Darmentzündung: Foulspieler ausgewechselt

9. Dezember 2009
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Für Kinder mit schwerer chronischer Darmentzündung gab es bisher keine wirklich geeigneten Therapiemöglichkeiten. Wissenschaftler haben die Ursache der Erkrankung entdeckt und heilen erstmals Patienten mit Hilfe einer Knochenmarkstransplantation.

Heftige Bauchschmerzen, blutige Durchfälle und eitrige Fisteln. Das sind die typischen Symptome einer schweren chronischen Darmentzündung bei Säuglingen. Entzündungshemmende Medikamente helfen, wenn überhaupt, nur kurzfristig. Um die Beschwerden wenigstens etwas zu lindern, wird den kleinen Patienten oft sehr früh der Dickdarm entfernt. Nun ist es Forschern der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gelungen, die Krankheit zum ersten Mal ursächlich zu behandeln. Wie Professor Christoph Klein und seine Kollegen im Fachblatt New England Journal of Medicine berichten, transplantierten sie einem neunjährigen Jungen, der an einer besonders schweren Verlaufsform dieses Krankheitsbildes litt, fremdes Knochenmark. Nach wenigen Wochen heilten dessen entzündliche Darmveränderungen komplett und dauerhaft ab.

Der erfolgreichen Behandlung ging eine Vielzahl von Untersuchungen voraus: „Bevor wir einen Patienten einer solchen experimentellen Therapie unterziehen, müssen wir die Ursache seiner Erkrankung verstehen“, sagt Klein, der an der MHH Leiter der Klinik für Kinderheilkunde, Pädiatrische Hämatologie und Onkologie ist. „Da chronische Darmentzündungen in manchen Familien als autosomal-rezessive Erbkrankheit auftreten, wollten wir den zugrunde liegenden Gendefekt entschlüsseln.“ Darum nahmen die Forscher das Erbgut der Patienten und ihrer Eltern genauer unter die Lupe. Nach einer aufwändigen Suche stießen Klein und sein Team in Zusammenarbeit mit Professor Bodo Grimbacher vom University College London schließlich auf die Gene IL-10R alpha und IL-10R beta. Bei vier von neun Patienten war eines der beiden Gene defekt.

Gendefekt unterbricht Signalkaskade

Die Gene tragen die Bauanleitung für zwei Untereinheiten des Interleukin-10-Rezeptorproteins (IL-10R), das auf der Oberfläche von Immunzellen sitzt. Normalerweise leitet der Rezeptor ein Signal ins Innere der Zellen weiter, sobald an ihm der Botenstoff Interleukin-10 (IL-10) andockt. Das Signal sorgt dafür, dass eine Reihe von Genen an- und ausgeschaltet werden und die Zellen keine Botenstoffe mehr produzieren, die Entzündungen fördern. „IL-10 verhindert wahrscheinlich auf diese Weise, dass durch Darmbakterien stimulierte Immunzellen körpereigenes Gewebe angreifen“, sagt Professor Stephan Ehl, Kinderarzt und Leiter des Centrums für Chronische Immundefizienz am Universitätsklinikum Freiburg.

Bei den Patienten ohne funktionsfähigen Rezeptor ist dieser Signalweg jedoch unterbrochen, ihre Immunzellen schütten ununterbrochen entzündungsfördernde Botenstoffe ins Darmepithel aus und lösen so die Krankheit aus. Nachdem klar war, dass bei einigen Patienten der defekte IL-10-Rezeptor ihre Erkrankung verursachte, wagte das Team um Klein den nächsten Schritt. „Da IL-10 seine Wirkung vor allem auf Immunzellen ausübt“, so der Mediziner, „wollten wir die Darmentzündung dadurch zum Verschwinden bringen, indem wir das körpereigene Abwehrsystem auswechselten.“ Für die dafür erforderliche allogene Knochenmarktransplantation wählte er einen neunjährigen Jungen mit einem defekten IL10R beta-Gen aus, der fast sein ganzes Leben im Krankenhaus verbracht hatte.

