Beitrag zur Grunzsatzdebatte

7. Dezember 2009
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Nach langem Vorgeplänkel ist die Schweinegrippe in aller Munde. Der einzige, der nie gefragt wurde, ist Rüdiger Rüssel, Vorsitzender des Bundesverbands deutscher Mastschweine. In einem seiner seltenen Interviews legt er DocCheck seine Sicht der Dinge dar.

Herr Rüssel, lesen Sie regelmäßig die Medienberichte über die Schweinegrippe?

Rüdiger Rüssel: Ich lasse mir vom Bundesverband eine tägliche Presseschau zusammenstellen, die mich mit allen wichtigen Artikeln und mit Hinweisen auf relevante TV-Sendungen versorgt. Und ich muss schon sagen, manchmal ist mir dabei einfach nur zum Grunzen zu Mute. Schwein hier, Schwein da, Krankheit durch Schweine, Impfen gegen Schweine, Tod durch Schweine. Ich frage mich schon, was wir eigentlich getan haben. Mir ist bisher jedenfalls kein Schwein bekannt, dass einen deutschen Staatsbürger mit Grippeviren infiziert hätte. Wir bleiben brav in unseren Ställen. Wir husten niemanden an. Wegen uns braucht Deutschland jedenfalls keinen Pandemieplan.

Die Schweinegrippe wurde aber nun einmal ursprünglich von Schweinen auf den Menschen übertragen…

Rüdiger Rüssel: Ja und? Dass Krankheitserreger von einer Spezies auf die andere übertragen werden, passiert täglich. Da kräht kein Hahn danach. Das eigentliche Problem sind die Menschen, nicht die Schweine. Die Menschen meinen, sie seien so unverzichtbar, dass sie auch dann noch zur Arbeit, in die Schule, auf die Messe oder ins Fußballstadion gehen, wenn sie eigentlich zu Hause bleiben sollten. Gehen Sie doch einfach mal morgens in die Berliner S-Bahn. Da ist was los…

Was denn?

Rüdiger Rüssel: Dort wird gehustet, gerotzt und geniest was das Zeug hält. Und da wundern Sie sich noch über irgendetwas? Haben Sie schon einmal ein Schwein gesehen, dass sich in der S-Bahn mit einem Taschentuch von vorgestern den Rüssel schnäuzt und die Pfote danach genüsslich an der Haltestange abreibt? Oder kennen Sie irgendein Schwein, das seinem Gegenüber so dermaßen ins Gesicht keucht, dass außer Grippeviren gleich auch noch das ganze Mittagessen übertragen wird? Nein – denn wir begegnen den meisten Menschen nur als Schnitzel.

Der Präsident des Robert Koch Instituts, Professor Jörg Hacker, hat Befürchtungen geäußert, wonach uns in diesem Jahr dank Schweinegrippe eine der schlimmsten Grippewellen der letzten Jahrzehnte bevorstehen könnte…

Rüdiger Rüssel: Das sehe ich auch so. Aber wir sind daran nicht Schuld. Das ist die reinste Verleumdung. Ich habe allergrößten Respekt vor Herrn Professor Hacker. In dem ganzen politisch und ideologisch motivierten Geschwafel über Grippe und Grippeimpfungen ist er eine der wenigen Stimmen, die anzuhören sich lohnt. Leider muss ich aber sagen, dass er in linguistischer Hinsicht grandios gescheitert ist.

Inwiefern?

Rüdiger Rüssel: Unser Verband hat von Beginn der Grippe-Diskussion an für eine neutrale Nomenklatur gekämpft. Der Begriff der „Neuen Grippe“ wurde ursprünglich von uns in die Debatte eingebracht – aus nachvollziehbaren Gründen. Das RKI hat sich dem auch angeschlossen, jedenfalls am Anfang. Als dann aber irgendwann im Herbst die Diskussionen über die Impfungen an Schärfe gewannen, war es mit Konsequenz in Sachen Nomenklatur plötzlich nicht mehr so weit her. Wenn der Begriff der Schweinegrippe von offizieller Seite so konsequent gemieden worden wäre, wie wir das immer gefordert haben, dann hätten wir heute eine ganz andere Situation.

Wie beurteilen Sie den Umgang der Ärzteschaft mit der Schweine-, Verzeihung, mit der Neuen Grippe und mit der Impfung dagegen?

Rüdiger Rüssel: Grunz.

Wie genau meinen Sie das?

