Neues Mittel gegen Schusselpatienten?

21. September 2018

Wann steht die nächste Vorsorgeuntersuchung an? – Keine Ahnung. Welche Medikamente nehmen Sie? – Schweigen. Patienten sind oft schlecht über ihre eigene Gesundheit informiert und viele Unterlagen fehlen. Als Arzt kann man so nicht arbeiten. Kann Vivy helfen?

„Ich habe mir Vivy angeschaut und heruntergeladen“, sagt Dr. Frauke Gehring gegenüber DocCheck. Sie ist Fachärztin für Allgemeinmedizin aus Arnsberg. „Ich finde es tatsächlich sinnvoll. Kritisch war für mich die Frage der Datensicherheit; es gibt keine sensibleren Daten als Gesundheitsdaten, und die müssen ausreichend geschützt sein. Es heißt, dass die unterstützenden Krankenkassen keinen Zugriff darauf haben, und ich hoffe nur, dass das stimmt.“ Patienten rät sie, darauf zu achten, dass ihr Handy nicht gehackt werde oder mit Password herumliege.

Versicherte von 14 gesetzlichen und zwei privaten Krankenkassen können ab sofort ihre persönlichen Daten plus Arztbefunde, Röntgenbilder oder Medikamente in einer elektronischen Gesundheitsakte speichern. Die kostenlose App Vivy steht insgesamt rund 13,5 Millionen Versicherten zur Verfügung, wie das gleichnamige Berliner Start-up mitteilte.

Befunde hochladen

Umfragen zeigen, dass Patienten nicht gerade zuverlässig sind, wenn es um ihre eigene Gesundheit geht. Laut einer von der Vivy GmbH zitierten Forsa-Umfrage  mit 1.000 Versicherten wissen 69 Prozent nicht, wann die nächste Impfung ansteht. Und 43 Prozent haben keine Ahnung, wann die nächste Vorsorgeuntersuchung ansteht. Von Mehrfachuntersuchungen aufgrund fehlender Patientendaten berichten 25 Prozent der Interviewten. Und 50 Prozent aller Personen mit Dauermedikation wissen kaum etwas über Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen. Eigentlich sollte hier die elektronische Patientenakte als Teil der gematik-Infrastruktur Abhilfe schaffen. Doch die ist noch immer nicht in Sicht. Diese Lücke will Vivy mit seiner App für Smartphones schließen.

Patienten können in der App nicht nur Termine speichern, sondern auch Dateien hochladen, etwa Befunde oder Dateien aus der Bildgebung. Medikamente lassen sich sowohl über den etablierten Medikationsplan als auch über Eingabe oder Scan des PZN-Codes auf der Verpackung ergänzen. Die App warnt vor potenziellen Interaktionen. Ein digitaler Impfpass und automatische Erinnerungen an empfohlene Vorsorgeuntersuchung helfen dem Nutzer, Erkrankungen vorzubeugen. Und für den Notfall können wichtige medizinische Informationen hinterlegt und über einen Sticker, z.B. auf der Versichertenkarte, für Rettungspersonal verfügbar gemacht werden.

 

 

© Vivy

„Mehr Arbeit für Ärzte“

Zum Nutzen für Ärzte meint die Kollegin: „Was mir im Prinzip gut gefällt, ist der Medikamentenplan mit Interaktionshinweisen. Man wird aber noch sehen, ob diese ‚nerven‘: Manchmal muss man als Arzt gewisse Interaktionen tolerieren, und es kann sein, dass sich dann endloser Gesprächsbedarf ergibt.“ Sie bewertet auch die Erinnerung an Medikamenteneinnahmen, Impfungen und Check Ups als hilfreich. Das treffe auf Befunde ebenfalls zu, aber noch ist der Weg zur Praxissoftware weit: „Wir müssen dann alles, was wir nur elektronisch haben, zum Einscannen wieder ausdrucken! Diese Kosten müsste man an die Patienten weitergeben.“

Ihr Fazit: „Ich finde das Tool für Patienten hilfreich, für Ärzte macht es eher mehr Arbeit.“ Rückfragen von Patienten habe sie bisher nicht bekommen.

