Zirkumzision: Ode an die Vorhaut

24. Oktober 2018

In Dänemark wird über ein Beschneidungsverbot bei Kindern debattiert. Auch die überarbeiteten Leitlinien zu Phimose und Paraphimose sprechen sich im Zweifelsfall für den Erhalt der Vorhaut aus. Fällt Ärzten die Entscheidung für oder gegen eine Zirkumzision jetzt leichter?

Beschneidung der Vorhaut – dieses Thema sorgt immer wieder für Kontroversen. Diesen Herbst wird etwa das dänische Parlament darüber entscheiden, ob eine Zirkumzision unter 18 Jahren verboten werden soll. Im Juni hatten 50.000 Dänen eine Petition gegen die Beschneidung von Minderjährigen unterschrieben. Auch in Island und Schweden wird ein Verbot im Parlament debattiert. In Deutschland ist die Rechtslage klar: Seit 2012 gilt § 1631d BGB, dass die Beschneidung männlicher Juden und Muslime in jedem Alter erlaubt ist, sofern dies nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ geschieht.

Das Gesetz hat Rechtssicherheit für die Religionsgemeinschaften gebracht. Aus medizinischer Sicht bleibt die Beschneidung umstritten: Ob sie notwendig ist, und wenn, in welcher Form, hängt von der Bewertung einzelner Symptome, Befunde und Beschwerden sowie von der Erfahrung und der Einschätzung des jeweiligen Arztes ab. Im September 2017 wurde die aktualisierte Leitlinie Phimose und Paraphimose der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) veröffentlicht. Ist die Entscheidung für oder gegen eine Zirkumzision für Ärzte seitdem leichter?

Die Änderungen der Leitlinie waren nötig und haben sich als positiv erwiesen“, sagt Tobias Schuster, Vorsitzender der Fachgesellschaft für Kinderchirurgie. Es war wichtig, den Respekt vor und den Erhalt des Präputiums deutlich hervorzuheben. Der Grund für die Aktualisierung war die derzeitige Diskussion über den soziokulturellen Aspekt der Beschneidung, und als Mediziner mussten wir uns stark machen gegen eine nicht wirklich medizinisch notwendige Zirkumzision.“ Zum Teil werde dies allerdings ein wenig überbetont, urteilt Schuster: Es schwingt der Tenor mit, die rund 30 Prozent der beschnittenen Männer auf dieser Welt könnten sexuelle Nachteile haben.“

Einschränkung der sexuellen Empfindung?

Ob dem so ist oder nicht, ist ungewiss. Es gibt lediglich Hinweise, dass Beschneidungen zu schlechteren sexuellen Empfindungen führen. Fest steht, dass sich auf der Innenseite der Vorhaut Rezeptoren befinden, die bei der Empfindung sexueller Aktivität eine Rolle spielen. Inwieweit dies als Manko empfunden wird, ist individuell verschieden.

Grundsätzlich bleibt die Grundhaltung der neuen Leitlinie für Kinderurologen und Kinderchirurgen konservativ und vorhauterhaltend. Unter dem Strich habe sich wenig geändert, sagt Schuster. Die Leitlinie unterstreicht, dass man die Indikation für eine Beschneidung nicht leichtfertig stellen soll. Und sie ist als Hilfe für die Entscheidung in spezifischen Situationen gedacht.“

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Kinderchirurg Tobias Schuster

In der Leitlinie wird betont, dass das Präputium weit mehr als nur ein Häutchen ist. Als modifizierte, zweilagige und mit Nerven angereicherte Verlängerung der Schafthaut des Penis hat es nicht nur eine Schutzfunktion für die Eichel. Ihre Unterseite bildet eine dünne Schleimhaut, die wiederum aus zwei Teilen besteht und unterschiedliche Aufgaben hat. Die glatte Schleimhaut auf der Eichel enthält Talgdrüsen, die schützende Antikörper sowie Emollienten produzieren, also feuchthaltende und weichmachende Sekrete, ähnlich wie die im Mund oder den Augenlidern. Die gefurchte Schleimhaut  hinter der Vorhautöffnung besteht aus konzentrischen Bändern, die sich ausdehnen und wieder zusammenziehen können.

Viele Faktoren können die Ursache sein

Eine Phimose gehört zu den häufigsten Gründen für eine Zirkumzision. Es wird zwischen einer angeborenen, primären Phimose und der erworbenen, sekundären Phimose unterschieden. Erstere bezeichnet eine Vorhautverengung, die sich weder im Wachstumsverlauf noch durch konservative Therapie zurückbildet. Die Gründe hierfür sind nicht bekannt. Die sekundäre Phimose fasst Vernarbungen der Vorhaut zusammen, die deren Geschmeidigkeit verringern. Gründe, warum solche Narben entstehen können, sind zum Beispiel gewaltsame Versuche, das Präputium zurückzuziehen. Auch Erektionen können der engen Vorhaut schon beim Säugling Verletzungen zufügen. Ebenso können Diabetes mellitus oder Hauterkrankungen wie Lichen sclerosus et atrophicans zu Entzündungen der empfindlichen Haut führen, deren Folge Vernarbungen sind. Haben sich erst einmal Narben gebildet, kann dies ein fortlaufender Prozess sein.

Nephrologe Lutz Weber

Kindernephrologe Lutz Weber

Eine beginnende sekundäre Phimose lässt sich an der Anatomie der Vorhaut erkennen: Wenn eine über die Maßen enge Vorhaut vorliegt und dieser Säugling oder dieses kleine Kind Erektionen hatte, die wiederholt zum Sprengen der präputialen Öffnung geführt haben, dann beginnt sie, sich narbig umzubauen. Sie sehen dann nicht das typische Blumen-Zeichen, sondern einen beginnenden narbigen Ring“, erklärt Schuster.

Kritik an der Leitlinie

Kinderchirurg Schuster betont, dass die aktualisierte Leitlinie in Hinblick auf die sekundäre Phimose auch Angriffsfläche bietet, da sich hier einige Unklarheiten finden. Der Leitlinie könne man entnehmen, dass eine therapierelevante Phimose umso unwahrscheinlicher ist, je jünger das Kind sei. Aber Schuster betont, eine sekundäre Phimose könne bereits beim Säugling oder Kleinkind auftreten. Dieser Teil ist in der Leitlinie nicht ganz deutlich herausgearbeitet worden, was von einigen Kollegen kritisch gesehen wird.“

Zur sekundären Phimose findet man in der Leitlinie nur wenige Informationen: „Über die Häufigkeit sekundärer Phimosen gibt es keine verlässlichen Angaben. Es gibt auch keine Angaben darüber, in welchem Prozentsatz Entzündungen oder Verletzungen zu narbigen Veränderungen und sekundären Engen führen“, heißt es. Und: „Die Inzidenz des Lichen sclerosus ist unbekannt. Schätzungen gehen von einer Häufigkeit von 0,3 – 0,6 % aller Jungen aus, selten vor dem 6. Lebensjahr“. Sie wird nach Angaben der Leitlinie bei bis zu 34 % aller Vorhäute, die aufgrund einer pathologischen Phimose entfernt wurden, nachgewiesen.

Kortisonsalbe als erster Versuch

Manchmal wird eine Phimose auch mit einer Vorhautverklebung verwechselt. Bei der Verklebung (Konglutination) lässt sich die Harnröhrenöffnung meist erkennen, und der Vorhautrand ist unauffällig. Im Unterschied dazu ist der Vorhautrand bei Phimose deutlich verdickt, und die Vorhaut lässt sich nicht zurückziehen. Die Harnröhrenöffnung bleibt verborgen. Vorhautverklebungen sind bei Neugeborenen normal und lösen sich spätestens bis zum dritten Lebensjahr; Eingriffe sind nicht erforderlich. Sie hat keine pathologische Bedeutung außer der, dass sie zu Infektionen führen kann, wenn der Urin nicht richtig abfließt. Es können sich Taschen bilden und in der Folge Entzündungen.

In diesem Fall und auch bei Vorliegen einer leichten Verengung mit Problemen, die Vorhaut nach der Retraktion wieder nach vorne zu bringen, ist es möglich, mit einem chirurgischen Eingriff die Vorhaut zu erweitern, ohne sie zu entfernen. Zunächst wird jedoch mit einer Kortisonsalbe behandelt. In der aktuellen Leitlinie steht, dass man die Verklebung in 90 Prozent der Fälle mit Hilfe einer Kortisonsalbe öffnen kann“, sagt Schuster. Die Erfahrung zeige jedoch, dass es häufig nicht so sei. Patienten würden berichten, dass eine Kortisonsalbe, die vielleicht ein Kinderarzt oder Hausarzt einsetze, nicht zur Lösung führe.

Eine Paraphimose, auch spanischer Kragen“ genannt, ist ein urologischer Notfall, bei der die zurückgezogene Vorhaut die Eichel abschnürt. Das Präputium gleitet nicht über die Glans zurück, sondern klemmt am Penisschaft, weil der venöse Abstrom unterbrochen wird und Eichel sowie Vorhaut anschwellen, was die Rückstreifung verhindert. Wird nicht schnell eine Reposition durchgeführt, so kann die Blutversorgung ganz enden und Glans wie auch Vorhaut können absterben. Meist ist infolge starker Vernarbung eine Zirkumzision als Therapie indiziert.

Miktionsstörungen müssen behandelt werden

Fest steht: Eine primäre Phimose ist immer behandlungsbedürftig. Bei einer sekundären Phimose kommt es auf den Schweregrad an: Wenn die präputiale Einengung bereits narbig umgebaut ist oder zu Problemen wie etwa einer Miktionsstörung führt, wenn sich die Vorhaut aufbläht und das Kind nur mit Widerstand urinieren kann, wenn sich der Bereich wiederholt schwer entzündet und Eiter aus der Vorhaut tritt, muss die Phimose behandelt werden.

Im fortgeschrittenen Stadium ist das Präputium inflammatorisch rot, entzündet, auch beginnend narbig und eng. Kaum zieht man es zurück, reißt es ein und blutet. Die chronische Entzündung schreitet fort und führt klassischerweise zu einer Enge der Harnröhrenöffnung, denn die chronisch entzündliche Vorhaut verklebt mit der Eichel, auf der sich ebenfalls Narben bilden. Diese Entzündung kann sich bis zu der Öffnung, dem Meatus, hinziehen. Durch die ständige Reizung an der Öffnung der Harnröhre entsteht schließlich die Stenose. Bei der Operation ist aber besondere Vorsicht geboten: Nach dem Abtragen der Entzündung heilt die Haut der Eichel übermäßig, auch das kann zu einer eventuell erneuten Meatusstenose führen.

