Vorsicht, Lust-Druck!

26. November 2009
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Das „rosa Viagra“ steht vor der Tür: Beim 12. Kongress der European Society of Sexual Medicine wurden jetzt neue Daten zu dem „Aphrodisiakum“ Flibanserin vorgestellt. Es soll der Frau Lust auf mehr machen. Hoffen die Männer…

Selten hat eine neue Pille so lange vor ihrem Markteintritt so viel Wirbel gemacht. Schon der Spitzname spricht Bände: Von „rosa“ und damit „weiblichem“ Viagra sprechen viele Medien in Anspielung auf die bläuliche Farbe des bekannten Blockbusters gegen die männliche erektile Dysfunktion. Bereits die Daten der Phase II-Studien zu Flibanserin wurden von einem beispiellosen medialen Gewitter begleitet, bei dem sich die Protagonisten vor allem über die Einordnung der weiblichen sexuellen Dysfunktion als Erkrankung echauffierten. Die Reaktionen waren kritisch bis ablehnend. Von Lust-Druck war die Rede, und auch von einer von Pharma-Firmen gesponsorten Erkrankung wurde gesprochen.

Indikation für Flibanserin: Nicht wollen, aber sollen

Hersteller Boehringer Ingelheim hat sich von diesen Wogen verständlicherweise nicht beeindrucken lassen. Das Unternehmen hat die klinische Evaluation von Flibanserin vorangetrieben. Beim 12. Kongress der European Society of Sexual Medicine wurden jetzt die Daten der Zulassungsstudien vorgelegt. Und die sehen so aus, als könnte Flibanserin demnächst in den Apothekenregalen aufschlagen. Interessant ist allerdings, dass Boehringer-Ingelheim über Flibanserin bisher nur auf seinen englischsprachigen Internetseiten informiert, nicht aber im deutschen Bereich.

Rein vom Wirkmechanismus her hat Flibanserin mit Viagra nichts, aber auch gar nichts gemein. Viagra hemmt bekanntlich „vor Ort“ die Phosphodiesterase 5 und sorgt auf diesem Wege für eine bessere Durchblutung der männlichen Schwellkörper. Entsprechend wirkt es besonders gut, wenn die erektile Dysfunktion Folge von Durchblutungsproblemen ist, wie das oft im Alter der Fall ist. Flibanserin dagegen war in seinem früheren Leben ein Antidepressivum beziehungsweise hätte eines werden sollen. Entsprechend wirkt es zentral im Gehirn, und nicht in der Peripherie. Es ist ein Agonist am 5-HT1A-Rezeptor und ein Antagonist am 5-HT2A-Rezeptor. Als Antidepressivum scheiterte Flibanserin. Doch fiel im Nebenbefund auf, dass es die sexuelle Lust bei Frauen steigern könnte. Die Daten aus den Phase II-Studien hatten diese Beobachtung bestätigt. Entsprechend gespannt warteten Sexualmediziner auf die Phase III-Studien.

Sexuelles Verlangen wird gesteigert

In Lyon wurden jetzt die Ergebnisse von vier großen Zulassungsstudien vorgestellt. DAISY, VIOLET und DAHLIA waren nordamerikanische Studien, ORCHID war das europäische Äquivalent. Zusätzlich zu den Einzeldaten gab es auch mehrere gepoolte Analysen. Aber zunächst einmal zur Erkrankung, oder wie immer man es nennen mag: An den Studien nahmen durchweg prämenopausale Frauen mit „Hypoactive Sexual Desire Disorder“ (HSDD) teil. Das soll die Indikation für Flibanserin sein. Böse Zungen haben das so umschrieben: Während Viagra Männern helfe, die wollen, aber nicht können, helfe Flibanserin Frauen, die sollen, aber nicht wollen. Nochmal anders: Viagra sei eine Krücke, Flibanserin eine Gehirnwäsche. Man kann da natürlich auch anders zu stehen: „Untersuchungen haben gezeigt, dass HSDD eine weit verbreitete Form der weiblichen sexuellen Dysfunktion ist“, sagt beispielsweise Professor Rossella Nappi von der Universität Pavia. „Als Ergebnis der Studien können wir festhalten, dass Flibanserin das Potenzial hat, vielen Frauen zu helfen, die unter einem Mangel an sexuellem Verlangen leiden:“

Amerikanische Frauen: Besser medikamentös stimulierbar…

Wie auch immer man dazu stehen mag, die Daten liegen jedenfalls jetzt auf dem Tisch. Für die gepoolte Analyse aus DAISY und VIOLET wurden 1378 Frauen ausgewertet, die entweder täglich 100mg Flibanserin oder Placebo über 24 Wochen erhalten hatten. Die Anzahl befriedigender sexueller Kontakte (satisfying sexual episodes, SSE) pro Monat stieg in der Verumgruppe von 2,8 auf 4,5 und in der Placebo-Gruppe von 2,7 auf 3,7. Auch wenn es erst mal nicht so klingt, war der Unterschied signifikant. Das mittels eines elektronischen Tagebuchs ermittelte sexuelle Verlangen stieg bei Flibanserin-Behandlung ebenfalls signifikant stärker an.

