German Angst trifft Schizophrenie

14. August 2013
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In den Jahren 1990 bis 1999 wurde viel Aufklärungsarbeit über die Vorurteile gegenüber psychisch erkrankten Menschen geleistet. Forscher untersuchten nun, inwieweit sich die Ansichten in Deutschland verändert haben.

Was dachten Einwohner der alten Bundesländer im Jahr 1990 über die Erkrankungen Schizophrenie, Depression und Alkoholabhängigkeit? Matthias C. Angermeyer und seinen Kollegen vom Center for Public Mental Health, Gösing am Wagram, Österreich, befragten dazu 3067 Menschen. Die Wissenschaftler wiederholten ihre Befragung im Jahr 2011 mit 2951 Einwohnern und haben jetzt ihre Ergebnisse in einer vor kurzem veröffentlichten Studie herausgebracht.

Die Interviewer lasen den Befragten jeweils eine Fallvignette vor – entweder eine Fallvignette über einen schizophrenen, einen depressiven oder einen alkoholabhängigen Patienten gemäß DSM-III-R. Anschließend fragten die Interviewer danach, welche Ursachen die Befragten den Erkrankungen zuschreiben und welche Hilfen sie empfehlen würden. Außerdem wurden die Interviewten zu ihren emotionalen Reaktionen und Distanzwünschen befragt.

Aus den Ergebnissen dieser Befragung gewannen die Autoren den Eindruck, dass sich besonders das Wissen über die Schizophrenie deutlich vergrößert hat. Aufklärungskampagnen über die Erkrankung haben erklärt, dass Schizophrenie eine durch Störungen im Gehirn verursachte Erkrankung ist. Entsprechend stieg die Zahl derer, die annehmen, dass hinter der Schizophrenie eine Gehirnerkrankung steckt: Waren es 1990 noch 53% der Befragten, so lag die Zahl im Jahr 2011 bereits bei 62%.

Bei der Depression war die Tendenz jedoch gegenläufig: Gingen 1990 noch 39% der Befragten davon aus, dass die Depression eine hirnbedingte Erkrankung ist, so vermuteten dies im Jahr 2011 nur noch 30% der Befragten. Auch bei der Alkoholkrankheit sank die Zahl derer, die als Ursache eine Gehirnerkrankung vermuten – und zwar von 28% im Jahr 1990 auf 21% im Jahr 2011.

Schizophrenie: Weniger Menschen sehen Lebensumstände als Ursache an

Immer wieder wird diskutiert, ob die Schizophrenie nicht auch eine Folge von stark gestörten Familienbeziehungen ist. Doch das glauben immer weniger Menschen: Dass die Schizophrenie durch einen Mangel an elterlicher Zuwendung entsteht, glaubten 1990 noch 38% der Befragten; 2011 waren es nur noch 32%. Bei der Depression vermuteten 1990 noch 43% einen Mangel an elterlicher Zuwendung als Ursache, während es 2011 nur noch 30% waren.

Die Befragten setzen anscheinend zunehmend größeres Vertrauen in die professionelle Behandlung: Bei allen drei Störungen würde ein Großteil der Befragten professionelle Hilfe empfehlen. Im Jahr 2011 hätten 81% der Befragten einem schizophrenen Patienten den Besuch eines Psychiaters empfohlen, während es 1990 nur 65% waren. Die Autoren gehen davon aus, dass sich das Image von Kliniken und Fachleuten in den letzten Jahren drastisch gebessert hat.

Das Vertrauen in die Pharmakotherapie wächst

Vielen Befragten ist anscheinend die Rolle der Psychopharmakotherapie bewusst: Einem schizophrenen Patienten hätten im Jahr 1990 nur 30% der Befragten zu Medikamenten geraten – im Jahr 2011 waren es bereits 53%. Bei Depressionen stieg der Anteil derer, die Medikamente empfehlen würden, von 26% auf 35% an.

Doch auch die Psychotherapie schneidet bei den Befragten gut ab: Bei der Schizophrenie hätten im Jahr 2011 immerhin 82% eine Psychotherapie empfohlen, während es im Jahr 1990 nur 66% waren. Auch bei Depressionen und Alkoholsucht würde der Großteil der Befragten eine Psychotherapie empfehlen.