Harnwegsinfektionen: Zirkumzison erwägen

Die Indikation für eine Behandlung der Phimose ergibt sich in unserem Fachgebiet dann, wenn Kinder eine höhergradige Harntransportstörung haben“, sagt der Kindernephrologe Prof. Dr. Lutz Weber von der Uniklinik Köln. Der höhergradige Reflux von Urin aus der Blase in die Nieren gehe häufig mit einer erhöhten Rate von Harnwegsinfektionen einher, sagt Weber: Hier ist eine Zirkumzision zu erwägen. Ob dies eine gute Lösung ist, muss aber individuell entschieden werden.“ Es gebe Hinweise, dass Kinder mit einem solchen höhergradigen vesikoureteralen Reflux, die rezidivierende Harnwegsinfektionen hätten, von einer Zirkumzision hinsichtlich des Risikos der Harnwegsinfektionen profitieren könnten. Dies gelte noch etwas mehr für Jungen mit hinteren Harnröhrenklappen.

Ruhe bewahren und beobachten

Bei Verdacht auf eine Vorhautverengung raten Experten zunächst dazu, Ruhe zu bewahren. Bei uns in der Praxis sind die Kinder meist nicht symptomatisch. Den Eltern ist eventuell lediglich aufgefallen, dass die Vorhaut nicht rückstreifbar ist, ohne dass die Funktionalität beeinträchtigt wäre“, sagt Kindernephrologe Weber: Wir beraten die Eltern dann dahingehend, schlichtweg abzuwarten und zu beobachten, ob es Komplikationen gibt.“ Das könne eine Infektion an der Eichel und auch der Vorhaut sein. Wenn die Phimose sehr ausgeprägt sei, könnten es auch Ausweitungen des Vorhautsacks sein, wobei erst die darauf folgende Entzündung pathologisch sei. Er würde diesen physiologischen Zustand primär nicht behandeln, solange er komplikationslos ist, sagt der Nephrologe.

Kinderchirurg Schuster warnt davor, die Vorhaut überhaupt zu manipulieren. Natürlich solle man sie entsprechend der Möglichkeiten vorsichtig zurückstreifen, um sie zu waschen. Doch: Es gibt das Gerücht, man solle üben, also eine enge Vorhaut immer wieder zurückziehen, damit sie quasi mechanisch geweitet wird. Das stimmt natürlich nicht“, sagt er. Im Gegenteil: Manipulationen am Präputium sind der häufigste Grund dafür, dass Komplikationen entstehen. Denn durch gewaltsames Zurückstreifen einer noch nicht entwickelten Vorhaut kann es zu Rissen in der Schleimhaut kommen, die wiederum Narben bilden. Man sollte, salopp gesagt, das Genital einfach in Ruhe lassen“, so Schuster.

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Chirurgie, Medizin

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44 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Sehr geehrter Herr Mannuss, danke für Ihren Kommentar,

über die medizinisch absolut indizierte Beschneidung brauchen wir nicht zu diskutieren. Nichts gegen die Zirkumzision: WENN sie medizinisch absolut indiziert (geboten) ist.

Mir geht es um die auch in Deutschland jahrzehntelang allzu hastig bzw. schlicht desinteressiert gestellte Pseudo-Indikation “behandlungsbedürftige, symptomatische Phimose” bei Jungen unter 18 Jahren sowie um die immer noch häufig anzutreffende anatomiebezogene Ahnungslosigkeit zur Penisvorhaut: zum Gefurchten Band, zum Frenulum und Frenularen Delta.

Unkenntnis bzw. Desinteresse ist nach wie vor im Medizinbetrieb verbreitet, sowohl die Entwicklung des männlichen Kindes (Stichwort natürliche Vorhautablösung: 10,4 Jahre alt für 50 % der Jungen; Stichwort primäre = angeborene, gesunde Phimose: es besteht KEIN Handlungsbedarf) betreffend als auch das oft lückenhafte Wissen um die irreversible Schädigung, die bei JEDER Zirkumzision entsteht.

Ihre Worte, kommentiert:

“die Ausdauer nimmt enorm zu” – länger KÖNNEN oder länger MÜSSEN, das ist hier die Frage.

“Libido- und potenzsteigernd” – ob Frau oder Mann, Libido entsteht nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren.

“potenzsteigernd” – nun, die Schwellkörper funktionieren. Mit vorhautbeschnitten oder penil intakt hat das grundsätzlich nichts zu tun.

Zurück zum Thema: Ja zum grundsätzlichen Schutz und Erhalt des Präputium, Nein zur Routine-Zirkumzision und zur rituellen Zirkumzision an männlichen Minderjährigen (Jungen unter 18 Jahren), Nein zur Scheindiagnose behandlungsbedürftige Phimose.

70 bis 80 % der Sensitivität des Penis wird bei jeder Zirkumzision amputiert.

Völlig altersgemäß kann auch der männliche Jugendliche die lebenslangen Beschneidungsfolgen für Sexualität und Partnerschaft nicht einschätzen und ist damit schlicht in eine Zirkumzision nicht einwilligungsfähig. Der Junge braucht anatomisch faktenbasierte Beratung und bis zum Alter von 18 Jahren ein unversehrtes Geschlechtsorgan.

Zu den durchweg nachteiligen Auswirkungen jeder medizinisch nicht indizierten männlichen Beschneidung gehört eine lebenslange starke Schädigung der sexuellen Sensitivität, denn die über 73 Meter Nervenfasern und 10.000 bis 20.000 überwiegend spezialisierten Nervenendigungen bzw. Tastkörperchen (Meissner-Körperchen, Vater-Pacini-Körperchen, Ruffini-Körperchen und Merkel-Zellen) werden bei der Zirkumzision, die jeder Jungenarbeiter oder Sozialarbeiter endlich männliche Genitalverstümmelung (MGM) nennen sollte, amputiert. Diese spezialisierten Nervenendigungen dienen dazu, auch leichteste Berührungen sowie Feinheiten von Temperatur, Geschwindigkeit bzw. Vibration oder Textur wahrzunehmen und weiterzuleiten.

Im Vergleich dazu befinden sich auf der Glans penis (Eichel) nur rund 4.000 überwiegend unspezialisierte freie Nervenenden, sogenannte Nozizeptoren, die Schmerzreize aufnehmen und weiterleiten können. Die schmale Zone der Eichel zwischen Corona glandis (Eichelrand) und Sulcus coronarius (Penisfurche), die von Natur aus doch (wenige) Lustrezeptoren enthält, keratinisiert (verhornt) im Laufe der Jahre, was beschnittene Männer als großen Verlust an (restlicher) sexueller Lebensqualität beschreiben und mit Schutzmaßnahmen, vor mechanischer Reibung im Alltag, bzw. mit Restoring, mit dem Versuch der Wiederherstellung der Vorhaut, nur begrenzt ausgleichen können.

Durch die Beschneidung werden dem Jungen oder Mann ein Großteil der Nervenendigungen des Penis insgesamt und fast alle der besonders empfindlichen niedrigschwelligen spezialisierten Nervenendigungen irreversibel entfernt (amputiert). Die empfindlichsten Regionen des unbeschnittenen Penis gehen durch die Beschneidung für immer verloren.

#44 |
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Robert Mannuss,Dr
Robert Mannuss,Dr

Musste mich leider erst mit 20 Jahren einer totalen Zirkumzision unterziehen.kann nur jedem empfehlen,dies früher zu tun!allerdings hatte der Eingriff definitiv positive Nebenwirkungen: die Ausdauer nimmt enorm zu,sozusagen das Gegenteil einer vorzeitigen Ejakulation!Libido- und potenzsteigernd,auch für die Partnerin sehr angenehm!kann also nichts negatives berichten,da auch die Hygiene verbessert wird!

#43 |
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Nichtmedizinische Berufe

Zur sehr wohl gegebenen Vergleichbarkeit von Jungen- und Mädchenbeschneidung (d. i. weibliche Genitalverstümmelung, FGM) vgl. bei abgeordnetenwatch in meiner am 28. März. 2018 gestellten Frage an Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz Dr. Katarina Barley bezüglich Inneres und Justiz:

Auch die Jungenbeschneidung, die männliche „Genitalverstümmelung ist immer ein massiver Eingriff, der nicht selten den Tod und häufig lebenslange Schmerzen und psychologische Traumata nach sich zieht“, um Ihre, für das männliche Geschlecht ebenfalls zutreffende, Aussage zur FGM zu zitieren. Die Grund- und Freiheitsrechte des Individuums betreffend, hat das Grundgesetz zwischen Frau und Mann, zwischen Mädchen und Junge nicht zu differenzieren

#42 |
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Nichtmedizinische Berufe

“Eine primäre Phimose ist immer behandlungsbedürftig” – sehr geehrte Frau Alexandra Grossmann, dem ist nicht so. Am Penis eines Jungen ist grundsätzlich ebenso wenig “behandlungsbedürftig” wie an der Vulva des gleichaltrigen Mädchens: nichts.

Leider wird immer wieder Druck aufgebaut, eine Drohkulisse gemalt mit dem offenbaren Ziel, das angeblich von grässlicher Phimose bedrohte männliche Kind beispielsweise noch rasch vor der Einschulung zu beschneiden (d. i. genital zu verstümmeln).

Noch angesprochenen Thema Retrahierbarkeit (Alter des Zurückziehenkönnens der Vorhaut) – es ist richtig, zu sagen: es gibt kein Alter – gar keins!

Zwölf, 14 oder 16 Jahre als das Alter der vollständigen Retraktierbarkeit der Penisvorhaut ist für jeden zweiten (Normalverteilungskurve) Jungen normal und gesund, sogar älter kommt vor oder sogar niemals.

“Das einzige, was man zur Penispflege eines nicht beschnittenen Jungen braucht, ist ein großes langes Lineal. Warum? Na, um es all jenen neugierigen Leuten auf die Finger zu klatschen, die versuchen, die Vorhaut zurückzuziehen. The only tool you need to care for an intact boy is a ruler to smack the hands of those curious people who attempt to retract his foreskin.” (Mothering 11.12.2008.)

