Kardiovaskuläres Risiko: Omega-3-Fettsäuren helfen jetzt doch

4. Oktober 2018

Omega-3-Fettsäure-Präparate bringen keinen gesundheitlichen Nutzen, so die bisherige Annahme unter Wissenschaftlern. Jetzt behaupten Forscher: Die hochdosierte Einnahme kann das relative Risiko bei kardiovaskulären Hochrisikopatienten um 25 Prozent reduzieren.

 

Dr. Stefan Waller ist Internist und Kardiologe. Das Thema e-health liegt ihm besonders am Herzen. Als Dr. Heart macht er leicht verständliche Videoclips zur Herz-Kreislauf-Medizin und gesundem Lebensstil für Patienten und Laien.

 

Das Video in schriftlicher Ausführung:

Manchmal dreht sich die Studienlage so schnell, dass einem sogar als Arzt ganz schwindelig wird. Gerade erst war ich auf dem ESC in München, dort wurden große Metadaten zur Supplementierung mit Fischölkapseln vorgestellt. Man konnte an über 77.000 Patienten keinerlei gesundheitliche Effekte von diesen Omega-3-Fettsäure-Präparaten feststellen. Und jetzt gibt es schon wieder eine neue Pressemitteilung, nach der hochdosierte Eicosapentaensäure (EPA), genau genommen ein Derivat, nämlich Ethyl-Eicosapentaensäure, bei einem kardiovaskulärem Hochrisikokollektiv an Patienten eine eindrucksvolle 25-prozentige Risikoreduktion mit sich gebracht haben soll.

Die Rede ist vom REDUCE-IT-Trial, der noch nicht einmal veröffentlicht ist, dessen Ergebnisse aber vorgestellt werden auf dem AHA, der Jahrestagung der American Heart Association im November. Was hat man gemacht? Man hat über 8.000 Hochrisikopatienten untersucht, nämlich entweder Patienten, die schon an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden bzw. Diabetiker mit mindestens einem weiteren Herz-Kreislauf-Risikofaktor.

Diese hat man randomisiert in zwei Gruppen: Die Placebogruppe und die Verumgruppe, die dieses Omega-3-Fettsäuren-Derivat hochdosiert mit 4 g pro Tag zu sich nehmen musste. Man hat diese Gruppen dann knapp fünf Jahre untersucht und kam zu dem Ergebnis: Der gemeinsame Endpunkt, bestehend aus kardiovaskulären Todesfällen, Herzinfarkt, Schlaganfällen, stationäre Aufnahme wegen instabiler Angina pectoris oder aber der Notwendigkeit einer koronaren Revaskularisation war in der Verumgruppe um eindrucksvolle 25 Prozent reduziert.

Das ist natürlich ein beeindruckender Effekt, wenn man sich vor Augen führt, dass dieses behandelte Risikokollektiv an Patienten schon optimal mit Statinen vorbehandelt waren. Sie hatten alle LDL-Cholesterinwerte von <100 mg/dl. Darauf aufbauend soll die Zugabe des Omega-3-Fettsäuren-Derivats also nochmal eine zusätzliche 25-prozentige Risikoreduktion hervorgebracht haben.

Noch müssen wir schriftliche Studiendaten abwarten, um zu sehen, was die absolute Risikoreduktion war. Bisher sind nur Angaben über die relative Risikoreduktion bekannt. Ob das Derivat der neue Blockbuster werden könnte, wird sich noch zeigen.

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Kardiologie, Medizin

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8 Kommentare:

VORSICHT! HALT!
Die Studie mit Ethyl-Eicosapentaensäure (Vascepa®), einem Derivat der Omega-3-Fettsäure, senkt angeblich die Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse bei mit Statin behandelten Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko um zusätzliche 25%?

Zu diesem Ergebnis kommt meines Wissens die Amarin Corporation als Herstellerfirma nach Auswertung ihrer Placebo-kontrollierten REDUCE-IT-Studie laut einer reinen Presseinformation. Eine wissenschaftliche Publikation hat noch nicht stattgefunden.

Fischölkapseln oder Nährlösungen mit Ethylester-Varianten von Omega-3-Fettsäuren [“Long-chain polyunsaturated omega-3 fatty acids] und speziell Ester der Docosahexaensäure (DHA) scheiterten bisher im gezielten Wirksamkeitsnachweis von RCT-Studien und Metaanalysen. Zusätzlich unterdrücken im Tierexperiment veresterte DHA auch noch den blutdrucksenkenden Effekt der nicht veresterten DHA.

