Erbkrankheit: Nicht behandeln, heilen

21. August 2018

Das neu zugelassene Medikament Patisiran hat das Potenzial, die Medizin zu revolutionieren. Der Wirkmechanismus, der dahinter steckt, wurde schon vor zwanzig Jahren entdeckt. Die große Hoffnung: Genetische Erkrankungen besser behandeln oder sogar heilen zu können.

Die Food and Drug Administration (FDA) hat erstmals eine Therapie zugelassen, die auf dem Mechanismus der RNA-Interferenz (RNAi) basiert. Seit der Entdeckung des Mechanismus vor 20 Jahren bemühen sich Wissenschaftler, die Technik in der Klinik anwenden zu können. Mithilfe der RNA-Interferenz lassen sich spezifische Gene stilllegen, die in Zusammenhang mit Krankheiten stehen. Der Wirkstoff zerstört die sogenannte Messenger-RNA (mRNA) und verhindert dadurch die Proteinproduktion dieser Gene. Die Zulassung des RNAi-Therapeutikums gilt als Meilenstein auf diesem Feld.

Patienten müssen nicht länger auf neue Leber warten

Es handelt sich um das Medikament Patisiran, das nun zur Behandlung von familiärer Amyloid-Polyneuropathie Typ 1 zugelassen ist. Bei dieser seltenen, aber unbehandelt meist tödlich verlaufenden Krankheit, lagern sich mutierte Formen des Transportproteins Transthyretin im Gewebe ab. Die Krankheit äußert sich zunächst durch Gefühlsstörungen und Lähmungen in den Extremitäten, im Endstadium können Herz- und Nierenfunktion beeinträchtigt sein. Weil das beschädigte Protein vorallem in der Leber gebildet wird, ist eine Lebertransplanatation bisher die wirksamste Behandlungsmöglichkeit.

Mit dem neuen Medikament müssen Patienten womöglich nicht mehr länger auf eine neue Leber warten. Denn Patisiran bekämpft die Ursache der Erkrankung direkt: die Enstehung des fehlerhaften Transthyretins. Das Medikament bewirkt, dass die mRNA des mutierten Gens abgebaut wird, somit wird die Synthese des fehlerhaften Proteins behindert. In einer klinischen Phase-3-Studie hatten Wissenschaftler die Wirksamkeit des Medikaments geprüft. Von 255 Patienten mit familiärer Amyloidpolyneuropathie Typ 1 bekamen 148 Patisiran und 77 ein Placebo verabreicht. Nach 18 Monaten erzielte die Patisiran-Gruppe gemessen am modifizierten Neuropathy-Impairment-Score im Vergleich zu Placebo bessere Werte für Muskelstärke, Taubheitsgefühle und Reflexe. Auf dieser Skala (mNIS+7) werden Werte zwischen 0 bis 304 vergeben, wobei ein höherer Wert mit mehr Schmerzen, Taubheit oder Bewegungsbeeinträchtigungen einhergeht. Mit Patisiran konnte im Mittel eine Verbesserung um 34 Punkte erzielt werden. Außerdem verbesserte sich unter anderem der Blutdruck, die Herzfrequenz und die Patienten schnitten bei Lauftests besser ab.

Herausforderungen und Rückschläge

Seit der Entdeckung des RNAi-Mechanismus haben eine Reihe von Rückschlägen die Erwartungen an RNAi-Therapeutika verringert. Einen Weg zu finden, die empfindlichen RNA-Moleküle sicher zum Zielorgan transportieren zu können, ohne dass sie vorher im Blut abgebaut werden, stellte dabei die größte Herausforderung dar. Während die Forscher dieses Problem zu lösen versuchten, verloren Investoren und Pharmafirmen das Interesse an der Entwicklung von RNAi-Therapeutika.