#41 |
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Nichtmedizinische Berufe

Thema durchschnittliches Alter des Zurückziehenkönnens der Vorhaut: erst mit 10,4 (zehn Komma vier!) Jahren und auch dann kann das erst jeder zweite Junge (Jakob Øster (1968); Hiroyuki Kayaba et al. (1996), Thorvaldsen and Meyhoff (2005)).

Kein Junge im Grundschulalter, auch kein männlicher Fünft- und Sechstklässer braucht eine retrahierbare (zurückziehbare) Vorhaut.

Jede Zirkumzision entspricht einer FGM Typ Ib (Klitoridektomie). Die Penisvorhaut ist das sensitiv-sexuelle Pendant nicht zur Klitorisvorhaut, sondern zur Klitoris. Dem Jungen und späteren Mann werden durch die Beschneidung 70 bis 80 % der penilen Sensitivität amputiert.

Mit der Beschneidung geht der empfindlichste Teil des Penis für immer verloren. (Sorrells et al., Fine-touch pressure thresholds in the adult penis).

Die Beschneidung schadet zudem Ehe und Partnerschaft (Morten Frisch et al., Male circumcision and sexual function in men and women: a survey-based, cross-sectional study in Denmark).

Edward von Roy, Diplom-Sozialpädagoge (FH)

#40 |
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Mitarbeiter Industrie

Beim Lesen dieses Artikels kann man beinahe das Gefühl bekommen, er sei eine Auftragsarbeit von Kinderchirurgen, die sich angesichts der neuen Leitlinie um ihre Pfründe Sorgen machen.

Man fragt sich, ob die Autorin die neuen Leitlinie überhaupt gelesen hat.
Denn dieser Artikel widerspricht mit vielen seiner Aussagen den Inhalt der Leitlinie fundamental!

Ganz generell ist dieser Artikel um einiges „vorhautphober“ und Phimose-alarmistischer als die Leitlinie und stellt diesen Körperteil krankheitsanfälliger dar als die Leitlinien selbst.

Im Artikel heißt es:
„Vorhautverklebungen sind bei Neugeborenen normal und lösen sich spätestens bis zum dritten Lebensjahr“

– Woher entnimmt die Autorin diese Information?

Das widersprecht den neuen Leitlinien völlig!!!

Die neue Leitlinie räumt ja gerade mit willkürlich gesetzten Altersgrenzen ohne wissenschaftliche Grundlage auf. Und jetzt erfindet die Autorin wieder eine neue Altersgrenze. Journalistische Sorgfalt geht anders.

Ebenso ist es falsch, dass eine „primäre Phimose immer behandlungsbedürftig“ sei.

In der Leitlinie steht – in fett markierter Schrift – klipp und klar:

„Eine Therapie der primären oder sekundären Phimose sollte nur dann erfolgen, wenn die Patienten Beschwerden haben oder solche unmittelbar zu erwarten sind, beispielsweise Miktionsbeschwerden (R39.-), Kohabitationsbeschwerden (N48.-) oder eine Paraphimose.“

– „Eine Therapie der primären Phimose soll nur erfolgen, wenn Patienten Beschwerden haben“ – deutlicher geht es doch nicht.

Außerdem definiert die Leitlinie eine „primäre Phimose“ als eine Störung beim post-pubertären Jungen bzw. Mann. Die normale, entwicklungsbedingte Vorhautverengung bei Kindern ist damit ausdrücklich NICHT gemeint.
Dieser ENTSCHEIDENDE Umstand wird im Artikel jedoch unterschlagen.
Damit wird auf verantwortungslose Weise mit der Unsicherheit von Eltern gespielt: Mein Junge hat eine „primäre Phimose“? Sollte er nicht besser operiert werden, damit er später keine Probleme bekommt?

FAZIT:
Den Inhalt der Leitlinie ließe sich schlagwortartig folgendermaßen zusammenfassen: „KEINE BESCHWERDEN – KEINE BEHANDLUNG“. Die beschwerdefreie Nicht-Zurückziehbarheit der Vorhaut beim Kind und Jugendlichen ist ein NORMALER, NICHT-KRANKHAFTER Zustand und als solcher zu respektieren. Das dringt bei diesem Artikel leider nicht durch.

Man hat den Eindruck, die Autorin habe für diesen Artikel noch eine weitere Quelle als die Leitlinie verwendet, eine Quelle, die genau die veralteten Informationen und wissenschaftlich unbegründeten Mythen zur Vorhaut und Phimose enthält, mit denen diese Leitlinie eigentlich aufräumen sollte.

Also alles in allem kann dieser Artikel so nicht bleiben. Die offenkundigen Fehler müssen korrigiert werden!

Dockcheck macht sich ja lächerlich, wenn es einen Artikel zu einer Leitlinie veröffentlicht, die dieser Leitlinie dann widerspricht.

#39 |
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Nichtmedizinische Berufe

@ #32 Joachim von Geisau

Zu Auffanggrundrecht und Spezialgrundrecht.

Was Sie dort schreiben ist Unsinn. Das Auffanggrundrecht Art. 2 GG ist nur dann nicht einschlägig (nachrangig), wenn das Verhalten ein und desselben Grundrechtsträgers einem Spezialgrundrecht zugeordnet werden kann, nicht aber wenn sich die Grundrechte zweier Grundrechtsträger gegenüberstehen.

#38 |
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Nichtmedizinische Berufe

@ #21 | 25. Oktober 2018 um 00:48 Rettungsassistent

Jura ist anscheinend nicht Ihre Sache, Herr Rettungsassistent.

Prof. Dr. Dr. Josef Isensee hat in “Grundrechtliche Konsequenz wider geheiligte Tradition” eindeutig nachgewiesen, dass sich die Beschneidung weder aus den Individualgrundrechten noch aus den Kollektivgrundrechten rechtfertigen lässt:

Individualgrundrechte: “Aus den Individualgrundrechten der Beteiligten läßt sich die Beschneidung nicht rechtfertigen.”

Kollektivgrundrechte: “Wo das Elternrecht aufhört, endet auch die mögliche Selbstbestimmung der Religionsgemeinschaft gegenüber dem Kind. Damit erledigt sich die Diskussion, ob § 223 StGB ein für alle geltendes Gesetz sei, das die Autonomie beschränke. Denn die Strafvorschrift ist Medium der staatlichen Schutzpflicht für die körperliche Unversehrtheit des Kindes. Dessen Grundrecht aber hat gleichen Rang wie das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaft und bildet dessen tatbestandliche Grenze. Daher läßt sich die körperliche Unversehrtheit des Kindes nicht gegen die Selbstbestimmung der Religionsgemeinschaft abwägen. Wo die Verfassung tatbestandliche Grenzen zieht, hat der Interpret gar nichts abzuwägen. In dem individualrechtlichen Dreiecksverhältnis Staat – Eltern – Kind ist kein Platz für die Religionsgemeinschaft.”

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit kann sich offensichtlich nicht in der Körperverletzung verwirklichen (praktische Konkordanz). “Denn das Selbstverständnis eines Grundrechtsträgers vermag nicht, eine Grundrechtskollision einseitig aufzulösen und sich auf Kosten der objektiven Position des anderen Grundrechtsträgers zu verwirklichen” (Isensee)

Die verfassungskonforme Auslegung einer Rechtsnorm (“dahingehend auszulegen”) kann selbstverständlich kein verfassungswidriges Ergebnis [“verfassungsrechtlich nicht gerechtfertigt”) nach sich ziehen. Mit Ihrer Vorgehensweise wäre jeder Bruch der Menschenrechte zu bewerkstelligen.

Die Beschneidung ist eine Körperverletzung von Misshandlungsqualität. Siehe Dettmeyer et al Teil II und Kindhäuser in NomosKommentar Kindhäuser StGB § 223 Rn 3: “Eine körperliche Misshandlung ist bei verletzenden Einwirkungen auf den Körper (Beulen, Prellungen, Wunden, Einbußen von Gliedern, Organen oder Zähnen) stets zu bejahen” Die Beschneidung ist ein Kindesmisshandlung. § 1631d BGB legalisiert damit in verfassungs- und menschenrechtswidriger Weise eine Kindesmisshandlung.

Der Begriff der Verstümmelung ist selbstverständlich auch für die männliche Beschneidung gültig. Siehe Fischer StGB § 223 Rn. 43 und Kindhäuser/Neumann/Paeffgen 5. Auflage Vor. § 32 StGB Rn. 156b ff. Und Fischer StGB § 226a StGB Rn. 10: “B. Verstümmeln ist ein untechnischer Begriff, der im StGB ansonsten nur in 10 § 109 vorkommt. Verstümmelung ist im Grundsatz jede mechanische Einwirkung auf den Körper, die zur Zerstörung, zum Verlust oder zur sonstigen substanziellen Beeinträchtigung eines Organs, eines Körperglieds oder sonstigen Körperteils führt. Die Begriffsbestimmung ist tatbestandsspezifisch vorzunehmen. Der Gesetzgeber hat auf die Bedeutung „gewaltsam kürzen, schwer verletzen, entstellen” usw. hingewiesen (BT-Drs. 17/ 13707, S. 7 unter Hinweis auf Duden). […] Tatsächlich sind manchen Formen der Genitalverstümmlung bei Mädchen (Beschneiden der Klitoris-Vorhaut; sog. „milde Sunna “) von solchen bei Knaben (Beschneiden der Penis-Vorhaut) praktisch nicht zu unterscheiden”

#37 |
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PD Dr. med. Martin Weihrauch
PD Dr. med. Martin Weihrauch

Naja, das war doch eine gute und lehrreiche Diskussion. Ich habe jetzt Rückmeldung einer Psychotherapeutin. Die hat mehrere muslimische Männer in Behandlung, die traumatisiert sind, weil sie als Jungen von Vater und Onkel festgehalten wurden, damit sie jemand aus dem Dorf beschneiden konnte.

