Tele-Schutzengel auf Tour

8. Januar 2010
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Die telemedizinische Anbindung von Rettungswägen galt eine Weile als klinisch tot. Jetzt wird sie in diversen Projekten reanimiert. Grund ist nicht nur der Wunsch nach besserer Versorgung, sondern auch der massive Personalengpass im Rettungswesen.

Am 16. Oktober war es soweit: Im Technologiezentrum Europaplatz in Aachen hat das Universitätsklinikum Aachen seine Tele-Notarzt-Zentrale in Betrieb genommen. In diesen Wochen nun startet bei dem Aachener Med-on-@ix-Projekt die Evaluationsphase eines Autos, das nach dem Willen seiner Schöpfer neuen Wind in das Rettungswesen bringen soll, nicht nur im Raum Aachen.

Rucksacktourist in der Patientenwohnung

Die Rede ist von einem Tele-Notarztwagen, oder auch Tele-Rettungswagen, je nachdem. Das Konzept an sich ist nicht neu. Schon vor Jahren gab es hier und da Projekte, in denen untersucht wurde, ob ein über Funk mit der nachbehandelnden Klinik verbundener Notarztwagen die Notfallversorgung messbar verbessert. Die meisten dieser Projekte scheiterten an der praktischen Umsetzung und auch am Geld. Zwischenzeitig galt der Tele-NAW als klinisch tot.

Doch das ändert sich gerade wieder. Im Med-on-@ix-Projekt (hier ein brandneues Video) wird nicht nur zuverlässigere und einfacher zu bedienende Technik eingesetzt, die sich komplett in einem Rucksäckchen befindet, das der Arzt am Buckel trägt. Auch das Konzept ist neu. Im Vordergrund steht nicht so sehr der heiße Draht zur Klinik. Die Kommunikation findet in erster Linie zwischen NAW und einem mit Tele-Notärzten besetzten Kompetenzzentrum statt, eben jener Tele-Notarzt-Zentrale, von der eingangs die Rede war. „Dort sitzen ausgebildete und praktisch erfahrene Notärzte, die den Kollegen im Notfalleinsatz beistehen können“, sagt Dr. Max Skorning von der Klinik für Anästhesiologie am Universitätsklinikum der RWTH Aachen.

Im Rahmen eines wissenschaftlichen Forschungsprojekts sollen dabei möglichst viele Daten übertragen werden, um zu sehen, was in der Praxis wirklich hilfreich ist und worauf verzichtet werden kann. So befindet sich beispielsweise ein intensivmedizinischer Monitor im Wagen, der die üblichen Monitordaten überträgt. „Es gibt außerdem Sprechkontakt zum Tele-Notarzt sowie die Möglichkeit, eine Kamera zu nutzen, damit der Tele-Notarzt sieht, was los ist oder einen Blick auf eventuell vorliegende Arztbriefe werfen kann“, so Skorning.

„Totaler Blödsinn“

Aachen ist nur ein Beispiel von einer ganzen Reihe neuer Projekte zur telemedizinischen Anbindung von Notarzt- und Rettungswägen. In Bayern beispielsweise gibt es gleich mehrere derartige Projekte. So testete das Rhön-Klinikum Bad Neustadt zweimal einen Tele-Notarztwagen, und zwar unter den Projektnamen StrokeAngel und CardioAngel. Dabei ging es, wie die Namen schon sagen, um eine Verbesserung der Versorgung von Patienten mit Schlaganfall beziehungsweise Herzinfarkt. Die Projektleiter halten beide Einsatzszenarien für vielversprechend. Im Stroke-Angel-Projekt konnte die Zeit bis zur ersten Bildgebung, im CardioAngel-Projekt die Zeit bis zur Einlieferung des Patienten ins Katheterlabor jeweils deutlich verkürzt werden. Strittig ist freilich, welcher Anteil des Zeitgewinns auf die Telemedizinkomponente zurück geht und ob sich folglich die Investitionen in die Technik lohnen. Nicht alle sind davon überzeigt: Ein langjähriges Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie bezeichnete kürzlich die Telemedizin im NAW als „totalen Blödsinn“ und „Geldverschwendung“.

Big Tele-Oberarzt is watching you!

