Neuropathischer Schmerz: Linderung am Haken

13. August 2013
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Docosahexaenoidsäure (DHA) aus Fischöl ist günstig und rezeptfrei zu haben. Die Fettverbindung könnte bald Patienten mit neuropathischen Schmerzen helfen – ohne Abhängigkeitspotenzial und Nebenwirkungen.

Schmerzmedikamente können abhängig machen. Doch bisher gibt es dazu kaum Alternativen, die Patienten ohne dieses Risiko von ihren Schmerzen befreien könnten. Das könnte sich nun ändern. Wissenschaftler der Duke Universität in Durham und der Harvard Medical School in Boston, USA, haben eine Substanz aus Fischöl identifiziert, die neuropathische Schmerzen offenbar lindern und verhindern kann. Ein Derivat der mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäure Docosahexaenoidsäure (DHA) soll Patienten nach Verletzungen des sensorischen Systems entlasten, so die Studienautoren.

Potent gegen Entzündungen

Das vielversprechende DHA-Derivat trägt den Namen Neuroprotectin D1, auch bekannt als Protectin D1 (NPD1=PD1), und ist ein bioaktives Lipid, das von Zellen im menschlichen Körper als Reaktion auf externe Stimuli produziert wird. NPD1=PD1 kommt in humanen Leukozyten vor und wurde ursprünglich entdeckt, weil die Fettverbindung Entzündungen im Bauchraum und im Gehirn zum Rückgang bringen kann. „Diese Verbindung leitet sich von Omega-3-Fettsäuren, die auch in Fischöl vorkommen, ab, ist aber tausendfach potenter als ihre Vorstufen, wenn es darum geht, Entzündungen einzudämmen“, so Studienleiter Prof. Ru-Rong Ji.

Blockade von Cytokininen und Chemokinen

Ihre Untersuchungen mit NPD1=PD1 führten die Wissenschafter an Mäusen mit Nervenverletzungen durch, um postoperative Schmerzzustände durch verletzte Nerven zu simulieren. Das chemisch synthetisierte NPD1=PD1 wendeten sie dabei entweder lokal an oder injizierten es in die Mäuse, um zu untersuchen, ob die Fettverbindung die Symptome der Tiere beeinflussen konnte. Dabei machten sie eine bemerkenswerte Entdeckung: NPD1=PD1 konnte offenbar nicht nur die Schmerzen der Tiere lindern, sondern auch die Schwellung der Nerven nach der Verletzung reduzieren. Die schmerzlindernden Eigenschaften von NPD1=PD1 rühren von seiner Fähigkeit, die Produktion von Cytokinen und Chemokinen zu blockieren. Diese kleinen Signalmoleküle locken Makrophagen bei Entzündungen zu den Nervenzellen. Ohne Cytokine und Chemokine werden die Nervenzellen vor weiteren Schäden bewahrt. NPD1=PD1 verringert auch „feuernde“ Nervenzellverbände, sodass die Tiere ein geringeres Schmerzempfinden haben.

Hohes Abhängigkeitspotential bei derzeitiger Medikation

Prof. Ji sieht in seiner Entdeckung Potential für die Klinik: „Chronische Schmerzen, die von großen medizinischen Eingriffen wie Amputationen oder Brustoperationen herrühren, sind ein ernsthaftes Problem.“ Derzeit kommen bei neuropathischen Schmerzen Gabapentin, ein Arzneistoff aus der Gruppe der Antikonvulsiva, und verschiedene Opioide zum Einsatz. Diese können einerseits abhängig machen und andererseits die sensorischen Nerven zerstören.