Zum Abschluss noch ein letztes Gedankenexperiment: sagen wir, die Religionen und die Amis verlagern die Beschneidung auf das Selbstbestimmungsalter mit 18J. Was meinen Sie, wieviele Männer wären soooo religionstreu (und in USA Puritaner-treu), um sich von Ihrer Vorhaut zu verabschieden? Wer die nämlich mal sexuell einsetzen konnte, wird ihren Sinn zu schätzen wissen ;)
Das hat schon seinen “Grund”, dass die Beschneidung an Kindern vorgenommen wird…

#36 |
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Rettungsassistent

Herr Rudolf Goeb,
ich entscheide immer noch selbst, wann, was und wo ich schreibe. Sie werfen mir Intoleranz vor, wobei ich der einzige bin, der auch auf die nichtmedizinischen Aspekte korrekt hingewiesen hat, die von Medizinerseite thematisiert wurden?
Sie machen sich gerade lächerlich.
Ansonsten steht es Ihnen selbstverständlich frei, meine Beiträge zu überlesen.

#35 |
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Rettungsassistent

…. und sorry, das ich meinen Kommi #32 vorhin mittendrin abgebrochen habe.
Zurück zum Thema: Der “Aufreger” ist und bleibt ja weniger die Frage der medizinisch indizierten Beschneidung, sondern die der religiös begründeten. Ganz abseits von der religiösen Begründung darf man dabei nicht übersehen, das genau diese Beschneidung über die Zeit hinweg bis hin zu säkularen Juden heutzutage selbstverständlich ist. Freilich wird das von nichtjüdischer Seite permanent in Frage gestellt – was auch nicht verwunderlich ist, weil sich eben genau das einem Nichtjuden nicht erschließt, genauso wenig, wie sich einem Moslem erschließt, das Bratwürste nur mit Schweinefleisch schmecken sollen.
Angesichts der sowieso geringen Anzahl in D bedarf es des Aufregers garnicht.
Da mag man die Frage stellen, wareum denn doch…. und dann wird “Kindeswohl” angeführt, dabei völlig außer Acht lassend, das eben genau die Verweigerung der Beschneidung zu einer unvermeidbaren Ausgrenzung führen würde (was weiter unten zutreffend mit dem Einfluss der peer group begründet wurde). Egal ob man das jetzt mag oder nicht mag, kann man weder die juristische Einwandfreiheit noch die halachische Bedeutung der Beschneidung in Frage stellen. Im Umkehrschluß bedeutet das nichts anderes als seitens der “Beschneidungsgegner” den Versuch, einem Kind die religiöse Identität zu verweigern. Das ist schlicht und einfach der Versuch religiösen Kindermissbrauches von außen zur Befriedigung des eigenen Ego – wobei das mangels eigener Betroffenheit garnicht notwendig ist.
Der Ethikrat hat sich nicht dem vorurteilsbehafteten Diktat der Beschneidungsgegner gebeugt, sondern nach Anhörung aller Standpunkte eine regelung empfohlen, die allen Interessen im Sinne einer Abwägung gerecht wird. Und genau das hat der Gesetzgeber einwandfrei 1:1 umgesetzt. Daran herumzumeckern heisst nichts Anderes als die eigenen Standpunkte über die Werte anderer zu stellen und ihnen diese aufzuzwingen. Das freilich hätte mit den Freiheitsrechten des GG nichts mehr gemein.
Insofern halte ich diese Diskussion nicht weiter für zielführend – weil sie eben seitens der “Beschneidungsgegner” die Werte anderer nicht respektiert.
Das wir damit geschichtlich keine guten Erfahrungen gemacht haben, braucht man wohl nicht besonders zu betonen.

#34 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

#32

Herr Rettungsassistent von !!!
Langsam weden Sie penedrant, man könnte meinen, Sie würden hier nach Zeilen honoriert. Ihre Intoleranz ist schon peinlich. Wie kann man sich nur so ereifern, das ist schon sehr bedenklich.
Sie haben mit all Ihrem Geschreibsel keinen einzigen medizinischen Aspekt einfließen lassen, nur Ihre tendenziöse Polemik, die nicht gerade zum Niveau der Diskusion beiträgt.

AUFHÖÖÖREN !!!

#33 |
  4
Rettungsassistent

Oha…. erstaunlich, was es hier für nichtmedizinisches Halbwissen gibt….
So wird Leny Nyhus bemüht, die an Beratungen der Ethikkomission nicht teilgenommen hat und die Beweggründe allenfalls vom Hörensagen beurteilen kann. Nun denn….
Über die halachische Bedeutung der Brit Mila schreibt (außer mir) keiner etwas. Und genau die ist Kernpunkt der Diskussion.
Stattdessen wird wiederholt – zuletzt #27 – die Grundrechtsthematik falsch bemüht. Noch einmal: Die Freiheitsgrundrechte sind ohne Ausnahme gleichrangig, lediglich die allgemeine Handlungsfreiheit ist als Auffanggrundrecht nachrangig. Zu finden in jedem Buch über Staatsrecht, in den Juravorlesungen für Anfänger 2. Semester, oder auch in der Niederschrift des Ethikrates zum Thema Beschneidung.

#32 |
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Nichtmedizinische Berufe

„Beschneidung der Vorhaut – dieses Thema sorgt immer wieder für Kontroversen. Diesen Herbst wird etwa das dänische Parlament darüber entscheiden, ob eine Zirkumzision unter 18 Jahren verboten werden soll. Im Juni hatten 50.000 Dänen eine Petition gegen die Beschneidung von Minderjährigen unterschrieben.“

Dass in Dänemark nun über ein mögliches Verbot von Beschneidungen an Minderjährigen abgestimmt wird, liegt auch daran, dass es dort so etwas wie eine öffentliche Debatte zum Thema gibt. Die dänischen Medien berichten öfters über das Thema und Beschneidungskritiker werden ins öffentlich-rechtliche Fernsehen eingeladen.

In Deutschland kann man dagegen den Eindruck gewinnen, dass Thema Beschneidung von Kindern sei mit einem regelrechten „Bann“ belegt. Die deutschen Massenmedien berichten so gut wie gar nicht über die Beschneidung, erst recht nicht über das Problem der f e h l -indizierten Beschneidung von Kindern, die ein Skandal für sich ist.

Es scheint so als verfolgen sie das Ziel, eine öffentliche Debatte im aller Kraft zu verhindern, und sicher zu stellen, dass die Bürger dieses Landes sich gar nicht erst irgendwelche Gedanken darüber machen, dass massenhaft wehrlosen Kinder – Deutsche wie Migranten, Muslime wie Nicht-Muslime – ein Teil ihres Penis irreversibel entfernt wird.

Diesen Unterschied zwischen Dänemark und Deutschland wird auch in einem Interview mit Lena Nyhus von „Intact Denmark“ erwöhnt, also der Organisation, die mit ihrem Volksbegehren die anstehende Abstimmung auf den Weg brachte:

https://hpd.de/artikel/kinderschutz-steht-ueber-allem-16091

>>Frau Nyhus, bei unserer Recherche fiel auf, dass die dänische Gesetzesinitiative ein weltweites Medienecho erzeugt hat. In Deutschland hingegen scheint sie für kaum jemanden berichtenswert zu sein. Können Sie sich das erklären?

Lena Nyhus: Ich verstehe, dass in deutschen Medien ein starker und wichtiger Fokus auf den Schutz von Minderheiten besteht. Das ist wohl der Grund, warum die deutschen Medien kaum mehr über die Beschneidungsdebatte im In- und Ausland berichten. Es ist aber auch die Aufgabe der Medien, über aktuelle Ereignisse zu berichten und sie zu hinterfragen, und sie vernachlässigen das in diesem Fall. Denn sonst würden sie berichten, dass derzeit drei skandinavische Länder über die Beschneidung gesunder Kinder diskutieren, dass 87 % der dänischen Bevölkerung eine Altersgrenze von 18 Jahren befürworten und dass die Gesundheits- und Kinderrechtsorganisationen dort zustimmen.

>>Herr Baba, die deutsche Beschneidungsdebatte war 2012 weitgehend in Politik und Medien darauf fokussiert, die jüdische und muslimische Praktik um jeden Preis weiterhin uneingeschränkt zu ermöglichen. Wie sieht das derzeit in Dänemark aus?

Güray Baba: Im Moment geht dieses Thema immer häufiger durch die Medien, sie trauen sich darüber zu berichten. Primär weil sie wissen, dass viele Dänen eine Altersgrenze für die Beschneidung befürworten. Es ist also ein populäres Thema, das viele Klicks generiert

#31 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Man kann nur immer wieder vor religiösen Eiferern warnen, denn diese neigen zum potenziellen, religiösen Terrorismus und würden heute noch Hexen verbrennen.

#30 |
  4

Ich wundere mich immer wieder wie irgendwelche imaginierten jenseitigen Gestalten, die laut offiziell verbreiteter Ideologie natürlich nur für Frieden und menschliche Unversehrtheit stehen, dazu dienen gänzlich gegen den Menschen gerichtete Verhaltensweisen zu legitimieren. Warum kann man nicht zumindest warten bis das Opfer volljährig ist und sich selbstbestimmt für oder gegen die Beschneidung entscheidet. Gibt das Gott wirklich jemanden das Recht einem anderen Menschen ein Teil seines Körpers abzuschneiden. Das Gott sollte sich vielleicht in seiner Allmacht eher darum kümmern, dass es keine Kriege auf dieser Welt gibt, als Kindern nach der Vorhaut zu trachten. Menschenopfer und sogar Tieropfer haben wir doch im Laufe unserer zivilisatorischen Entwicklung auch hinter uns gelassen. Wäre doch ein weiterer Fortschritt die Verstümmelungsrituale auch zu beenden. Ich wette, dass der Allmächtige deswegen weder Blitze, Unwetter, Seuchen oder Fluten schicken würde.

#29 |
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Nichtmedizinische Berufe

Sehr geehrte Dockcheck-Redaktion,
Sehr geehrte Frau Grossmann,

Dieser Artikel enthält leider ein paar missverständliche Formulierungen, die den Inhalt der neuen Leitlinie an entscheidenden Stellen verfälschen.

Die Kernbotschaft der Leitlinie, dass eine beschwerdefreie, nicht-zurückziehbare Vorhaut bei Jungen bis mindestens zur Pubertät keine Krankheit darstellt und daher auch nicht behandelt werden muss, geht dabei leider unter.

So heißt es im Artikel:

„Fest steht: Eine primäre Phimose ist immer behandlungsbedürftig. Bei einer sekundären Phimose kommt es auf den Schweregrad an:“

Es ist wichtig zu betonen, dass die Leitlinie eine „primäre Phimose“ als ein Krankheitsbild beim (körperlich) erwachsenen Mann definiert, nach Abschluss der körperlichen Entwicklung nach der Pubertät.

