Oropharynxkarzinom – ein Sex-Tumor?

9. Oktober 2018

Einer von neun amerikanischen Männern ist mit einem oralen HP-Virus infiziert. Besonders gefährdet sind Männer mittleren Alters, Männer mit häufig wechselnden Sexualpartnern und Homosexuelle. Wie sieht es in Deutschland aus? Wie können Männer sich schützen?

Humane Papillomviren, kurz HPV, können nicht nur Gebärmutterhalskrebs auslösen. Neben Tumoren in der Scheide, am Penis und am After können die kleinen, unbehüllten DNA-Viren aus der Familie der Papillomaviridae auch Ursache eines Mundhöhlenkarzinoms, dem sog. Oropharynxkarzinom, sein.

Kann, muss aber nicht

Insgesamt sind mehr als 200 verschiedene Humane Papillomviren bekannt, die sich in Haut- und Schleimhaut-Typen unterteilen lassen. Zur besseren Identifikation sind die einzelnen Viren nummeriert. Je nach Typ kann eine Infektion ganz ohne Folgen bleiben und z. B. von alleine ausheilen. Manche HPV-Typen führen zu harmlosen Zellveränderungen wie beispielsweise Warzen oder Genitalwarzen. Andere – die sog. Hochrisikotypen – steigern das Krebsrisiko. HPV-16 beispielsweise kann das Gewebe u. a. im Gebärmutterhals, in der Scheide, dem Penis, im Schambereich oder im Mund-Rachen-Bereich verändern. Dies bedeutet jedoch nicht, dass jede Infektion mit HPV-16 zwangsläufig zu einer Krebserkrankung führt – nur selten entsteht ein bösartiger Tumor.

Männer besonders gefährdet

Allerdings, so der Studienautor Ashish A. Deshmukh, Assistenzprofessor an der University of Florida Health, erkranken heutzutage in Amerika etwa 300 Prozent mehr Männer an einem Oropharynxkarzinom als noch vor 40 Jahren. Diese Tatsache war für Deshmukh und sein Team [Paywall] Grund genug, um die orale HPV-Infektion genauer zu untersuchen. Die hierfür benötigten Daten erhielten die Wissenschaftler aus der National Health and Nutrition Examination Survey 2011 – 2014. Dies ist eine für Amerika repräsentative Umfrage, die vom National Center für Health Statistics durchgeführt wird.

Dieser Untersuchung zufolge ist etwa einer von neun amerikanischen Männern mit einem oralen HPV infiziert. Insgesamt sind das etwa elf Millionen Männer. Deutlich seltener war das Virus im Mund-Rachen-Bereich dagegen bei Frauen nachgewiesen worden: nur etwa drei Millionen waren infiziert. Doch das ist nicht alles. Amerikanische Männer haben ein sechsmal höheres Risiko, sich mit dem potenziell krebsauslösenden HPV 16 anzustecken, als Frauen. Etwa zwei Millionen Männer sind von einer Infektion mit dem Hochrisiko-HPV betroffen.

Risikofaktor: mittleres Lebensalter, Homosexualität, viele Lebensgefährten

Die höchste Prävalenz fanden die Wissenschaftler bei Männern zwischen 50 und 69 Jahren. „Man vermutet [immer], dass Geschlechtskrankheiten wie das HPV bei jungen Erwachsenen häufiger sind, aber in diesem Fall hatten die Männer mittleren Alters die höchste Wahrscheinlichkeit für HPV-16“, so Studienautor Andrew Sikora. Und genau in dieser Altersgruppe nehmen auch die Fälle von Oropharynxkarzinome zu.

Weitere Risikofaktoren sind Homosexualität und häufig wechselnde Geschlechtspartner. Männer und Frauen mit gleichgeschlechtlichen Lebenspartnern beispielsweise hatten eine viermal höhere Wahrscheinlichkeit, sich mit einem oralen HP-Virus infiziert zu haben. Das höchste Risiko hatten jedoch Männer, die angaben, mehr als 16 Lebenspartner gehabt zu haben. Laut den Autoren waren diese zehnmal so häufig mit einem oralen HPV infiziert.

Tabakkonsum und Oralsex als Risikofaktoren

Carole Fakhry und Team von der Universität in Baltimore fanden zudem einen Zusammenhang zwischen oralen Sexualpartnern bzw. Tabakkonsum und einem erhöhten Risiko einer oralen HPV-Infektion. Für diese Erkenntnis hatten die Wissenschaftler knapp 13.000 Daten aus der National Health and Nutrition Examination Survey ausgewertet und herausgefunden, dass etwa 15 Prozent der Männer, die rauchten und mit mehr als fünf verschiedenen Partnern Oralsex gehabt hatten, mit einem oralen HPV infiziert. Bei den männlichen Studienteilnehmern, die oralen Sex mit maximal einem Partner gehabt hatten, waren dagegen nur knapp zwei Prozent von einem oralen HPV betroffen.