Europäische Frauen haben sich mit Flibanserin ein wenig schwerer getan. Die Zahl der SSE stieg zwar auch hier bei insgesamt 634 Teilnehmerinnen unter Verum-Therapie stärker an als unter Placebo-Therapie. Das Signifikanzniveau wurde aber verfehlt. Der Unterschied beim sexuellen Verlangen war dagegen auch in Europa signifikant, und wenn alle drei Studien zusammengewürfelt wurden, waren auch die SSE wieder statistisch im Lot, sprich signifikant besser bei Verum-Therapie. Bei den unerwünschten Wirkungen dominierten Somnolenz, Schwindel, Übelkeit und Fatigue. Immerhin rund 15 Prozent der Frauen brachen die Behandlung mit Flibanserin wegen UAW ab, gegenüber 5 bis 8 Prozent bei Placebo. „Die Daten zeigen, dass 100mg Flibanserin eine effektive und gut verträgliche Behandlung für Frauen mit HSDD ist“, sagte Professor Elaine Jolly vom Shirley Greenberg Women’s Health Centre am Krankenhaus Ottawa. Zum geplanten Zulassungsprozedere wollte sich Boehringer Ingelheim bisher nicht äußern.

127 Wertungen (4.16 ø)
Allgemein

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15 Kommentare:

Marion Krause-Jach
Marion Krause-Jach

Fall I Wie tieftraurig, wenn der Mann meines Verlangens es nicht mehr schafft, mich zu erregen! Wie soll er zukünftig wissen, ob er gemeint ist oder ob meine Lust nur der Nebenwirkung eines offensichtlich nicht wirksamen Antidepressivums entspringt!?
Fall II Für den Mann, der es nicht schafft, sich einer Frau anders als mit einer heimlich verabreichten Pille appetitlich zu machen, stehen doch inzwischen k.o.-Tropfen zur Verfügung?!
Übringens bin ich von Orthographie und Interpunktion der hier schreibenden, meines Wissens doch (hoffentlich) durchaus gebildeten Leser und Schreiber tief erschüttert! Daß das “dass” mit ß heutzutage eine andere Rechtschreibung “genießt”, enthebt uns weder der Überlegung, um welchen Sinn des Wortes es sich handelt, noch, ob man eventuell ein Komma davor oder dahinter machen könnte, um dem geneigten Leser eine Idee davon zu geben, was wir eigentlich mit unserer Aussage meinen.

#15 |
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Dr. Corinna Gollai
Dr. Corinna Gollai

Ich bin Frauenärztin und ich werde sehr oft nach Hilfe gefragt. Leider stand bis jetzt nur ein Testosterobpflaster zur Verfügung und die Frauen fürchten sich vor den
Nebenwirkungen,auch mit Gesprächstherapien haben wir nicht
bei allen den gewünschten Erfolg.Die Rosa ist deshalb vielleicht für einige eine weitere Therapiemöglichkeit.

#14 |
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Selbstst. Apothekerin

Ist denn Sex das Wichtigste auf der Welt? Arme Menschen, armes Deutschland, arme Welt!

#13 |
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rose und blau sehr gute Mischung ..one should trz it lol

#12 |
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Apotheker

Ich kann nicht ganz verstehen wie manche Leute so extrem über ein eventuell sehr nützliches Medikament her ziehen können. Meiner Meinung nach kann es vielen Frauen helfen, die wirklich unter solchen Problemen leiden. Und die Möglichkeit des Missbrauchs (hier speziell durch ausgeübten Druck durch den Mann) besteht doch bei jedem Medikament.
Rein theoretisch kann man bei Viagra doch genauso argumentieren. So müssen die Männer einfach funktionieren. Die “Ausrede” von seelischer Belastung und daraus resultierender sexueller Dysfunktion hat dann keinen Wert mehr und es werden nur noch die Symptome und nicht mehr die Ursache behandelt. Und das liebe Kollegen ist, wie wir uns hoffentlich einig sind, auch nicht der richtige Weg!

#11 |
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Apotheker

Zitat “Es wird seit vielen Jahren pausenlos danach gefragt.”

