Wundversorgung vom Schaumschläger

23. Dezember 2009
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Ein US-Unternehmen will die Welt verbessern, indem es Verletzten Rasierschaum in die Wunden sprüht. Oder fast. Was praktisch klingt hat einen ernsten Hintergrund. Zielgruppe sind nämlich Soldaten oder die Opfer von Terrorismus.

Was tun, wenn es blutet und nicht mehr aufhört? Üblicherweise greift der Haushaltsvorstand in solchen Situationen in den Arzneischrank und holt ein Heftpflästerchen. Vor allem bei Kindern wirkt das Wunde(r): Papa oder Mama zaubert aus dem geheimnisvollen, weil stets viel zu hoch hängenden, Schrank einen himmelblauen oder quietschgelben Streifen mit Comic-Figuren darauf hervor. Bei so viel Unterstützung hört die Verletzung dann meist schon auf zu bluten, bevor überhaupt das Schutzpapier abgezogen wurde.

Rasierschaum: Damit die Welt noch sicherer wird…

In Zukunft könnten etwas problematischere weil größere Verletzungen ähnlich therapiert werden. Das US-Unternehmen Remedium Technologies hat nämlich gerade in dem jährlich stattfindenden Wettbewerb Global Security Challenge den Preis in der Kategorie „Most Promising Security Idea“ gewonnen – für eine neuartige „Pflaster“-Technologie, die die Welt, nun ja, sicherer machen soll. Das läuft so: Aus einer Spraydose wird eine Art Rasierschaum in die Wunde gesprüht. Wunde verklebt. Blutung stoppt. Patient gerettet. Fertig.

Zugegeben, an die Kinder, die sich beim Rollerfahren auf dem Asphalt das Knie aufschlagen, haben die Remedium-Erfinder bei der ganzen Sache wohl nicht in allererster Linie gedacht. Eine Innovation für dieses Einsatzszenario hätte vermutlich auch nie und nimmer einen Security-Award bekommen. Dass die Jury der Global Security Challenge, die sich sonst eher für Dinge wie einen mobilen Sprengstoff-Detektor oder eine neue Überwachungskamera interessiert, Gefallen an dem blutstillenden Rasierschaum gefunden hat, zeigt schon, woher der Wind weht. Es geht um schwere Verletzungen, bei denen innerhalb kurzer Zeit die Verblutung droht, Verletzungen nach Unfällen, Verletzungen von Soldaten im Krieg oder auch Verletzungen bei Opfern terroristischer Anschläge.

Wer sich rasieren kann, kann auch eine Blutung stillen

Wie funktioniert die Sache? Remedium Technologies-CEO Matt Dowling beschreibt das Prinzip in einigen wenigen Sätzen: „Unser Produkt funktioniert so ähnlich wie eine Dose Rasierschaum. Man sprayt es in eine Wunde. Es entsteht ein sich ausdehnender Schaum, der allen verfügbaren Raum einnimmt und die Blutung stoppt, ganz ohne Druck auszuüben.“ Eine medizinische Ausbildung sei für die Anwendung nicht nötig, so Dowling: „Es braucht kein spezielles Training. Es kann von Soldaten, Rettungshelfern oder Zivilisten genutzt werden. Es gibt derzeit keine vergleichbaren Produkte, mit denen sich all jene Blutungen stoppen lassen, die nicht mit konventionellen Druckverbänden gestillt werden können.“ Um hier gleich zu intervenieren: Wer sich schon seine Rasierschaum-Pulle ins Aktentäschchen gestopft hat, um die Sache beim nächsten Anschlag oder Verkehrsunfall auszuprobieren, sollte sie wieder rausholen. Denn etwas mehr als nur Schaum hat Remedium Technologies schon in sein Produkt gepackt. Das Geheimnis liegt in einer Verquickung aus blutstillendem Chitin mit patentierten „Nano-Haken“.