Auch Vanessa Hearnden von der englischen University of Sheffield fand heraus, dass Oralsex und Rauchen die Wahrscheinlichkeit einer oralen HPV-Infektion erhöhte. Für ihre Untersuchung hatten Hearnden und Team etwa 700 Männer und Frauen in Sheffield. Zusätzlich waren die Teilnehmer nach ihrem Lebensstil befragt worden. Dabei stellte sich heraus, dass etwa zwei Prozent Leute sich mit einem oralen Hochrisiko-HPV infiziert hatten. 0,7 Prozent wurden positiv auf HPV 16 und HPV 18 getestet. Im Gegensatz zu früheren Studien aus Schottland und den USA, die eine Infektionsrate mit einem oralen Hochrisiko-HPV von etwa vier Prozent gefunden hatten [1, 2], war das Ergebnis der Sheffield-Studie niedriger als erwartet.

Allerdings sollte einem bewusst sein, dass dies nur Assoziationen sind, eine Kausalität konnten noch nicht nachgewiesen werden. Und noch etwas: diese Zahlen erlauben nicht unbedingt einen Rückschluss auf das Krebsrisiko, da die unterschiedlichen HPV-Genotypen unterschiedliches onkogenes Potenzial aufweisen.

Mehr ältere Patienten, dafür bessere Prognose

Fünf Monate später veröffentlichte Fakhry eine weitere Studie, für die die Wissenschaftlerin zusammen mit ihrer Gruppe retrospektiv Daten von mehr als 200 Menschen ausgewertet hatte, die zwischen 1995 und 2013 an einem Oropharynxkarzinom erkrankt waren. Dabei zeigte sich, dass etwa 60 Prozent der Betroffenen positiv auf das Hochrisiko-HPV 16 getestet worden waren. Zudem stieg während des Untersuchungszeitraums das Durchschnittsalter der HPV-16-positiv getesteten Patienten von 53 Jahre (Zeitraum: 1995-2000) auf 58 Jahre (Zeitraum: 2001-2013) an. Das mittlere Alter der HPV-16-negativ getesteten Betroffenen blieb jedoch gleich. Bei den über 65-jährigen erhöhte sich der Anteil der HPV-16-positiv getesteten Patienten von etwa 40 Prozent (Zeitraum: 1995-2000) auf 75 Prozent (Zeitraum: 2007-2013).

Wie sieht es in Deutschland aus?

In Deutschland deuten einige Studien ebenfalls darauf hin, dass Oropharynxkarzinome in den letzten Jahren zugenommen haben [1, 2 (Paywall)]. Verlässliche Zahlen zu bösartigen Kopf-Hals-Tumoren, zu denen neben Tumoren der Mundhöhle und des Rachens auch Karzinome des Kehlkopfes, der Nase, der Nasennebenhöhlen und des äußeren Halses zählen, gibt es in Deutschland jedoch nicht. Man vermutet, dass in Deutschland im Jahr etwa 9.000 Männer und knapp 4.000 Frauen an einem bösartigen Tumor der Mundhöhle und des Rachens – sowohl HPV-assoziiert als auch nicht durch HPV bedingt – erkranken. Männer sind zum Zeitpunkt der Diagnose etwa 63 Jahre, Frauen 66 Jahre alt.

„Es ist aufgefallen, dass bei Männern, die in jüngeren Jahren an einem Tonsillenkarzinom erkrankten, nicht das Rauchen und der Alkohol die Ursache der Krebserkrankung waren, sondern das HP-Virus. Zum Zeitpunkt der Erkrankung waren diese Männer nicht zwischen 60 und 70 Jahre, sondern eher 50 bis 60 Jahre alt,“ sagt ein der DocCheck News-Redaktion bekannter Onkologe. „Mit dem Virus infiziert haben sich die Betroffenen jedoch früher. Das HPV benötigt etwa zehn bis zwanzig Jahre, bis es den Krebs erzeugt. Allerdings erkrankt nicht jeder mit HPV-Infizierte automatisch an einem Karzinom.“

Doch wie viele der bösartigen Kopf-Hals-Tumore gehen wirklich auf das HPV zurück? Laut einer Studie der Internationalen Agentur für Krebsforschung sind etwa vier von 100 Patienten mit einem Tumor in der Mundhöhle mit HPV infiziert. Bei Tumoren des Rachens sind es etwa 18 Personen. Zudem wird ein Zusammenhang zwischen Kehlkopfkrebs und HPV-Infektion vermutet. Im Gegensatz zu Fakhry und Hearnden sind laut dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums typische Risikofaktoren für Tumore im Kopf-Hals-Bereich wie z. B. Rauchen und Alkoholkonsum bei vielen HPV-positiven Krebspatienten seltener.

