eHealth: Das große Schnarchen

23. November 2012
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Während Ärzte in zahlreichen Ländern gut vernetzt sind, gibt die vermeintliche Innovationsschmiede Deutschland kein gutes Bild ab. An Ideen fehlt es nicht, die Umsetzung sieht jedoch düster aus. Wenn Politiker nicht mehr weiter wissen, bleibt – wie so oft – nur eine Planungsstudie als Ausweg.

Eine unendliche Geschichte: Der Rollout elektronischer Gesundheitskarten läuft mittlerweile nach Plan. Allerdings leistet das umstrittene Stück Plastik kaum mehr als sein Vorgänger, die Versichertenkarte. Gespeichert werden lediglich Stammdatensätze. Beim Thema eHealth kommen noch ganz andere Probleme mit hinzu. Zwar existieren in Deutschlands Praxen, Kliniken und Apotheken rund 400 innovative Projekte. Vielen dieser Systeme fehlen geeignete Schnittstellen nach außen. Die Folge: Kollegen erheben Daten zwar digital, geben sie aber nicht selten in analoger Form – als ausgedrucktes CT-Bild oder als Arztbrief – weiter.

Internationale Ohrfeige

Eine Studie von Accenture fiel für Deutschland nicht gerade schmeichelhaft aus. Die Unternehmensberater befragten 3.700 Ärzte und 160 Führungskräfte, wie intensiv IT im medizinischen Bereich Einzug gehalten hat. Alle Interviews gliederten sich in Aspekte wie interne Nutzung, Austausch von Informationen sowie Optimierung von Qualität und Wirtschaftlichkeit. Im Vergleich mit Australien, England, Frankreich, Kanada, Singapur, Spanien und den Vereinigten Staaten lag Deutschland bei der internen Nutzung zwar vorne, war jedoch hinsichtlich der Interaktion mit anderen Leistungserbringern weit abgeschlagen. Elektronische Labordaten, digitale Überweisungen oder der Austausch mit Kollegen über sichere E-Mails? Da gibt es etliche weiße Flecken auf der Innovationslandkarte. Zusätzlich bemängelten die Autoren, eHealth-Lösungen seien eher in der Administration als in klinischen Prozessen zu finden.

Frankreich zeigt den Weg

Neidvoll blicken Kollegen deshalb nach Frankreich. Themen, die bei uns noch kontrovers diskutiert werden, hat die „Grande Nation“ bereits erfolgreich umgesetzt. Das liegt möglicherweise an einer starken Zentralisierung im Vergleich zu föderalen Strukturen hier zu Lande. Zum System selbst: Patienten haben eine Gesundheitskarte (“Carte Vitale“), die auf Wunsch mit ihrer elektronischen Patientenakte (EPA) verknüpft ist. Um auf Daten zuzugreifen, benötigen Ärzte nach dem Zwei-Schlüssel-Prinzip neben ihrem Heilberufsausweis die jeweilige Patientenkarte. Sie speichern neue Behandlungsdaten aber nicht direkt auf einem Server, sondern exportieren vielmehr einzelne Informationen via Praxis- oder Kliniksoftware.

EPAs ersetzen also keine detaillierten Aufzeichnungen vor Ort, vielmehr soll die Vernetzung verschiedener Gesundheitsberufe optimiert werden. Dazu tragen Laborbefunde, Daten aus der Bildgebung oder Berichte bei. Patienten haben bei allen Prozessen ein Mitspracherecht. Sie können nicht nur der Übertragung widersprechen, sondern auch entscheiden, dass manche Informationen beispielsweise nur Ärzten zugänglich gemacht werden, nicht aber Pflegekräften oder Physiotherapeuten.

Österreich: die „e-card“ punktet

In der Alpenrepublik haben sich Ärzte und Apotheker schon früh Gedanken gemacht. Seit 2005 ist die “e-card“ zentraler Bestandteil ihrer Kranken-, Arbeitslosen-, Unfall- und Pensionsversicherung. Das Stück Plastik dient als Schlüssel zum Abrufen von Stammdatensätzen, nicht jedoch als Datenspeicher. An elektronischen Patientenakten scheiden sich auch hier die Geister. Im Gegensatz zur deutschen Strategie sollen Daten nicht auf einem Zentralrechner abgelegt werden. Vielmehr ist das Ziel, Unterlagen verschiedener Quellen zusammenzuführen. Betroffene fordern ein stärkeres Mitspracherecht, Kollegen sehen bei unvollständigen Unterlagen kaum einen Mehrwert.