Außenskelett für eine Wunde

Chitin, das Material, aus dem die Natur das Außenskelett der Insekten und einiger Krustentiere herstellt, ist als Blutstiller kein Unbekannter. Es gibt eine ganze Reihe von Produkten, die versuchen, mit Hilfe von Chitin Wunden zu stillen. Das Prinzip: Chitin beziehungsweise dessen Derivat Chitosan hat positiv geladene Aminopolysaccharidketten, die gut an tendenziell anionische biologische Oberflächen binden. Chitosan hat außerdem gewisse keimhemmende Eigenschaften, was bekanntlich auch nicht schlecht ist, wenn jemand offene Wunden hat. Das Problem aller bisherigen Wundstiller auf Chitin-Basis sei, dass die Sache nur kurze Zeit funktioniere, so die Experten bei Remedium. Irgendwann weiche der Chitin-Panzer durch, und die ganze Blutstillung ist für die Katz. Produkte auf Basis von Fibrin oder Thrombin halten deutlich länger, sind für einen Masseneinsatz aber viel zu teuer. Remedium hat sich deswegen mit Biotech-Spezialisten zusammen getan, die das Chitin ein wenig aufgepäppelt haben, indem sie molekulare Häkchen in den Schaum mischten. Die haben zum einen blutstillende Eigenschaften. Zum anderen sorgen sie dafür, dass der Chitinpanzer länger am Gewebe haften bleibt.

Nassrasierer aufgepasst!

Nun ist die Versorgung Kriegsverletzter gut und wichtig. Dem Unternehmen ist bei der weiteren Entwicklung des Produkts aller Erfolg zu wünschen. Wenn wir das Ganze ein wenig weiter spinnen, deuten sich freilich noch ganz andere Einsatzmöglichkeiten an. Der Chitin-Schaum wäre nicht das erste Produkt aus dem militärischen Kontext, das Einzug in den Alltag hält. Was spräche eigentlich dagegen, es als das zu benutzen, wonach es aussieht? Nassrasierer kennen das Problem: Wenn es morgens schnell gehen soll, macht es plötzlich ritsch. Das Ergebnis ist, dass man sich einen halben Vormittag lang ein Taschentuch an den Hals presst und mitleidige Blicke auf sich zieht. Mit einem hämostatischen Rasierschaum würde dieses Problem definitiv der Vergangenheit angehören…

182 Wertungen (3.94 ø)
Allgemein

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16 Kommentare:

Rettungsassistent

@19 Sie? so “no-name”?

Mal zurück zur Sache.

Ich diskutiere es gerne aus, lasse mir aber bitte nicht nachsagen, ich würde jmd. verbluten lassen!
Ebenso weise ich auf Fachbücher hin.
Wenn das mit den Fachbüchern nicht sachlich ist, dann kann nich auch nicht mehr hergeben.
Sollte ich in meinen vorangegangenen Antworten unsachlich gewesen sein, so bitte ich dies zu entschuldigen.
Es ist halt ein Forum, da kann Kommunikation schon mal schief laufen.
Ich möchte trotzdem sachlich bleiben.
Guten Rutsch
MW

#16 |
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Rettungsassistent

Guten Abend,

@Heide:
1. wer redet denn von Verbluten lassen?!
Wenn ich nur das habe was ich habe, dann nehme ich das auch.
Ich sagte ja auch nur, dass es bessere Dinge gibt!
Von einer exam. Pflegekraft erwarte ich nicht so eine “Bild-Niveau-Antwort”
2. beschäftige ich mich gerade beruflich mit diesen “Blutungsstoppern” und verweise auf PHTLS/ITLS als Fachbücher, ebenso auf das Militär als Anwender

@Stephan H.
Wie gesagt,bin beruflich involviert.
Ist ad acta! “ACS+” bzw. “1st respons” (Name der zivilen Version) macht nur noch 105F = 40,5°C Hitze.
Ich definiere das also als ad acta, oder ist Fieber auch für sie Hitze?
DAs von mir erwähnte QuikClot Dressing bzw. in der militärischen Version “Combat Gauze” kommt ohne Hitze/Wärme, oder wie man das nennen mag, aus.
Es ist ein ansdere Wirkmechanismus.

Gerne erkläre ich beide QuikClot Präperate genauer.

MfG M.Wenzel

#15 |
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Dr. med. Luitpold Erich Distel
Dr. med. Luitpold Erich Distel

Die wichtigste Frage: Wird die durch Tiefe und Lage der Verletzung evtl notwendige klassische Wundversorgung behindert oder sogar unmöglich gemacht?
Und der Nassrasierer:Wenn er nicht gerade Cumarin oder ASS nimmt, so reicht der Druck mit leicht eingefettetem Finger über 3-5 min fast immer.Notfalls muß er halt länger drücken. Much ado about mothing

#14 |
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Dr. med. J. H. Wolf
Dr. med. J. H. Wolf