Auf Seite 6 der Leitlinie heißt es:

„Durch eine zunehmende Weitung des elastischen Präputiums kommt es in der Regel bis zum Abschluss der Pubertät zu einer Lösung der Verklebungen und einer Zurückstreifbarkeit der Vorhaut. Bildet sich die kongenitale Präputialenge im Laufe der physiologischen Entwicklung nicht vollständig zurück, spricht man von einer primären Phimose. Die Ätiologie dieser seltenen Störung ist unbekannt.“ (1)

Was die Leitlinie darunter NICHT versteht, ist eine angeborene, entwicklungsbedingte – aufgrund von Verklebungen und/oder Verengungen der Vorhautöffnung– nicht-zurückziehbare Vorhaut beim Kind und Jugendlichen. Und genau das ist es leider, was viele unter dem Begriff „primäre Phimose“ verstehen.

Es wird auch nirgends in der Leitlinie behauptet, dass eine primäre Phimose „immer behandlungsbedürftig“ sei. Im Gegenteil, in Kapitel 6 der Leitlinie „Indikationen zur Behandlung“ heiß es:

„Eine Therapie der primären oder sekundären Phimose sollte nur dann erfolgen, wenn die Patienten Beschwerden haben oder solche unmittelbar zu erwarten sind, beispielsweise Miktionsbeschwerden (R39.-), Kohabitationsbeschwerden (N48.-) oder eine Paraphimose.“ (2)

Eine weitere problematische Passage ist:

„Manchmal wird eine Phimose auch mit einer Vorhautverklebung verwechselt. Bei der Verklebung (Konglutination) lässt sich die Harnröhrenöffnung meist erkennen, und der Vorhautrand ist unauffällig. Im Unterschied dazu ist der Vorhautrand bei Phimose deutlich verdickt, und die Vorhaut lässt sich nicht zurückziehen. Die Harnröhrenöffnung bleibt verborgen. Vorhautverklebungen sind bei Neugeborenen normal und lösen sich spätestens bis zum dritten Lebensjahr;“

Diese Altersgrenze ist kurz gesagt medizinwissenschaftlich unhaltbar und widerspricht auch der Leitlinie.

Die Leitlinie hebt gerade ausdrücklich hervor, dass die Lösung der Vorhautverklebungen und damit die Entwicklung zur Zurückziehbarheit bis zum Abschluss der Pubertät andauern kann:

„Die Lösung dieser Verklebungen ist ein spontaner Prozess, der sich individuell sehr unterschiedlich vollzieht (Gairdner 1949, Oester 1968). (…) Reifungsvorgänge bedingen eine Auflösung der physiologischen Vorhautverklebung und -enge. Im Alter von sieben Jahren kann etwa die Hälfte der Knaben das Präputium wenigstens weitgehend zurückstreifen. Mit 10 Jahren sind es etwa zwei Drittel. In diesem Alter hat also noch etwa 1/3 entwicklungsbedingt eine mindestens partielle Enge oder Verklebung. Selbst im Alter von 13 Jahren muss man bei acht Prozent der Jungen noch mit einer entwicklungsbedingten Vorhautenge rechnen.“ (3)

Bei der Unterscheidung zwischen einer physiologischen, nicht-krankhaften Vorhautverklebungen oder Vorhautengen, und einer behandlungsbedürftigen „sekundären Phimosen“ spielt es auch keine Rolle, ob die Harnröhrenöffnung nun sichtbar gemacht werden kann oder nicht.

Zahlreiche Studien zur Vorhautentwicklung haben gezeigt, dass viele Jungen bei der Geburt eine komplett nicht-zurückziehbare Vorhaut haben, bei der sich die Vorhaut noch nicht mal so weit zurückgezogen werden kann, dass die Harnröhrenöffnung sichtbar wird. In der Literatur wird dieser Zustand „Typ 1-Vorhaut“ genannt. Dieser Zustand bildet sich im Laufe der Entwicklung von allein zurück, ohne das ein Eingreifen erforderlich wäre.

Kayaba et al. beispielsweise stellten in ihrer Studie an 603 Jungen fest, dass im Alter von 6 Monaten noch rund die Hälfte der Jungen (47.1%) eine solche komplett unbewegliche Vorhaut hatten, die sich noch nicht mal soweit zurückziehen ließ, um die Harnröhrenöffnung freizulegen. Dieser Anteil fiel auf 6,2% bei den 3 bis 4-Jährigen Jungen und auf 0% bei den 15-jährigen Jungen.(4)

Eine Möglichkeit zur Freilegung der Harnröhrenöffnung wird in der Leitlinie auch an keiner Stelle als Diagnosekriterium genannt.

Ebenfalls problematisch ist, dass die Ballonierung der Vorhaut als krankhaftes Phänomen dargestellt wird.

In der Leitlinie wird bezüglich der „Anamnese“ zwar auch die Frage nach einer „störenden Ballonierung“ als Unterpunkt aufgeführt, dennoch erwähnt die Leitlinie das Ballonierung selbst n i c h t als krankhaftes Phänomen.

In der aktuellen Fachliteratur wird die Ballonierung der Vorhaut heute einheitlich als physiologisches, natürliches Ereignis beschrieben, welches von allein wieder verschwindet.

*** *** ***

Ich hoffe sehr, dass Sie für Anregungen und konstruktive Kritik offen sind und die von mir aufgezeigten Fehler bzw. missverständlich formulierten Passagen korrigieren.

Einzelnachweise:

1. S2k-Leitlinie 006-052 „Phimose und Paraphimose Kapitel 4: „Krankheitsbilder“, S. 3 URL: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/006-052l_S2k_Phimose-Paraphimose_2017-12_01.

2. S2k-Leitlinie 006-052 „Phimose und Paraphimose Kapitel 6: „Indikationen zur Behandlung“, S. 9

3. S2k-Leitlinie 006-052 „Phimose und Paraphimose, Kapitel 3 :„Entwicklung und Funktion der Vorhaut“, S. 5

4. Kayaba H, Tamura H, Kitajima S, et al. Analysis of shape and retractability of the prepuce in 603 Japanese boys. J Urol 1996;156(5):1813-5. URL: http://www.cirp.org/library/normal/kayaba/

**** Korrigierte Version meines Kommentars von 11:11****

#28 |
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Biologe

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(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
——————–
Eine Gleichrangigkeit der Entfaltungsfreiheit (Religionsfreiheit) mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit (die des minderjährigen Kindes), sehe ich nicht. Die Entfaltungsfreiheit ist klar nachrangig der körperlichen Unversehrtheit. Anders ausgedrückt: Die Religionsfreiheit endet, wenn ich andere körperlich oder seelisch beschränke.
Im Übrigen enden Vorhautbeschneidungen nicht selten mit dem Tod oder anderen schweren Komplikationen. Denn auch diese werden in der überwiegenden Zahl von nicht-Medizinern durchgeführt.

Die Beschneidung von Mädchen wird zurecht abgelehnt. Nicht, dass es hier auch milde Formen gäbe, die vergleichbar der Vorhautbeschneidung sind. Es wird eben wegen der Unversehrtheit des Körper abgelehnt.

Es ist ein Skandal sondergleichen, dass die Beschneidung (aus nicht medizinischen Gründen) von minderjährigen Jungen explizit erlaubt ist und die Beschneidung bei minderjährigen Mädchen explizit verboten.

#27 |
  4
Mitarbeiter Industrie

O D E A N D I E V O R H A U T ….
mit z.T. sehr umfänglichen, auch ernsthaften, Statements wird das höchst prekäre Thema sehr kontrovers abgehandelt. Die Bewertungen zeigen jedoch einen “eindeutigen” Trend (Volksempfinden) für die körperliche Unversehrtheit Unmündiger, selbst gegen das Verbiegen des Grundgesetzes, wie in § 1631d , festgeschrieben. Wer als Gesetzgeber, aus höchst durchsichtigen Gründen, jüdischen und muslimischen Dogmatikern (Gelehrten) das fundamentale Recht auf körperliche Unversehrtheit opfert kann NICHT weiter in Anspruch nehmen für das Volk zu handeln.
Zitat aus dem BGB § 1631d Absatz 2 …dürfen auch von “einer Religionsgemeinschaft” dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1 durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung ” vergleichbar” befähigt sind …Zitat Ende….
In Deutschland bedarf es inzwischen für fast jede Tätigkeit eines “staatlich anerkannten” Befähigungsnachweises…. bedeutet im Umkehrschluss das Gleichheitsprinzip des Grundgesetzes wird für “normale” Deutsche ad absurdum geführt, oder ?
Ketzerische Frage wer bezahlt die ärztliche Behandlung bei Beschneidungen mit negativen körperlichen Folgen für die Neugeborenen ? Die deutsche Versichertengemeinschaft zahlt, ohne Widerspruch. Gibt es eine Statistik die z.B. Todesfälle durch religiöse Beschneidungen dokumentiert ? oder werden diese unter dem Deckmantel der “Religionsfreiheit” vertuscht ?
Die Zwangsversicherten der deutschen Krankenversicherung zahlen ebenfalls
für die inzwischen zunehmende Zahl von Migrantenfrauen und -Mädchen die mit verstümmelten Genitalien zu uns kommen. Wo bleiben die massiven öffentlichen Proteste der Menschenrechtsorganisationen und der deutschen Öffentlichkeit ( Wohlfühlgesellschaft) ?
In Deutschland werden Tiere, lt. strengem Tierschutzgesetz, besser geschützt als neugeborene Kinder jüdischer und muslimischer Eltern.
Diese Zeilen schreibe ich unter dem Eindruck eine Verwandte von mir wurde nur wegen ihres jüdischen Glaubens in KZ ermordet.

#26 |
  5
Nichtmedizinische Berufe

Ich finde es ein wenig schade, dass die Diskussion auf die religiöse, rituelle Beschneidung abgleitet.

Dieser Artikel befasst sich jedoch schwerpunktmäßig mit der medizinisch indizierten Beschneidung, und der Frage, wann eine Beschneidung wirklich als medizinisch indiziert betrachtet werden kann.

In Deutschland werden jedes Jahr VIEL MEHR Beschneidungen wegen vermeintlicher medizinischen Indikationen an Kindern vorgenommen als alle rituellen und religiös motivierten Beschneidungen zusammen.
Und die meisten dieser Eingriffe sind in etwa genauso notwendig wie die rituellen Beschneidungen.