Schizophrenie: Gefühle der Ablehnung bleiben – und werden größer

Etwas überraschend scheinen da allerdings die Umfrage-Ergebnisse zu den Gefühlen und Einstellungen der Befragten gegenüber den Erkrankten zu sein: Im Jahr 2011 gaben 37% der Befragten an, sich vor einem schizophrenen Patienten zu fürchten, während es im Jahr 1990 nur 30% waren. Patienten mit Depressionen oder Alkoholsucht lösten bei den Befragten im Jahr 2011 jedoch weniger Angst aus als im Jahr 1990.

Der Wunsch nach Distanz vor dem schizophrenen Patienten wurde allerdings größer: Während 1990 nur 19% einen schizophrenen Menschen als Nachbarn abgelehnt hätten, waren es im Jahr 2011 bereits 29%. Bei Depressionen sanken die Anteile von 16% auf 15%, bei Alkoholsucht von 36% auf 31%.

Immer wieder lösen bestimmte Diagnosen ähnliche Gefühle bei den Befragten aus: Während sich die Befragten oft verärgert fühlten, wenn sie mit einem alkoholkranken Patienten konfrontiert waren, lösten depressive Patienten eher den Wunsch aus, zu helfen. Bei schizophrenen Patienten hingegen dominierte die Furcht.

Die Autoren können die Ergebnisse der Studie teilweise gut mit den Veröffentlichungen in den Medien in Einklang bringen: Während es zu den biologischen Ursachen psychischer Erkrankungen und zur Pharmakotherapie relativ viele Studien gebe, fänden sich nur relativ wenige Veröffentlichungen zum Thema „Psychologische Intervention“. Außerdem stellen die Autoren fest, dass der Wunsch nach Distanz zu den Erkrankten in dem Maße wuchs, in dem die Befragten annahmen, dass die psychische Erkrankung biologisch verursacht sei. Trotz großer, aber leider oft regional begrenzter Antistigmakampagnen seien viele Vorbehalte geblieben, bedauern die Autoren.

Eine US-amerikanische Studie von Bernice Pescosolido et al. untermauert dieses Ergebnis: Die Autoren fanden durch Umfragen heraus, dass in den USA die Vorurteile gegenüber an Schizophrenie Erkrankten höher waren als gegenüber depressiven Patienten. Außerdem nahmen die Befragten zu einem hohen Anteil ebenfalls an, dass psychische Erkrankungen häufig auf hirnorganische Ursachen zurückzuführen sind.

Was wissen die Betroffenen?

Doch was glauben eigentlich schizophrene Patienten selbst über die Ursache ihrer Erkrankung? Dieser Frage gingen Lorenza Magliano und Kollegen der Universität Neapel, Italien, nach. Hier glaubten 150 von 198 befragten schizophrenen Patienten, dass ihre Erkrankung zumindest eine sozial bedingte Ursache habe. 114 Befragte (57%) glaubten sogar ausschließlich an sozial bedingte Ursachen, wobei 21% Familienkonflikte an erster Stelle sahen, gefolgt von Traumata (20%) und Problemen mit der Arbeit (17%). Schizophrene Patienten, die ihre Diagnose kannten, gingen hingegen öfter von einer biologischen Ursache aus.

Der amerikanische Psychoanalytiker und Psychotherapieforscher Jonathan Shedler betrachtet es mit Sorge, dass psychische Erkrankungen zunehmend als biologisch bedingte Erkrankungen angesehen werden. Insbesondere kritisiert er, dass das amerikanische „National Institute auf Mental Health“ (NIMH) in übergroßem Maße die biologischen Ursachen betone.

Weitere Informationen:

77 Wertungen (4.3 ø)

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17 Kommentare:

Heilpraktikerin

An #16 “Gast”:
Ich liebe kontroverse Diskussionen, die ich auch jederzeit gerne dazu nutze, noch etwas dazuzulernen. Doch bevorzuge ich die Kommunikation mit Menschen, die sich auch namentlich zu erkennen geben….