Die Frage ist freilich, ob das deutsche Gesundheitswesen langfristig überhaupt andere Optionen hat. Denn Notärzte sind knapp, und gute Notärzte sind richtig knapp. Zwar betonen praktisch alle Projektverantwortlichen von Tele-Notarzt-Projekten, dass es nicht darum gehe, den Notarzt zu ersetzen. Unstrittig ist aber auch, dass in vielen dünn besiedelten Gegenden die Notarztabdeckung schon heute grenzwertig bis zu gering ist, und dass die Ausbildung vieler im NAW fahrender Ärzte alles andere als optimal ist. Auch ist die Zahl der NAW-Einsätze, bei denen sich im Nachhinein herausstellt, dass ein RTW ohne Notarzt locker genügt hätte, ziemlich hoch. Zumindest in Aachen wird deswegen als Teil des Evaluationsprojekts untersucht, in wieweit Rettungsassistent plus Tele-Notarzt alleine klarkommen. Der Notarzt ist dann zwar anwesend, hält sich aber im Hintergrund. Denkbar wäre auch, dass eine Art telemedizinischer „Hintergrunddienst“ bei weniger erfahrenen Kollegen „mitfährt“, um das Versorgungsniveau zu erhöhen.

55 Wertungen (4.16 ø)
Allgemein

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6 Kommentare:

Carsten Behrens
Carsten Behrens

Was helfen die med. besten Möglichkeiten, wenn sie nicht bezahlbar und/oder nicht verfügbar sind? Rettungsdienst unterliegt größtenteils dem Recht der Bundesländer und ist daher in Deutschland ein bunter Flickenteppich. Teilweise ist eine Hilfsfrist (Zeitraum vom Notruf bis Eintreffen RD) nicht allgemein rechtsverbindlich definiert. Was hilft dem Patienten der tollste NAW mit dem besten Personal, wenn er zu spät kommt? Da ist ein kurzfristig eintreffender RTW mit mäßig qualifiziertem Personal, das zumindest einen schnellen Transport mit “Erste Hilfe” und ohne “Zusatzschäden” hinbekommt, das geringere Übel. Unter diesem Gesichtspunkt gibt es sicherlich dringlichere Möglichkeiten, die Mittel aus Aachen zu investieren. Dabei ist zuerst der unwillige und sachunkundige Gesetzgeber gefragt, die Haftungsfragen, Kompetenzen und Zuständigkeiten sachgerecht zu regeln. Das ist aber als Wahlkampfthema nicht zu gebrauchen und damit ein Spielball der verschiedenen Lobbys. Ich denke u.A. ist der zu häufige NAW-Einsatz einerseits auf Haftungsfragen und andererseits auf (bundeslandabhängig) unklare Fachkompetenzen der RTW-Besatzungen zurückzuführen. Klare Regeln mit Mindestqualifikationen, Haftung, Versicherung und kurzen Hilfsfristen dürften dem Notfallpatienten mehr bringen, als diese Forschung. Da wird der 2. Schritt vor dem 1. versucht. “Rettungsassistent” ist zwar ein geschützter Begriff und ein Ausbildungsberuf, aber per Übergangsregelung dürfte es noch immer Personen geben, die sich nach einer qualitativ fragwürdigen Rettungshelferausbildung ohne rechtlich verbindlichen Qualifikationsstand, Rettungsassistent schimpfen dürfen. Auch ist nicht in allen Bundesländern ein RTW rechtlich verpflichtend mit Rettungsassistenten zu besetzen, weniger reicht auch. Solange es so ist, bleibt Telemedizin “im Feld” aus medizinischer Sicht ein rein akademisches Projekt ohne gegenwärtige Praxisrelevanz.

Ehemaliger Rettungshelfer, der als DocCheck-Nutzer, nicht als Gastleser, diesen Text verschickt hat.

#6 |
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Manfred Heinrich
Manfred Heinrich

Kleine Anmerkung zu Gastleser 2.
In Amerika gibt es im Rettungsdienst den Paramedic.
Diese Ausbildung ist “fast” analog zu eine/r/m IntensivkrankenpflegerInn.
Dieser Paramedic muss alle 2 Jahre neben seinen Fortbildungen, woran es hier in Deutschland auch harpert,
eine mündlich, schriftlich, praktische Prüfung absolvieren.
Wenn er oder sie diese Prüfung nicht besteht, heisst es, “Auf Wiedersehen”.
Das System Notarzt gibt es sehr selten, wenn überhaupt, im Luftrettungsdienst.