Chemotherapie vernichtet fehlerhafte Immunzellen

Mit Hilfe einer Chemotherapie wurde das Immunsystem des Jungen ausgelöscht und ihm anschließend Knochenmarkzellen einer seiner gesunden Schwestern verpflanzt. Trotz seines geschwächten Zustands verkraftete er die strapaziöse Prozedur gut; gefürchtete Nebenwirkungen wie Infektionen oder eine Transplantat-Wirt-Reaktion blieben weitgehend aus. „Nach nur wenigen Wochen verschwanden die schweren Entzündungen und Fisteln vollständig“, erzählt Klein. Mittlerweile hat er zwei weitere Patienten, einen acht Monate alten Säugling und ein zwölfjähriges Mädchen, mit der gleichen Therapie erfolgreich behandelt.

Auch wenn der jetzt entdeckte Gendefekt nur sehr selten vorkommt, könnte die Arbeit von Klein und Grimbacher eventuell Auswirkungen auf die Therapie von Jugendlichen und Erwachsenen haben, die an Morbus Crohn erkrankt sind. Auch bei dieser sehr viel häufiger auftretenden Krankheit kann es zu schweren Entzündungen vor allem im Dünndarm der Betroffenen kommen. „Zum ersten Mal konnte beim Menschen direkt gezeigt werden, dass IL-10 eine Schlüsselrolle bei entzündlichen Darmerkrankungen spielt“, lobt Ehl die Veröffentlichung seines Kollegen. „Allerdings werden sich die meisten Fälle von Morbus Crohn wohl nicht auf einen einzigen Gendefekt zurückführen lassen.“

Wahrscheinlich, so der Mediziner, müssten mehrere veränderte Gene vorliegen, die dann im Zusammenwirken mit Infektionserregern die Krankheit auslösen. Deswegen hält er es auch für unwahrscheinlich, dass man nun alle Erwachsene mit schweren Verlaufsformen von Morbus Crohn mit einer Knochenmarkstransplantation erfolgreich behandeln kann. Für Patienten mit einem klar definierten Gendefekt sei sie aber auf jeden Fall eine Behandlungsoption.

Zukünftig Therapie mit patienteneigenen Stammzellen?

Für Säuglinge mit einem fehlerhaften IL-10-Rezeptor könnte es in ein paar Jahren eventuell noch eine Therapiealternative geben. „Dazu müsste man patienteneigene Stammzellen gewinnen und den Defekt mittels einer Gentherapie reparieren“, erklärt Ehl. „Da bei der Verpflanzung der neuen Zellen mit keiner Abstoßungsreaktion zu rechnen ist, muss man die alten Zellen nicht komplett auslöschen, sondern nur etwas zurückdrängen.“ Die dafür nötige Chemotherapie sei nicht so hart und werde von Kindern in der Regel gut vertragen.

118 Wertungen (4.61 ø)
Allgemein

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8 Kommentare:

Dr. rer. nat. Esther Werle-Nötzel
Dr. rer. nat. Esther Werle-Nötzel

Es würde mich freuen, wenn die Pharmakotherapie entzündlicher Darmerkrankungen einen weiteren Schritt in Richtung einer kausalen Behandlung machen würde ¿ das würde sehr vielen Menschen helfen.
Bis dahin empfehle ich persönlich Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen die Einnahme eines völlig untoxischen alt bewährten Adsorptionsmittels(Entero-Teknosal®) zur äußerst effektiven Symptombehandlung.- mit bisher sehr positiver Rückmeldung. Die Patienten berichten über deutliche Besserung der Symptome (Abnahme der Stuhlfrequenz – Zunahme der Konsistenz und Normalisierung der Farbe der einzelnen Stuhlportionen – Nachlassen der abdominellen Schmerzen und anderer Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Appetitlosigkeit ¿ z. T. sogar Anstieg des reduzierten Körpergewichts). Entero-Teknosal wirkt adsorbierend auf hochmolekulare Eiweißkörper und auf Bakterien, Viren oder Enterotoxine und wird nach oraler Aufnahme unverändert wieder ausgeschieden.
Wegen seiner rein physikalischen Adsorptionswirkung wäre dieses Arzneimittel auch zur Behandlung entzündlicher Darmerkrankungen bei Kindern einsetzbar.