Rüdiger Rüssel: Wenn Sie Ihr ganzes Leben im Stall verbringen, dann ist da wenig Raum für irgendwelche ideologischen Sauereien. Essen, schlafen, Ferkel werfen, und zu Weihnachten mal ein paar Eicheln – das sind Dinge, die für uns relevant sind. Ich sag’s mal so: Wenn sich deutsche Ärzte den weißen Kittel ab- und statt dessen unsere rosa Haut übergestreift hätten, wären sie sensibler mit diesem Thema umgegangen.

Werden Sie sich impfen lassen?

Rüdiger Rüssel: Ja, aber nicht gegen Schweinegrippe, sondern gegen das Schlachten.

(Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz)

162 Wertungen (4.35 ø)
Allgemein

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18 Kommentare:

Dr. Dirk Friedrich Rodekirchen
Dr. Dirk Friedrich Rodekirchen

Schweinegrippe…? Cui bono…?

#18 |
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Dr. Siegfried Tewes
Dr. Siegfried Tewes
#17 |
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Ärztin

Klasse!!

#16 |
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Hildegard Fuchs
Hildegard Fuchs

Prima, weiter so!

#15 |
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Akupunktur Berlin Kreuzberg Dagmar Amtmann
Akupunktur Berlin Kreuzberg Dagmar Amtmann

Sehr lustiger Beitrag!
Schöner Sarkasmus!
Freue mich schon auf den nächsten Beitrag…

#14 |
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Frau Margarete Bastians
Frau Margarete Bastians

Ein super Beitrag/Interwiev, ich kann da nur zustimmen. Vielen Dank für den schönen Wochenbeginn.

#13 |
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Tierheilpraktikerin

Guter Beitrag!!! So kann die Woche gut starten ;-))

#12 |
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Dr. med. Mohammad Qadir Mehr
Dr. med. Mohammad Qadir Mehr

Bei der neuen Grippe handelt es sich um eine Übertragung der Inflienza-Viren H1N1 von Schwein auf Mensch.Ich habe nicht veratanden,warum soviele Ängste vor der neuen Grippe geschürt wurden?In deutschland sterben jährlich sehr viele Menschen an der jährlichen Winter-Influenza-Grippe.Wir halten die Impfung für eine sehr sinnvolle Prophylaxe.Ich nehme lieber die Nebenwirkungen der Impfung gegen die SG,die 1-2 Tage dauern würden in Kauf, als 1-2 Wochen an SG zu erkranken und mit Virustatika behandelt zu werden.

#11 |
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Carl – Heinrich Becker
Carl – Heinrich Becker

Die humorvollen Ansichten von Rüdiger Rüssel sind wahrhaft gut und somit begleitend heilsam.
Bitte weiter solche Beiträge und die Krankheitskosten könnten sinken!!
mfg Carl – Heinrich Becker

#10 |
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Danke für das amüsante Interview!

#9 |
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hansjörg lakowski
hansjörg lakowski

erfrischend.
erinnert mich an “des kaisers neue kleider”!
keiner sieht, dass der kaiser nackt ist- oder: will es keiner sehen?

#8 |
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Herlich direkt und dabei nett verpackt! Danke!

#7 |
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Dr. Friedrich A. Wetzel
Dr. Friedrich A. Wetzel

Nochmal der alte Witz:
Treffen sich ein Löwe, ein Tiger und ein Schwein.
Sagt der Löwe: Wenn ich brülle, rennen alle davon.
Der Tiger: Wenn ich brülle, fürchtet sich der ganze Dschungel.
Darauf das Schwein:
Wenn ich nur huste, sch….. sich alle in die Hose !

#6 |
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Vielen herzlichen Dank für diesen netten Beitrag!

#5 |
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Heike Schmickler
Heike Schmickler

auf den Punkt getroffen und wunderbar formuliert! ;-)

#4 |
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Heilpraktikerin

einfach köstlich ;-)))

#3 |
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Medizinjournalistin

Danke, das Interview erinnert mich lebhaft an die Zeiten, als ich auch noch in Berlin lebte und mit Freunden das ASIB, das Allgemeine Schweine-Intelligenzblatt herausgab, in dem wir die aktuelle Politik aus der Sicht der Schweine kommentierten. Die Redakteure hießen Porky Pig, Pigling Bland und Chlodwig.

#2 |
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Ja, ich habe nie die Rüssels im Verdacht gehabt. Sondern ich habe mich gegen die Infektion mit der Neuen-Grippe impfen lassen. Gibt es vielleicht auch von dort, von den Neuen-Tötern eine Stellungnahme?!

#1 |
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