Aspirin als Booster

NPD1=PD1 hingegen wirke bereits bei geringen Dosen gut gegen neuropathische Schmerzen und die behandelten Mäuse zeigten keine Anzeichen einer physischen Abhängigkeit oder erhöhten Toleranz gegenüber der Fettverbindung, so die Wissenschaftler. Auch Nebenwirkungen haben die Wissenschaftler bei den Tieren bisher nicht beobachtet. „Und das ist der große Vorteil dieser Klasse von endogenen Lipidmediatoren“, so Ji. Denn Ziel der Forscher ist es, chronischen Schmerzen mit sichereren Mitteln als bisher zu begegnen. „Bevor NPD1=PD1 als Arzneistoff verfügbar ist, könnten Patienten DHA einnehmen, das in NPD1=PD1 umgewandelt werden kann. Reines DHA erhält man kostengünstig in der Apotheke. Aspirin verstärkt die Umwandlung von DHA in NPD1=PD1 und könnte bis zur Verfügbarkeit des Arzneistoffs parallel zu DHA eingenommen werden“, schlägt Prof. Ji als Zwischenlösung vor. Bis dahin arbeiten die Wissenschaftler mit Hochdruck an der Zulassung von NPD1=PD1. „Wir hoffen, dass wir die NPD1=PD1 bald in einer klinischen Studie testen können“, so Ji.

134 Wertungen (4.31 ø)

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12 Kommentare:

Susanne Licht-Schwarz
Susanne Licht-Schwarz

Bei meinen Schmerzen handelt es sich um die Folgen einer verunglückten Spinalkanalstenose-OP, mit Läsion des N.ischiadicus und weiteren negativen OP-Folgeerscheinungen u.a. Wirbelgleiten + Arthrose.
Schwarzkümmelöl habe ich noch nicht probiert, wäre aber einen Versuch wert. Vit.-E hilft auch, das nehme ich noch zusätzlich. B-Komplex spritze ich mir ab und an kurweise. Besonders B6 hat eine recht gute Wirkung.

#12 |
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Dr. Lucie Sahl
Dr. Lucie Sahl

Ich nehme seit 2003 Schwarzkümmeloel und Fischölkapseln zusammen mit anderen Nahrungsergänzungen (a-Liponsäure, B-Komplex, Zink, Selen, Q10 u.a.) zur erfolgreichen Schmerzlinderung bei einem Bandscheibenvorfall, der schwere Schmerzen verursacht, wenn ich die Medikation mehr als eine Woche unterbreche.

#11 |
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Susanne Licht-Schwarz
Susanne Licht-Schwarz

Ich bin selbst Schmerzpatient ( 300mg Tramal+100mg Lyrica+ zeitweise Pred. oder Coxibe)) und probiere es im Selbstversuch aus. Ich nehme morgens und abends jeweils 1000mg Lachsöl (Viabiona)+100mg Aspirin. Eine Wirkung ist zu verzeichnen allerdings nicht so, dass ich auf eines meiner Schmerzmittel verzichten könnte. Insofern denke ich, dass es höchsten ergänzend zu anderen Schmerzmitteln gegeben werden kann.
Bei einem Fibromyalgiepatienten hatte die Kombination, die ich nehme, eine recht gute Wirkung. Allerdings wurde das Aspirin nicht vertragen und das trotz Magenschutz.

#10 |
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Gast
Gast

Hier der Link zur Scientific Opinion on the Tolerable Upper Intake Level of
eicosapentaenoic acid (EPA), docosahexaenoic acid (DHA) and docosapentaenoic acid (DPA); EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA):

http://www.efsa.europa.eu/de/efsajournal/doc/2815.pdf

Die tägliche zusätzliche Aufnahme von 5 g an langkettigen Omega-3-Fettsäuren ist für die Sicherheit der Bevölkerung unbedenklich. So lautet die Schlussfolgerung der EFSA. Das EFSA-Gremium für diätetische Produkte, Ernährung und Allergien (NDA-Gremium) stützte sein wissenschaftliches Gutachten auf die Analyse von Daten zu möglichen Gesundheitsschäden, die durch eine übermäßige Aufnahme dieser Omega-3-Fettsäuren verursacht werden können.

#9 |
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Medizinjournalistin

Liebe Frau Grob,

ich kann gut nachvollziehen, dass Sie gerne konkrete Angaben zur Dosierung von DHA und Aspirin hätten. Da es dazu aber noch keine ausreichenden Experimente gibt, konnten die Wissenschaftler noch keine konkreten Dosierungsangaben dazu machen.

Herzliche Grüße

Sonja Schmitzer

#8 |
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Cornelia Grob
Cornelia Grob

Für mich als Betroffener ( Allodynie nach Clavikula-Op) der von Novamin bis Opiumtinktur und von Lidocain bis Neurostimulation alles durch hat, eine überaus interessante Meldung.
Allerdings würde die einstweilige Medikationsempfehlung noch seriöser wirken, wenn sie etwas konkreter spezifiziert worden wäre: DHA in welcher Dosis in welchem Verhältnis zu Aspirin? Wildes Herumprobieren kann nicht im Sinne ernsthaften Medizinjournalismus sein.