Patienten fotografieren viel

Dr. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin aus Dortmund, bewertet die App ebenfalls für DocCheck: „Vivy versucht offensichtlich, die bisher rudimentäre gematik-Infrastruktur auszuhebeln.“ Dass Smartphone-Nutzer verschiedene Apps verwenden, sei offensichtlich. Viele Patienten würden Medikamente, Impfbücher, sichtbare Haut- und Schleimhaut-Veränderungen, Arztbefunde, Krankenhausbriefe o.ä. fotografieren. Deshalb sei die entsprechende App-Entwicklung „sinnvoller, als eine völlig insuffiziente Speicherkapazität der offiziellen Versichertenkarten mit Cloud-Technik und externen Megaspeichern aufzumotzen, wo letztlich jeder mitlesen könnte, wenn er nur wollte“. Zu Nachfragen sei es in seiner Praxis aber noch nicht gekommen.

Mehr Behandlungsqualität, weniger Chaos

Im Gespräch mit DocCheck erzählt Christian Rebernik, CEO und Gründer von Vivy, warum auch Ärzte von der App profitieren: „Die Behandlungsqualität verbessert sich, da ihnen alle Informationen zur Verfügung stehen, etwa Befunde, Daten aus der Bildgebung oder Laborwerte.“ Gleichzeitig gelinge es, die Compliance bei Pharmakotherapien zu verbessern. „Außerdem vereinfacht sich das Patienten- und Praxismanagement“, ergänzt Rebernik. „MFA müssen nicht mehr ständig – wie momentan – herumtelefonieren, wenn Unterlagen fehlen.“ Ab 2019 soll es Schnittstellen zu gängiger Praxissoftware oder auch zu Klinikinformationssystemen geben. Heute ist der Datenaustausch bereits Ende-zu-Ende-verschlüsselt über einen Web-Browser möglich.

„Vivy wird im Praxisalltag vieles einfacher machen, Doppeluntersuchungen vermeiden helfen und mehr Transparenz für Behandler und Patienten schaffen“, bestätigt auch Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, in einer Meldung. Ab Anfang 2019 soll es Schnittstellen zu gängiger Praxissoftware oder Klinikinformationssystemen geben. Derzeit arbeiten Ärzte mit E-Mails oder mit direkten Uploads.

Wie sicher sind die Daten?

Nach Angaben des Unternehmens sind bei Vivy alle Daten sicher: Weder die Entwickler der App noch Krankenkassen oder Versicherungen hätten dem Hersteller zufolge Zugriff. Nur die Nutzer selbst entscheiden, mit wem sie Daten teilen, etwa mit Ärzten ihres Vertrauens. Beim Thema Datenschutz und Datensicherheit setzt der Anbieter auf hohe Standards. Patienten müssen sich bei der Erstanmeldung basierend auf ihrem Ausweis und einem Video identifizieren. Vivy wurde durch den TÜV Rheinland und durch die ePrivacy GmbH zertifiziert.

Mehrere Schwachstellen

Beim Chaos Computer Club macht sich eher Skepsis bemerkbar. „Es wird mit der Zeit herauskommen, wie gut die Verschlüsselung wirklich ist, meint dessen Sprecher Falk Garbsch. „Die Zahl der Angriffe auf Smartphones steigt immer weiter.“ Nach zwei Jahren gebe es bei den Geräten üblicherweise keine Sicherheits-Updates mehr.

Prof. Gerd. Glaeske von der Universität Bremen sieht im MDR-Magazin „Hauptsache Gesund“ gleich mehrere Achillesfersen aus dem Blickwinkeln von Ärzten und Patienten:

  • Viele für die App erforderliche Daten, etwa E-Rezepte, seien derzeit nicht verfügbar.
  • Eine App könne leicht mitgelesen werden und gehackt werden. Besser sei die ursprüngliche Lösung, Daten per eGK zu speichern.
  • Menschen ohne Smartphone könnten die App nur umständlich am Computer nutzen.

Zusammenfassend spricht Glaeske von „guten Ansätzen“. Allerdings sei Vivy eine von vielen Anwendungen, die es bereits auf dem Markt gebe. Das letzte Wort haben wohl die Patienten.

38 Wertungen (3.87 ø)
Gesundheitspolitik, Medizin

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8 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Sinnvoll wäre es, erst mal dafür zu sorgen, dass die Daten, die gespeichert werden sollen, auch zutreffen.
Es kommt öfter vor, dass die Anamnese eines Arztbriefes in wesentlichen Punkten falsch ist. Wieso und warum kann ich nur spekulieren. Hat der Arzt nicht richtig zugehört? Oder hat er beim Diktieren des Arztbriefes schon wieder einiges vergessen? Oder gab es andere Mißverständnisse?
Viele Patienten ahnen nicht, was für Fehler sich da oft eingeschlichen haben.
Dass aber eine falsche Anamnese zu Fehlbehandlungen beitragen kann oder auch nur zu einer Diffamierung des Patienten, ist dadurch immer wieder möglich.