„e-Medikationsdatenbank“ in Testphase

Besser sieht es schon in Sachen Medikationsmanagement aus. In Wien, Oberösterreich und Tirol testeten Ärzte gemeinsam mit Apothekern eine zentrale “e-Medikationsdatenbank“, um Interaktionen beziehungsweise Mehrfachverschreibungen zu erfassen. Auf Basis standardisierter Daten zeigte ein Ampelsystem mögliche Gefahren an. Im Mai evaluierten die Medizinische Universität Wien und die Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik (UMIT) das Pilotprojekt. Ihre Empfehlung: Das Thema e-Medikation soll unbedingt weiter verfolgt werden, allerdings erst “nach einem umfassenden Re-Design unter bestmöglicher Berücksichtigung aller im Evaluierungsbericht empfohlenen Maßnahmen“.

Schweiz: Viele Köche rühren im Brei

Die Eidgenossen setzen bei ihrer Infrastruktur auf dezentrale Lösungen – alle 26 Kantone sind im Rahmen des Projekts “eHealth Suisse“ gefordert. Für notwendige Abstimmungsprozesse sorgt ein spezieller Steuerungsausschuss. Bereits 2010 haben Gesundheitspolitiker eine Versichertenkarte eingeführt. Momentan laufen Anhörungen zum “e-Impfdossier“, zur Kommunikation zwischen verschiedenen Instanzen sowie zu technischen Fragestellungen. An einem Gesetzesentwurf für elektronische Patientendossiers wird ebenfalls gearbeitet, mit der Einführung rechnen Ärzte frühestens 2015.

Innovative Insellösungen

Deutschlands Ärzte waren in der Zwischenzeit nicht untätig: Im Ärztenetz Südbrandenburg entwickelten Kollegen in Eigenregie 2005 ein spezielles Praxisverwaltungssystem – der Handel bot damals keine geeignete Lösung an. Für angeschlossene Praxen bedeutet das oftmals, zweigleisig zu fahren: mit der etablierten Software und mit dem sogenannten CURANET. Dessen Herzstück sind elektronische Patientenakten. Alle Daten gelangen über Eingabemasken hoch standardisiert auf den Server: Laborparameter, Diagnosen (als ICD-10) oder Verordnungen (als Pharmazentralnummern). In puncto Zugriff gingen Programmierer noch einen Schritt weiter. Neben der ärztlichen Smartcard müssen Patienten über einen Fingerabdruckscanner ihre Akte freigeben. Im Gegensatz zu diesem serverzentrierten Modell arbeitet das Ärztliche Qualitätsnetz Solingen (Solimed) mit Peer-to-Peer-Lösungen, das sind Rechner-Rechner-Verbindungen. Ruft ein Arzt Patientendaten ab, erhält er Informationen aus allen angeschlossenen Praxen – die wiederum ständig online sein müssen und größere Summen in die Hardware stecken müssen.

Master of Desaster

Bei flächendeckenden Lösungen sieht es jedoch bescheiden aus. Eigentlich sollte es schon 2006 die elektronische Gesundheitskarte geben – bundesweit, zunächst im Basismodell, später mit Notfalldatensätzen und elektronischen Patientenakten. Mit seinem Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung hat die damalige Regierung eine entsprechende Basis im Sozialgesetzbuch geschaffen. Danach begannen die Probleme: Es gab politische Meinungsverschiedenheiten, Abstimmungsschwierigkeiten zwischen gematik-Gesellschaftern und Vorbehalte gegen die Technik an sich. Feldstudien fanden viel zu spät statt und offenbarten weitere Mängel, und viele Kollegen begannen, das Projekt abzulehnen.

Allerdings sind solche Probleme hier zu Lande mittlerweile die Regel, nicht die Ausnahme: Abgesehen von eHealth scheiterte der elektronische Entgeltnachweis (ELENA) an ähnlichen Schwierigkeiten, und das elektronische Mautsystem unter Federführung von Toll Collect brauchte knapp drei Jahre länger als geplant. Nun hat das Bundesministerium für Gesundheit eine Planungsstudie zur Interoperabilität in Auftrag gegeben. Das Thema ist Teil einer bundesweiten eHealth-Initiative mit Beteiligung von Spitzenorganen der Selbstverwaltung. Und so lautet der Plan: Im ersten Schritt soll die BearingPoint GmbH zusammen mit dem Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme (FOKUS) den Ist-Zustand analysieren und darauf aufbauend Verbesserungsvorschläge erarbeiten. Bis Juli 2013 rechnen Politiker mit Ergebnissen. Ob es ausreicht, jetzt mit einer Planungsstudie zur Interoperabilität Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten, ist zu bezweifeln. Vielmehr fehlen Fachleute an entscheidenden Schnittstellen zwischen Politik und Praxis, um innovative Ideen auch erfolgreich umzusetzen. Ansonsten verliert Deutschland den internationalen Anschluss – bei eHealth, aber auch bei vielen anderen Prozessen.