#17 |
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Gast
Gast

Entschuldigen Sie bitte die Polemik. Aber der eingeworfene Kurzschluss zwischen Serotonin, Darm (Karzinoid-Syndrom) und “Gehirnstoffwechsel” ohne jede Tiefe ist einfach ein Bärendienst, den Sie ihren “Heilpraktiker-Kollegen” erweisen…

#16 |
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Gast
Gast

Vielen Dank Frau Stawiarski! Es fehlte bei den Kommentaren noch die Gruppe der Heilpraktiker, die nach genau einer abgelegten “Multiple-Choice-Prüfung” ihre Meinung zu einem komplexen Thema kundtun, über das sich Gelehrte mit akademischen Abschlüssen in Jahrzehnten nicht einig werden können.

#15 |
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Heilpraktikerin

Ich wundere mich, dass hier jede Menge Kommentare entfernt werden, nicht jedoch der des Hrn. Dr. med. Hosch, den ich als beleidigend für Fr. Meyer empfinde.
Fakt ist doch, dass es Patienten gibt, die von drei verschiedenen Psychiatern 3 unterschiedliche Diagnosen bekommen. Auf dem Gebiet der Psychologie scheint also längst nicht alles so zweifelsfrei festzustehen, wie mancher glaubt. Wenn man zudem noch bedenkt, dass beispielsweise die Vorstufe des Serotonins im Darm resorbiert wird, ist der Zusammenhang zwischen Darm und Gehirnstoffwechsel doch eigentlich klar – ob nun Depression oder Schizophrenie….

#14 |
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Gast
Gast

Am meisten Angst muss der Mensch vor sich selbst haben!

#13 |
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Gast
Gast

[Kommentar von der Redaktion entfernt]

#12 |
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Studentin der Humanmedizin

Danke, Herr Dr. Wolkerstorfer, für Ihre freundliche Geste, die ich als solche interpretiere.
Ich muss die Luise Maria Plenk und Frau Dr. Lücker wohl furchtbar auf den Geist gegangen sein! Jeder hat so seine Lebensgeschichte. Entschuldigung also, Frau Plenk, möge Ihr Schwan elegant sein, schwarz oder weiss tut nichts zur Sache.
Ich bin mir auch schon seit Jahren sicher, dass die Schizophrenie eine pseudo-Christliche Krankheit ist, die ohne Grosskirchen, die sich christlich nennen, nie geboren worden wäre. Das Unterscheiden zwischen Gut & Böse finde ich ausgerechnet eine ganz individuelle Sache, da es zur Selbstentfaltung führt, und frei macht von Allem, was eben zu Nichts führt im besten Fall, zur Zerstörung im schlimmsten…
Ich schätze die Psychiatrie hoch für die Menschen, die sie bedürfen.

Edith Meyer

#11 |
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Gast
Gast

[Kommentar von der Redaktion entfernt]

#10 |
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Dr. med. Michael Hosch
Dr. med. Michael Hosch

Ad Kollegin Lücker:
Vielen Dank für Ihren mutigen Kommentar, der leider immer wieder zu beobachtende Umstände beleuchtet und dem grundsätzlich nichts hinzuzufügen ist (außer dass vielleicht Fr. Meyer gar nicht die Schuld trifft für das was sie “verzapft” hat).

#9 |
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Schizophrenie ist ein weites Feld und wahrscheinlich hat die Diagnose mehrere verschiedene Krankheitsursachen. Nicht jeder der Stimmen hört ist schizophren!
siehe bzw. höre auch dort: http://www.ted.com/talks/eleanor_longden_the_voices_in_my_head.html?utm_sour

#8 |
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Emin Arpaci
Emin Arpaci

http://www.faqs.org/patents/assignee/gw-pharma-limited/

The method as claimed in claim 15, wherein the psychosis or psychotic disorder to be treated is taken from the group: schizophrenia; schizophreniform disorder (acute schizophrenic episode); schizoaffective disorder; bipolar I disorder (mania, manic disorder, manic-depressive psychosis); bipolar II disorder; major depressive disorder with psychotic feature (psychotic depression); delusional disorders (paranoia); Shared Psychotic Disorder (Shared paranoia disorder); Brief Psychotic disorder (Other and Unspecified Reactive Psychosis); Psychotic disorder not otherwise specified (Unspecified Psychosis); paranoid personality disorder; schizoid personality disorder; and schizotypal personality disorder.

Read more: http://www.faqs.org/patents/app/20110038958#ixzz2c1RrRAL5

#7 |
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Christiane Lücker
Christiane Lücker

Ad Dr. Wolkerstorfer- warum sollte Fr. Plenk schweigen?
Selten habe ich so einen Quatsch gelesen wie den , den Fr. E. Meyer hier verzapft hat!