Kann ich überhaupt nicht bestätigen – mir kommt es eher so vor, als sei die neu designete Indikation eine Antwort auf eine Frage, die keiner gestellt hat!
RB

#10 |
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Franziska Linke
Franziska Linke

Ich denke das wir Frauen heutzutage so selbbewusst und selbstbestimmend sind um zu entscheiden ob wir diese Pille nehmen wollen oder nicht.Frauen die wirklich unter ihrer Unlust leiden werden dies mit grosser Wahrscheinlichkeit auch tun,alle anderen wohl eher nicht.
Die Frage ist nur ob die Männer dann auch mithlten können mit der Befriedigung der Lust.Denn das könnte dann zu einem ganz anderen Problem führen,nämlich zur Untreue der Frauen.
Wollen wir hoffen das weder die unerwünschten AMW auftreten noch die bösen Side Effects ;-))

#9 |
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Lehrerin für Pflegeberufe Petra-Maria Lohmann
Lehrerin für Pflegeberufe Petra-Maria Lohmann

Hurra, es brechen neue Zeiten an…
ab sofort gelten “Kopfschmerzen” nicht mehr als “Ausrede” –
“Frau” kann/könnte nun verfügbar sein wann immer “Mann” das möchte –
(hoffentlich nicht mit der “Nebenwirkung” dass dies sich auch in die Scheidungs-Rechtsprechung einfädelt…)
Nun ja, bleibt also einiges abzuwarten.

#8 |
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Iris De Groodt
Iris De Groodt

Manipulierter Wille versus physischer Hilfe – wenn ich ein selbstentscheidender Mensch bin, meine Sexualität dementsprechend selbstbestimmt lebe, werde ich auch kein Problem mit der Fragestellung haben und sicher neugierig auch nach dem rosa Viagra greifen.

#7 |
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Der der auf Viagra greift,muss wissen das er Probleme haben kann wenn sein Blutdruck unter den normalen Werte steht und/oder ähnliches.Bin gespannt welche mögliche Nebenwirkungen das rosa Viagra haben wird – weil schon die Gleichberechtigung in diesem Bereich der sexuellen Nachhilfe erwähnt wurde.Mit “take it and pay the price” ist Man(n) besser einverstanden,als seine “bessere Hälfte”.

#6 |
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Stefanie Ehrhardt
Stefanie Ehrhardt

¿Als Ergebnis der Studien können wir festhalten, dass Flibanserin das Potenzial hat, vielen Frauen zu helfen, die unter einem Mangel an sexuellem Verlangen leiden.¿

Es gibt Frauen, die unter ihrer Unlust leiden und es gibt Frauen, die haben keine Lust und auch kein Problem damit. Für erstere erscheint das Medikament sinnvoll. Ziel ist es ja nicht, die Männer glücklich zu machen, sondern Frauen – wenn sie leiden – eine Hilfe zu geben.

#5 |
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Weitere medizinische Berufe

Man(n) stelle sich vor, die Frau beginnt im mittleren bis hohen Alter langsam wieder Lust am Sex in der Beziehung zu spüren und dr Mann merkt, dass er begehrt wird? Sexualität im Alter, leider oft belächelt – schon die Vorstellung Opa mit Oma – sollte in unserer Gesellschaft aus der Schattenvorstellung herauskommen. Viele Partnerschaften leiden doch darunter, dass die Frau oft “weil es lästig” ist den Mann ablehnt. Allein die Vorstellung, dass mehr wie eine zärtliche Berührung entsteht führt dann wiedeer zu einer stärkeren Paarbindung und festigt in “freudicher Erwartung” so manche dahinplätschernde Beziehung. Fazit: Gezielt und ueberlegt eingesetzt denke ich, ist es ein fantastisches Medikament! Schade, dass im Artikel gleich von Anfang an ein etwas negativer Unterton zu spüren ist. Kann ich also für mein Alter hoffen… M.Z. Pflegepädagoge

#4 |
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Dr. Ulrich Koke
Dr. Ulrich Koke

Katastrophen mit umfunktionierten Antidepressiva haben wir genug gehabt, siehe die Erfindung des “metabolischen Syndroms”.
Ich würde es meiner Frau jedenfalls wegnehmen

#3 |
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Katrin Steiner
Katrin Steiner

Man(n?) darf gespannt sein. Ich weiß die geringe Wertung in dem Artikel sehr zu schätzen, denn die Problematik die hier so nett mit “nicht wollen, aber sollen” umschrieben wird, ist durchaus Alltag in vielen Beziehungen.
Ein bisschen Gleichberechtigung auf dem Markt der sexuellen Nachhilfe ist sicher nicht verkehrt.KS

#2 |
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Apotheker Hans Wolf
Apotheker Hans Wolf

Hört sich alles gut an .Hoffentlich wirds der gleiche “Schlager” wie mit den Blauen. Es wird seit vielen Jahren pausenlos danach gefragt.Die Nebenwirkungen müssten natürlich weg.HW München

#1 |
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