Wenn ich mir ansehe, wer alles hier in Deutschland unter die Bezeichnung Notarzt oder Rettungsassistent herum läuft, kann ich nur sagen, “Der liebe Gott beschütze mich vor diese Retter”.
Vor Jahren, wurde die Ausbildung, so wie sie jetzt ist, von den Hilfsorganisationen vehement verteidigt.
Es ging wohl damals mehr um die Ehrenamtlichen und Kosten.
Auch ist ein Witz, das es ca. 300 Rettungsschulen auf dem Markt gibt. Von sehr guter Ausbildung, bis zu Fernlehrgängen ist alles vertreten.
Schon mal überlegt, warum es im Rettungsdienst eine sehr hohe Fluktation gibt?

Auch mit der Bezeichnung Notarzt wird oder wurde Schindluder betrieben. Ich kenne Leitende Notärzte, die haben ihre Bezeichnung auf Hawai erworben. Morgens Penne,
mittags ging es zum Golfplatz und abends mit der Gemahlin zu einen Festbankett.

Ein Grund dafür, das Notärzte oder allgemein Ärzte diesen Dienst wiederwillig machen, ist einmal die Haftungsfrage seitens des Träger des Rettungsdienstes.
Und zum anderen die Versicherungsfrage.

Wenn dem Rettungsanitäter/assitent/Inn etwas passiert, ist er über eine Berufsgenossenschaft der Hilfsorganisation abgesichert.
Und der Notarzt?
Ich kenne selbst im Rettungsdienst verunfallte Notärzte,
die können sich jetzt mit Gerichte ärgern. Auch dürfen sich Verunfallte NA zb. mit der Gemeindeunfallversicherung oder einer Feuerwehrunfallkasse herum ärgern.
Dabei müssen sie aufpassen, das sie nicht in Hartz4 hereinrutschen, weil der Arbeitgeber oder der Träger, die Notärzte, für den Fall der Fälle, miserabel abgesichert hat.
Oder zum anderen, die Fortbildungen die zum grössten Teil angeboten werden, sind bis jetzt ein Witz.
Von Rettungs-, Notarzt-,Kongresse bis zu
Internetpunktesammeln ist alles vertreten.
Das ganze liesse sich fortführen.

Aber um wieder zu den Aachenern zurück zukommen.
Das ganze gab es in Deutschland schon mal.
Ich glaube auch nicht, dass die Kassen damit machen.
Ein gut ausgerüsteter Rettung/Notarztwagen kostet heute schon ca. 80000 bis zu 200000 EUR.
Wenn man jetzt noch das Med-on Projekt dazu rechnet, nebst den Oberguru und seinen Hiwis in irgendeiner Zentrale.
Wer soll das bezahlen?

Man ist ja auch am “Fantasieren”, dass in jeder Rettungsleitstelle, zu jeder Zeit ein Arzt zugegen sein soll.
Bei einen 24Std. Dienst wären das schon mal 4 Ärzte .
Diese Ärzte brauchen natülich auch ihren Oberguru.
So werden Kosten fabriziert und Planstellen geschaffen.

Und irgendwann wird der Einsatz eines Rettungsmittel für den Hilfesuchenden unbezahlbar.

Im Ärztlichen Notfalldienst wird diese 2 Klassenmedizin ja schon getrieben.
Es gibt schon vereinzelt einen Notfalldienst für Gesetzliche Krankenversicherte und einen gesonderten für Privatpatienten.

#5 |
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Dr. Hellmut Anger
Dr. Hellmut Anger