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Prof. Dr. med. Manfred Kist
Prof. Dr. med. Manfred Kist

Das Ursachenspektrum chronisch entzündlichher Darmerkrankungen ist bekanntermaßen multifaktoriell. Dafür sprechen u. a. eine zunehmende Häufigkeit global und regionale Unterschiede wie z. B. das Nord-Süd-Gefälle der Prävalenz. Individuelle genetische Fakttoren spielen ebenfalls eine wichtige Rolle und bieten zudem kausale kurative Behandlungsmöglichkeiten, wie die zitierte hervorragende Studie gezeigt hat. Mich befremdet lediglich etwas an diesem Bericht, dass mit keiner Silbe der Erstautor Dr. Erik Glocker (Arzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie) genannt wird, der die Hauptarbeit bei der Genanalyse geleistet und die Publikation auch verfasst hat. Übrigens: einer “Darmanalyse” würde ich lediglich psychologische Effekte zubilligen. Wie soll die Untersuchung von Stuhlflora auf wenige gut züchtbare Bakterien ein repräsentatives Bild der 400-700 Spezies abgeben, welche die Darmschleimhhaut besiedeln, zumal es während des Materialttransports zu einer Verschiebung der quantitativen Verhältnisse kommen muss, auf die so großen Wert gelegt wird. Mein Rat: ernähren wir uns mit natürlichen traditionellen Lebensmitteln, die enthalten mehr als genug Bakterien mit denen unser Darmtrakt gut befreundet ist und versuchen wir nicht hochkomplizierte Verhältnisse auf der Basis grober und unbelegter Vereinfachungen zu verstehen.

#7 |
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Birgit Piechulek
Birgit Piechulek

Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen soll auch Weihrauch und Myrrhe helfen. Hat jemand damit Erfahrungen gemacht?

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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Eine besonders erfolgreiche Therapie (nach Angaben von Dr. Wighard Strehlow, Konstanz, 80 %Heilungsrate) ist die Anwendung einer alten Kräuterheilkunde nach Hildegard von Bingen.Ich habe diese selbst an mir ausprobiert, in Verbindung mit zugeführten Darmbakterien, nach gezielter Darmanalyse. Natürlich kommt eine veränderte Einstellung zur Ernährung auch dazu. Zum ursächlichen Zusammenhang zwischen Ernährung und Krankheit gibt es inzwischen gut dokumentierte weltweite Großstudien.

#5 |
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Schon mal einem Wissenschaftler aufgefallen, dass derartige Darmerkrankungen bei Menschen und Haustieren mit der, seit Generationen andauernden Fehlernährung mit dysgenerierten und denaturierten Lebensmitteln, in Verbindung stehen könnte und bei Naturvölkern und Wildtieren, deren Ernährung sich seit Generationen kaum verändert hat, verschwindend gering, bzw. so gut wie gar nicht vorkommen?

Vermutete Antwort: Ja, aber an einer natürlichen Ernährungsweise kann man nicht so viel verdienen.

Kratofiel
Matthias-Georg
Dr med dent
Zahnarzt, Ernährungsmediziner
45525 Hattingen
Kleine Weilstraße 27
Fon: 02324-52600
Fax: 02324-52872
http://www.Altstadtpraxis.de
E-Mail: Kratofiel@web.de

#4 |
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Dr. med.  Max Karner
Dr. med. Max Karner

@Almut Walter… Mykobakterien wurden in der Geschichte der chron. entzündlichen Darmerkrankungen auch in der Humanmedizin immer wieder ins Spiel gebracht. Tatsächlich gab es einige prägnante Hinweise für einen Zusammenhang zwischen M. Crohn und Mykobakterien. Nachdem aber eine groß angelegte Studie mit Tuberkulostatika keine Besserung bei Pt. mit M. Crohn brachte, verschwand diese These entgültig wieder in der Versenkung.

#3 |
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dr. med.vet. axel linhart
dr. med.vet. axel linhart

Auch hier sieht man wieder :Der Arzt ist nur so gut wie seine Diagnose ………und die Genforschung ist der Schlüssel dazu ,der Schlüssel zur Verbesserung von Diagnose UND Therapie……….meine einzige Sorge ist in diesem Zusammenhang die Gefahr der kriminellen Nutzung der Gentechnik…………………!!!

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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Da gibt es dann also eine wunderbare Querverbindung zum obersten Teil des Verdauungstraktes:
Quasi genau die genetische Prädisposition, die (haupt)verantwortliche für die sog. “aggressive Parodontitis” eben nur im Zusammenspiel mit den natürlicherseits vorhandenen Mikroorganismen die kolossalen Schäden anrichtet!

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