Sie werden an Jungen durchgeführt, denen entweder konservativ hätte geholfen werden können, oder sogar völlig gesund sind.

Der Grund hierfür ist, dass Ärzte die normale Entwicklung der Vorhaut missachten und anhand willkürlicher, wissenschaftlich unhaltbarer Altersgrenzen, ab der eine Vorhaut zurückziehbar sein muss, Vorhauterkrankungen diagnostizieren.

#25 |
  2
Sonstige

#21, Dr. Ralf Dettmann:
“… verbrämter Rassismus, der, wie zu unseligen Zeiten, medizinische Gründe vorschiebt”. Nö, tut er nicht. Er schiebt die Misshandlung Schutzbefohlener aus religiöser Verblödung vor.

“, daß Beschneidung die HIV-Anfälligkeit um 50% senkt”. Ihnen ist sicher bekannt, dass die diesbezüglichen Erhebungen methodische Mängel haben. Und ob sich die Erkenntnisse aus dem afrikanischen Kontinent so auf Europa anwenden lassen, ist fraglich. Zudem schützt die Beschneidung nur den Mann, nicht die Frau. Und ein 3-jahriges Kind braucht die Beschneidung ganz sicher nicht zur HIV-Prophylaxe.

“Ich gehe also davon aus, daß jeder, der beschnitten werden will, auch ohne sog. medizinische Indikation beschnitten werden sollte” Gerne. Solange diese Leute ihre unmündigen Kinder solange davor verschonen, bis diese das selbst entscheiden können.

#24 |
  5
Sonstige

#22 Joachim von Geisau:
Ich bin kein Jurist. Um die Abartigkeit der Genitalverstümmelung bei Kindern zu verstehen, muss man aber auch keiner sein. Ich verachte vielmehr zutiefst diejenigen, die solche unsinnigen, schmerzhaften und mit einem Gesundheitsrisiko verbundenen Praktiken durch juristische Spitzfindigkeiten zu rechtfertigen versuchen.

Wir leben in einer zivilisierten Gesellschaft, in der es gemeinhin als Straftat verstanden wird, wenn Eltern ihrem Kind Leid zufügen. Genau das tut die religiös motivierte Beschneidung. Das zudem ohne jede medizinische Rechtfertigung. Das Gesetz mag ein rechtfertigender Überbau sein, um den religiösen Eifer nicht eskalieren zu lassen und Eltern und ausführende Ärzte vor Strafverfolgung zu schützen. Es befreit aber nicht vor gesundem Menschenverstand und davor, dass man diesen religiösen Fanatismus nicht teilt.

Vielleicht hätte der Gesetzgeber in Deutschland einfach einmal den Mut haben sollen, archaische religiöse Praktiken nicht zu legitimieren und diejenigen, die dann regelmäßig das Totschlagargument “Nazikeule” auspacken, zum Teufel zu jagen.

Zitat:”Das der Begriff “Verstümmelung” technisch nicht passt, sei dazu nur am Rand erwähnt.”
Als was sonst würden Sie das Abschneiden von hoch schmerzempfindlichen Teilen des menschlichen Fortpflanzungsorgans bezeichnen? Der Sachverhalt ist eben gerade nicht “technisch”, sondern der Verstümmelte ist ein beseeltes Wesen aus Fleisch und Blut, der sich zudem nicht gegen diese Verstümmelung wehren kann.

#23 |
  4
Rettungsassistent

Letztendlich wird hier wieder eine Diskussion aufgegriffen, die vor dem Gesetzgebungsverfahren zu § 1631 d BGB Gegenstand ausführlicher Erörterungen im Ethikrat waren. Hierbei wurde auch Mediziner beteiligt, deren Standpunkte flossen in die Diskussion mit ein. Genauso flossen in diese Diskussion religionsgeschichtliche Punkte wie auch Religionsrecht ein, hier unter anderem halachische Sicht.
Und genau diese werden hier – obwohl das Ganze längst geregelt ist – von “Beschneidungsgegnern” wieder unterschlagen (ob aus Unkenntnis oder Abneigung oder Absicht, kann dahingestellt bleiben).
Im Endeffekt bleiben nur zwei Standpunkte:
Entweder man akzeptiert Beschneidung (die meisten hier sind davon sowieso nicht selbst betroffen).
Oder man stellt sich gegen die Verfassung, die u.a. ein GR der Religionsfreiheit gewährt, und angesichts der Bedeutung der Brit Mila auch gegen jüdisches Leben in Deutschland.
Diese gegensätzliche Positionierung klingt freilich drastisch. Betrachtet man alle relevanten Faktoren, kommt man jedoch nicht dareum herum.
Das letzte Beschneidungsverbot hatten wir 1935.

#22 |
  56
Rettungsassistent

#15 Torsten Horlbeck: Jura scheint nicht Ihre Sache zu sein.
Die religiöse Beschneidung ist immer wieder Thema.Sie gehen davon aus, das die „körperliche Unversehrtheit“ über den anderen Freiheitsrechten des GG steht. Das ist falsch. Die Freiheitsrechte sind gleichrangig VOR der allgemeinen Handlungsfreiheit des Art. 2 GG zu prüfen, mehr nicht. Die unterschiedlichen Zielsetzungen der einzelnen betroffenen Freiheitsgrundrechte sind durch das Verfahren der praktischen Konkordanz in Einklang zu bringen. Das bedeutet: „Verfassungsrechtlich geschützte Rechtsgüter müssen in der Problemlösung einander so zugeordnet werden, das jedes von ihnen Wirklichkeit gewinnt. […]“
Und genau das ist im Gesetzgebungsverfahren zu § 1631 d BGB erfolgt. Unbestreitbar ist die männliche religiöse Beschneidung ein körperlicher Eingriff. Das LG Köln hatte irrtümlicherweise hierin ein möglicherweise strafbares Unrecht gesehen und die Frage der Einwilligung unzureichend beantwortet. Damit kommt es zu der Frage der Rechtmäßigkeit. Dies wäre dann gegeben, wenn die Einwilligung des einwilligungsfähigen Rechtsgutinhabers vorliegt. Tatsächlich erfolgt die Beschneidung in einem Alter, in dem regelmäßig noch keine Einwilligungsfähigkeit vorliegt. Die Einwilligung kann insoweit nur durch die gesetzlichen Vertreter erteilt werden. Die gesetzlichen Vertreter Minderjähriger sind grundsätzlich die Eltern im Rahmen der elterlichen Sorge (§ 1626 Abs. 1 BGB i.V.m. § 1629 Abs. 1 BGB). Im Rahmen der elterlichen Sorge sind die Eltern daher auch einwilligungsbefugt. Diese Befugnis findet ihre Grenzen in § 1627 S. 1 BGB nur „zum Wohl des Kindes“ – ärztliche und andere Eingriffe müssen daher dem Kindeswohl dienen. Anderenfalls wäre die elterliche Einwilligung unwirksam.
Bei „Wohl des Kindes“ handelt es sich hier um den juristischen Begriff, der auslegungsbedürftig ist – u.a. durch die Grundrechte, die Kind & Eltern zustehen. Es muss also eine sachgerechten Interessenabwägung der kollidierenden Grundrechte folgen. Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) oder des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zur Beschneidung existiert nicht, da es bisher keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit gab. Die Auslegung dieses unbestimmten Rechtsbegriffes ist das Einfallstor für das Verfassungsrecht, insbesondere die widerstreitenden Grundrechte und die Frage eines möglichen Verbots einer Beschneidung. Dies folgt aus der Bindung von Gesetzgeber und Rechtsprechung an das Grundgesetz (Art. 20 Abs. 3 GG). Führt die Prüfung der Grundrechte zu dem Ergebnis, dass ein solcher Eingriff verfassungsrechtlich nicht gerechtfertigt wäre, so sind die §§ 1626, 1627 BGB dahingehend auszulegen, dass die religiös motivierte Beschneidung dem Kindeswohl dient und einer elterlichen Einwilligung damit zugänglich ist.
Die Glaubensfreiheit nach Art. 4 Abs. 1 und 2 GG schützt das Recht des Einzelnen, sein gesamtes Verhalten an den Lehren seines Glaubens auszurichten und seiner inneren Glaubensüberzeugung gemäß zu handeln (sog. forum externum).
Dabei ist nicht maßgeblich, ob und inwieweit die jeweilige Glaubensgemeinschaft ein bestimmtes Verhalten verbindlich vorschreibt. Nach der Rechtsprechung des BVerfG ist es vielmehr ausreichend, dass der Einzelne ein bestimmtes Verhalten als für sich verbindlich von den Regeln seiner Religion vorgegeben betrachtet. Maßgeblich für die sachliche Reichweite des Schutzbereichs von Art.4 Abs. 1 und 2 GG sind nach dieser Rechtsprechung die individuellen Glaubensüberzeugungen. Rituelle Beschneidungen fallen danach bei entsprechender religiöser Überzeugung unter den Schutzbereich des Art. 4 Abs. 1 und 2
GG.
Nach Art. 6 Abs. 2 S. 1 GG sind Pflege und Erziehung der Kinder das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Bei diesem zweigliedrigen Elternrecht wird zwischen „Pflege“, d.h. der Sorge für das körperliche Wohl, und „Erziehung“, d.h. der Sorge für die seelische und geistige Entwicklung, differenziert. Aus der Erziehungskomponente des Art. 6 Abs. 2 S. 1 GG hat das BVerfG in Verbindung mit
Art. 4 Abs. 1 GG ein sogenanntes Recht auf religiöse Kindererziehung entwickelt. Dieses umfasst das Recht der Eltern, -Kindern diejenigen Überzeugungen in Glaubens- und Weltanschauungsfragen zu vermitteln, die sie für richtig halten, und sie von Glaubensüberzeugungen fernzuhalten, die ihnen als falsch oder schädlich erscheinen. Die eigene Beschneidung ist aus religiösen Gründen zudem vom Schutzbereich der eigenen Glaubensfreiheit gedeckt. Solange sich Kinder allerdings keine eigene wertende Meinung in Glaubensfragen bilden können, sie also nicht religionsmündig sind, können sie ihr Grundrecht nicht selbst ausüben. Sie werden in der Ausübung ihrer eigenen Glaubensfreiheit vielmehr durch ihre Eltern vertreten. Die widerstreitenden Verfassungsgüter, nämlich das Recht der Eltern auf religiöse Kinderpflege und die Glaubensfreiheit des Kindes, ausgeübt durch die Eltern, einerseits und der Schutzanspruch des Kindes auf körperliche Unversehrtheit andererseits sind in einen schonenden Ausgleich zu bringen (sog. praktische Konkordanz).