39 Wertungen (4.26 ø)
Allgemein

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11 Kommentare:

dipl. med. Rainer Hansen
dipl. med. Rainer Hansen

Mal einen Blick nach Norwegen: Ich habe seit dem Jahr 2000 kein handschriftliches Journal mehr geführt, seit vielen Jahren ist die elektronische Abrechnung mit der (einen) Krankenkasse Normalität (monatliche Abrechnung, das Geld ist nach ca. einer Woche auf dem Konto), ebenso die elektronische Krankschreibung (plus gleichzeitiges Papierteil für den Arbeitgeber), ebenso Überweisungen, Befundübermittlungen etc., seit diesem Jahr das (fälschungssichere) elektronische Rezept und alles über ein landesweites Intranet des Gesundheitswesens, d.h. kein Zugang via Internet. Die Patienten haben übrigens (noch?) keine elektronische Karte aber eine Personenkennzahl, so dass Namensgleichheit auch kein Problem darstellt. Der Zugang zu den Daten z.B. im Krankenhaus ist nur über eine graduierte individuelle Personalkarte möglich und wird automatisch im Logg geführt und selbsverständlich hat der Kollege Chirurug im Patientenjournal des Krankenhauses auch Zugang zu z.B. internistischen oder othopädischen Daten, Epikrisen, Laborbefunden oder Medizinierungen.
Viel “Spass” weiterhin mit der Kleinstaaterei

#11 |
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Weitere medizinische Berufe

Das ganze leide an den rund 90 % der Abgeordneten die Juristen sind.
Diese Leute verhindern lare einache Regeln, denn die Kollegen rechtsanwälte müssen doch beschäftigt sein

#10 |
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Unternehmensberater

Wissenschaftlich betrachtet scheitern viele Innovationen oft an reinen Willens- und Machtbarrieren. In diesem Zusammenhang spricht man auch gerne vom:

a) nicht wollem
b) nicht können
c) nicht dürfen

der beteiligten Parteien und Personen. Bezogen auf den ürsprünglichen Artikel stellt sich mir hierbei schnell die Frage: Wer eigentlich will, kann oder darf nicht die neue ehealth Landschaft ins Leben rufen, die in vielen anderen Ländern bereits Realität ist. Vielleicht findet sich hier ja ein Leser, der eine plausible Antwort kennt.

#9 |
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Zahnarzt

Leider ist ein solches System nicht so machbar, daß die Datensicherheit gewährleistet werden kann. 7 Mio. Zugangsberechtigte im Gesundheitswesen sind dafür zu viel. Vor allem die zentrale Speicherung der Daten ist das grundsätzliche Problem, da gibt es immer Möglichkeiten, den Datenschutz auszuhebeln.
Das entscheidende Problem aber ist, daß Versicherungen, Banken, Arbeitgeber usw. Zugriff verlangen werden, wenn die Daten einmal da sind – natürlich freiwillig. Doch wer den Zugriff verweigert, wird keinen Kredit, keine Arbeit usw. bekommen oder nur zu miesesten Bedingungen.
Damit es keiner falsch versteht, ich bin nicht gegen einen elektronischen Datenaustausch, wir versenden Rö-Bilder per e-mail mit entsprechenden Begleitschreiben.
Bei Rezepten ist ein papiernes einfach sicherer, da kann der Patient in der Apotheke nachvollziehen, ob er das richtige Medikament ausgehändigt bekommt.

#8 |
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Wen wundert es noch, daß sich ein Arzt hinter seinem Bildschirm “versteckt”, statt Hausbesuche bei den PatientInnen zu absolvieren. Die Therapie im Ausland ist entspannt.

