Uncle Sick übt Selbstkritik

3. Dezember 2009
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Die Johns Hopkins-Studie erschien kurz vor der Abstimmung zur Gesundheitsreform in den USA. Der Bericht beeinflusste vermutlich den Ausgang der Wahl: 17.000 Kinder in 17 Jahren verstarben in amerikanischen Kliniken, weil sie keine Krankenversicherung hatten.

Für US-Präsident Barack Obama war es ein emotionales Deja Vù. Als am 21. November das Weiße Haus das “historische Votum“ erwähnte, vergaßen viele, dass die vom Obama versprochene Gesundheitsreform nur knapp durchkam. 58 Parteidelegierte der Demokraten und zwei unabhängige Senatoren ebneten dennoch den Weg für einen Gesetzentwurf, der allen US-Amerikanern eine Krankenversicherung ermöglichen soll. Womöglich hatten Obamas Unterstützer bei allen Zahlen und Statistiken, die in der Diskussion eingebracht wurden, vor allem eine Größe im Gedächtnis. Glaubt man einer Studie des Johns Hopkins Children’s Center, die nur einige Tage vor der Washingtoner Abstimmung im Fachblatt Journal of Public Health erschien verstarben zwischen 1988 und 2005 rund 17.000 Kinder in amerikanischen Krankenhäusern, weil sie keine Krankenversicherung hatten. Die Message der Publikation kam für den Präsidenten in besonders schlichter Weise daher. Für die einzige real existierende Supermacht der Welt am Ende der ersten Dekade des neuen Millenniums gilt nach wie vor: Krankenversichert – oder tot.

Dunkelziffer viel höher

Tatsächlich ist die Veröffentlichung von Fizan Abdullah für amerikanische Verhältnisse ein Novum. Mehr als 23 Millionen Krankenhausberichte aus 27 Bundesstaaten liefern die Basis der einzigartigen Untersuchung. Unter Berücksichtigung aller Faktoren fand das Team am Johns Hopkins Children’s Center heraus, dass unversicherte Kinder ein um 60 Prozent höheres Sterblichkeitsrisiko aufwiesen als jene kleinen Patienten, die versichert waren.

Als besonders besorgniserregend erweist sich vor allem ein Aspekt: Die hohe Sterblichkeit ist Abdullah zufolge unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung. Auch sei die Dunkelziffer vermutlich höher, schrieben die Autoren – weil die Berichte lediglich den Zeitraum des Krankenhausaufenthalts berücksichtigen. Um die Zahlen exakt zu erfassen, setzten die Mediziner ein kompliziertes Simulationsprogramm ein. Denn aus den real vorliegenden Daten der 27 Bundesstaaten ließ sich erkennen, wie hoch die Sterblichkeit in diesen Gebieten war. So verstarben von 22,2 Millionen versicherten Kindern insgesamt 104.520, also 0,47 Prozent. Von 1,2 Millionen Unversicherten überlebten 9.468 den Aufenthalt nicht, demnach 0,75 Prozent. Diese Zahlen fütterten wiederum ein Computerprogramm, das anhand der Diagnosen und Behandlungsdaten die Todesfälle infolge einer fehlenden Krankenversicherung eruierte. Das Endergebnis des höchst komplexen Vorgangs verblüffte Kinderchirurgen Abdullah: Im Vergleich zu der versicherten Gruppe waren im unversicherten Pendant 16.787 Kinder mehr gestorben.

So seltsam es klingen mag: Eine klassische Zwei-Klassen-Medizin, bei der aus Kostengründen zwischen der Qualität der Leistungen unterschieden wird, gibt es für Kinder in den USA trotz dieser Statistiken nicht. Auch US-Krankanhausärzte tun alles, um Kinder zu retten. Das belegen die Zahlen, die Abdullah ebenfalls vorlegt: Einmal eingeliefert, erhielten alle Kinder in den meisten Fälle die gleiche Therapie, selbst die Aufenthaltsdauer unterschied sich statistisch betrachtet nicht. Warum aber sterben Nichtversicherte im Vergleich zu der versicherten Gruppe derart massiv? Eine Erklärung lieferte ebenfalls das mit Daten gefütterte Simulationsprogramm. Danach wurden Kinder ohne Krankenversicherung in den meisten Fällen über die Notaufnahme, also den Emergency Room, behandelt. Vorherige und exakte Diagnosen durch überweisende Ärzte fehlten ebenso wie wichtige Laboruntersuchungen, wie Abdullah zu erklären weiß. „Tausende von Kindern sterben jedes Jahr, weil wir ein Gesundheitssystem haben, das ihnen keine Krankenversicherung ermöglicht“, kritisiert Abdullah, und: „Es ist nicht eine Frage der Finanzierung, sondern der Moral“.