Die in Deutschland handelsübliche Fischölkapseln enthalten auch galenisch veränderte Ethylester von O-3-FS: So z. B. Omacor®/Zodin® Kapsel mit je 840 mg veresterten O-3-FS. Für eine omega3-loges® Kapsel werden nur 504 mg O-3-FS, davon 420 mg als unveresterte Eicosapentaen- und Docosahexaensäure (DHA) angegeben.
Aus diesen niedrig dosierten bzw. veresterten Wirksubstanzen u n d der bei vielen Patientinnen und Patienten damit verbundenen Weiterführung traditionell fischarmer, an gesättigten Fettsäuren reicher, Fleisch-, Fett- und Wurst-betonter Ernährung ergibt sich m.E. die besonders schlechte Studienlage für Fischölkapseln.

Mit der Nahrung aufgenommener Atlantischer Lachs enthält zu 1,8 %, Sardellen zu 1,7 %, pazifische Sardinen zu 1,4 %, atlantische Heringe zu 1,2 % und Makrelen zu 1 % langkettige, mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren [“n-3 LCPUFA = n-3 long chain polyunsaturated fatty acid”]: 300 g Lachs bringt etwa 5400 mg und 300 g Makrele 3000 mg n-3 LCPUFA. Leinöl (Linum usitatissimum) hat einen O-3-FS-Gehalt zwischen 56–71 % und Walnussöl 13 %.

Es bleibt zu hoffen, dass die REDUCE-IT-Studie im Peer-Review-Verfahren zur Veröffentlichung angenommen wird: 8.179 Erwachsene mit Risiken kardiovaskulärer Erkrankungen erhielten Statine mit sehr gut eingestellten LDL-Cholesterin-Werten zwischen 41 und 100 mg/dl bei Triglyzeridwerten zwischen 150 und 499 (!) mg/dl. Kardiovaskuläre Erkrankungen, Typ-2-Diabetes oder weitere kardiovaskuläre Risikofaktoren kamen hinzu. Alle Teilnehmer erhielten zwischen November 2011 und Juli 2018 Vascepa® (4,0 g/Tag) oder Placebo im randomisiert kontrollierten RCT-Studien-Design.

Trotzdem bin ich mir persönlich nicht sicher, ob bei der von der USA-FDA bereits zugelassenen Medikation mit add-on Vascepa® Therapie unter bereits ungewöhnlich niedrigen LDL-C Ausgangswerten und relativ hohen Triglyzeridwerten nicht doch eher eine PR-Strategie bzw. ein Studien-“Bias” stecken?

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Jan Blaauw
Jan Blaauw
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Weitere medizinische Berufe

In der heutigen Medizin ist Lotto aussichtreicher…..

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Nichtmedizinische Berufe

#3 Wenn m davon ausgeht, dass die DocCheckNews auch von medizinischen Laien gelesen werden,die evtl. darauf hoffen, ohne zeitraubende Recherchen an für sie interessante käufliche Präparate zu gelangen, dann macht so ein Videoclip ein bisschen Sinn.Mögliche Enttäuschung aber inbegriffen……..

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Dr. med. Henner Schultz
Dr. med. Henner Schultz

ist bekannt, die Nennung eines Präparatenamens lässt mich aufhorchen, dass neben der Information noch ander Interessen im Spiel sind

Dr. H. Schutz

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Um den Hype à la “Omega-3 wirkt doch” ein wenig zu bremsen: Ohne Kenntnis der noch nicht publizierten Originaldaten lässt sich die Ergebnisqualität überhaupt nicht beurteilen. Bisher also vor allem geschickte PR-Aktion…

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Heilpraktiker

Bei Studien weiß man ja: Frage stets zuerst nach dem Vater der Studie.

Wie Dr. Knüll richtig schreibt, ist die Medizin keine Wissenschaft. Sie ist m.E. ein Sammelsurium Studien u. Statistiken. Und damit geht der Wissenschaftscharakter verloren. Denn: Wissenschaft wäre neutral u. unabhängig, wissenschaftliche Studien auch, solange sie nicht zu jenen gehören, die, wie Statistiken oft auch, wirtschaftliche (nicht zu verwechseln mit “wissenschaftlichen”) Beweggründe haben.

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Dr. med. Wolfgang Knüll
Dr. med. Wolfgang Knüll

Die Wende überrascht nicht, warten wir auf die Nächste. Und wer hat da für was bezahlt? Wissenschaft darf nur ein Interesse ahben : richig oder falsch. So haben wir uns endlich daran zu gewöhnen, dass Medizin nie eine Wissenschaft war, ist und sein wird, weil es um das sich ständige verändernde Lebendige geht, welches sich bei Medikamenten eben auch nicht auf einen Zellverband reduzieren lässt, sondern sich im Laufe der Entwicklung des Lebens gleichzeitig mit vielen verschiedenen Orten vernetzt hat, die auch nur annähernd alle aufzusuchen unmöglich scheint. Es drängt sich der Vergleich mit der Physik auf, 5 % zu erkennende Materie, an der wir uns abarbeiten, 95 % dunkle Energie und dunkle Materie im Unbekannten.

#1 |
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