Hypnose: Nichts als Schnipp-Schnack?

1. Dezember 2009
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Hypnose hat mehr oder weniger ein Quacksalber-Image. Zwischen seriösen und unseriösen Praktiken zu unterscheiden, ist schwierig. Trotzdem oder gerade deswegen beschäftigen sich einige Wissenschaftler mit der Hypnose und schauen dabei ganz genau nach, was im Gehirn geschieht.

Eine Journalistin schilderte kürzlich ihre ersten Hypnose-Erfahrungen in NewScientist. Sie erlebte unter Hypnose, dass ihr linkes Bein schwer und ihr Arm von einer fremden Kraft bewegt wurde. Die ansonsten gesunde Frau fühlte sich dabei ganz normal – außer dass sie ein bisschen nervös war -, hörte den Straßenverkehr und nahm ihre Umwelt bewußt wahr. Offensichtlich gehört sie nicht zu der Personengruppe, die auf Hypnose besonders gut anspricht. Das Experiment fand bei David Oakley, emeritierter Professor am University College London, statt. Experimente dieser Art sind Teil eines wissenschaftlichen Projekts, das der Psychologe und einige Kollegen im United Kingdom starteten, um herauszufinden, was bei Hypnotisierten im Gehirn passiert. Dazu kreierte Oakley ein Versuchsdesign mit gesunden Menschen, bei denen er quasi per Fingerschnipp Symptome wie Lähmung oder fremd gesteuerte Bewegungen von Körpergliedern unter Hypnose ein- und ausschalten möchte. Mit diesen “virtuellen Patienten” sei es einfacher, die Gehirnaktivitäten zu studieren, so der Psychologe.

Krankheitssymptome per Hypnose nachstellen

Die UK-Forscher konzentrierten sich im Rahmen ihres Projekts auf seltene Konditionen, wie beispielsweise hysterische Blindheit, hysterische Lähmung oder das Capgras-Syndrom. Letzteres eine Wahnvorstellung, dass die geliebte Person durch einen Doppelgänger ersetzt wurde. Dass sich diese Symptome in gesunden Menschen per Hypnose nachstellen lassen, davon gingen die Wissenschaftler aus. Grundsätzliche Voraussetzung, dass es klappt, seien Personen mit einer sehr hohen Hypnotisierbarkeit. Außerdem müssten die virtuellen Patienten auch noch die gleichen Gehirnveränderungen wie die der tatsächlich Kranken aufweisen, damit sich der Ansatz für klinische Studien eigne. Um das herauszufinden, untersuchte sein Kollege Peter Halligan, Neuropsychologe der Universität Cardiff, die Gehirntätigkeit von hypnotisierten Studenten. Der einen Gruppe wurde suggeriert, dass das linke Bein gelähmt ist, und die andere wurde angehalten, die Lähmung vorzutäuschen.

Unterdrückt Hypnose Nervenprozesse?

Die Gehirn-Scans beider Gruppen zeigten klare Unterschiede. Allerdings ließ sich in beiden Fällen keine Übereinstimmung mit den Gehirnaktivitäten von Personen mit echter hysterischer Paralyse feststellen. Der Neurologe Dr. Yann Cojan, der an der Genfer Universität vergleichbare Studien betreibt, kam zwar zu dem gleichen Ergebnis. Aber er bezweifelt, dass Hypnose als Forschungs-Tool geeignet ist, klinisch relevante Ergebnisse für Personen mit echten Beschwerden zu erzielen. Kollegen und er beschäftigten sich mit der Frage, ob bei einer hypnotisch suggerierten Lähmung Nervenprozesse in gleicher Weise wie bei einer realen Paralyse unterdrückt werden. Für die Gehirn-Scans nutzten sie die funktionale Magnetresonanztomografie (fMRT). Das Ergebnis wurde im Fachmagazin “Neuron” veröffentlicht.

Schmerzlinderung ohne Nebenwirkung

Die Forscher aus Genf verglichen die Hirnaktivitäten von wachen und hypnotisierten Versuchspersonen. Dabei zeigte sich, dass die für die Bewegungssteuerung der Hand zuständigen Nervenzellen bei hypnotisierten Personen genauso aktiv waren, wie die bei wachen Menschen. Das heißt, die Bewegungsnerven werden nicht unterdrückt, wie bisher angenommen wurde. Die Schlussfolgerung der Forscher: Hypnose verursacht eine Unterbrechung der Verbindung zwischen den “befehlsgebenden “und den “ausführenden” Nervenzellen. Wozu dienen derartige Erkenntnisse? DocCheck fragte nach. “Sicher ist, dass Hypnose zur Schmerzreduzierung funktioniert. Sie wird auch bei Operationen eingesetzt, um den Einsatz von Opioiden wie Morphium zu senken und deren Nebenwirkungen zu vermeiden. Marie Elisabeth Faymonville hat sie für tausende Operationen in der Universität Lüttich eingesetzt. Mit unserer Forschung wollen wir klären, welche neuralen Prozesse Menschen erlauben, Zugang zu psychologischen Ressourcen zu erhalten.”, erklärt Cojan.