Jetzt stellt sich die Frage, warum nicht abwarten bis zur Religionsmündigkeit? Ein solcher zeitlicher Aufschub steht zwar in einem Spannungsverhältnis zu religiösen Geboten, die eine Beschneidung zu einem bestimmten Zeitpunkt fordern. Das ist insbesondere mit Blick auf jüdische Glaubensvorschriften, die eine Beschneidung des Neugeborenen am 8. Lebenstag vorschreiben, problematisch. Die aus Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG entspringende staatliche Schutzpflicht bezieht sich auf die körperliche Unversehrtheit insgesamt. Dem gegenüber stehen die Grundrechte von Eltern & Kind s.o. Im Ergebnis dieser Abwägung ergibt sich, das im Rahmen der Abwägung der kollidierenden Grundrechte dem Schutz von Art. 4 GG und Art. 6 Abs. 2 GG der Vorrang einzuräumen ist. Und genau dem hat der Gesetzgeber mit der Formulierung des § 1631 d BGB Rechnung getragen.
Im übrigen ist diese Regelung nicht “auf Druck von religionsgemeinschaften” entstanden. Die Rechtslage zur Beschneidung s.o. war bereits klar. Zwar hatte das LG Köln in einem Urteil eine mögliche KV bejaht, hierbei aber (das war auch nicht Gegenstand des verfahrens) eine Prüfung der konkurrierenden Grundrechte außer Acht gelassen. Diese Regelungslücke beseitigt § 1631 d BGB, in dem er zugleich die Voraussetzungen für die Beschneidung als auch die Befugnisse von Ärzten & Mohelim regelt sowie die Grenzen des Eingriffs festlegt.
Das der Begriff “Verstümmelung” technisch nicht passt, sei dazu nur am Rand erwähnt.

#21 |
  65
Dr. Ralf Dettmann
Dr. Ralf Dettmann

Diese ganze Diskussion um Zirkumzision ist doch nichts anderes als religiös verbrämter Rassismus, der, wie zu unseligen Zeiten, medizinische Gründe vorschiebt. Fakt ist: Über eine Milliarde Männer sind beschnitten und es gibt keinerlei Hinweis auf verminderte Fruchtbarkeit, eher ganz im Gegenteil. Weiterhin ist unbestreitbar, daß Beschneidung die HIV-Anfälligkeit um 50% senkt. Fast alle Amerikaner sind aus hygienischen Gründen beschnitten. Auch dort gibt es keine Hinweise auf Mißempfindungen. Ich gehe also davon aus, daß jeder, der beschnitten werden will, auch ohne sog. medizinische Indikation beschnitten werden sollte. Bei medizinischer Indikation selbstverständlicherweise.

#20 |
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Im Zusammenhang mit religiös motivierten Beschneidungen:
1.Mose 17:11-14
“Ihr sollt aber die Vorhaut an eurem Fleisch beschneiden. Das soll ein Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch.…”
Josua 5:3
“Da machte sich Josua steinerne Messer und beschnitt die Kinder Israel auf dem Hügel Araloth.”

M.E. ist es “Zeit für eine Neubesinnung auf die genitale und körperliche Selbstbestimmung.
Blutige Eingriffe an blutjungen Menschen passen nicht mehr in unsere Zeit. Eine verbreitete deutsche Religionsmüdigkeit trifft auf die rechtstheoretische Ansicht, eine wirkliche Religionsmündigkeit entwickele sich erst mit selbstreflektierendem Denken, Fühlen, Wollen und Handeln ab der Pubertät.
Bedenkenträger des Islams und des Jüdischen Glaubens kommen mit Jahrtausende alten Traditionen. Aber gerade diese führten uns im Christentum zu Gesinnungsterror gegen Andersdenkende, kolonialistischem Genozid in Mittel- und Südamerika, zu Pogromen, Glaubenskriegen und erbarmungslosen Kreuzzügen gegen Islamgläubige bzw. Juden. Hexenverfolgung, Folter, Exorzismus, Züchtigung und sexueller Missbrauch wirken bis heute nach.
Rituelle Beschneidungen von Kindern sind willkürlich. Bei Mädchen und Frauen sind sie weltweit geächtet, bei männlichen Säuglingen und Kindern können sie nicht einfach propagiert werden. Sie sind keine Präventiv- oder Heileingriffe. Dann wäre der nicht beschnittene Rest der Männerwelt in seiner Gesundheit akut bedroht und hätte lebenslang etwas völlig falsch gemacht.
In unser aufgeklärten, säkularisierten Bundesrepublik Deutschland mit Trennung von Staat und Kirche bzw. Abkehr vom fundamentalistischen Gottesstaat sind rein religiös begründete Zirumzisionen (Beschneidungen, Vorhautentfernungen) keine bei Säuglingen und Kindern einwilligungsfähige Eingriffe. Wir leben in einer demokratischen, von individuellen Menschenrechten und Achtsamkeit geprägten postmodernen Industriegesellschaft.
Alle Religionsgemeinschaften, die rituell beschneiden wollen, sind am Zug. Sie müssen ihren Ritus erklären, reflektieren und unseren gesellschaftlichen Regeln anpassen, wie sich auch das Christentum jahrhundertelang angepasst hat. Unsere politische und soziale Rechtsordnung gebietet: “Weniger Beschneidungen bzw. mehr Demokratie und Selbstbestimmung wagen!”
Vgl dazu
http://news.doccheck.com/de/195917/zirkumzision-vorschnell-an-der-vorhaut/

#19 |
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@ #18:
◄ 1.Samuel 18:25 ►
Lutherbibel 1912
“Saul sprach: So sagt zu David: Der König begehrt keine Morgengabe, nur hundert Vorhäute von den Philistern, daß man sich räche an des Königs Feinden. Denn Saul trachtete David zu fällen durch der Philister Hand.”
Textbibel 1899
“Saul gebot: Sprecht so zu David: Der König begehrt keine weitere Morgengabe, als hundert Philistervorhäute, um an des Königs Feinden Rache zu nehmen. Saul rechnete nämlich darauf, David durch die Hand der Philister zu fällen.”
Modernisiert Text
“Saul sprach: So saget zu David: Der König begehret keine Morgengabe ohne hundert Vorhäute von den Philistern, daß man sich räche an des Königs Feinden. Denn Saul trachtete, David zu fällen durch der Philister Hand.”
https://bibeltext.com/1_samuel/18-25.htm

#18 |
  1

Bezüglich der religiösen Sinnhaftigkeit ist ein kurzer Blick in die Bibel hilfreich, dort kann man bei 1.Samuel 18.25 nachlesen, dass Vergleiche mit den Skalps der Indianer nicht abwegig erscheinen.

#17 |
  5
Apotheker

Offenbar sind die Eltern dieser verstümmelten Kinder unglaublich einfältig und grausam!
Die Vorstellung, meinen Jungen völlig sinnlos etwas abschneiden und ihnen Schmerzen zufügen zu lassen, ist für mich einfach nur eine Horrorvision!

#16 |
  14
Sonstige

Wenngleich die bei solchen Themen unvermeidbaren Relativierungen nicht ausbleiben, möchte ich Herrn Weihrauch noch mal für die treffende Zusammenfassung danken! Wenn sich Herr von Geisau im übrigen ein wenig mit der Psychologie auskennen würde, wüsste er, dass seine diesbezüglich unterstellten Freud’schen Mechanismen keinerlei empirischen Niederschlag gefunden haben. Und die Religionsfreiheit endet sehr wohl an der körperlichen Unversehrtheit. Der § 1631 d BGB ist einzig und allein auf den Druck entsprechender Religionsgemeinschaften hin entstanden und kein Freifahrschein für Genitalverstümmelungen aller Art.

#15 |
  5
Rettungsassistent

@ Ernst Soldan:
Es sind ja nicht nur altersmäßige Unterschiede, sondern auch in der religiösen Grundlage deutliche Differenzen.

Das die Verweigerung einer religiösen Beschneidung ein schwerwiegender Eingriff in die Religionsfreiheit ist, sehe ich unabhängig von dem Peergroupverhalten. Man würde einen jüdischen Jungen definitiv seiner religiösen Identität berauben, bei einem muslimischen bin ich mir da nicht sicher (mir fehlt da der Background). Das jedoch zu thematisieren gelingt nur wenigen – woher auch, man kann von der Mehrheit nicht vertiefte Kenntnisse der religiösen Inhalte einer Minderheit verlangen.

#14 |
  63

@Joachim von Geisau:
6-7jährige Kinder sind ja durchaus schon Persönlichkeiten mit eigenem Willen, wenngleich rechtlich noch nicht zustimmungsfähig. Druck machen können sie, insbesondere über die Eltern (bei mir meist Mütter, alleinerziehend, eh schon diskriminiert auch in der Peergroup) durchaus. Bei jüdischen Kindern hab ich das Problem nicht, da die Sache Jahre vorbei ist, bevor ich sie evtl. sehe.

@Remedias Cortes:
Ich geb Ihnen vollkommen Recht, aber machen Sie das mal dem Buben klar. Der will mit seiner Peergroup mithalten und das Fest bekommen, Ihre Argumentation wird ihn nicht erreichen.
Was anderes wäre das mit einer weiblichen Genitalverstümmelung, da hab ich noch nie gehört dass ein Mädchen das will, ausserdem sehen wir die Bescherung allenfall hinterher. Zum Glück in einer Hausarztpraxis die Ausnahme, bei Kindern hab ich’s noch nie gesehen.