#8 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich habe zwar ein Smartphone, nutze es aber nur zum Telefonieren und vereinzelt zum Fotographieren. Daten darin zu speichern, ist mir fremd, weil ich dazu meinen PC nutze. Ich habe nämlich keine Lust auf einem Mini-Bildschirm einzelne Daten lesen zu müssen. Nein, das ist doch wenig komfortabel und für ältere Menschen, die schlecht sehen, eh nicht praktikabel.

Ich würde also so eine “App” (gibt es dafür nicht auch ein dt. Wort?) keine Verwendung bei mir sehen.
Und ich kenne viele Menschen, die mit ihren Smartphones ähnlich verfahren. Viele haben auch gar keines, weil man mit einem normalen Handy viel leichter beim Telefonieren zurecht kommt.

Was den kritisierten Umgang der Patienten mit ihren medizinischen Problemen angeht:
Wenn ein Patient sich nicht so verhält, d. h. wenn er seine Arztbriefe sammelt und mit in die Arztpraxis nimmt, wird er teils heftig deswegen kritisiert. Von Seiten der meisten Ärzte ist man das nicht gewohnt und so werden die Patienten, die ihre Befunde in Papierform mitführen, wie es oben für sinnvoll angesehen wird, gar noch als “auffällig” im psychiatrischen Sinne diffamiert.
Also: Was soll ein Patient nun wirklich tun?
Sich belächeln lassen, weil er Befunde mitführt oder als schusselig oder schlampig gelten, wenn er das nicht tut?

#7 |
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Seit wann muß man etwas, das man „nur elektronisch“ hat, ausdrucken, um es wieder einscannen zu können?
Das sind doch Daten, die man weitergeben und dann auch weiterverarbeiten können sollte, oder?
Auf der Basis solcher mangelhaften Erkenntnisse ist dann natürlich auch keine vernünftige Nutzung des technisch Möglichen zu erwarten!

#6 |
  3
Sonstige

In Zeiten, wo man seine kompletten Handydaten freigeben muss, um fragwürdige Dienste wie Whats-App, Facebook und andere nutzen zu können, sollte man sich um die Datensicherheit keine Gedanken mehr machen: die gibt es einfach nicht! Selbst Fitnessarmbänder wollen alles, aber auch alles von einem Wissen.
Und das diese Daten dann doch noch an die Krankenkassen weiterverkauft werden können, kann letztlich keiner verhindern.
Und schwupp – “Tut uns leid, aber bei Ihrem Lebenswandel müssen wir Ihren individuellen Krankenkassenbeitrag um einiges erhöhen”

#5 |
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Student der Pharmazie
#4 |
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Eine Kapazität von sagenhaften 256 Byte hatte die alte GKV-Versicherten-Karte schon im vorigen Jahrhundert. Ab 1.1.2015 hat die aktuelle elektronische Gesundheitskarte der Gesetzlichen Krankenkassen angeblich einen “eigenen kleinen Mikroprozessor” (?) mit einem lächerlichen Arbeitsspeicher von 32 oder 64 kB. Zuverlässige Quellenangaben gibt es dazu aus verständlichen Gründen nicht.
Denn das erinnert an den längst beerdigten Commodore 64-PC, den viele nicht kennen können, weil sie damals noch gar nicht geboren waren. Dass die GEMATIK-Infrastrukturen an diesen Methusalem-Verhältnissen scheitern und auch andere Smartphone Start-ups nur gewinnen werden, liegt auf der Hand.
Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

#3 |
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Nichtmedizinische Berufe

Gerade tüddelige Senioren kommen mit so einer App gar nicht klar. Ich nehme daher an, der Verfasser des Artikels meinte gar nicht “schusselig” , sondern viel eher: nachlässig, schlampig.

#2 |
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Heilpraktiker

Im Ansatz sicher eine brauchbare App, jedoch für viele “schusselige” Senioren mit den sogenannten Seniorenhyndys nicht nutzbar, da diese i.d.R. keine Smrtphonefunktion haben.
Die Datensicherheit muß sich erst heraus stellen.

#1 |
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