Zwei verschiedene Formen, dennoch gleiche Therapie

Die Therapie HPV-positiver und HPV-negativer Oropharynxkarzinome unterscheidet sich zwar noch nicht. „Bisher laufen noch Studien, ob man Deeskalieren kann, weil diese [HPV-positiven Oropharynxkarzinome] prognostisch unter Strahlentherapie günstiger verlaufen“, so der Onkologe.

Laut den Wissenschaftlern um Baki Akgül vom Institut für Virologie der Uniklinik Köln [1, 2 (Paywall)] handelt es sich „bei HPV-assoziierten und HPV-negativen Kopf-Hals-Tumoren um zwei verschiedene Formen.“ Sowohl bei ihrer Entstehung als auch bei ihren biologischen Eigenschaften gäbe es deutliche Unterschiede. Während bei den Karzinomen, die nicht auf HPV zurückzuführen sind, Tabak- und Alkoholkonsum die Hauptrisikofaktoren darstellen, ist bei HPV-positiven Tumoren eine Infektion die Ursache. Tumore, die auf eine Infektion mit HPV zurückgehen, wachsen schneller invasiv und metastasieren früher. Dennoch würden die beiden Tumore identisch behandelt.

Zusammen mit den Wissenschaftlern von der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde der Uniklinik Köln konnte das Team und Akgül zeigen, dass HPV 16 die Zahl der mobilen Krebsstammzellen, die für die Metastasierung verantwortlich sind, deutlich erhöhen kann. Die stationären Stammzellen werden jedoch nicht wesentlich beeinflusst. Für die Ausbreitung der mobilen Stammzellen aktiviert HPV 16 bestimmte Signalwege, wodurch Epithelzellen durch Verlust der Zell-Zell-Kontakte ihre gewebsspezifischen Eigenschaften verlieren. Nach Wanderung in andere Organe initiieren sie Metastasen, die nach wie vor Eigenschaften des Primärtumors aufweisen.

Auf molekularer Ebene scheint eine bestimmte Nukleinsäure, die sogenannte miRNA-3194-5p (bei miRNAs handelt es sich um nicht-kodierende RNA-Moleküle), eine wichtige Rolle zu spielen. Prof. Akgül erklärt in der Pressemitteilung: „Wir konnten die miRNA-3194-5p als einen Schlüsselregulator der HPV16-vermittelten Metastasierung identifizieren und werden diese hinsichtlich ihrer Funktion während der Metastasierung HPV-bedingter Tumoren zukünftig weiter charakterisieren. Es könnte sich hierbei um ein Zielmolekül für die Entwicklung stärker zielgerichteter Krebs-Therapien für HPV16-bedingte Karzinome handeln“. Gefördert wurde die Studie von der Deutschen Krebshilfe.

Impfung für alle

„Ob ein Gesunder mit HPV infiziert ist, wird nicht untersucht,“ so der Onkologe. „Bei Patienten mit einem Zungengrund- und Tonsillenkarzinom, also Oropharynxkarzinom, jedoch wird standardmäßig mituntersucht, ob der Patient mit HPV infiziert ist. Grund hierfür ist, dass nur Oropharynxkarzinome mit HPV assoziiert sind, weil das Virus nur in diese Region hineingeht“, erklärt der Onkologe.

Doch wie kann man sich am besten vor einer Infektion mit einem oralen HPV schützen? Hier empfiehlt der Onkologe klar die HPV-Impfung, da diese auch die oralen Karzinome beeinflussen soll. Seit Mitte dieses Jahres wird diese von der Ständigen Impfkommission nicht nur für Mädchen, sondern auch für Jungen empfohlen.

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Bildquelle: Ed Uthman, flickr / Lizenz: CC BY

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2 Kommentare:

Klaus Samer
Klaus Samer

Auch wenn man ob der Vielzahlt der Viren wahrscheinlich mit einem begrenzten Impfmix nicht alles abdecken kann, macht die Impfung von Jungen und Mädchen sicher Sinn.

Gleichzeitig würde sich ein kostenloses Angebot für Hochrisikogruppen wie z.B. Prostituierte und promiske männliche Erwachsene empfehlen.

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Angelika Oetken
Angelika Oetken

Katholische Orden mit mehreren Standorten können ihre TäterInnen auf die Reise schicken. Mit ihnen ziehen verschiedene Geschlechtskrankheiten, mit denen sie ihre Opfer infizieren. Allen voran das Humane Papillomvirus. In folgendem Fall wurde der Kehlkopf- und Rachenkrebs eines in der Kindheit durch 2 Salesianerpater oral missbrauchten Mannes auf psychische Faktoren zurückgeführt http://www.vol.at/missbrauchsopfer-klagt-schadenersatz-von-oblaten-orden-ein/apa-1435488660. Die spielen eine Rolle und können den Ausbruch der Krebserkrankung fördern. Aber dank neuer Methoden lassen sich Infektionswege personalisieren. Das könnte in Zukunft auch helfen, MissbrauchstäterInnen zu identifizieren.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

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