An der anderen Seite des Betts

18. Dezember 2009
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Im September dieses Jahres musste ich einen Tag im Krankenhaus verbringen. Jedoch nicht wie sonst als Medizinstudentin, sondern als Patientin. Es sollte eine Angiographie gemacht werden. Das muss jeder Arzt einmal mitgemacht haben: Den Krankenhausalltag vom Bett aus erleben.

Der Faktor Zeit

Als Medizinstudentin ist man pro Tag durchschnittlich nicht länger als 5 Minuten in einem Patientenzimmer. Ein Patient hingegen verbringt ganze 24 Stunden in seinem Zimmer. 24 lange Stunden, die der Patient in ein und demselben Zimmer verweilt und darauf wartet, dass die Zeit vergeht. Auf der anderen Seite der Tür vergeht die Zeit wie im Flug. Dort rennen Medizinstudenten und Ärzte von einem Zimmer ins nächste, der Stationsflur als Autobahn. Davon bekommt man als Patient nicht viel mit.

Erfahrung am eigenen Leib

Als ich im September dieses Jahr einen Tag im Krankenhaus auf der Seite der Patienten verbrachte, fragte ich mich, was die Ärzte bloß alles zu tun hatten. Zeit war doch genug vorhanden. Und trotzdem: als die Visite an mir vorüber rauschte, konnte ich den Stress und die Zeitnot auf den Gesichtern der Ärzte und Studenten ablesen.
Es war, als würde die Zeit im Patientenzimmer absichtlich langsam vergehen, um die Patienten zu ärgern.

Ablenkung

Man zählt die Stunden vom Frühstück bis zum Mittagessen, vom Mittagessen bis zum Abendbrot. Jede Blutentnahme ist ein Highlight, die Visite der Höhepunkt des Tages. Und danach wieder diese Leere, der im Hintergrund rauschende Fernseher und die Schmerzen. „Die Zeit heilt alle Wunden“ sagt man. Wenn jedoch die Zeit so langsam vergeht, ist das auch kein Trost.

Die Untersuchung

Als Patient fand ich es überaus wichtig, zu wissen, was mit mir passiert. Auch wenn ich mich auf dem Gebiet der Medizin mittlerweile gut auskenne, bat ich den Radiologen, mir jeden Schritt genau zu erklären. Ich fühlte mich wie ein Objekt, das behandelt wird, aber nicht als Mensch. In den Augen des Radiologen war ich ein Patient unter vielen, die er an diesem Tag wie am Laufband behandeln würde. Ich jedoch fühlte mein Herz vor Aufregung schlagen, fühlte den schmerzhaften Stich in der Leiste, als er seine Arbeit begann. Nach der Untersuchung musste ich 8 Stunden lang mit einem Druckverband im Bett liegen, ohne mich zu bewegen. Das ist von den Ärzten leicht ausgesprochene Verordnung. Ich aber hatte das Gefühl, diese 8 Stunden würden nie vergehen und sehnte mich nach meinem Zuhause.

Fazit

Der Tag in der Rolle des Patienten war eine wichtige Erfahrung für mich. Es hilft mir, bei der Ausübung meines Berufes den Patienten als Individuum zu sehen und nicht als Nummer. Es hilft mir, mich leichter in die Patienten hinein zu versetzen und sie auf diese Weise menschlicher zu behandeln. Diese Erfahrung sollte jeder Arzt einmal gemacht haben.

51 Wertungen (4.06 ø)
Allgemein

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2 Kommentare:

Michael Trippe
Michael Trippe

Sicherlich mal gut es von der anderen Seite zu sehen. Aber Zeitdruck, Stress und Objektivierung sind nicht die Fehler der Ärzte. Sie tragen dazu bei, aber letztlich ist es eine Systemfrage…

#2 |
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Daniel Braun
Daniel Braun

Sehr gut geschrieben!Diese Erfahrung sollte man manchen Ärzten jedes Jahr einmal verordnen…

#1 |
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