Forscher experimentierten derweil mit einer Reihe von Transportwegen und Zielorganen, indem sie RNA-Moleküle in Nanopartikel einschlossen oder die RNA chemisch veränderten, damit diese die gefährliche Reise durch den Blutkreislauf überleben. Damit begann die erfolgreiche Entwicklung des Medikaments Patisiran. Die Behandlung mit RNAi-Therapeutika weckt große Hoffnungen. Zukünftig könnten damit genetische Krankheiten besser behandelt oder sogar geheilt werden. Allmählich springen Pharmafirmen wieder auf den Zug auf. Quark Pharmaceuticals aus Kalifornien beispielweise testet die Technik inzwischen auch bei Nieren- und Augenkrankheiten.

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Forschung, Kardiologie, Medizin

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4 Kommentare:

Mitarbeiterin von DocCheck

Lieber Herr Hocotz,

die Überschriften sind dem DocCheck-Stil entsprechend oft etwas überspitzt formuliert. Auch in diesem Fall ist die Formulierung bewusst übertrieben, um das Potenzial dieser neuen Behandlungsmöglichkeit zu unterstreichen.

Mit besten Grüßen,
Anke Hörster

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Klaus Samer
Klaus Samer

P.S. Die tatsächliche Gentherapie macht nach desaströsen Anfängen mit Toten inzwischen Fortschritte : http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/gentherapie-junge-erhaelt-neue-haut-a-1177073.html

Derzeit scheint man noch überwiegend auf Viren als Vektoren angewiesen zu sein. Probleme gibt es nicht nur mit der Virus DNA sondern auch mit der Zielgenauigkeit der Genintegration in die menschliche DNA.

Starke Hoffnung macht man sich in Bezug auf die Lösung solcher Probleme von dem neueren Verfahren CRISPR.

Aber auch mit Viren als Vektoren inzwischen mehr Erfolge als noch zu Anfänger der Gentherapie s.o. und hier :

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/86869/Haemophilie-Gentherapie-erstmals-wirksam

Insgesamt ein spannendes Feld mit zunehmender Bedeutung.

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Klaus Samer
Klaus Samer

Geheilt wird hier nix wie Herr Hocotz schon so richtig feststellte. Es gibt hierbei verschiedene Mechanismen https://de.wikipedia.org/wiki/RNA-Interferenz, wobei in dem Artikel nur einer beschrieben wurde.

Am Gen selber ändert das nix damit ist das natürlich auch keine Heilung.

Ein Effekt von 34 Punkten bei einer Skala die bis 300 geht wäre dann im Falle der schlimmsten Ausprägung bei 10%, um hier den therapeutischen Effekt beurteilen zu können benötigt man genauere Informationen.

Vor gut 8 Jahren wurde das Thema in der Pharma – und Biotechbranche bei vielen Vorstellungsgesprächen als Methode abgefragt und gehypt. Und dann kam der Knall :

http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/rna-interferenz-einfach-stillgelegt-11065700.html

Man wird sehen wie sich das weiter entwickelt.

Bei der Gentherapie wird CRISPR derzeit heiß gehandelt auch für einen Nobelpreis, letzteres wohl nicht zu Unrecht.

#2 |
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Sehr geehrte Frau Hörster,

sicherlich ist die Einführung von RNAi-Therapeutika ein großer Fortschritt, allerdings sehe ich hier keinen Heilungsaspekt. Wie Sie beschrieben haben, blockiert die RNAi die mRNA und somit die Translation, aber die mRNA wird ja trotzdem weiterhin produziert und das Gen nur vorrübergehend blockiert. Das hat meiner Auffassung nach dann nichts mit Heilung zu tun, sondern ist eine klassische Behandlung, wohingegen eine Lebertransplantation, auch wenn diese natürlich viele Probleme mit sich bringt, durchaus als Heilung bezeichnet werden kann. Vielleicht können Sie den Heilungsprozess noch näher beschreiben falls ich etwas übersehen haben sollte.

Mit freundlichen Grüßen
Thaddäus Hocotz

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