Lese ich richtig- was wohl nicht jeder Kommentator getan hatte – dann gilt dieses Prinzip für grooosse (tiefe?, Defekt-) Wunden. Bei kleineren reicht der Druck der Daumen- oder Fingerkuppe für wenige Minuten, evtl. ein Stückchen Pflaster, Fettgaze (z.B Oleotüll) oder notfalls sauberes Papier (-taschentuch) dazwischen, um Verkleben mit dem Finger zu verhindern; Vorteil: die Wunde blutet nicht lange und heilt schneller, der folgende Wundschmerz ist deutlich geringer. Ich habe z.B bei meinem kleinen Sohn, der sich ein Stückchen der Fingerkuppe abgeschnitten hatte, diese notfallmäßig wieder angesetzt, einige Min. gedrückt und getröstet, am nächsten Tag den Verband unter warmen Wasser abgelöst und gewechselt. Und vielleicht glauben dies manche Leser nicht: dieses Stück Fingerkuppe ist wieder problemlos angewachsen. Frohe Festtage

#13 |
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Dr. Eduard Mayer
Dr. Eduard Mayer

Zwar humoristisch aber ohne weitergehende Infos. Einige Informationen zum Wirkmechanismus hätten mir gut gefallen. Diese waren wohl nicht verfügbar.
Schöne Weihnachten.

#12 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

@ Herrn Matthias Wenzel: zumindest von einem Rettungsassistenten hätte ich erwartet, dass er aus Angst vor einer eventuell auftretenden Allergie den Patienten in einer Notfallsituation nicht einfach verbluten läßt. Aber wir können ja, falls das Präparat überhaupt mal in unsere Hände gelangt, den Patienten vor der Anwendung befragen, ob er eine allergische Reaktion in Kauf nehmen möchte, oder lieber ohne aber dafür schneller aus dem leben scheiden möchte.
Schöne Feiertage!

#11 |
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Dipl. Ing Alfred Kluck
Dipl. Ing Alfred Kluck

Hi
Ich finde die Entwicklung schon interessant. Mit Allergien ist immer zu rechnen. Und da die Sache für Laien anwendbar ist, könnte es in Zukunft in den Auto-Verbandskästen das “nie-klebende-Pflaster” ersetzen. Nur wie sich das Zeug mit der nachträglichen Wundversorgung verträgt, wurde nicht erwähnt.
Frohe Weihnachten allen Lesern

#10 |
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Markus Quodt
Markus Quodt

Ein altbekanntes Problem wird interessant und amüsant beschrieben.
Selbst wenn ein Witz altbekannt ist, wirkt er – gut präsentiert – immer noch.
Weiter so, Herr Grätzel und beste Wünsche für die anstehenden Feiertage.

#9 |
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Nichtmedizinische Berufe

Für mich als Nassrasierer schon interessant. Werde das Zeugs ausprobieren, sobald es in Drogerie/Apotheke erhältlich ist. Jedoch bis dorthin praktiziere ich bei meiner fast täglichen Nassrasur die “tierische” Methode: Bei einem kleinen, blutenden Schnitt sofort Spucke -Speichel- drauf, ein paarmal nachtupfen und die kleine Blutung ist friedlich gestillt, ohne daß die beim Alaunstift oft auftretenden häßlichen Verätzungen entstehen. Speichel wirkt wirkungsvoll blutstillend: Eine einfache,funktionierende Methode im Tierreich. Seit ewig.

#8 |
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Apotheker Karl Steiner
Apotheker Karl Steiner

Ja. dieser Artikel ist viel Schaum um sehr wenig Information. Das finde ich, auch zu Weihnachten doof! Ich nehme in Demut hin, dass man mich deshalb sicherlich humorlos und antiamüsant finden wird. Aber: Frohe Weihnachten!

#7 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Diese Art der Wundversorgung ist bereits häufig im Universitätsspital Zürich zu beobachten! Daher leider keine Neuheit!

#6 |
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Dr. Heli B.  Engels
Dr. Heli B. Engels

Brauchbar, ist ein Kostenfrage!

#5 |
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Als Nassrasierer verwende ich auch das gute alte AlCl3 in flüssiger Form,auch das wirkt antibakteriell.

#4 |
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Rettungsassistent

Chitin? Bitte mal im PHTLS Buch lesen… macht Allergien. Finde ich also nicht sehr erquickend für die Person. Daher hat sich im Militär/Rettungsdienst auch “QuikClot Dressing” durchgesetzt. Von: http://www.z-medica.com Auch das “Hitzeproblem” ist da nun ad acta gelegt.

#3 |
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Dr.med Egon Stadtfeld
Dr.med Egon Stadtfeld

Bei aller Freude am Neuen “Rasierschaum”,wollen wir den guten alten Allaunstift nicht vergessen-von wegen Taschentuch am Hals und mitleidige Blicke

#2 |
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Dr. med. Walter Müller
Dr. med. Walter Müller

viel schaum um nichts

#1 |
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