Ärzte im Visier der Senatoren

In Wirklichkeit freilich geht es um beides – und hochrangige Politiker entdecken die Ärzteschaft als Zielgruppe. So sorgte eine Stellungnahme des republikanischen Senators Chuck Grassley im New England Journal of Medicine (NEJM) am 19. November 2009 für Aufsehen, als dieser die Reformpläne Obamas als unpraktikabel darstellte und darauf verwies, dass am Ende mehr als 25 Millionen Amerikaner immer noch ohne Krankenversicherung dastehen könnten. Zudem, folgerte Grassley, sei die anstehende Reform kaum ökonomisch realisierbar. Vielleicht mag daher der US-Präsident trotz solcher Kritik seine Demokraten am vergangenen Samstag auch das mit auf den Weg in die Abstimmung mitgegeben haben: Weil die meisten Eltern ohne Krankenversicherung den Gang zum Pädiater schon aus Kostengründen scheuen, landen die kleinen Patienten erst dann im Krankenhaus, wenn sich die Erkrankung in einem sehr fortgeschrittenen Stadium befindet. Ohne Reform wird es auch in Zukunft für Tausende so bleiben: 46 Millionen Menschen in den USA sind derzeit nicht krankenversichert, 6 Millionen davon sind Kinder.

88 Wertungen (4.57 ø)
Allgemein

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6 Kommentare:

Stefan Kelter
Stefan Kelter

Es sieht ganz danach aus, als würde die FDP ähnliche Zustände wie derzeit in den USA letztendlich bei uns herbeiführen wollen.
Und – als Antwort auf eine andere Stimme hier – ernstzunehmende Argumente gegen das Recht auf adäquate Heibehandlung sind so rar wie ernstzunehmende Argumente für Kindesmisshandlung.

#6 |
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Zahnärztin

Ich bin erschüttert! Ein Land, das Millionen über Millionen in den vermeintlichen Krieg gegen den unbekannten Feind verballert, natürlich nicht wegen der Ölverräte….ist nicht in der Lage zumindest den Kindern, immerhin 6 Mio. eine adäquate Gesundheitsversorgung zu gewährleisten? es fehlt einem der Glaube!
Hippokrates WER?????

#5 |
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Christian Veauthier
Christian Veauthier

Ich drücke Obama natürlich die Daumen !! und denke es wäre super, wenn er es schaffen würde und ich finde ein staatliches Gesundheits-System wichtig, bin natürlich pro Obama. Es ist jedoch trotzdem interessant zu versuchen zu verstehen, wieso sie in den USA so dagegen sind. Es kommt uns hier nur so vor, als wenn die Gegner dieser Idee nur irrational wären, da wir die Mentalität und die Gegebenheiten von hier aus scheinbar nicht genug verstehen. Wenn man die Talkshows auf Fox oder CNN sieht, dann hört man Diskussionsteilnehmer sagen, Obama wolle, dass das Niveau auf das absinke von Frankreich oder England (???). Manche steigern das noch und rufen über die Obama-Pläne empört aus: “thats Canada!”. Viel schlimmer!: Canada als abschreckendes Beispiel! wo man doch nur sehe, dass die kanadischen Bürger nach Buffalo (USA) fahren, da sie in Kanada kein zeitnahes MRT bekämen (sondern 6-8 Wochen warten müssen, 1 Jahr warten auf eine neue Hüfte etc.). Und das wolle Obama in den USA einführen! Die Leute, die aktuell krankenversichert sind, befürchten halt, dass SIE in Zukunft Schlange stehen müssen, wenn sie eine Leistung wollen. Sie sind gegen eine staatliche Versicherung, da sie befürchten, ihre eigene Situation verschlechtere sich. Deswegen legen sie so darauf Wert, dass nur eine Zusatz-Versicherung eingeführt wird und keine gesamt-staatliche Kasse. Und dann denken in Amerika halt immer noch viele Menschen, dass jeder für sich selber verantwortlich sein muss. Ausserdem wird mit der staatlichen Gesundheitskasse auch der Wettbewerb eingeschränkt werden (Preisbindung für Arzneimittel) etc. In der amerikanischen Presse werden schon viele verschiedenen Argumente gegen eine staatliche Gesundheitskasse genannt. Ein Hauptargument ist auch der staatliche Zwang : derzeit können sich viele Arbeitnehmer versichern, tuns aber nicht – warum auch immer. Also Kommunismus-Ängste sind nicht die Haupt-Gründe, sondern nur besonders plakative Überschriften für unsere Nachrichten hier (unsere Presse polarisiert halt auch) – aber trotzdem weit entfernt vom Solidar-Prinzip.

#4 |
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Weitere medizinische Berufe

Das “reiche” Amerika sollte Vorbild sein, ja als Schlußlicht mit seiner sozialen Praxis in der ganzen westlichen Welt

#3 |
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Dr Joachim Gartzke
Dr Joachim Gartzke

Das sind die neuen Ufer, zu denen wir in Deutschland mit Herrn Rösler als Gesundheitsminister aufbrechen wollen, und das noch “demokratisch” mit fast der Hälfte Nichtwähler. Wie einige andere gesellschaftlich relevante soziale Dinge darf das Gesundheitswesen nicht einer gewinnträchtigen Profitgier unterworfen werden. Es ist schon eine merkwürdige Art des Handelns eines “demokratischen” Staates, der die Rosseau’schen Maximen auf seine Fahne geschrieben hat. Also auch das nur Utopien.

#2 |
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Es wäre interessant, die genauen Argumente der Reformgegner einmal zu hören. Bisher liest man Äußerungen wie : Obama will den Kommunismus einführen und ähnlichen- mit Verlaub- Quatsch. Aber es muss doch auch – neben den finanziellen- ernst zu nehmende Argumente geben, die Menschen dazu bringen, Ihren MItmenschen das Recht auf ein adäquate Heilbehandlung verwehrenn zu wollen.

#1 |
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