagen der entsprechenden Frauen immer als wahr zu unterstellen? Kommt der erhöhte Blutdruck womöglich durch das flunkern?
Ist nur ein Gedanke dazu.

#3 |
  29
Medizininformatiker

Was ist mit sexuellen Sprüchen, extrem Tragen extrem knapper oder Figurbetonter Kleidung oder auch Mobbing und “Kollegen gegeneinander ausspielen”, das (meiner Erfahrung nach) meist von Frauen ausgeht? (Gerade im Beruf)

Ebenso finde ich die benutzten Formulierung in diesem Artikel manipulierend:
“85 Prozent der Personen, die Frauen verbal belästigt hatten, waren männlich, […]” –> Männer sind böse! (überspitzt)
“[…] 38 Prozent der Personen, die Männer belästigt hatten, ebenfalls.” –> Männer sind sogar Männern gegenüber böse! (überspitzt)

Objektiv wäre eine kleine Tabelle oder eine neutralere Formulierung.

Das ist meine Meinung und soll die Autorin nicht verunsichern zukünftig weit Artikel über dieses Thema zu schreiben. Es ist wichtig, dass “sexuelle Belästigung und Nötigung” – ich gehe eins weiter – dass irgendeine Art von Belästigung und Nötigung im Beruf und auch außerhalb unterbunden wird. Daher sind Artikel wie diese wichtig. Die Inhalte sollten jedoch objektiv und neutral vermittelt werden.

Zudem würden mich die Quellen die Zahlen interessieren; also die wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

#2 |
  8

Wenn schon eine sexualisierte Sprache als Belästigung gilt dann sind wir auf dem Weg eine total verklemmte Gesellschaft zu werden.Dann hilft nur noch die Ganzköperverhüllung.
Dr. K.Heiden

#1 |
  30


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