Wenn der Arzt nicht kommt

11. Dezember 2009
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Der Guerillakrieg in Uganda mit seinem schrecklichen Alltag aus Massenhinrichtung, -vergewaltigung, Folter und Entführung setzte dem Land schwer zu und forderte tausende zivile Opfer. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen richtete dort medizinische Institutionen ein, in denen die Menschen Schutz, Wasser und Nahrung bekommen. Dr. Michael Deiß war da und erzählt Euch von seinem Einsatz.

Stella Huber: Herr Dr. Deiß, wie lange waren Sie in Uganda tätig und wie muss man sich Ihr Einsatzgebiet vorstellen?

Dr. Deiß: Ich war für 9 Monate in Uganda und habe dort zusammen mit 12 internationalen Mitarbeitern ein Ernährungszentrum für unterernährte Kinder mit angeschlossener Kinderklinik geführt und in 6 Flüchtlingslagern die medizinische Infrastruktur und Versorgung gesichert. Jeder von uns hatte ein Team von einheimischen Mitarbeitern zur Verfügung und war auch für deren Fortbildung verantwortlich. Natürlich versteht sich Ärzte ohne Grenzen auch als wichtiger Arbeitgeber für die Menschen vor Ort.

Stella Huber: Was war Ihre Motivation, mit Ärzte ohne Grenzen nach Uganda zu gehen?

Dr.Deiß: Meine Motivation war zunächst einmal nicht rein altruistisch. Das ist mir wichtig zu sagen, da zuviel Idealismus häufig zu Enttäuschungen führt. Ich interessiere mich sehr für Infektiologie und wollte gerne in Afrika arbeiten. Dass dabei auch noch nichtmedizinische Aufgaben wie Improvisationskunst, Teamleitung und Arbeitsorganisation auf mich zukamen, war ein zusätzlicher Reiz.

Stella Huber: Was genau waren dann Ihre Aufgaben vor Ort?

Dr. Deiß: Ich war als einziger Arzt im Ernährungszentrum mit Kinderklinik für bis zu 320 Kinder medizinisch verantwortlich. Dazu kamen die HIV-Klinik und unsere Tuberkuloseklinik. Natürlich habe ich all diese Kinder nicht persönlich behandelt. Ich hatte ein Team aus 8 Clinical Officers (medizinisch geschultem Personal) an der Hand, das unter meiner Aufsicht die Patienten behandelte. Teamleitung, Fortbildung und das Einhalten möglichst hoher medizinischer Standards waren neben der ärztlichen Tätigkeit meine Hauptaufgaben.

Uganda
 
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Uganda

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11.12.2009

Stella Huber: Wie nahmen die Menschen dort die Arbeit Ihres Teams an?

Dr. Deiß: Die Patienten und Angehörigen haben unsere Arbeit sehr dankbar angenommen, vor allem wegen der Zuverlässigkeit von Ärzte ohne Grenzen: dank unserer Logistiker hatten wir nie Probleme mit dem Nachschub an Medikamenten oder Ausrüstung. Trotzdem gab es auch ab und an Probleme mit der Patientencompliance. Gerade bei chronischen Erkrankungen sind regelmäßige Termine wichtig, die oft nicht eingehalten wurden.

Stella Huber: Haben Sie sich dort jemals bedroht gefühlt?

Dr. Deiß: Die Sicherheitsmaßnahmen von Ärzte ohne Grenzen in Kriegsgebieten sind sehr umfangreich: Wir waren ständig per Funk miteinander verbunden, durften uns teilweise nur im Auto fortbewegen und auch dann nur zu zweit. Das schränkte unsere Mobilität zwar teilweise recht ein, führte jedoch dazu, dass ich mich nie unsicher oder bedroht fühlte. Die Sicherheitsauflagen schwanken je nach Einsatzgebiet und aktueller Lage und werden permanent von Ärzte ohne Grenzen angepasst.

Stella Huber: Wie sind Sie mit dem, was sie dort erlebt und gesehen haben umgegangen?

Dr. Deiß: Die Zeit in Uganda war sehr anstrengend, aber die tägliche Arbeit dort hat mich enorm motiviert. Natürlich bin ich dort immer wieder an Grenzen gestoßen, beispielsweise wenn ein Patient eine chirurgische Versorgung brauchte, die wir in unserem Projekt nicht bieten konnten. Für mich war das Team und unser Haus eine Art Refugium. Wenn ich am Abend nach Hause kam, gab es dort Menschen mit ähnlicher Mentalität und Motivation, einen Fernseher, Bier, Soft-drinks, Liegestühle im Garten und somit relativ gute Erholungsmöglichkeiten. Schwieriger war für mich die Rückkehr nach Deutschland. Als ich zurückkam, hatte ich das Gefühl, eine wichtige Aufgabe verloren zu haben: Die dringend notwendige Versorgung medizinisch vernachlässigter Patienten.

Stella Huber: Planen sie einen weiteren Einsatz für Ärzte ohne Grenzen?

Dr. Deiß: Ich möchte unbedingt einen weiteren Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen machen, aber wahrscheinlich wird leider so schnell nichts daraus: Ich habe eine 9 Monate alte Tochter, und mit Familie ist ein solcher Einsatz doch schwer durchführbar.

Stella Huber: Vielen Dank für die interessanten Antworten und alles Gute für Ihre Familie und zukünftige Einsätze.

Organisation Ärzte ohne Grenzen

„Jeder kann helfen“ – das ist das Motto der internationalen Organisation Ärzte-ohne-Grenzen. Das Nobelpreis-Komitee ehrte die Organisation 1999 für die „bahnbrechende humanitäre Arbeit auf mehreren Kontinenten“ mit dem Friedensnobelpreis.
Mehr Infos über die Aufgaben, Bewerbung und Einsatzorte bei Ärzte ohne Grenzen findet ihr auf Campus.

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