Ein bißchen drastische Diät, ein bißchen Hörigkeit – und alles wird gut!- und wenn nicht- was ja erwartungsgemäß beim überwiegenden Anteil der Kranken der Fall sein wird- hat dann der Patient versagt?- Oder der selbsternannte Anführer einer radikalen Einstellung zu “was- auch- immer” ? Aber nein!!!!
Zitat solcher “Heilsbringer: ” … dann ist/ war ihr Glaube an..( mich) … nicht stark genug!- gibt es ja in allen Bereichen: Krebs,…
C.L., FA für Allgemeinmed.

#6 |
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ad luise maria plenk: Bitte schweigen sie!

#5 |
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AKJP Angelika Rückel-Kast
AKJP Angelika Rückel-Kast

Bonsai
Der Psychoanalytiker sieht da durchaus berechtigte Probleme. Rein biologistische Erklärungen bergen die Gefahr, dass psychische Erkrankungen rein als körperlicher Defekt gesehen werden, was auch bedeutet, dass die Patienten entweder als Ausschußware der Natur angesehen werden könnten oder aber dass sich Patienten nur auf Medikamente verlassen und sich sozusagen keine psychischen Muskeln mehr durch Psychotherapie erarbeiten, um ihre Krankheit zu überwinden oder wenigstens ein befriedigendes und tragfähiges Coping zu erreichen. Es müßte nun zu Zeiten “Kandels” und “Hüthers” langsam klar sein, dass die Ursachen von Krankheiten und speziell psychischen Erkrankungen mulitfaktoriell bedingt sind. Es ist ja nun auch klar, dass Gene durch soziale Faktoren beeinflussbar sind und keine statische Angelegenheit sind, sonst wäre der Mensch schon lange ausgestorben. Also, Psychotherapie inklusive Psychoanalyse plus Medikamente sind wichtig und Gott sei Dank auch vorhanden.

#4 |
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Gast
Gast

Nun, das ist doch im Krankheitsverständnis ein gewisser Fortschritt,
mit Ausnahme dieses amerikanischen Psychoanalytikers und Psychotherapieforscher Jonathan Shedler natürlich. Es gibt ja auch in Deutschland noch “Therapeuten”, die Psychoanalyse anwenden.

mfG

#3 |
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luise maria plenk
luise maria plenk

Mein lieber Schwan!

#2 |
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Edith Meyer
Edith Meyer

Es könnte sein, dass es eine relativ hohe Dunkelziffer gibt bezüglich Schizophrenen, da diese keine Krankheitseinsicht haben, und als solche eher nicht psychiatrisch behandelt werden. Es könnten auch Verzerrungen im Spiel sein bei der Befragung der Patienten, die als solche behandelt werden. Die einen kennen die modernsten Diagnostiken mit bildgebenden Verfahren, die anderen kennen nur den privat praktizierenden Psychiater. Es liegt dann auf der Hand, dass das Patientengut aus den universitären Kliniken die Meinung vertretet, dass ihre Krankheit eine endogene, biologische Ursache hat, da sie so “erzogen worden sind”.
Weil das Krankheitsbild der Schizophrenie ganz divers ist, kann ich mit der Diagnose wenig anfangen. Isst man gesund, und kann man wählen zwischen Gut & Böse, und man lebt darnach, dann wird die Schizophrenie kaum je manifest werden. Ich stelle dann eher die Frage, ob nicht der Mensch als solcher veranlagt ist, da jeder die Gute über das Böse präferieren sollte. Wir stecken alle im Zwiespalt, und sollen Entscheidungen treffen. In den USA gibt es einen rohvegan lebenden Psychiater, der schreibt, dass bei genügend B-Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren in der Diät, ebenso wie durch eine Darmsanierung,die Schizophrenie heilbar ist. So meinte es auch Linus Pauling, und ich glaube fest daran. Bei mir gab es vereinzelt Psychiater, die eine Schizophrenie diagnostiziert zu haben glauben anhand des Gesprächs oder vor allem der Lebensgeschichte. Der eine meint, ich habe eine. Der andere meint, ich habe keine… Eine Grauzone, in die wenigstens ich mich nicht verstricken möchte. Es kostet Freiheit.

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