#7 |
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Burkard Jochim
Burkard Jochim

“Derzeit kommen bei neuropathischen Schmerzen Gabapentin, ein Arzneistoff aus der Gruppe der Antikonvulsiva, und verschiedene Opioide zum Einsatz. Diese können einerseits abhängig machen und andererseits die sensorischen Nerven zerstören.”

Dass sensorische Nerven durch GBP oder Opioide zerstört würden ist mir als Neurologen und Schmerztherapeuten ehrlich gesagt neu.
Ansonsten, wie so oft, interessante Daten aus dem Tierexperiment, bleibt abzuwarten was dann in der Anwendung am Menschen davon übrig bleibt.

“Das chemisch synthetisierte NPD1=PD1 wendeten sie dabei entweder lokal an oder injizierten es in die Mäuse…” Da stellt sich die Frage, wohin das injiziert wurde. I.v.? Und dann die nächste Frage: Wirkt das auch, wenn man das oral gibt? Daraus die Therapieempfehlung der erwähnten Zwischenlösung abzuleiten erscheint mir dann doch etwas gewagt. (Vgl. ACC, das nachgewiesenermaßen nur in der intravenösen Anwendung tatsächlich mukolytisch wirkt und seit Jahren als Brausetablette ohne jeglichen Wirksamkeitsnachweis verkauft wird…)

#6 |
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Medizinjournalistin

Sehr geehrter Herr Dr. Herzog,

wie im Artikel erwähnt, waren an der Studie Wissenschaftler der Duke Universität in Durham und der Harvard Medical School in Boston, USA, beteiligt. Die Originalpublikation finden Sie hier: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ana.23928/suppinfo

Herzliche Grüße

Sonja Schmitzer

#5 |
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Dr. rer. nat. Wolfgang Herzog
Dr. rer. nat. Wolfgang Herzog

Dr. rer. nat. Wolfgang Herzog
Diplomchemiker

Es ergibt sich die Frage, warum ein Produkt wie DHA, das seit Jahren in Apotheken in Gestalt von Fischölkapseln erhältlich ist und als Nahrungsergänzungsmittel verkauft wird nun als Vorstufe für ein zukünftiges hochwirksames Medikament gegen neuropathische Schmerzen propagiert wird. Ob die Substanz NPD1=PD1 zu klinischen Studien zugelassen wird und wann daraus eventuell ein marktfähiges Medikament entsteht ist völlig offen.
Mich würde vor allem interessieren, an welcher Universität, bzw. Klinik die betreffende Studie erstellt wurde und welche Pharmafirma sie gesponsort hat.

#4 |
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Interessant. Wenn man bedenkt, dass DHA und die daraus gebildete Nervonsäure für die neuronale Reparatur sehr wichtig ist, erscheint das Ergebnis nur logisch. Hinsichtlich eines möglichen Risikos kann man sich ziemlich zurücklehnen, im Vergleich zu Gabapentin und anderen vergleichbaren Substanzen ist das Risikoprofil – um es diplomatisch zu formuliern – doch recht übersichtlich. In meiner Praxis setzen wir w3-Fettsäuren, insbesondere auch DHA und EPA v.a. bei MS-Patienten seit fast 20 Jahren regelmäßig ein – no problem.
Aude sapere!

#3 |
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Eleonore Kraske
Eleonore Kraske

Für Menschen mit chronischen Schmerzen – wäre es zumindest ein Versuch die Schmerzbelastung zu reduzieren wert.
Auch wenn es nur eine “Zwischenlösung” ist, als chronischer Schmerzpatient greift man nach jedem Strohhalm!

krs

#2 |
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Gast
Gast

Moment.. noch keine klinische Studie aber schon “Zwischenlösungen” bis dahin für Patienten vorschlagen? Auch noch in Kombination mit ASS (Blutverdünnung, GI-Blutungsrisiko, Medikamenteninteraktion)?! Wo bleibt denn da eine Risiko-Nutzenabwägung?

#1 |
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