Keine Bedeutung in der Medizin

Zum Thema Hypnotherapie finden sich haufenweise Angebote im Internet. Es geht mehr oder weniger um Abnehmen ohne Diät, Raucherentzug oder Behandlung von Burnout-Syndromen. Fehlanzeige dagegen bei ernst zu nehmender Hypnose im deutschen klinischen Umfeld. Der Leiter des Instituts für angewandte Hypnose und Mentaltraining, Martin Wiedmann, berichtet, dass inzwischen zigtausende Stümper, Scharlatane und schwarze Schafe mit Kenntnissen von einem Wochenendkurs das Bild des Hypnotiseurs verunglimpfen. “Solange die hypnotische Behandlung nicht gesetzlich geregelt ist, wird sich daran nichts ändern”, so Wiedmann. Dipl. Psych. Dr. Burkhard Peter von der Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose, e.V., München, zur medizinischen Bedeutung: “Nur ganz wenige Kliniken bieten Hypnose an, allgemein ist der gesamte medizinische Bereich leider noch ziemlich unreaktiv.” Vielleicht muss man kritische Mediziner erst hypnotisieren, um das zu ändern. ;-)

26 Wertungen (2.85 ø)
Allgemein

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10 Kommentare:

Christiane Müller
Christiane Müller

Lieber Jürgen W. Schulz!
Sie sprechen mir aus dem Herzen!

#10 |
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manfred kneittinger
manfred kneittinger

Die Hypnose ist ein therapeutisches Verfahren, daß ich in meiner Praxis nicht missen möchte. Die Erfolge in der Therapie sind großartig, das bestätigen mir meine Patienten! Und um deren Wohlergehen geht es mir doch in meiner täglichen Arbeit. Punkt!!!!

#9 |
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Heilpraktiker

Zu Ihrem letzten humorvoll gemeinten Satz: Sie übersehen dabei, dass die Mediziner schon hypnotisiert sind, von ihrem einseitigen Studium, das als einige Wahrheit sich geriert, und von der Pharmaindustrie, die der Hauptanbieter für ihre Fortbildungen ist. Die würden sich ja den goldenen Ast absägen, auf dem sie sitzen, wenn sie Hypnose als effizient vorstellen würden….

#8 |
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Heilpraktikerin sabine schinagl
Heilpraktikerin sabine schinagl

Ich kann mich dem nur anscließen. Auch ich führe Hypnosen durch und ich erreiche auch sehr, sehr viel. Ich kann es nur empfehlen.

#7 |
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Hermann Gansel
Hermann Gansel

Den bereits genannten Kommentaren ist nichts hinzuzufgügen. Früher nannte Freud während der Entwicklung seiner Psychoanalyse diejenigen, die wenig Ahnung hatten aber trotzdem locker drauflosschwätzte,n Dilettanten…

#6 |
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Dieter Claus  Rostek
Dieter Claus Rostek

Schade das bei manchen Ärzten, nicht das ist, was nicht sein darf.

#5 |
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Dorothea Renate Schwierskott
Dorothea Renate Schwierskott

Die Hypnose ist hochwirksam, wie es sich immer wieder in meiner Praxis zeigt. Und braucht meist nur einige Sitzungen. Sicherlich ist sie nicht für alle Beschwerden und Krankheitsbilder geeignet, aber das ist kein medizinisches Verfahren. Warum muss mit Studien immer bewiesen werden, was sich praktisch bewährt? Durch diese Herangehensweise sind uns soviele Phytopharmmaka verloren gegangen, die sich immer bewährt haben, aber nicht die notwendigen Studien erbrachtn.
man kann eigentlich nur hoffen, dass die Hypnose weiterhin ihr “Schattendasein” führt, dann wird sie wenigstens nicht reglementiert.

#4 |
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HP Andreas Brandl
HP Andreas Brandl

Irgendwie schon witzig: Charcot, Neurologe an der Salpêtrière, hat Ende des 19. Jhdt. die gleichen Experimente gemacht. Er war fasziniert davon, Krankheitssymptome unter Hypnose auftauchen und wieder verschwinden zu lassen. Schon damals war vielen Fachleuten bekannt, dass dies nicht wirklich etwas mit hysterischen Symptomen zu tun hatte.
Es gibt heute keinen einigermaßen informierten Mediziner, der die Seriösität der modernen Hypnotherapie in Frage stellt. Seltsam, gerade jetzt einen Artikel zu lesen, der so auch aus dem 19. Jhdt. stammen könnte.

#3 |
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Heilpraktiker

Da scheint doch jemand zu beobachten was bei den Heilpraktikern gut funktioniert und schreit dann nach staatlicher Regelung um dann ausschliesslich für sich Rechte zu sichern. Mann o Mann. Schon wieder diese ärztliche Hilflosigkeit. Schaut doch mal über die Grenzen, was dort mit Hypnose gemacht wird. Durchaus mit Homöopathie vergleichbar, die in Spanien, Indien, Mexiko, USA an Hochschulen gelehrt wird…..In Deutschland scheint nicht die Wirksamkeit von Methoden, sondern der Neid das Interesse zu steuern

#2 |
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Heilpraktikerin

Selbstverständlich wird die Hypnose ignoriert. In der Regel erreicht man mit 3-5 Sitzungen mehr, als in jahrelanger Psychotherapie. Jahrelange Psychotherapie ernährt einen ganzen Berufszweig. Ein paar wenige Hypnosen nicht.

#1 |
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