Vor vierzig Jahren sind wir mit umgebauten Ford Transits, vollgestopft mit der damals neuesten Technik, sprich schrankgroßen Computern, EKS usw. usw. durch die Gegend gegurkt und haben Daten an die Hochschule gefunkt. Der Versuch wurde sehr schnell aufgegeben, da er nichts an Verbesserung der Patientenversorgung brachte, insbesondere, weil keine Rückkoppelung vorgesehen war.
Bei der heutigen Miniaturisierungstechnik ist die Telemetrie sicher technisch kein Problem, aber sie hat doch heute eine ganz andere Zielrichtung: die Einführung von Schwester AGNES auch im Rettungsdienst, um Geld zu sparen, denn hochqualifizierte Rettungsassis und Notärzte sind einfach teurer als Minderqualifizierte plus Technik. Also lässt man Rettungshelfer oder -sanis auf die Menschheit los und verlässt sich auf den Rucksack und die Kamera auf der Stirn, im Hintergrund sitzt ja ein Notarzt, der per Knopf im Ohr Hilfestellung geben kann. Das Ganze ist äußerst risikobehaftet, die Zukunft des Rettungsdienstes muss, auch wenn es den kranken Kassen nicht gefällt, ganz anders aussehen: bestmöglich ausgebildete Rettungssanis, -assis und Notärzte, die unter deutlich verbesserten finanziellen Bedingungen bei Abbau der völlig blödsinnigen Bürokratie mit Hilfe optimaler Ausrüstung ihre Arbeit verrichten können. Hier könnten die kranken Kassen, die Gemeinden, die Kreise und Länder zeigen, was ihnen die Versorgung von Notfallpatienten wert ist.
Da die einen jedoch glauben, das Geld lieber in Wellnessprogramme und Sponsoring von Urlaubsreisen stecken zu müssen und die anderen es für eine ausgesprochen gute Idee halten, ihre Haushaltslöcher durch das Herunterfahren der Vergütungen im Krankentransport und Rettungsdienst zu stopfen, wobei alle, um es besser aussehen zu lassen auch noch von Qualitätsmanagement faseln, wird es, befürchte ich, doch auf Schwester AGNES plus Technik hinauslaufen, dann ganz sicher zum Schaden der Notfallpatienten.

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Herr Volker Mors
Herr Volker Mors

Mit Vorredner meinte ich Artikel 1

#3 |
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Herr Volker Mors
Herr Volker Mors

Ich kann mich hier meinem Vorredner nur anschließen. Eine fundierte Ausbildung mit Regelkompetenz des Rettungsassitenten/in wäre der wümschenswerte Weg, aber eine Telemedizin die nur unnötige Kosten birgt aber keine Vorteuile hätte. Oder wo liegt hier die therapeutische Konsequenz ?? Ist es nicht so, das wir vor Ort am Patienten schon die meisten Möglichkeiten der Diagnostik haben ?? Zwölfkanal EKG und deren Interpretation gelingen Rettungsassistenten und Notärzten schon, nur was nützt dies wenn die Diagnosen von den aufnehmenden Notaufnahmen noch immer in Frage gestellt werden und dort die gleiche Diagnostik nocheinmal durcggeführt wird, bzw, die Patienten erst in ein “Epias” Datensystem erfasst werden müssen damit überhaupt erst ihr Troponin -Test im Labor bearbeitet werden kann, obwohl schon präklinisch das Blut abgenommen wurde. Telemedizin sicherlich ein spielerisch schönes System, aber ist es wirklich sinnvoll ??, meiner Meinung nach nicht, das Geld kann man in bessere Projekte / Ausrütung der Rettungsmittel stecken.

#2 |
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Michael Kraus
Michael Kraus

Diese Systeme waren, in technologischer einfacherer Variante, schon vor Jahren in den USA etabliert. Aber das hat einen einfachen Grund: Dort gibt es in der Regel vor Ort keinen Notarzt. Solche Systeme machen aus wirtschaftlicher Sicht nur Sinn, wenn man den Notarzt vor Ort zukünftig einspart, bzw. für ganz besondere Situationen noch einige wenige Spezialisten vorhält. Das eingesparte Geld kann dann in solche Technik und vor allem in koordinierte, strukturierte Fortbildung des Rettungsfachpersonals fliessen.
Ich finde Investitionen in solche Technik hat momentan absolut keine Priorität (Forschung ist natürlich OK). Technik haben wir schon viel, aber im Schnitt viel zu wenig Qualifikation und Handlungskompetenz (RettAss + NA).
Im Moment wäre die überfällige Novellierung des Rettungsassistentengesetzes mit zukunftsfähigen Inhalten angesagt. Gleichzeitig ist eine koordinierte und gemeinsame Fortbildung der “Retter” aller Diziplinen dringend erforderlich.
Mein Wunsch-Nahziel wäre: Qualifizierte und trainierte Rettungsassistenten mit klar abgesteckten Kompetenzen und ab einer definierten Schwelle (höher angesetzt als momentan) kommt ein qualifizierter Notarzt zum Einsatz. Damit bräuchten wir zwar weniger, aber im Schnitt qualifiziertere Mediziner. Wäre gut für alle – vor allem für die Notfallpatienten.

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