#7 |
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Unternehmensberater

Immerhin zeigen der Artikel und die Kommentare, dass an der elektronischen Weiterverarbeitung der Labor- und Krankheitsdaten gearbeitet wird. Gut so. Es ist schlimm, dass der medizinische Schwerpunkt noch immer auf der Behandlung von ausgebrochenen Krankheiten liegt. Warum warten wir noch immer darauf, dass das passiert. Schließlich kann man aus der grafischen Auswertung von Labordaten über Jahre Tendenzen verschiedener Organe/Körperteile erkennen. Ein jährlicher Check würde genügen? Ich habe mir ein Programm geschrieben und verfolge seit 1982 die 24 wichtigsten Labordaten grafisch. Mein Arzt hat sich jetzt auch ein Programm gekauft und meine letzten 3 Jahresergebnisse grafisch erfasst. Prima. Vielleicht kann er sie mir nächstes Jahr auf meinen Stick laden.

#6 |
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Geht das mailen denn schon über KV-safenet? Seit 1 Jahr bin ich mit Onlineabrechnung darüber zugange.
Hier kenne ich an Kliniken, auf deren Arztbriefe man über ihre Homepage zeitlich begrenzt zugreifen kann, Meissen (Landkreis) und Leisnig (Helios). Also natürlich nach vorheriger Beantragung. Habe ich aber nicht gemacht, weil ich kaum Patienten habe, die dort hingehen, weil es zu weit weg ist. Ich würde es mir auch von Döbeln und Mittweida wünschen.
Neurdings habe ich auch einen Scanner zum doppelseitigen Scannen. Die Qualität ist sehr gut, allerdings zieht er gelegentlich schief ein. Ich muss jetzt 2 m alte Karteikarten archivieren im Server. Meistens verwende ich das Fax, weil mir die mail zu unsicher ist. Sieh Finanzamt, die überhaupt keine mails annehmen. Bei mir ist auch die empfangene Faxqualität sehr gut. Da einige Fachkollegen keine Briefe versenden, hält sich die Menge in Grenzen.
Ich arbeite mit einer Wundschwester zusammen und die sendet mir jetzt die Berichte mit Fotos per mail. Da mein Budget durch viele Vertretungspatienten besser ist als bei vielen, kann ich mir das leisten.

#5 |
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PD Dr. med Klaus Hartmann
PD Dr. med Klaus Hartmann

Nachdem die Anbieter der gängigen Praxissoftware Unterhehmem nicht annährend für unsere ärztlichen Bedürfnisse entsprechende moderne Datenbanken programmieren konnten, haben wir mit eigenen Informatikern eine eigene moderne Browser-orientierte Datenbank als elektronische Patientenakte entwickelt. Diese kann über eine entsprechende Schnittstelle an die normale Praxissoftware angeschlossen werden.
Der Vorteil dieses Systems ist, dass die jeweiligen individuellen medizinischen Bedürfnisse der Praxen relativ schnell programmiert und integriert werden.
Die moderne Software Infrastruktur erfolgt eine elegante Netzwerkfähigkeit zwischen den beteiligten Ärzten und Patienten.
Weitere Info unter: http://www.paedlogic.de

#4 |
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Mitarbeiter Industrie

Ich bin sprachlos angesichts dieser Umstände. Einfach nur schade, weil wir uns wieder mal mit anderen Ländern vergleichen, deren Gesundheitssystem nicht nur annährend so gut ist wie das deusche Gesundheitswesen. Eine Chipkarte mehr oder weniger leer oder voll sagt doch wirklich gar nichts aus! Oder ??

#3 |
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Ich biete immer wieder Kollegen an, mir die Befunde per email zu schicken. Was krieg ich??? FAXE!!! Grrrk oft schlecht gescannt, und darum nehme ich keine Faxe, dann lieben nen ordentlichen Brief, den wir selber einscannen und dann elektronisch zur patientendatei ablegen. wir haben KV-Safenet, aber keiner chickt Briefe darüber. Bin genervt ;-)

#2 |
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Nichtmedizinische Berufe

In dieser Beziehung sind wir ein reines Entwicklungsland. Leider. Für viele Mediziner und andere ist es immer noch ein Unding, wenn Patient seine Befunde ausgehändigt haben will. Der scannt dann ein und sammelt fleißig pdfs, heftet Beipackzettel ab und so weiter.

Ich suche seit ewigen Zeiten nach einer elektronischen Gesundheitsakte für meine Unterlagen. Falls jemand einen Tipp hat?

Selbst bei der eGK ist es nicht von Anfang an geplant, dass die Patienten Zugriff auf ihre Daten haben. Schwachsinn. Und viele Informationen, z.B. werden hinter diversen Wällen verborgen, statt dass man sie den Menschen zugänglich macht. Schade eigentlich…

#1 |
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