#13 |
  3
Mag. Götz Egloff
Mag. Götz Egloff

Wir greifen permanent in die Natur ein und sind, denken wir an die durchschnittliche Lebenserwartung, so schlecht damit nicht gefahren…
Mir scheint manch über-ich-orientierte Überaufregung eher das Spiegelbild einer orientierungslosen Öffentlichkeit im endlosen Bequemlichkeitskonsum zu sein, die sich nun ihr Weltbild biopolitischer Selbstoptimierung zurechtzimmert: wozu noch eine Vagina, wenn sich´s mit der Vorhaut gemütlich masturbieren lässt…
Wie meinte eine urologische Kollegin neulich: meistens hässlich, immer lästig.
Auch interessant:
Brookman-May et al. (2014). Das Ende eines Mythos: Die männliche Zirkumzision ist nicht mit einer höheren Prävalenz der erektilen Dysfunktion assoziiert. J Urol Urogynäkol 21(2):12-16
Bossio JA, Pukall CF, Steele SS (2016). Examining penile sensitivity in neonatally circumcised and intact men using quantitative sensory testing. J Urology 195(6):1848-1853

#12 |
  60
Heilpraktikerin

#6 genau darauf wollte ich auch hinweisen: für Juden ist die Beschneidung Teil ihrer religiösen Identität und somit “zwingend”. Bei Muslimen war ich mir nicht sicher, wie es sich damit verhält – daher danke für die Info.

Was den Zwist zwischen körperlicher Unversehrtheit und religiöser Freiheit betrifft, so sehe ich zwei relevante Punkte.

Zum einen haben auch unsere Kirchen so ihre eigenen Gesetze (auch wenn der ein oder andere mittlerweile tatsächlich deswegen vor Gericht geht, z.B. wegen Diskriminierung), und sehr lang hat sich selten deswegen jemand beschwert. Bei Caritas, so habe ich gehört, muss man katholisch sein, wenn man dort arbeiten will. Nach wie vor. Wenn wir also unsere eigene Kirche jenseits des Grundgesetzes nach ihren eigenen Regeln schalten lassen wie sie es für richtig hält, können wir nicht bei anderen Religionen dem einen Riegel vorschieben.

Der andere Punkt ist die deutsche Geschichte. Man möchte einfach nicht in den Konflikt geraten, Juden an der Ausübung eines für sie zentralen Rituals hinsichtlich der Zugehörigkeit zur Religion und somit Verbindung mit Gott hoch offiziell (per Gesetz) zu hindern.

Ein schwieriges Thema. Was mich betrifft, bei allem Respekt für Religion, empfinde ich Beschneidung schlichtweg als Körperverletzung. Wäre ich Jüdin, würde ich das möglicherweise anders sehen.

#11 |
  6
Gesundheits- und Krankenpfleger

Leider dreht sich hier alles nur um die Religion, das hat die Autorin bestimmt nicht beabsichtigt. Hier glaubt man, wieder ein Evangelium verkünden zu müssen.
Was ich vermisse ist die Behandlung der Paraphimose. Die einfache quere Spaltung des Schnürrings die dann längs vernäht wird, so wie bei einer Pylorusstenose verfahren wird. Eine Nachbehandlung ist dann nicht mehr nötig, eine Reinigung ist dann wieder problemlos.

#10 |
  1
Rettungsassistent

Herr Dr. Lehr, auch Ihnen empfehle ich den Literaturtipp:
Dr. Antje Yael Deusel, Mein Bund, den ihr bewahren sollt. Religionsgesetzliche und medizinische Aspekte der Beschneidung. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2012

#9 |
  82
Nichtmedizinische Berufe

Was ist der tiefere Sinn einer Zirkumzison? …doch wohl eine Traumatisierung zu provozieren – Traumatisierte Menschen lassen sich leichter manipulieren Ein unsicher gebundenes Kind – und ich behaupte einfach mal, ein Kind, dessen Eltern es zulassen, dass ihm Schmerzen zugefügt werden und nicht mit ihm leiden, sondern noch jubeln und feiern – wird sich in seiner Haltlosigkeit um so williger dem allmächtigen Vatergott unterwerfen. Grausamkeiten wie die Scharia werden akzeptiert, denn dieser Gott ist selbst grausam und bittet um grausame Opfer ( was tut man denn bitte mit einer Vorhaut?) Nicht nur ein Körperteil wurde verstümmelt, sondern Gefühle, die Seele.

#8 |
  27

o gott, o gott was hat er oder irgendjemand von dieser kindesmisshandlung? wenn diese religion 6000 jahre alt ist sollte ein befehl dieses gottes, der offenbar unfaehig ist perfekte jungen zu schaffen. wegen antiquitaet gestrichen werden.

#7 |
  19
Rettungsassistent

@Ernst Soldan: Ich tue mich mit “schwarzer Peter” schwer – aus zwei Dingen: Einmal kann man von Ihnen als Arzt nicht zwangsläufig medizinisch nicht indizierte Eingriffe erwarten. Zudem wird des öfteren Chitan (die muslimische rel. Beschneidung) als Sunna und damit z.T. nicht verpflichtend gewertet(sie ist im Koran auch nicht erwähnt), während die Brit Mila am 8. Tag verpflichtend ist. Daher auch die Regelung, das Mohelim die Brit Mila bis zum Alter von 6 Monaten durchführen dürfen.
Eine Patentlösung für Ihre Situation wird es vermutlich nicht geben.
Grundsätzlich könnte man sich freilich auch fragen, warum um die Zirkumzision so ein Theater gemacht wird und nicht auch um das Stechen von Ohrlöchern. Womit wir wieder bei Freud wären…

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Ich bin kein Fan derartiger Eingriffe, aber ich wurde als Hausarzt vieler muslimischer Patienten widerholt mit dem dringenden Wunsch nach Beschneidung von Buben im jungen Schulalter, d.h. 6-7 Jahren, konfrontiert, zustandegekommen durch den Gruppendruck schon beschnittener Gleichaltriger, d.h. die Betroffenen möchten unbedingt dazu gehören und fühlen sich als noch nicht Beschnittene diskriminiert. Jetzt könnte ich natürlich die oben beschriebenen Begründungen kindgerecht zu servieren versuchen, und kann mich ausserdem damit herausreden, dass ich überhaupt nicht operiere. Ggf eine Überweisung zum Urlologen schreiben “Ausschluss Phimose”, dann hat der den Schwarzen Peter. Was tun ?

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Rettungsassistent

Dipl.Psychologe Keller liegt FALSCH: Religionsfreiheit endet NICHT an der körperlichen Unversehrtheit. Widerstreitende Grundrechtsinteressen sind mittels der praktischen Konkordanz in Einklang zu bringen, und genau dem hat der Gesetzgeber mit dem § 1631 d BGB Genüge getan.
Er mag sich doch mal als Psychologe fragen, warum sich so viele Nichtbetroffene so vehement gegen die Beschneidung aussprechen – richtig, die Freudsche Kastrationsangst.
Und zu PD Weihrauch: Es handelt sich nicht um eine 2000 Jahre alte Religion, sondern eine fast 6000 Jahre alte.
Merke: Was medizinisch nicht notwendig erscheint, ist deswegen noch lange nicht unnötig.
Sowohl dem Artikel als auch den Kommentaren hierzu fehlt jeglicher religionsgeschichtlicher oder halachischer Bezug. So macht man sich schnell ungewollt zu Hitlers Erben und jüdisches Leben in D unmöglich. Whataboutismen (übrigens eine kommunistische Argumentations”methode” aus den Sowjetzeiten kalten Krieges) um einen “4. Zeh” machen die argumentativen Defizite auch nicht wett.
Wer sich ernsthaft mit dem Thema befassen will:
Dr. Antje Yael Deusel, Mein Bund, den ihr bewahren sollt. Religionsgesetzliche und medizinische Aspekte der Beschneidung. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2012
Frau Dr. Deusel ist Rabbinerin und Fachärztin für Urologie. Sie hat die Kompetenz, das Thema sowohl medizinisch als auch halachisch zu beurteilen. Letzteres fehlt sowohl im Artikel als auch in den Kommentaren.
Gut gemeint, aber inhaltlich mangelhaft.

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Dipl. Psychologe Rainer Keller
Dipl. Psychologe Rainer Keller

Ich kann Herrn Weihrauch nur zustimmen. Religionsfreiheit endet mit der körperlichen Unversehrtheit. Keine Religion der Welt kann eine Vergewaltigung gutheißen. Weder geistig noch körperlich. Wieso unsere Regierung einen Kniefall vor Religionen macht und Verstümmelungen zulässt, ist unbegreiflich. Das Grundgesetz – so hatte ich es gelernt – gilt für alle. Wieso nun plötzlich nicht mehr. Wenn es mir meine Religion vorschreibt, ist die Handlung erlaubt. Gehöre ich nicht dieser Relgion an, mache ich mich strafbar. Doch dieser Tatbestand wird weder von der Presse noch von anderen Institutionen angeprangert. Hiess es früher nicht mal: Religion und Staat sind streng getrennt… Die UN z.B. regt sich über Vermummung in Frankreich auf…. die wirklich wichtigen Dinge übersieht dieser Verwaltungsmoloch komplett. Das ist sehr traurig und sagt mehr über unseren Staat als alles andere…

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Anstatt mit einer Kortisoncreme zu arbeiten habe ich deutlich bessere Ergebnisse mit einer Östrogencreme die für drei Wochen zwischen Vorhaut und Eichel eingebracht wird gesehen. In meiner Kinderarztpraxis wird schon seit ca. 20 Jahren nur noch seltenst bei narbigem Umbau der Vorhaut operiert. Alle konservativ nicht zu optimierenden Verengungen, die im Alltag stören, kann man einer Tripleinzision zuführen, die vorhauterhaltend diese erweitert. Patienten können sich an die Uni Köln wenden, die Kinderchirurgen dort beherschen das spitze. Genitalverstümmelungen in religiös erlaubte und rechtlich strafbare zu unterteilen schaffen wir auch nur in Deutschland. Ethisch völlig unhaltbares Urteil!

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PD Dr. med. Martin Weihrauch
PD Dr. med. Martin Weihrauch

Ich halte Beschneidung aus religiösen oder puritanischen (USA) Gründen für Genitalverstümmelung. Was produziert die Natur schon ohne nützlichen Sinn?
Und wenn man schon für die Religionen argumentiert, hier ein Gedankenexperiment:

Ich gründe eine Religion, bei der die 4. Zehe des linken Fuss jedes Säuglings als Gottesopfer amputiert wird. Die 4. Zehe ist funktionell weniger bedeutsam als die Vorhaut. Dürfte ich das? Und wenn nicht, warum nicht? Nur weil meine Religion nicht 2000 Jahre alt ist?

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